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Full text of "Dichter der neuen Türkei; mit einem Bildnis des verewigten Verfassers und zehn Bildnissen türkischer Dichter"

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Urkunden  und  Untersuchungen 

zur  Geistesent^A/^icklung  des 

heutigen  Orients 


Veröffentlichungen 
der  Deutschen  Gesellschaft  für  Islamkunde 

Herausgegeben 
von 

Prof.  Dr.  G.  Kampffmeyer 


Heft  3 


Berlin  1919 

Verlag  „Der  Neue  Orient"  G.  m.  b.  H. 
Berlin  W^  50,   Tauentzien Straße  19  a 


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Dichter  der  neuen  Türkei 


Von 


Prof.  Dr.  Martin  Hartmann 


Mit  emem  Bildnis  des  verewigten  Verfassers 
und  zehn  Bildnissen  türkischer  Dichter 


Berlin  1919 

Verlag  „Der  Neue  Orient"  G.  m.  b.  H. 
Berlin  W  50,  Tauentzienstraße  19  a 


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Hartmann,  Dichter  der  neuen   Türkei.  5 

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Während  des  Druckes  dieses  Büchleins,  am  5.  Dezember 
1918,  ist  Martin  Hartmann  verschieden.  Während  des 
Druckes  dieses  Büchleins  ist  Deutschland,  das  dem  Ansturm 
fast  der  ganzen  Welt  Trotz  geboten,  überall  weit  in  Feindes 
Land  stehend,  in  schwersten  Schicksalsstunden  feindlichen 
Gewalten  unterlegen.  Nicht  mehr  auf  den  Wogen  deutsch- 
türkischer politischer  Verbundenheit  läuft  dieses  Werk  nun 
aus.  Dennoch  läuft  es  aus,  indem  es  erwartet,  daß  es,  un- 
abhängig von  der  Zeiten  und  der  besonderen  Umstände  Gunst 
und  Ungunst,  nach  seinem  Ewigkeitsgehalt  eingeschätzt  werde. 
Und  so  tritt  auch  der  Verewigte  in  diesem  Buch  noch  einmal 
vor  das  türkische  Volk,  zu  dem  und  über  das  er  so  viel  geredet, 
heischend  auch  er,  daß  es  in  dem,  was  er  geredet,  den  Ewig- 
keitsgehalt erkenne.  Gewiß  hat  er,  der  rasch  Zugreifende, 
manchmal  angestoßen  und  hat  wohl  auch  einmal  nicht  da» 
Richtige  getroffen.  Aber  deswegen  bleibt  doch  eine  Haupt- 
tatsache wahr:  Aufstieg  war  es,  zu  dem  er  anfeuerte. 
Wie  ermunterte  er,  wie  rühmte  er,  wo  er  Gesundes  und 
Kraftvolles  antraf;  und  wenn  er  Ungesundes  und  Schwäch- 
liches oft  mit  scharfem  Wort  rüg^e,  so  entsprang  doch  auch 
seine  Rüge  nur  dem  lebhaften  Anteil,  den  er  an  der  Aufwärts- 
entwicklung eines  hochstrebenden  Volke»  nahm.  Jetzt  scheint 
auch  das  türkische  Volk  niedergeworfen.  Aber  wahre  Größe 
eine»  Volkes  wird  durch  hartes  Geschick  nicht  gebrochen, 
sondern  bewährt,  geläutert,  erhoben.  Möge  das  türkische 
Volk  seinen  Weg,  auf  dem  ihm  so  edle  Geister  als  Führer 
vorangingen,  dennoch  durch  alle  Not  hindurch  nehmen  zu 
hohem  und  schönem  Ziel.  Deutschland  aber  wird  die  Kraft, 
die  es  bewiesen,  weiter  bewahren  und  bewähren.  Es  bleibt, 
was  es  war  und  ist.  Seine  Beziehungen  zum  Orient,  in  wissen- 
schaftlicher Forschung  und  Anteilnahme  am  heutigen  Leben 
des  Ostens,  sind  seinen  politischen  Beziehungen  zu  den  orienta- 
lischen Völkern  weit  vorangegangen.  Sie  sind  unzerstörbar, 
weil  sie  tiefe  sittliche  Wurzeln  haben,  und  sie  werden  in  dem 


6  Hartinann, 

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Maße  sich  befestigen  und  vertiefen,  als  sie  weiter  sittliche 
Werte  zum  Ziele  haben  werden.  Eine  neue  Zeit  steiget  herauf. 
Möge  sie  auch  für  den  Osten  eine  Ordnung  bringen,  die  alle 
tüchtigen  Kräfte  freimacht,  daß  jedes  seiner  Völker  ungehindert 
schaffen  könne  am  Aufbau  des  eigenen  Hauses,  in  Frieden  mit 
dem  Nachbar,  in  Freundschaft  und  fruchtbarer  Zusammenarbeit 
mit  den  Völkern  des  Abendlandes. 

Berlin-Lichterfelde-W.,  den  3.  Januar  1919. 

Prof.  Dr.  G.  Kampffmeyer 


Inhalt. 


Seite 

Vorwort 7 

Quellen il 

1.  Abdulhakk  Hamid 17 

2.  Dschenab  Schehabeddin 26 

3.  Suleiman  Nesib 33 

4.  Fa'ik  Aali 36 

5.  Chalid  Fachri 38 

6.  Fazyl  Ahmed 41 

7.  Sulaiman  Nazif 42 

8.  Abdullah  Dschewdet 47 

9.  Schehabeddin  Sulaiman 49 

10.  Nigar  Hanum 51 

11.  Redscha'izade  Ekrem 52 

12.  Hüsein  Su'ad 54 


Seite 

13.  Kazim  Narai 55 

14.  Ja'kub  Kadri 56 

15.  Uschakizade  Chalid  Zija 60 

16.  Izzet  Melih 68 

17.  Selaheddin  Enis 80 

18.  Jaschar  Nezihe  Hanum 81 

19.  Mehmed  Re'uf 83 

20.  Ihsan  RaMf  Hanum 86 

21.  Dschelal  Sahir '88 

22.  Köprülüzade  Mehmed  Fu'ad  ...     91 

23.  Ali  Dschanib 95 

24.  Ömer  Seifüddin 11 1 

25.  Enis  Awni  [Aka  Gündüz]    .    .    .    .112 


Bildnisse  sind  gegeben  von  den  Dichtern   i,  3.  4.   8.  9.    Ii.    13.    14.    18.   21. 


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Martin  Härtmann 

f  5.  Dezember  1918 


Dichter  der  neuen  Türkei.  7 

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Vorwort. 

'  Die  beiden  ersten  Stücke  meines  „Aus  der  neueren  Osmanischen 
Dichtung"  (Mitteilungen  d,  Sem.  für  Orientalische  Sprachen  XIX 
(1916),  S.  124—180,  hier  MSOS  I,  und  XX  (1917),  S.  86—149,  hier 
MSOS  ü)  fanden  freundliche  Aufnahme.  Richard  Hartmann 
gab  Bericht  über  sie  in  Orientalistische  Literaturzeiiung  1918  Nr.  5/6 
Sp.  148  f.  und  Nr.  7/8  Sp.  193 — 196.  Otto  Hachtmann  berichtete 
über  das  erste  Stück  in  Neuer  Orient  11  Nr.  3,  S.  152.  Carl  Brockel- 
mann beschäftigte  sich  mit  dem  zweiten  Stück  in  Wtlt  des  Islams  V, 
S.  283  ff.  Brockelmann  und  Hachtmann  sprachen  den  Wunsch 
aus,  daß  eine  Buchausgabe  hergestellt  werde. 

Über  die  Absicht  der  ersten  Darbietung  sagten  die  einführenden 
Worte  (MSOS  I,  S.  124):  „Diese  Blätter  bieten  Material  für  die 
Geschichte  der  Neuosmanischen  Literatur  und  damit  der  Neuzeit 
der  Türkei,  die  mit  dem  10/23.  Juli  1908  begann.  Das  was  bereits 
aus  zahlreichen  Mitteilungen  bekannt  ist,  wird  hier  nicht  wiederholt, 
und  so  verzichte  ich  auf  Aufnahme  von  Mehmed  Emin.  Auch 
Riza  Tewfik  und  Zija  Gök  Alp  fehlen.  Mir  lag  daran,  in  die 
Kämpfe  einzuführen,  die  die  „Jungen"  auszufechten  hatten.  Gerade 
die  Männer,  die  dabei  eine  führende  Rolle  spielten,  sind  bei  uns 
noch  so  gut  wie  unbekannt.  Ich  nenne  hier  nur  Ali  Dschanib 
und  ömer  Seifuddin.  Es  sind  nur  Lebende  aufgenommen,  mit 
Ausnahme  von  Ekrem  (Nr.   11)." 

Es  hätte  sich  daran  schließen  können  eine  Reihe  anderer  Neueren 
wie  Mehmed  Aakif,  Jusuf  Zija^,  A.  Seifi,  Hüsein  Rahmi. 
Aus  dem  Gange  meines  Lebens  mit  der  Neuen  Türkei  entwickelte 
sich  aber  zunächst  die  Studie  über  Zija  Gök  Alp  (MSOS  11), 
und  in  dem  dritten  Stück  „Zu  'Aus  der  neueren  Osmanischen 
Dichtung'"  (XXI  (1918),  S.  1—82,  hier  MSOS  EI)  waren  die  mittler- 

1  Manche  Stücke  von  ihm  haben  den  Zauber  echter  Poesie.  Wundervoll  vs^ied ergegeben 
ist  sein  „Der  Bastard"  von  Otto  Hachtmann  in  Islamische  Welt  II,  Nr.  6/7,  S.  234. 
Ich  schrieb  über  dieses  dunkle,  nur  erraten  lassende,  in  schönen  Harmonien  sich  wiegende 
Gedicht  im  Referat  über  Türk  Jurdu  (N.  O.  II,  S.  260)  [zu  Nr.  142]:  „^Bastard'  ist 
eine  Allegorie:  dem  Wortsinne  nach  geht  aus  der  Vereinigung  der  Seenixe  mit  einem 
Menschenkinde  ,die  Liebe'  (Hschq)  hervor,  ein  Bastard,  dem  alles  gehört,  neben  dem 
jStärke'  nichts  mehr  ist;  das  ganze  übt  Wirkung  durch  den  Versuch,  das  traumhaft 
Unbestimmte  in  Worte  zu  fassen,  die  wie  Musik  rauschen." 


8  Hartmann, 

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weile  erwachsenen  zahlreichen  Nachträge  zu  geben;  zugleich  ver- 
suchte ich  darin  eine  Synthese  aus  den  etwas  zusammenhanglosen 
Einzelnachrichten  von  MSOS  I. 

Das  erste,  25  Vitae  enthaltende  Stück  (MSOS  I)  wird  bald  durch 
reichere  Darstellung  verdrängt  sein.  Die  Geschichte  der  Neu-, 
osmanischen  Literatur  wird  geschrieben  werden,  und  die  von  mir 
behandelten  Personen  werden  dann  schärfer  hervortreten.  Meine 
Mitteilungen  möchte  ich  darum  nicht  für  ersetzbar  halten.  Denn 
sie  haben  durch  die  Wiedergabe  einer  orientalischen  Quelle  mit 
Beleuchtung  durch  zahlreiche  Zusätze  und  Anmerkungen  einen 
selbständigen  Wert:  die  Autoren  erscheinen  im  Lichte  der  zeit- 
genössischen Volksgenossen,  und  die  Vitae  sind  nicht,  wie  mehr- 
fach ausgegeben  wurde,  lediglich  Räucherpfannen,  dargebracht 
von  guten  Freunden,  sondern  geben  die  Opinio  der  literarischen 
Kreise  wieder.  So  entschloß  ich  mich  der  Aufforderung  zur  Buch- 
ausgabe Folge  zu  leisten  und  lege  MSOS  I  hier  vor  mit  Einarbeitung 
der  Nachträge  in  MSOS  III  und  des  mannigfachen  anderen  Materials, 
das  mittlerweile  hinzugekommen  ist,  und  aus  dem  ich  hervorhebe 
die  Arbeiten  Otto  Hachtmanns  und  die  schöne  Kadri-Studie 
Richard  Hartmanns  in    Welt  des  Islams  V  S.  264. 

Nicht  verschweige  ich,  daß  gegen  die  Auswahl  der  verzeichneten 
Dichter  Einwand  erhoben  wurde.  Es  wurde  mir  beanstandet,  daß 
ich  Ali  Dschanib  [Nr.  23]  aufgenommen,  mit  der  Begründung, 
daß  er  „keine  Rolle  spiele".  Gerade  ein  solcher  Einwand  erscheint 
mir  am  wenigsten  beachtlich.  Es  ist  in  der  türkischen  Literaten- 
welt, wie  es  in  anderen  gewesen  ist  und  zum  Teil  noch  ist:  es 
halten  sich  unbedeutende  Geister  auf  einer  hohen  Stufe  der  An- 
erkennung, weil  sie  und  ihr  Gefolge  das  Lärmmachen  verstehen, 
während  der  um  die  höchsten  Werte  Ringende  ein  unbeachtetes 
Dasein  führt.  Ali  Dschanib  hat  auch  äußerlich  einen  gewissen 
Erfolg  errungen  (er  ist  jetzt  Professor  an  dem  Höheren  Lehrer- 
seminar). Als  Dichter  ist  er  zurückgetreten.  Die  Welt  erwartet  von 
einem  Manne,  der  einmal  in  den  ersten  Reihen  der  Kämpfenden 
gestanden,  daß  er  in  kürzeren  Abständen  mit  neuen  tönenden  Er- 
zeugnissen hervortrete.  Nicht  selten  ist  das  Schweigen  einzig  die 
Folge  des  höchsten  Anspruchs  an  die  eigene  Leistung,  der  es 
verschmäht  mit  Arbeiten  hervorzutreten,  die  den  Autor  nicht  be- 
friedigen, in  Wirklichkeit  die  der  Tadler  und  Scheelseher  weit  über- 
ragen. Wer  aus  meinen  Mitteilungen  über  Ali  Dschanib  nicht 
das   Bild   eines   hochbedeutenden   Dichters   gewann,    der    lese    die 


Dichter  der  neuen   Türkei.  g 

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Seiten,  die  Otto  Hachtmann  ihm  im  Zwanzigsten  Jahrhundert 
widmete  [30 — 33]  (ich  bemerke  ausdrücklich,  daß  Hachtmann  zu 
seiner  tiefempfundenen  Würdigung  des  Dichters  unabhängig  von 
mir  gelangte).  Bleiben  ihm  Leben  und  Dichterkraft  erhalten,  so 
wird  sein  Name  einer  der  ersten  der  osmanischen  Dichtung  werden. 

Ein  anderes  Beispiel,  daß  ich  recht  tat,  einen  jungen  Autor  (ge- 
boren 1891)  aus  der  Sammlung  New  Sali  Milli  aufzunehmen,  ob- 
wohl ich  selbst  gegenüber  der  das  Lob  etwas  stark  auftragenden 
Vita  des  Schulmannes  Schehabeddin  Suleiman  die  Kritik  an  einer 
mir  banal  erscheinenden  Einzeläußerung  nicht  unterdrücken  konnte, 
ist  Chalid  Fachri  [Nr.  5].  Sein  Drama  haiqus  „die  Eule",  das 
Anfang  1917  in  Konstantinopel  über  die  Bühne  ging,  ist  von  der 
Kritik  nicht  günstig  aufgenommen  worden,  und  es  dürfte  kaum 
sich  auf  der  Bühne  halten;  es  ist  aber  in  seinen  Fehlern  typisch 
und  insofern  lehrreich.  Der  Dichter  ist  noch  jung,  seine  Ent- 
wicklung nicht  abgeschlossen ;  läßt  er  sich  durch  die  Zurecht- 
weisungen belehren,  so  kann  wohl  etwas  von  ihm  erwartet  werden. 
Bei  ihm  habe  ich  in  besonderem  Maße  den  Eindruck,  daß  es  an 
dem  nötigen  Ernst  und  Fleiß  fehlt.  Die  meisten  der  jungen  os- 
manischen Talente  müssen  erst  arbeiten  lernen.  Sie  wissen  noch 
nicht,  daß  „Kunst"  von  „können"  kommt,  und  daß  das  „Können" 
auch  vom  Dichter  nur  in  zähem  Fleiße  erworben  wird.  Eines  der 
Mittel,  es  zu  erwerben,  ist:  übersetzen;  jeder  junge  Autor  sollte 
neben  unausgesetztem  kritischem  Studium  der  Weltliteratur  diese 
Anpassung  fremder  Meisterwerke  an  seine  Sprache  üben.  Wird 
davon  auch  nichts  gedruckt  oder  aufgeführt,  so  wird  solches  Mühen 
ihm  sehr  bald  seinen  Segen  zeigen. 

Nachdem  eine  Anzahl  Neuosmanischer  Dichter  nach  Leben  und 
Werken  besprochen  worden,  galt  es  sie  systematisch  zu  behandeln, 
d.  h.  ihren  Werdegang  und  ihr  Wesen  im  Zusammenhang  mit 
anderen  sozialen  Erscheinungen  darzustellen.  Ist  der  Versuch 
solcher  Synthese  in  den  Mitteilungen  des  Seminars  für  Orientalische 
Sprachen  XXI  (1918)  S.  1 — 82  weit  nicht  so  eindringend  geworden, 
wie  ich  selbst  es  wünschte,  so  scheint  mir  doch  auch  hier  der 
Abdruck  nicht  unnütz,  weil  die  Methode,  die  mir  als  die  erfolg- 
reichste erscheint,  hier  ohne  Hemmungen  angewandt  werden 
konnte.  Dieser  Syntheseversuch  führt  die  soziographische 
Gliederung  durch,  die  ich  meinen  Arbeiten  zugrunde  zu  legen 
pflege,  und  gibt  einige  Neubeleuchtungen,  die  ich  für  fruchtbar 
halte  (ich  weise  hin  auf  die  Konstruktion  des  Zusammenhanges  der 


8  Hartmann, 

OOeoeOOOOOOOOOOOOeOOO(XXXXX)OOOOOOOOOOOOOCXXXX>00000000000(XXXXXXX)000(X3000000000CXXXXXXXX^^ 

weile  erwachsenen  zahlreichen  Nachträge  zu  geben;  zugleich  ver- 
suchte ich  darin  eine  Synthese  aus  den  etwas  zusammenhanglosen 
Einzelnachrichten  von  MSOS  I. 

Das  erste,  25  Vitae  enthaltende  Stück  (MSOS  I)  wird  bald  durch 
reichere  Darstellung  verdrängt  sein.  Die  Geschichte  der  Neu- 
osmanischen  Literatur  wird  geschrieben  werden,  und  die  von  mir 
behandelten  Personen  werden  dann  schärfer  hervortreten.  Meine 
Mitteilungen  möchte  ich  darum  nicht  für  ersetzbar  halten.  Denn 
sie  haben  durch  die  Wiedergabe  einer  orientalischen  Quelle  mit 
Beleuchtung  durch  zahlreiche  Zusätze  und  Anmerkungen  einen 
selbständigen  Wert:  die  Autoren  erscheinen  im  Lichte  der  zeit- 
genössischen Volksgenossen,  und  die  Vitae  sind  nicht,  wie  mehr- 
fach ausgegeben  wurde,  lediglich  Räucherpfannen,  dargebracht 
von  guten  Freunden,  sondern  geben  die  Opinio  der  literarischen 
Kreise  wieder.  So  entschloß  ich  mich  der  Aufforderung  zur  Buch- 
ausgabe Folge  zu  leisten  und  lege  MSOS  I  hier  vor  mit  Einarbeitung 
der  Nachträge  in  MSOS  III  und  des  mannigfachen  anderen  Materials, 
das  mittlerweile  hinzugekommen  ist,  und  aus  dem  ich  hervorhebe 
die  Arbeiten  Otto  Hachtmanns  und  die  schöne  Kadri-Studie 
Richard  Hartmanns  in    Welt  des  Islams  V  S.  264. 

Nicht  verschweige  ich,  daß  gegen  die  Auswahl  der  verzeichneten 
Dichter  Einwand  erhoben  wurde.  Es  wurde  mir  beanstandet,  daß 
ich  Ali  Dschanib  [Nr.  23]  aufgenommen,  mit  der  Begründung, 
daß  er  „keine  Rolle  spiele".  Gerade  ein  solcher  Einwand  erscheint 
mir  am  wenigsten  beachtlich.  Es  ist  in  der  türkischen  Literaten- 
welt, wie  es  in  anderen  gewesen  ist  und  zum  Teil  noch  ist:  es 
halten  sich  unbedeutende  Geister  auf  einer  hohen  Stufe  der  An- 
erkennung, weil  sie  und  ihr  Gefolge  das  Lärmmachen  verstehen, 
während  der  um  die  höchsten  Werte  Ringende  ein  unbeachtetes 
Dasein  führt.  Ali  Dschanib  hat  auch  äußerlich  einen  gewissen 
Erfolg  errungen  (er  ist  jetzt  Professor  an  dem  Höheren  Lehrer- 
seminar). Als  Dichter  ist  er  zurückgetreten.  Die  Welt  erwartet  von 
einem  Manne,  der  einmal  in  den  ersten  Reihen  der  Kämpfenden 
gestanden,  daß  er  in  kürzeren  Abständen  mit  neuen  tönenden  Er- 
zeugnissen hervortrete.  Nicht  selten  ist  das  Schweigen  einzig  die 
Folge  des  höchsten  Anspruchs  an  die  eigene  Leistung,  der  es 
verschmäht  mit  Arbeiten  hervorzutreten,  die  den  Autor  nicht  be- 
friedigen, in  Wirklichkeit  die  der  Tadler  und  Scheelseher  weit  über- 
ragen. Wer  aus  meinen  Mitteilungen  über  Ali  Dschanib  nicht 
das   Büd   eines   hochbedeutenden   Dichters   gewann,    der    lese    die 


Dichter  der  neuen    Türkei.  g 

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Seiten,  die  Otto  Hachtmann  ihm  im  Zwanzigsten  Jahrhundert 
widmete  [30 — a]  (ich  bemerke  ausdrücklich,  daß  Hachtmann  zu 
seiner  tiefempfundenen  Würdigung  des  Dichters  unabhängig  von 
mir  gelangte).  Bleiben  ihm  Leben  und  Dichterkraft  erhalten,  so 
wird  sein  Name  einer  der  ersten  der  osmanischen  Dichtung  werden. 

Ein  anderes  Beispiel,  daß  ich  recht  tat,  einen  jungen  Autor  (ge- 
boren 1891)  aus  der  Sammlung  New  Sali  Milli  aufzunehmen,  ob- 
wohl ich  selbst  gegenüber  der  das  Lob  etwas  stark  auftragenden 
Vita  des  Schulmannes  Schehabeddin  Suleiman  die  Kritik  an  einer 
mir  banal  erscheinenden  Einzeläußerung  nicht  unterdrücken  konnte, 
ist  Chalid  Fachri  [Nr.  5].  Sein  Drama  haiqus  „die  Eule",  das 
Anfang  1917  in  Konstantinopel  über  die  Bühne  ging,  ist  von  der 
Kritik  nicht  günstig  aufgenommen  worden,  und  es  dürfte  kaum 
sich  auf  der  Bühne  halten;  es  ist  aber  in  seinen  Fehlern  typisch 
und  insofern  lehrreich.  Der  Dichter  ist  noch  jung,  seine  Ent- 
wicklung nicht  abgeschlossen ;  läßt  er  sich  durch  die  Zurecht- 
weisungen belehren,  so  kann  wohl  etwas  von  ihm  erwartet  werden. 
Bei  ihm  habe  ich  in  besonderem  Maße  den  Eindruck,  daß  es  an 
dem  nötigen  Ernst  und  Fleiß  fehlt.  Die  meisten  der  jungen  os- 
manischen Talente  müssen  erst  arbeiten  lernen.  Sie  wissen  noch 
nicht,  daß  „Kunst"  von  „können"  kommt,  und  daß  das  „Können" 
auch  vom  Dichter  nur  in  zähem  Fleiße  erworben  wird.  Eines  der 
Mittel,  es  zu  erwerben,  ist:  übersetzen;  jeder  junge  Autor  sollte 
neben  unausgesetztem  kritischem  Studium  der  Weltliteratur  diese 
Anpassung  fremder  Meisterwerke  an  seine  Sprache  üben.  Wird 
davon  auch  nichts  gedruckt  oder  aufgeführt,  so  wird  solches  Mühen 
ihm  sehr  bald  seinen  Segen  zeigen. 

Nachdem  eine  Anzahl  Neuosmanischer  Dichter  nach  Leben  und 
Werken  besprochen  worden,  galt  es  sie  systematisch  zu  behandeln, 
d.  h,  ihren  Werdegang  und  ihr  Wesen  im  Zusammenhang  mit 
anderen  sozialen  Erscheinungen  darzustellen.  Ist  der  Versuch 
solcher  Synthese  in  den  Mitteilungen  des  Seminars  für  Orientalische 
Sprachen  XXI  (1918)  S.  1 — 82  weit  nicht  so  eindringend  geworden, 
wie  ich  selbst  es  wünschte,  so  scheint  mir  doch  auch  hier  der 
Abdruck  nicht  unnütz,  weil  die  Methode,  die  mir  als  die  erfolg- 
reichste erscheint,  hier  ohne  Hemmungen  angewandt  werden 
konnte.  Dieser  Syntheseversuch  führt  die  soziographische 
Gliederung  durch,  die  ich  meinen  Arbeiten  zugrunde  zu  legen 
pflege,  und  gibt  einige  Neubeleuchtungen,  die  ich  für  fruchtbar 
halte  (ich  weise  hin  auf  die  Konstruktion  des  Zusammenhanges  der 


1  o  Hartmann, 

0000000000<XXXX500(X500000000C)OOOOOOOOOOOCXXX>DCXXXX)OCXXXXX)OCXXXXXXXXXXDOOOOO<XXXX)^^ 

literarischen  Entwicklung  mit  dem  Krimkriege  als  Nahebringer 
französischen  Denkens).  Der  Stoff  brachte  es  mit  sich,  daß  die 
soziographische  Behandlung  hier  nicht  so  weitführend  ist  wie  da, 
wo  Familisches  (Sippisches)  und  Wirtschaftliches  in  einer  relativ 
vorurteilslosen  Umwelt  offen  besprochen  werden  können.  Aber 
der  Weg  ist  gezeigt,  und  es  ist  hier  ein  Beispiel  der  Ausfüllung 
des  soziographischen  Rahmens  gegeben.  Die  Kreuzungen  der 
Gesellungmomente  sind  in  diesem  Versuche  noch  nicht  in  der  Fülle 
nachgewiesen,  wie  die  Wirklichkeit  sie  bietet:  namentlich  das 
Geistesleben  und  das  Staatsleben  in  ihrem  wichtigen  Aufeinander- 
wirken sind  noch  zu  vertiefen  und  es  ist  solchen  Assoziationen  wie 
der  oben  erwähnten  (Literatur  und  Krimkrieg)  noch  energischer 
nachzugehen.  In  die  Synthese  ist  auch  die  kurze  Skizze  „Die 
Literatur  der  neuen  Türkei"  eingearbeitet,  die  dem  Katalog 
Harrassowitz  Nr.  377  (1917)  vorgesetzt  ist.  Die  Ausgabe  der 
Synthese  soll  diesem  Hefte  alsbald  folgen. 

Der  Nachrichtenstelle  der  Kaiserlichen  Botschaft  in  Konstantinopel 
wird  die  Beschaffung  der  Photographien  verdankt,  nach  denen  die 
beigefügten  Porträte  hergestellt  wurden. 

Charlottenburg,  den   1.  Dezember  1918. 

Martin  Hartmann 


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Dichter  der  neuen    Türkei.  1 1 

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Quellen. 


I.  geng  qalenüer  „die  jungen  Federn",  Über  diese  Zeitschrift  berichtet  mir  Mustafa 
Nermi  [S.  12]  folgendes:  ^,geng  qalemler  erschien  zuerst  in  Monastir  unter  dem  Namen 
liüsün  weSiHr;  in  Nr.  i  war  auf  der  ersten  Seite  ein  Gedicht  von  mir:  Louis  Buchner 
[gemeint  ist  Ludwig  Büchner,  der  einen  großen  Erfolg  im  Orient  hatte];  es  erschienen 
aber  nur  zwei  oder  drei  Nummern  in  Monastir,  dann  übersiedelte  die  Zeitschrift  nach 
Salonik,  zunächst  unter  dem  alten  Namen;  nach  fünf  oder  sechs  Nummern  wurde  der 
Name  geändert  in  geng  qalemler;  als  Redakteur  zeichnete  H.  [Husain]  Husni.  Mit  An- 
nahme des  neuen  Namens  trat  eine  Reform  ein,  indem  das  Programm  fester  formuliert 
wurde;  als  wichtige  Mitarbeiter  kamen  hinzu  Zija  Gök  Alp,  der  unter  dem  Namen 
Tewfik  Sedad  [teivfiq  sedäd]  schrieb,  und  Ali  Dschanib  ['^ali  gänib],  jetzt  Professor 
der  Literatur  am  Gelenbewi-Gymnasium  in  Stambul;  nach  weiteren  fünf  Nummern  wurde 
auf  Veranlassung  Zijas,  der  ein  vorzüglicher  Organisator  ist,  das  Programm  weiter  aus- 
gestaltet, d.  h.  es  wurden  die  Beiträge  nach  bestimmten  Gruppen  geordnet,  schärfer  als 
es  bei  den  meisten  modernen  türkischen  Zeitschriften  der  Fall  ist.  In  dieser  neuen  Gestalt 
übernahm  Ali  Dschanib  die  Redaktion:  die  erste  Nummer  nach  der  zweiten  Reform 
enthielt  den  großen  epochemachenden  Artikel  Ömer  Seifüddins  über  die  Schaffung  einer 
neuen  Sprache,  der  einen  wahren  Sturm  hervorrief.  Ich  lieferte  der  Zeitschrift  regel- 
mäßig Besprechungen  von  den  neuesten  französischen  Werken  über  Philosophie  und 
Soziologie;  zur  Sprachfrage  nahm  ich  das  Wort  in  einem  großen,  eine  ganze  Nummer 
füllenden  Artikel,  den  ich  1912  aus  Paris  einsandte,  und  in  dem  ich  mich  besonders 
gegen  Köprülüzade  Mehmed  Fuad  und  Jakub  Kadri  [ja^qüb  qadri]  wandte; 
Kadri  hatte  sich  in  der  Zeitschrift  rebäb  in  scharfer  Weise  gegen  Ömer  Seifüddin 
geäußert;  ich  erkenne  übrigens  die  ausgezeichneten  literarischen  Qualitäten  Kadris  voll 
an".  Soweit  Nermi.  Einem  Buchhändler  in  Stambul  gelang  es,  von  geng  qalemler 
den  größten  Teil  für  mich  zu  finden.  Ich  besitze:  hüsün  iveSiHr  Nr.  5  vom  i.  8. 
1326/14.  8.  1910.  —  geng  qalemler  Nr.  i  ohne  Datum.  Nr.  2  vom  25.  12.  [1326]/ 
7.  I.  1911.  Nr.  4  vom  14.  i.  1326/27.  I.  1911.  Nr.  5  vom  31.  i.  1326/13.  2.  1911. 
Nr.  6  vom  29.  6  1327/12.  7.  191 1.  Nr.  7  vom  27.  7.  1327/9.  8.  191 1.  Nr.  8  vom 
10.  8.  1327/23.  8.  191 1.  Nr.  9  vom  4.  9.  1327/17.  9.  1911.  Nr.  10  vom  i.  10. 
1327/14.  10.  1911.  Nr.  II  vom  23.  10.  1327/5.  11.  1911.  Nr.  12  vom  18.  II. 
1327/1.  12.  1911.  Nr.  14  vom  13.  i.  1327/26.  I.  1912.  Nr.  15  vom  i.  2.  1327/ 
14.  2.  1912.  Nr.  16  vom  16.  2.  1327/1.  3.  1912.  Nr.  20  vom  27.  4.  1328/10.  5. 
1912.  Nr.  21  vom  16.  5.  1328/29.  5.  1912.  Nr.  22  vom  6.  6.  1328/19.  6.  1912. 
Nr.  23  vom  19.  6.  1328/2.  7.  1912.  Nr.  24/25  vom  10.  7.  1328/23.  7.  1912,  Extra- 
nummer zur  Erinnerung  an  den  10.  Juli  1324.  Nr.  26  vom  24.  8.  1328/6.  9.  1912. 
Nr.  27  vom  2.  10.  1328/15.  10.  1912.  Diese  ganz  unregelmäßig  hingeworfenen 
Äußerungen  der  jeni  lisängtler  „Neusprachler"  sind  kennzeichnend  für  die  Gärungszeit. 
Freilich  haben  die  Gegner  recht,  daß  diese  Reformer  sich  allzusehr  an  das  Äußere  hielten 
und  daß  die  mit  so  viel  Lärm  empfohlene  Neuerung  an  ihnen  selbst  nicht  scharf  genug 
in  Erscheinung  trat.  Es  sind  in  der  Tat  auch  Sprachphilister  vom  alten  Schlage,  die  da 
zu  Worte  kommen.  Unerfreulich  ist,  daß  persönliche  Polemik,  die  nicht  gerade  durch 
Witz  ausgezeichnet  ist,  einen  breiten  Raum  einnimmt.  Nicht  wenige  der  Stücke,  die  in 
der  Literatur  Bedeutung  gewannen  (und  mit  Recht,  weil  in  ihnen  ein  neuer  Geist  weht), 
erschienen  hier  zuerst,  wie  „Die  Straßenlaterne"  Ali  Dschanibs  (Nr.  23).  Die  jungen 
Kämpfer  erscheinen  meist  auch  im  Bilde. 

2.  new  sali  milll  1330  ,, Neues  Nationales  Jahrbuch  auf  1330"  [beg.  14.  3.  1914], 
gesammelt    und    zusammengestellt    von    T.  Z.,    herausgegeben    von    der   Buchhandlung    für 


1 2  Hartmann, 

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Lektüre  und  nützliche  Werke.  Konstantinopel,  Druckerei  Artin  Asadurian  und  Söhne, 
586  S.  Ein  sehr  verdienstliches  Unternehmen.  Dem  Armenier,  der  das  Buch  herausgab,  gelang 
es,  von  einer  großen  Anzahl  hervorragender  Männer  und  Frauen  Beiträge  zu  erhalten.  Die 
ersten  331  Seiten  gehören  der  schönen  Literatur.  Dann  folgen  Männer  des  tätigen  Lebens, 
Künstler,  Spezialisten  für  Gymnastik  und  Körperpflege,  Pädagogen,  Männer  von  Heer  und 
Flotte,  hier  auch  im  Bilde  die  energische  und  sympathische  Fliegerin  Bilkis  Schewket 
Hanum  (S.  436  ff.),  zum  Schluß  einige  literarische  Nachzügler  (S.  456 — 480),  endlich  eine 
Anzahl  Mitglieder  des  Parlaments  (S.  481 — 502),  verschiedene  Abhandlungen  und  Anzeigen, 
Karikaturen,  die  Redaktionen  verschiedener  Zeitschriften  mit  Porträten,  Kalender.  Von 
jedem  Autor  ist  das  Bild  gegeben  mit  einer  Unterschrift  von  seiner  Hand,  die  zuweilen 
einen  Teil  der  „Probe"  bildet,  dann  eine  Vita,  anonym  oder  von  hervorragendem  Autor, 
dann  eine  oder  mehrere  Proben.  Die  Sammlung  ist  nicht  vollständig;  sie  gibt  immerhin 
ein  Bild  von  den  Hauptströmungen.  Die  von  Ömer  Seifüddin  verfaßte  Vita  des  Dichters 
AliDschanib  ist  eine  Darstellung  der  jüngsten  Entwicklung,  die  zwar  nicht  systematisch 
ist,  aber  doch  die  großen  Züge  erkennen  läßt.  —  Siglum:  NSM. 

3.  hüjük  di(jghu  „Großes  Empfinden",  Halbmonatsschrift  (nicht  mehr  erscheinend),  brachte 
in  einem,  die  Nummern  10 — 13  (S.  145 — 224,  Nr.  10  vom  10.  7.  1329  [23.  7.  1913])  ent- 
haltenden Sonderhefte  Bild  und  Probe  von  29  osmanischen  Modernen.  —  Siglum:  Büj'ük. 

4.  Zeitungen  und  Zeitschriften;  sie  wurden  von  den  „Dichtern"  berannt,  die  ihre 
Geisteskinder  möglichst  schnell  herausbringen  wollten,  und  wandten  sich  an  Berühmtere, 
um  interessant  zu  sein.  Die  Tradition  der  unzweifelhaft  Regsten  und  Rührigsten,  wie  sie 
sich  im  Türk  Derneji,  dem  Organ  der  gleichnamigen  Gesellschaft,  äußerte,  übernahm 
der  besser  geleitete  und  auf  festerer  Basis  stehende  Türk  Jurdu  (man  sagt,  daß  die  be- 
deutenden Mittel,  die  sein  Betrieb  erfordert,  aus  dem  Geschenke  einer  patriotischen  Dame 
stammen):  keine  Nummer  ohne  eine  poetische  Äußerung.  Selbst  der  die  ganz  strenge 
islamische  Richtung  vertretende  Sebil  ürresäd  opfert  der  Muse,  freilich  ausschließlich  durch 
den  Mund  seines  Hausdichters  und  Chefredakteurs  Mehmed  Akif  [^äkif].  Auch  die  der 
gemäßigten  Theologenschule  angehörige  Zeitschrift  Islam  Medschmu'asy  bringt  Gedichte, 
von  ihrem  Spiritus  rector  Zija  Gök  Alp  wie  von  anderen  (vgl.  unter  Aka  Gündüz 
[Nr.  26]).  An  literarischem  Interesse  überragte  die  Tagesblätter  weit  Turan,  das  Organ 
der  extremnationalen  Partei,  das  Zija  Gök  Alp,  Ömer  Seifüddin,  Jusuf  Zija  zu  seinen 
Mitarbeitern  zählte.  Es  hörte  mit  Nr.  1460  vom  19.  November  1915  plötzlich  zu  er- 
scheinen auf,  angeblich  aus  Papiermangel,  vermutlich  aus  Mangel  an  Nachfrage:  das 
Stambuler  Publikum  regt  sich  gern  einmal  an  Extravagantem  auf,  ist  aber  für  die  Durch- 
führung einer  neuen  Idee  nicht  zu  haben.  Auch  kam  der  von  dem  Blatte  vertretene 
extreme  Turanismus  außer  Mode. 

5.  Von  türkischen  Literaturgeschichten  ist  nur  zu  nennen  Schehabeddin  Sulaimans 
tärichi  edebijäti  '■otmänije  (Stambul  1328  [19 12]),  auf  378  Seiten  die  ganze  Literatur- 
geschichte bis  hinunter  zu  Dschelal  Sahir  behandelnd.  Es  war  ein  großer  Wurf,  und  er 
ist  im  ganzen  gelungen.  Die  Neueren  sind  mit  Liebe  und  mit  Verständnis  behandelt.  Es 
ist  hier  gelegentlich  auf  Schehabeddin  Sulaimans  Ausführungen  Bezug  genommen. 
Über  ihn  selbst  siehe  hier  Nr.  9.  — ■  Für  die  ältere  Literatur  (bis  etwa  1130/1718)  liegt 
vor  Köprülü  und  Schehabeddin  Sulaiman,  jeni  osmanly  tärichi  edebijäty  Bd  I, 
Stambul   1332/1916. 

6.  Besondere  Belehrung  und  Anregung  verdanke  ich  türkischen  Männern  von  geistiger 
Bedeutung,  die  die  Güte  hatten,  Probleme  der  modernen  Entwicklung  mit  mir  durch- 
zusprechen. An  erster  Stelle  nenne  ich  den  Juli  1918  verstorbenen  Ibrahim  Hakki  Pascha, 
der  mit  einer  tiefen  und  ausgedehnten,  aus  einer  kongenialen  Veranlagung  entspringenden 
Kenntnis  der  osmanischen  Poesie  ein  entschiedenes  Urteil  über  die  Werte  verbindet,  die  in 
ihr  miteinander  ringen,  an  zweiter  Mustafa  Nermi,  aus  dessen  Leben  ich  hier  die  Haupt- 
daten nach  eigener  Darstellung  mitteile: 

,,Ich  bin  am  8.  Oktober  1890  in  Köprülü- Welesch  (Mazedonien)  geboren.  Mein  Vater 
und  meine  Mutter  sind  Türken.    Ich  besuchte  die  Mittelschule  in  meiner  Vaterstadt;  schon 


Dichter  der  neuen    Türkei.  13 

damals  schrieb  ich  für  die  Zeitschrift  „Bagtsche"  in  Salonik  Übersetzungen  aus  dem 
Französischen.  Nach  Absolvierung  der  Mittelschule  ging  ich  nach  Üsküb  und  trat  in  das 
Gymnasium  ein.  Ich  war  arm,  man  nahm  mich  kostenlos  auf.  Am  meisten  beschäftigte 
ich  mich  mit  Französisch,  Literatur  und  Naturwissenschaften.  Das  Französische  öffnete 
mir  einen  weiten  und  leuchtenden  Horizftnt.  Bei  Lesung  von  Lamartines  und  Mussets 
Dichtungen  ergriff  mich  immer  leidenschaftlichste  Bewegung.  Zugleich  zeigte  mir  das 
Leben  die  herzlichsten  Empfindungen ;  nur  konnte  ich  diese  ganz  und  gar  nicht  finden  in 
dem  mühseligen  Stil  der  damaligen  türkischen  Dichter.  Dieser  konnte  die  Weite  des 
Schauplatzes,  der  von  Frühling,  Schmetterlingen  und  darüber  wehenden  duftigen  Winden  an- 
gefüllt war,  nicht  fassen,  sondern  lebte  in  einem  dürftigen,  kranken  Rahmen.  Lamartine 
war  nicht  so:  der  sprach  so,  daß  ich  verstand,  empfand.  War  das  nicht  auch  bei  uns 
möglich?  Einige  seiner  Dichtungen  übersetzte  ich  ins  Türkische  nach  einer  mir  eigen- 
tümlichen Art;  ich  übersetzte  sie  in  unser  Türkisch,  mit  unseren  rhythmischen  Worten. 
Ich  zeigte  die  Stücke  meinem  Literaturlehrer  und  sie  gefielen  ihm.  „Nur",  sagte  er,  „mit 
dieser  deiner  Art  wirst  du  die  Kritik  herausfordern."  So  war  es  auch  tatsächlich.  Von 
den  führenden  Dichtern  erhielt  ich  briefliche  Kritiken;  einige  machten  mir  persönlich  Ein- 
wände. Aber  mein  Mut  wurde  nicht  gebrochen.  Ich  konnte  meine  Gedichte  nicht  publi- 
zieren. Durch  einen  Erlaß  Abdulhamids  war  die  Literatur  unterbunden;  nur  einfache 
Übersetzungen,  gewöhnliche  Artikel  ohne  Wert,  fachliche  Erörterungen  konnten  gedruckt 
werden.  Poesie  war  ganz  und  gar  verboten,  nur  Kassiden  zum  Thronbesteigungsfest  und 
zum  Geburtstag  durften  geschrieben  werden;  so  eng  war  das  Feld  der  Literatur.  In  dem 
Gymnasium  blieb  ich  drei  Jahre.  In  dieser  Zeit  schrieb  ich  Gedichte  für  das  in  Üsküb 
erscheinende  Wochenblatt  ,,Kossowa".  Einen  Teil  meiner  Gedichte  ließen  die  Lehrer  von 
den  Kindern  der  Unterklassen  auswendig  lernen.  Damals  las  ich  Voltaire,  Rousseau 
und  französische  Klassiker.  Dieses  Studium  weckte  in  meinem  Geistesleben  eine  neue 
Eigenheit.  Die  sich  mit  Literatur  Beschäftigenden  begannen  mich  zu  beachten.  Darunter 
waren  hohe  Beamte  und  Paschas.  Ich  hoffte,  daß  ich  durch  deren  Hilfe  zu  dem  hohen 
Studium  vrärde  gelangen  können.  Der  Vermögensstand  meines  Vaters  ließ  das  nicht  zu. 
Die  Ferien  befand  ich  mich  in  Köprülü;  eines  Tages  erhielt  ich  einen  Brief  von  dem 
Direktor  der  Schflle:  ,,es  wird  eine  Preisverteilung  stattfinden,  mach'  ein  Gedicht  darauf, 
aber  mit  viel  Sorgfalt;  du  sollst  es  selbst  während  der  Feierlichkeit  vorlesen".  Ich  be- 
reitete das  gewünschte  Gedicht  vor.  Nach  meiner  Rückkehr  zum  Gymnasium  fand  die 
Feier  statt.  Der  Wali  von  Mazedonien  Husein  Hilmi  Pascha,  der  Wali  von  Kossowa 
Mahmud  Schewket  Pascha,  sämtliche  Konsuln,  die  großen  Professoren  waren  dort  an- 
wesend. Ich  verlas  mein  Gedicht.  Mahmud  Schewket  Pascha  ließ  mich  zu  sich  rufen 
und  feuerte  mich  sehr  an.  Beide  Paschas  ließen  sich  ein  Exemplar  meines  Gedichtes 
geben  und  versprachen,  mein  Studium  mit  ganzer  Kraft  fördern  zu  wollen.  Nach  Beendigung 
des  Gymnasiums  kehrte  ich  nach  Köprülü  zurück.  Damals  wurde  in  der  Stadt  ganz  im 
geheimen  eine  Propaganda  gegen  Abdulhamid  getrieben.  Es  war  wenige  Tage  vor  der 
Revolution.  Was  ich  gegen  den  Sultan  geschrieben  hatte,  las  man  mit  großer  Erregung 
in  den  Kaffeehäusern.  Der  damalige  Kaimmakam  Münif  Bej  ließ  mich  rufen.  Er  verlangte 
von  mir  die  Gedichte,  die  ich  gemacht  hatte;  ich  gab  sie  ihm.  „Aber",  sagte  er,  ,,dai 
ist  ja  gegen  den  Sultan,  das  ist  für  dich  sehr  gefährlich."  „Mag  sein,"  sagte  ich,  „ich 
denke  so."  Er  schätzte  mich,  und  er  empfahl  meine  Aufnahme  in  die  Gesellschaft  für 
Einheit  und  Fortschritt.  Einige  Tage  darauf  fand  die  Revolution  statt  (10./23.  Juli  1908), 
Sehr  viele  neue  Zeitungen  wurden  gegründet.  Nun  konnte  ich  mir  mit  der  Feder  mein 
Brot  verdienen.  Ich  ging  nach  Salonik  und  ließ  mich  in  die  juristische  Fakultät  einschreiben. 
Meine  Absicht  war,  den  Mechanismus,  der  die  türkische  Gesellschaft  leitet,  in  der  Nähe 
zu  sehen.  Das  Rechtsstudium  betrachtete  ich  als  eine  Einführung  in  das  Studium  der 
Soziologie.  Ich  wurde  Schriftleiter  der  Zeitung  „Kadyn".  Nachdem  ich  dort  eine  Weile 
gearbeitet  hatte,  kehrte  ich  nach  Köprülü  zurück.  Es  trat  die  ^Notwendigkeit  hervor,  die 
Schulen  zu  reformieren.  Der  Zweig  des  Komitees  in  Köprülü  legte  diese  Aufgabe  in 
meine  Hand  und  machte  mich  zum  Inspektor  für  sämtliche  Schulen.    Drei  Monate  arbeitete 


14  Hartmann, 

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ich  dort.  In  meiner  Aufgabe  war  ich  erfolgreich.  Die  Zentrale  des  Komitees  berief  mich 
nach  Salonik  und  ernannte  mich  zum  Lehrer  für  Französisch  und  Stil  an  dem  dortigen 
Gymnasium  des  Komitees.  Nun  wurde  ich  bekannt  mit  den  Gelehrten  und  den  großen 
Redakteuren,  und  ich  begann,  mit  ihnen  zusammen  zu  arbeiten.  Einen  Monat  lang 
schrieb  ich  die  Leitartikel  für  die  Zeitung  „Wazife".  Auch  die  anderen  Zeitungen,  „Jeni 
Asyr",  ,,Zeman",  ,,Rumeli",  die  Arbeiterzeitung,  „Bagtsche",  ,,Muhiti  Mesa'i",  „Felsefe 
Medschmu'asy",  „Kadyn",  „Teswiri  Eikiar",  „Hüsün  weschi'ir",  ,,Gendsch  Kalemler"  u.  a. 
brachten  viele  Gedichte  und  Artikel  von  mir.  Ich  war  zugleich  der  Korrespondent  der 
Stambuler  Zeitung  „Sa'ika'i  Hurrijet"  in  Salonik.  Während  dieser  Zeit  war  ich  auch 
Lehrer    für  den  Stil    an  der   von  Midhat  Pascha   in  Salonik   gegründeten  Gewerbeschule." 

7.  Eine  Mischarbeit  ist  Edmond  Fazy  et  Abdul-Halim  Memdouh,  Anthologie 
de  Vamour  turc.  Paris,  Soc.  du  Mercure  de  France,  1905,  284  S. ;  unerfreulich;  so 
dringt  man  nicht  in  das  Wesen  der  Dinge  und  führt  nicht  ein.  Es  sind  eine  Anzahl 
amüsanter  Einzelheiten  darin,  aber  gerade  das  fehlt,  worauf  in  dieser  Sammlung  von 
Material  Wert  gelegt  ist:  die  Feststellung  von  entwicklungsgeschichtlich  bedeutsamen  Tat- 
sachen. Fazy,  den  ich  1899  in  Paris  sah,  und  der  um  1910  starb,  rang  in  der  auf- 
reibenden Tagesarbeit  an  der  ,,Republique  Frangaise"  um  höhere  Werte:  er  las  in  den 
knappen  Mußestunden  Apulejus  und  Tertullian;  sein  Herz  gehörte  dem  Orient,  den  er 
als  Lehrer  im  Hause  eines  ägyptischen  Prinzen  einigermaßen  kennen  gelernt  hatte.  Er 
besaß  eine  scharfe  Beobachtung,  und  sein  „Les  Turcs  d'aujourd'liui"  (2.  Aufl.,  Paris, 
Ollendorf  1898)  machte  Aufsehen  durch  die  ungeschminkte  Darstellung  der  großen  Leute 
von  damals.  Der  Verkehr  mit  ihm  war  Gift  für  den  strebsamen,  lernbegierigen  jungen 
Abdulhalim  Memduh,  der  in  eine  harte  Schule  hätte  gehen  müssen.  So  verzettelte  sich 
sein  schönes  Talent.  Die  „Anthologie"  war  ein  verfehltes  Unternehmen:  mit  den  Bruch- 
stücken, die  da  geboten  wurden,  ist  eine  Einsicht  in  die  Entwicklung  nicht  zu  gewinnen. 
Der  Franzose,  der  seinen  Namen  darauf  setzte,  hat  sie  sicher  nicht  besessen;  er  und  seine 
Leser  kamen  kaum  darüber  hinaus,  all  das  „tres  curieux"  zu  finden.  Ob  wirklich 
Abdulhalim  Memduh  die  Entwicklung  übersah?  Ich  bezweifle  es.  Schon  deshalb,  weil 
er  zu  sehr  französiert  war. 

8.  Von  Europäern  bin  ich  verbunden,  aui3er  Gibb,  dessen  Urteil  über  die  Neueren 
mir  nicht  immer  begründet  scheint,  Paul  Hörn,  der  sich  mit  Selbstverleugnung  in  ein 
Gebiet  stürzte,  das  seinen  Studien  ferner  lag.  Seine  Geschichte  der  türkischeii  Moderne 
(Leipzig,  Amelang,  1902,  74  S.)  ist  eine  wackere  Arbeit,  das  Ergebnis  eines  unermüdlichen 
Sammelfleißes  und  des  ernsten  Ringens  um  Zusammenhang  und  Entwicklung.  Es  ist  er- 
staunlich, wieviel  Material  in  diesem  Buche  verwertet  ist.  Schiefurteile  sind  freilich  nicht 
selten:  der  ,, Feuergeist"  Nadschi  (S.  41  ff.)  ist  verkannt:  die  Kenner  der  Literatur  und 
der  Strömungen  unter  den  heutigen  Türken  haben  sicher  recht,  ihn  als  den  Vater  einer 
gefährlichen  literarischen  Reaktion  zu  geißeln;  er  arbeitete  den  schönen  Anfängen  zu  einer 
Neubildung  auf  völlig  neuer  Grundlage  entgegen  durch  die  Propaganda,  die  er  in  theo- 
retischen Ausführungen  und  durch  seine  Arbeiten  für  das  Verharren  bei  der  alten  Schule 
mit  ihrer  Ziersprache  und  ihren  komplizierten  Gedichtformen  übte.  Hörn  weiß  auch 
nichts  von  der  Bedeutung,  die  die  „Schulen"  hatten:  Gewiß,  entscheidend  für  die  Ent- 
wicklung waren  immer  die  einzelnen  Großen,  die  neue  Gedanken  und  neue  Formen  in 
ihren  Werken  brachten;  aber  als  Schrittmacher,  als  Nachahmer  und  damit  Vulgarisierer 
sind  die  Kleineren,  die  in  den  literarischen  Gesellschaften  wirkten,  nicht  unwichtig.  Diese 
Gesellschaften  sind  die  Exponenten  von  Strömungen,  die  sie  meist  selbst  schaffen.  Das 
Biographische  tritt  völlig  zurück:  es  fehlen  Hörn  dafür  wohl  die  Unterlagen;  zwar  ist  die 
Zahl  der  S.  5  aufgezählten  Arbeiten  zur  neueren  Literatur  nicht  gering  (d'Agostino,  Thalasso, 
Künos,  Hörn  [über  die  Moderne  in  Münch.  Allg.  Zeitung],  Oestrup,  Gibb  [i,  132 — 136], 
Schrader,  Foy;  Arakels  Katalog,  Bbüzzija  Tewfiks  Anthologie),  aber  das  unentbehrliche 
Material  über  den  Lebensgang  ist  nicht  darin  zu  finden.  Der  Rahmen  des  New  Sali 
Milli  tritt  in  seiner  Bedeutung  als  Grundlage  dabei  glänzend  hervor.  Es  fehlt  Hörn  auch 
die  persönliche  Vertrautheit  mit  dieser  Welt,  die  übrigens  nicht   in  einigen  gelegentlichen 


Dichter  ihr  neuen   Türkei.  15 

ooooooooocooooo<xxx)oooooooooo(xxxxxxxxxxxx>xxxxx)0(xxx50oooooocxxxx)ooooooooooocxxx)0ooooooooc^^ 

Sprechübungen  mit  Türken  erworben  wird,  sondern  das  Ergebnis  jahrelangen  liebevollen 
Einlebens  ist.  Wie  konnte  Hörn  die  ragende  Gestalt  Dschenab  Schehabeddins  unbekannt 
bleiben,  dessen  Name  in  dem  Munde  aller  ist,  die  an  dem  geistigen  Leben  der  Nation 
teilnehmen ! 

9.  Besonders  reiche  Anregungen  und  Belehrungen  Terdanke  ich  Otto  Hachtmann 
(Dessau),  der  seine  knappen  Mußestunden  als  Gymnasiallehrer  ganz  dem  Einarbeiten  in 
das  moderne  Osmanisch  und  seine  Literaturblüten  gewidmet  hat.  In  kurzer  Zeit  orientierte 
er  sich.  Sein  feines  Gefühl  für  die  psychologischen  Vorgänge,  die  gewisse  Übergänge  in 
den  Denk-Sprach-Formen  bedingen,  ließ  ihn  schnell  die  Menge  der  sprachlichen  Er- 
scheinungen sichtend  ordnen  und  die  wesentlichen  Gruppen  scheiden.  Für  die  Bewertung 
der  literarischen  Erzeugnisse  kommt  ihm  eine  gediegene  Kenntnis  der  in  ihrer  Wirkung 
auf  die  Türkische  Moderne  bedeutenden  französischen  Literatur  zu  statten.  Das  Problem 
dieser  Abhängigkeit  und  der  Reaktion  dagegen  wird  zu  lösen  versucht  in  der  Einleitung 
zum  Zwanzigsten  Jahrhundert  und  in  Europäische  Kultureinf,üsse  (siehe  unten).  Mit 
diesem  Pfunde  wucherte  er,  und  unermüdlich  las  er  Türkische  Texte,  bildete  sich  ein 
Urteil  über  die  Persönlichkeiten,  übersetzte  kennzeichnende  Stücke  von  ihnen  und  entwarf 
ihr  Lebendsbild  (so  das  sehr  gelungene  von  Mehmed  Emin  in  Lit.  Zbl.,  Beil.  „Die  schöne 
Lit."  Jg.  16  Nr.  22).  Ein  besonderes  Verdienst  erwarb  sich  Hachtmann  durch  die  beiden 
Arbeiten,  die  sich  eng  berühren  mit  diesen  Mitteilungen  aus  der  Neuosmanischen  Literatur: 
„Die  Türkische  Literatur  des  zwanzigsten  Jahrhunderts"  (Leipzig,  Amelang,  191 6; 
64  S.)  und  „Die  neuere  und  neueste  Türkische  Literatur.  Eine  Einleitung  zu  ihrem 
Studium"  in  „Die  Welt  des  Islams"  V  (191 7),  S.  57 — 77.  Die  letzte  Arbeit  ist  eine 
systematische  Bibliographie,  die  von  einer  bibliographischen  Übersicht  (III  und  IV  wären 
besser  vereinigt;  zu  I  ist  nachzutragen:  Köprülüzade  Mehmed  Fu'ad  und  Schehab- 
eddin  Süleiman,  jeni  osmanly  tärichi  edebljäty.  Bd.  I.  Stambul  1332  [1916])  be- 
gleitet ist.  In  dem  „Zwanzigsten  Jahrhundert"  sind  behandelt:  Dschenab  Schehabeddin, 
Mehmed  Re'uf,  Hüsein  Dschahid,  Fa'ik  Aali,  Ja'kub  Kadri,  Mehmed  Aakif,  Dschelal  Sahir, 
Ali  Dschanib,  Ahmed  Hikmet,  Halide  Edib  Hanum,  Aka  Gündüz,  Mehmed  Emin,  Zija 
Gök  Alp.  Hachtmann  teilt  mit  mir  nicht  weniger  als  sechs  von  meinen  fünfundzwanzig 
Dichtern.  Wir  arbeiteten  völlig  unabhängig  voneinander.  Es  ist  mir  eine  besondere 
Freude,  festzustellen,  daß  wir  dabei,  rein  aus  eigenem  Urteil  heraus,  zu  sich  deckenden 
Ergebnissen  gekommen  sind,  wie  das  besonders  scharf  hervortritt  bei  unserer  Würdigung 
des  in  seiner  Heimat  verkannten,  absichtlich  totgeschwiegenen  Ali  Dschanib.  Hacht- 
mann war  bei  Auswahl  und  Zusammenstellung  geleitet  von  der  Stellung  der  Neueren 
zum  ,,Turanismus",  und  eine  Reihe  ist  in  dieser  Hinsicht  gleichsam  gestaffelt  bis  zum 
Gipfel  der  Turanbewegung,  Zija  Gök  Alp  —  ein  interessanter  Versuch,  wenn  auch  Nähe 
und  Ferne  gegenüber  diesem  Ziel  sich  hier  schwer  abschätzen  lassen.  Kühne  Konstruktionen 
enthält  Hachtmanns  Europäische  Kultureinflüsse  in  der  Türkei  —  Ein  literär- 
geschichtlicher  Versuch  —  mit  einem  Vorwort  von  Prof.  Dr.  H.  Grimme,  Berlin 
191 8,  30  S.  [auch  u.  d.  T.  Urkunden  und  Untersuchungen  zur  Geistesentwicklung  des 
heutigen  Orients  Heft  2]:  die  Absicht  bei  dem  französischen  Import  richtete  sich  auf  die 
politischen  Ideen,  weil  sich  „der  Parlamentarismus  nicht  auf  orientalischer  Grundlage 
herstellen  ließ  .  .  .  Gewiß  hat  dann  die  nähere  Bekanntschaft  mit  französischer  Literatur 
auch  weitere  Kreise  gezogen  und  zu  zahlreichen  Übersetzungen  auch  nichtpolitischer  Werke 
geführt".  Die  Hervorhebung  des  politischen  Interesses  ist  sicherlich  berechtigt,  aber 
das  Hauptmotiv  der  ersten  Vermittler  war  sicherlich  das  Bestaunen  der  formvollendeten 
und  zugleich  gedankenreichen  großen  Franzosen,  mit  denen  näher  sich  bekannt  zu  machen 
die  durch  den  Krimkriegbund  geschaffene  Lage  Anlaß  und  Gelegenheit  bot.  Schinasi, 
der  doch  wohl  mit  Recht  als  der  Beginner  der  Vermittlung  angesehen  wird,  dachte  bei 
•einen  Übersetzungen  kaum  an  Import  des  Parlamentarismus. 

10.  Nicht  ohne  Widerstreben  nenne  ich  meine  „Unpolitischen  Briefe  aus  der  Türkei" 
[Der  Islamische  Orient,  Band  III,  Leipzig,  Rud.  Haupt  19 10,  262  S.;  Siglum:  Briefe). 
Mir  sind  die  Mängel  des  Buches  wohlbekannt.    Es  ist  mir  selbst  für  diese  Arbeit  nützlich 


i6  Hartmann, 

OOOOeOOCXX)000000000<XXXX)C)OOOOOOOOOOOOOOOOOOOCO(X)COOOOOOOOOOOOOOOOOOC)OOOOOCOOOOOOC30<XXXXXXXX^ 

gewesen,  und  ich  bitte  darauf  hinweisen  zu  dürfen,  daß  das  Buch  eine  große  Menge 
Einzelnotizen  zur  neueren  Geschichte  der  Türkei  enthält.  Diese  Arbeit  ist  vielfach  ver- 
kannt worden:  sie  ist  als  eine  dem  Türkenvolke  feindliche  angesehen  worden.  Von  einer 
Feindschaft  gegen  die  Türken  habe  ich  nie  etwas  empfunden.  Die  letzten  Worte  der 
Vorrede  zeigen  meine  tiefe  Sympathie.  Über  die  zwei  Aufsätze  zur  neueren  Osmanischen 
Dichtung  in  den  Mitteilungen  des  Seminars  für  Orientalische  Sprachen  XIX  (1916)  und 
XXI  (19 18)  siehe  das  Vorwort. 

Die  zahlreichen  und  intensiven  Beziehungen  zu  den  Osmanen  während  der  Kriegsjahre 
ließen  die  Literatur  über  das  türkische  Leben,  auch  das  Geistesleben,  bei  uns  gewaltig  an- 
schwellen. Das  ist  erfreulich.  Es  ist  aber  Vorsicht  geboten  mit  allen  Arbeiten,  die  nicht 
auf  einer  gründlichen  Kenntnis  der  Sprache  dieser  Literatur  beruhen.  Die  Freude  an  dem 
arabisch-persischen  Klingklang  wird  nicht  sobald  aussterben,  und  es  ist  verkehrt  zu  glauben, 
daß  alles,  was  heute  noch  in  der  Ziersprache  geschrieben  wird,  literarisch  wertlos  und 
gedanklich  unbedeutend  sei.  Es  ist  eine  uns  unsympathische,  lächerlich  erscheinende 
Form,  aber  auch  bessere  Geister  leben  heute  noch  in  diesen  Formen.  Mit  der  Be- 
deutung dieser  Formen  bitte  ich  es  zu  entschuldigen,  wenn  z.  B.  den  Versen  regelmäßig 
das  Versmaß  beigesetzt  ist,  auch  sonst  sich  manches  findet,  was  pedantisch  scheinen  könnte. 

In  der  Umschrift  der  Namen  schloß  ich  mich,  soweit  mir  Feststellung  möglich  war, 
an  das  ,,Stambul-Türkisch"  an.  Das  gilt  heute  den  Türken  als  ein  fester  Begriff  mit 
normierten  phonetischen,  grammatischen  und  sprachschatzigen  Werten.  Die  Fanatiker  des 
„Stambul-Türkisch"  wissen  nicht,  daß  es  eine  Sprechsprache  „festen"  Charakters  noch  viel 
weniger  gibt  als  eine  solche  Schriftsprache:  hier  frißt  die  Mode,  das  Örf,  jeden  Tag  an 
dem  Bestehenden  und  leise,  kaum  merklich,  wandelt  sich  alles.  Doch  sei  zugegeben,  daß 
von  der  Mittelklasse,  die  korrekt  zu  sprechen  sich  müht,  eine  Sprache  als  das  Ideal  be- 
trachtet wird,  die  man  als  „Stambul-Türkisch"  deshalb  bezeichnen  darf,  weil  sie  nur  bei 
den  Leuten  Stambuls  als  von  Kind  an  geübt,  ohne  Zwang  gesprochen  zu  finden  ist. 

Zur  Sicherung  des  Schriftbestandes  habe  ich  meist  die  Umschrift  der  Namen  in  leicht 
erkennbarer  Weise  hinzugefügt.  In  diesen  Dingen  ist  dem  Verhalten  ein  weiter  Spielraum 
zu  lassen :  das  Vorhalten  von  „Ungenauigkeitcn",  die  nicht  selten  beabsichtigte  Inkonsequenzen 
sind,  zeigt  einen  kleinlichen  Geist. 


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Abdulhakk  Hamid 


Dichter  der  neuen   Türkei.  17 


1.    Abdulhakk   Hamid    ['abdulhaqq  hämid], 

„geboren  24.  Januar  1267  [6.  Februar  1852]  in  Bebek  im  Hause 
seines  Großvaters  Abdulhakk  Molla;  sein  Vater  Chairullah,  Präsident 
des  Endschumeni  Danisch  und  Inspektor  der  Arzteschule,  Verfasser 
historischer  Werke,  war  vielfach  in  wichtigen  Staatsstellungen 
(Gesandter  in  Teheran).  Hamid  erhielt  den  ersten  Unterricht  in 
der  einheimischen  und  in  der  französischen  Schule  von  Bebek; 
mit  10  Jahren  kam  er  nach  Paris,  wo  er  das  Hortus-College  zwei 
Jahre  besuchte  und  bei  dem  späteren  Präsidenten  des  Unterrichts- 
rates Selim  Sabit  [täbit]  und  bei  Beha'uddin  Arabisch  und  Persisch 
lernte;  13  Jahre  alt  kam  er  mit  seinem  Vater,  dem  Gesandten, 
nach  Teheran;  als  Gesandtschaftssekretär,  Konsul,  Botschaftsrat, 
Geschäftsträger  und  schließlich  Gesandter  war  er  in  Paris,  Poti, 
Volo,  Bombay,  London,  Haag,  Brüssel  tätig;  des  Französischen 
und  Englischen  vollkommen  mächtig,  studierte  er  die  Meisterwerke 
dieser  Literaturen;  am  liebsten  lebte  er  in  London,  wo  er  auch 
einige  seiner  besten  Sachen  schrieb  (Finton,  Ilchan).  In  den  letzten 
Jahren  kehrte  er  nach  Stambul  zurück  und  wurde  zum  Senator 
ernannt.  1288  [1873]  heiratete  er  Fatma  aus  der  Familie  Pirizade 
[pirtzäde]'^  in  Adrianopel;  von  ihr  hatte  er  Husain  Hamid  und 
Hamide  Nasib  [hämide  naslb].  Die  Gattin  starb  auf  der  Rückkehr 
aus  Indien  und  ist  in  Beirut  begraben;  ihr  ist  das  Gedicht  maqber 
„Das  Grab"  gewidmet.  Bis  auf  Hamid  bewegte  sich  die  türkische 
Dichtung  in  den  engen  Grenzen  von  Kaside  und  Ghazel;  er  führte 
die  neuesten  Dichtformen  des  Westens  ein;  in  den  Metren  brachte 
er  ganz  neue  Muster  auf;  zugleich  belebte  er  die  alte,  vergessene 
Silbenzählung  2,  wenn  auch  mit  einigen  kleinen  Mängeln,  und  schuf 

1  Familie  Pirizade:  der  von  mir  am  6.  Oktober  1909  besuchte  Scheichülislam  Sahib 
Molla  gehört  dieser  Familie  an  {Briefe  S.  166).  Sein  berühmter  Vorfahr,  der  die  in 
Stambul  gedruckte  türkische  Überietzung  der  Muqaddima  des  Ibn  Chaldun  anfertigte, 
ist  der  Scheichülislam  Mohammed  Sahib  Effendi  [Sahib  ist  alio  der  Zweigfamilienname], 
.  geb.  in  Stambul  1085  [beg.  7.  4.  1674],  gest.  I162  [beg.  22.  12.  1748]  (ausführliche 
Vita  Sami   S.    1586  f.). 

*  Es  ist  ein  Verdienst  Dschelal  Sahirs,  der  hier  spricht,  daß  er  der  Wahrheit  die  Ehre 
gegeben  und  Abdulhakk  Hamid  den  Ruhm  der  Wiederbelebung  der  Silbenzählung 
gesichert  hat.  Man  hat  das  zu  trüben  gesucht  und  Mehmed  Emin  als  den  Neuerer 
hingestellt  (vgl.  S.  104  Anm.  l).  Mehmed  Emins  Verdienst  ist  weit  größer:  er  hat  den 
Bann  der  Ziersprache  gebrochen  in  der  Poesie;  auch  das  darf  wohl  gesagt  werden,  daß 
seine  Gedichte  durch  ihre  ungeheure  Verbreitung  das  Silbenversmaß  auch  den  Starren 
als  höchst  wirksam  erwiesen. 

Ui  künden   und  tjnler«uchuiigea.      J.  2 


l8  Hartmann, 

0CXM0OOCOOOOO00O0OOO0OCXXXX)OO0OO0OO0OOCX500OOOCK3O<XXDa3OO(X)OOCXXXXXXyXX» 

darin  zwei  große  Werke  i.  Diese  von  ihm  hinsichtlich  der  Form 
herbeigeführte  Umwälzung  kann  man  aus  den  Proben  in  seinen 
eigenen  verschiedenen  Gedichtsammlungen  ersehen.  Wie  dlwänelik- 
lerim  „Meine  Tollheiten"  und  salirä  „Das  Land"  von  solchen  neuen 
Momenten  voll  sind,  so  haben  seine  andern  Gedichte  und  Dramen 
in  Versen  nur  im  Schatten  der  in  der  Kunstpoesie  von  ihm  herbei- 
geführten Neuerung  Leben  gewonnen.  Sein  erstes  Werk  war 
mägeräji  ^asq,  ein  Drama,  geschrieben  im  Alter  von  20  Jahren;  dann 
folgten  die  Dramen  in  Prosa  sabr  wttehät  „Geduld  und  Festigkeit", 
iclt  qyz  „Die  Innerliche",  duchteri  hindü  „Das  Indermädchen",  täiiq 
„Tariq"  [der  Eroberer];  ferner  Finton,  halb  Prosa  halb  Verse;  mä- 
geräji  ^asq  und  sabr  wetebät  enthalten  soziale  Lehren  [Hörn  S.  34, 
findet  mägeräji  ^asq  dürftig:  „der  Doktrinarismus,  daß  jedes  literarische 
Werk  auch  erzieherisch  wirken  müsse,  wird  so  weit  getrieben,  daß 
am  Schlüsse  die  einzelnen  Personen  von  dem  Vornehmsten  im 
Stücke,  dem  Fürsten,  je  nach  ihrem  Verhalten  ihre  Zensur  erhalten 
und  selbst  ihre  Empfindungen  über  den  Verlauf  der  Ereignisse 
analysieren";  sabr  wetebät  zeigt  nach  Hörn  „einen  bedeutenden  Fort- 
schritt"]; iclz  qyz  ist  eine  Komödie,  die  eine  lokale  Färbung  hat 
und  die  Sitten  kritisieren  will;  duchteri  hindü  wiU  die  Scheußhchkeiten 
der  Briten  darstellen;  täriq  gibt  die  Gedanken  des  Dichters  getreuer 
wieder  und  ist  hinsichtlich  der  Anordnung  das  gelungenste  Werk; 
es  ist  das  wichtigste  seiner  Prosastücke.  „Finton"  ist  eine  gewaltige 
Tragödie  im  Stile  Shakespeares;  aus  den  Worten  aller  Personen 
strömt  ein  nervöser  Hauch,  der  den  Menschen  mit  seltsamer  Er- 
regung schüttelt.  Zu  den  Dramen  in  Versen  gehört  esber  „Eschber", 
das  Beziehungen  Alexanders  zu  einem  Könige  von  Indien  be- 
handelt; hier  wendet  sich  Hamid  von  Shakespeare  ab  und  Corneille 
zu;  ebenso  bedeutend  ist  tezer,  aus  der  Zeit  Abdurrahmans  III.  in 
Spanien,  nesteren  „Nesteren"  ist  in  Silbenzählung  geschrieben;  es 
übertrifft  die  anderen  Dramen  an  Wert.  Die  Sachen  sind  sämtlich 
in  Teilen  oder  vollständig  auf  türkischen  Bühnen  aufgeführt  worden, 
wenn  auch  nicht  mit  großem  Erfolge.  Ein  glänzend  geschriebenes 
und  durch  Wechsel  der  Versmaße  und  Reime  ausgezeichnetes 
Drama  ist  die  Tragödie  ilchän  „Ilchan";  sie  ist  noch  nicht  aufgeführt, 
ebenso  wie  das  schon  früher  verfaßte,  aber  wegen  der  Zensur  nicht 
herausgegebene  Drama  „Liberte"  in  Silbenzählung.  Von  anderen 
Werken  Hamids   seien    genannt    die    Gedichte    nazzfe  „Nazife",   ölü 

1   Gemeint  sind  Netteren  und  Liberti,  siehe  unten. 


Dichter  der  neuen    Türkei.  ig 

e)0OOOCXXXXXX)OO<X)OOOOO00OOO0OOOO0OOO0OOOO0O0OO00O00CXXXX5O0O0OOOO0OO0OOO0OO00C)00OOO0<XXXXXOOOOO^^ 

„Der  Tote",  hagle  „Das  Brautgemach";  ferner  bir  sefileniii  hathihäly  „Der 
Herzenserguß  einer  Unglücklichen",  eine  analysierende  Erzählung, 
die  die  innersten  Winkel  eines  kranken  Geistes  untersucht;  maqber 
„Das  Grab"  ist,  in  seiner  Vertiefung  durch  die  Totenklage  des 
Dichters,  so  einfach  im  Gedanken  geworden,  daß  es  nicht  mehr 
zu  verstehen  ist."  Soweit  der  Auszug  aus  der  Vita  von  Dschelal 
Sahir  [siehe  Nr.  21]  NSM  S.  80 — 82.  Weit  eingehender  ist  die 
Charakteristik  des  Dichters  bei  Hörn  S.  34 — z'j  (Auszug):  „Hamid 
begann  mit  Theaterstücken,  wichtiger  ist  aber  seine  Lyrik;  sein 
erstes  Drama  in  Prosa  mageräji  'asq  (1873)  tritt  gegen  Kemals 
frühestes  Stück  aus  dem  gleichen  Jahre  („Ein  unglückliches  Kind") 
in  den  Hintergrund;  [über  den  doktrinären  Charakter  siehe  schon 
oben,  auch  über  den  Fortschritt  in  §abr  wetebät  (1874);  es  werden 
besprochen  idlt  qyz,  duchteri  hindü,  täriq,  esber,  tezer'],  esber  und  tezer 
sind  eine  ganz  neue  Gattung,  nämlich  gereimte  Trauerspiele  nach 
dem  Vorbilde  der  französischen  Tragödie,  in  Versmaßen;  weitere 
gleichartige  Dramen  sind  „Sardanapal",  „Liberte",  „Die  Courtisane" 
(qahbe),  „Leidenschaft"  (garäni);  Hamid  hüllte  die  neue  Weise  Schinasis 
auch  in  ein  neues,  europäisches  Gewand;  schon  in  „Das  Indermädchen" 
(1875)  hat  er  solche  fremdartige  Form;  das  wurde  aber  nicht  ver- 
standen und  nicht  beachtet;  in  „Das  Land"  {sahrä,  1879)  kehren 
die  neuen  Formen  wieder,  wenn  auch  nur  in  einer  geringen  Anzahl 
von  Gedichten  unter  vielen  anderen,  und  jetzt  drang  er  durch. 
[Das  ist  viel  zu  unbestimmt;  es  kann  nur  gemeint  sein,  daß  er  hier 
die  Silbenzählung  anwandte;  das  ist  aber  durchaus  nicht  „ein  neues 
europäisches  Gewand",  sondern,  wie  Dschelal  Sahir  in  der  Biographie 
ganz  richtig  sagt,  eine  Wiederbelebung];  außerdem  Elegien  auf 
die  Gattin  (1885)  und  lyrische  Gedichte  und  Gedichtsammlungen: 
„Die  Narzisse  1,  „Diese  sind  es"  (1885),  „Meine Torheiten  oder  die  Stadt" 
(1886);  aus  Prosa  und  Versen  gemischt  ist  „Die  Geschichte  einer 
Unglücklichen"  (1886).  —  Im  März  1917  übernahm  Abdulhakk 
Hamid  eine  Aufgabe,  an  der  er  scheiterte  und  scheitern  mußte. 
Die  Partei,  die  heute  in  der  Opposition  gegen  die  Regierung  ist, 
weil  sie  mit  deren  Reformen  nicht  einverstanden  ist,  entbehrte 
einer  Zeitschrift  zur  Vertretung  ihrer  Interessen,  wie  sie  in  Teswiri 
Efkar  eine  Tageszeitung  zu  ihrer  Verfügung  hat.  Bis  zu  seiner 
Schließung  durch  die  Regierung  konnte  allenfalls  das  Organ  der 
orthodoxkirchlichen  Partei,    Sebil  ürreschad,    als    die   Zeitschrift 

1   Hier  zeigt  sich,  in  welchem  Maße  Hörn  zweithändig  arbeitete:  das  unter  den  lyrischen 
Werken  genannte  nesteren   ist   ein  Drama,    dessen  Heldin  den  Namen  Nesteren  führt. 

2* 


20  Hartmann, 

OO0000C00G0O00G0000000000000000<X»00O00CXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX)O0O0C>C>OO0O00OCKX)O(XXXXXX><^^ 

der  „alttürkischen  Partei"  [der  Name  ist  heute  in  Stambul  verpönt; 
er  ist  hier  nur  Siglum]  gelten,  wenn  auch  sicherlich  der  größere 
Teü  der  Stambullfeute  dieser  Partei  an  dem  scholastischen  Treiben, 
an  dem  die  Leute  der  Sebil  ürreschad  festhielten,  keinen  Gefallen 
findet  und  in  ihm  kein  Heil  für  das  Reich  sieht.  Es  mischen  sich 
ja  in  dieser  der  Regierung  feindlichen  Gruppe  Elemente  verschiedener 
Art:  dasjenige,  das  am  stärksten  ist,  ist  nicht  das  kirchlich  intran- 
sigente,  denn  dieses  besteht  wohl  nur  aus  der  unteren  islamischen 
Geistlichkeit  (die  höhere,  zum  Teil  gut  unterrichtete  und  denkende 
Männer,  steht  fast  ganz  zur  Regierung),  es  sind  vielmehr  die  alten 
und  wohlhabenden  Sippen,  die  sich  gekränkt  fühlen,  daß  die 
Regierung  sie  nicht  in  genügender  Weise  bei  der  Verteilung  der 
Ämter  berücksichtige  (ein  vollkommen  unbegründeter  Vorwurf,  da 
für  die  Fähigen  unter  ihnen,  soweit  es  irg'end  möglich  ist,  Ein- 
künfte aus  Staatsmitteln  gefunden  werden);  eine  ausgezeichnete 
Darstellung  dieser  Strebungen  mit  dem  Versuche,  deutsche  maß- 
gebende Kreise  für  ihre  Sache  zu  interessieren,  findet  sich  in  einem 
Aufsatz  von  Gustav  Herlt  im  „Hamburgischen  Korrespondenten" 
vom  22.  September  (abgedruckt  in  „Die  Neue  Türkei"  vom  9,  Oktober 
1917  'unter  „Verbreiterung  der  deutsch-türkischen  Beziehungen"). 
Fassen  wir  die  verschiedenartigen  Kreise,  die  ihrer  Meinung  nach 
nicht  den  verdienten  Anteil  an  der  Staatskasse  haben,  unter  dem 
Namen  „Alttürkentum"  zusammen,  so  werden  wir  die  im  März  des 
Jahres  gegründete  Wochenschrift  edebtjäti  ''umürtnje  megmu'asy  „Zeit- 
schrift für  Allgemeine  Literatur"  als  das  Organ  des  Alttürkentums 
bezeichnen  dürfen.  Es  ist  weniger  ein  Positives,  das  diese  Gesellschaft 
zusammenhält,  als  ein  Negatives;  die  Abweisung  des  national- 
türkischen Gedankens,  durch  dessen  Pflege  die  Männer  der  Re- 
gierung und  alle,  die  eine  Einsicht  in  die  Bedürfnisse  und  Ent- 
wicklungsbedingungen des  Landes  besitzen,  zur  Hebung  des  staat- 
lichen und  wirtschaftlichen  Lebens  der  Türkei  zu  gelangen  hoffen. 
Selbstverständlich  wird  die  Gesinnung,  aus  der  heraus  die  Gründung 
der  neuen  Zeitschrift  erfolgte,  in  dem  Eröffnungsprogramm  nicht 
klar  ausgesprochen;  sie  geht  aber  deutlich  hervor  aus  den  Ein- 
schränkungen, die  für  den  Fortschritt  aufgestellt  werden,  wie  „im 
Rahmen  unsrer  erhabenen  Traditionen",  „mit  großem  Vertrauen 
an  der  islamischen  Basis,  an  den  Vorzügen  der  Rasse  und  an  den 
türkischen  Sitten  festzuhalten"  fvgl.  die  Übersetzung  des  Programms 
'  in  der  Anzeige  der  beiden  ersten  Nummern  durch  Willy  Hef  f  ening 
in    Welt  des  Islams  V  S.  80 f.).     Als  Schriftleiter  zeichnete  Mehmed 


dichter  der  neufn   Türkei.  2  1 

Dschelaluddin;  es  war  aber  offenes  Geheimnis,  daß  Abdulhakk 
Hamid  mit  der  Leitung  betraut  war.  Der  greise  Dichter  hat  große 
Verdienste,  aber  Redaktionsarbeit  zu  leisten  mit  ihren  Ansprüchen 
an  technische  Fertigkeiten  und  organisatorische  Begabung  ist  nicht 
seine  Sache.  Es  mußten  die  Stürmer,  die  hier  ihre  Parteisuppe 
kochen  wollten,  scharf  überwacht  werden.  Das  geschah  nicht. 
Die  Zeitschrift  brachte  zwei  Aufsätze  gegen  den  Turanismus:  i.  von 
Enwer  Pascha  (nicht  der  Kriegsminister!),  2.  von  Dschelal  Nuri; 
jener  sachlich-wissenschaftlich,  dieser  weniger  gründlich  und  an 
Heftigkeit  alles  Maß  überschreitend.  Das  gab  nun  gewaltigen 
Skandal:  die  Zeitungen  traten  den  Gegenstand  breit  (es  handelte  sich 
hauptsächlich  um  die  Einbeziehung  Dschengis  Chans  und  seiner 
Mongolen  in  die  Turangruppe) ;  Aga  Oglu  Ahmed  (Agajeff)  und 
Hamdullah  Subhi  sprachen  öffentlich.  Die  Regierung  schritt  ein 
und  suspendierte  das  Blatt;  seit  Anfang  Oktober  erscheint  es  wieder, 
aber  Abdulhakk  Hamid  ist  aus  der  Leitung  ausgeschaltet. 
—  In  d.et . Enzyklo-pädie  des  Islam  ist  Hamid  behandelt  von  Giese  I 
S.  41;  daraus  ist  nachzutragen,  daß  Hamid  1885  bis  1908  in  London 
lebte  und  daß  er  nach  der  Revolution  den  Gesandtenposten  in 
Brüssel  erhielt.  —  Gibb,  der  mit  Hamid  freundschaftliche  Beziehungen 
hatte,  stellt  ihn  an  die  Spitze  einer  neuen  Periode  der  „Modernen 
Schule";  mit  seiner  §ahrä  1879  beginne  eine  neue  Welt  (S7  5,  1); 
vgl.  S.  5,  7 7 f.:  „vor  dem  Genie  Hamids  fiel  die  letzte  Schranke  der 
neuen  Zeit".  Man  versteht  solche  Darstellungen  nicht  recht,  wenn 
man  liest,  was  Gibb  selbst  über  die  Entwicklung  sagt:  Zija  und 
Kemal  hatten  ihre  Anregungen  in  Europa  geschöpft  (S.  5,  lof.), 
und  schon  zwei  Jahre  nach  dem  Erscheinen  von  Ahmed  Wefiks 
Moliere-Übersetzungen  1288  (1^871/72)  brachte  Kemal  in  Gemeinschaft 
mit  Ebüzzija  Tewfik  1  das  erste  2  türkische  Originaldrama  egeli  qazä 
„Der  tödliche  Unfall"  heraus;  das  beweist  doch  deutlich,  daß  Hamid 
damit,  daß  er  Dramen  schrieb,  nicht  etwas  völlig  Neues  tat;  daß 
er  sich  in  seinen  Dramen  an  Corneille  und  Shakespeare  anschloß, 
läuft  ganz  in  der  Linie,  die  von  Schinasi  vorgezeichnet  war;  in 
seinen  Dramen  orientalischen  Charakters  aber  hatte  er  ja,  wie  so- 
eben gezeigt  wurde,  Vorgänger.     Die  Charakterisierung  Hamids  als 

1  Die  erste  Ausgabe  des  egeli  qazä  (Stambul  1288)  nennt  auf  dem  Titel  nur  Tewfik 
als  Verfasser;  in  meinem  Besitz  (vgl.  Harr.  377  Nr.  821). 

2  Älter  wird  sein  Schinasis  SäHr  etcUnmesi  „Des  Dichters  Heirat"  (Hörn  10  ohne 
Angabe  des  Druckjahres),  mitgeteilt  von  Vambery  in  „Sittenbilder  aus  dem  Morgen- 
lande" S.  37 — 46. 


2  2  Hartmann, 

OO0O©OOOC)OOOO<3OOO<»OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO<X)O<XXXXXXXX)OO<X)OOOOOCOOO<XXX)OOO^ 

Begründer  einer  besonderen  Periode  der  Modernen  Schule  kann 
also  nicht  gebilligt  werden;  höchstens  könnte  man  darin  ein  Neues 
finden,  daß  er  die  Silbenzählung,  sie  wiederbelebend  i,  neben  den 
quantitierenden  Versmaßen  anwandte;  aber  das  ging  nicht  zusammen 
mit  dem  andern  wichtigen  Momente,  das  das  wesentliche  Merkmal 
ist  für  die  neue,  durch  den  Namen  MehmidEmin  gekennzeichnete 
Richtung:  die  rein  türkische  Sprache.  Daß  Hamid  in  dieser 
Beziehung  dem  Alten  treu  blieb,  geht  daraus  hervor,  daß  er  schon 
heute  als  veraltet  gilt,  eben  wegen  seines  Festhaltens  an  der  alten 
Mischung  mit  fremden  Elementen.  Eine  andere  Frage  ist,  ob  es 
in  der  Tat  zulässig  ist,  ihn  als  „veraltet"  zu  bezeichnen;  man  sollte 
doch  mit  solchen  Anschuldigungen  recht  vorsichtig  sein;  unter  den 
jungen  Herren,  die  mit  solchen  Abfertigungen  geschwind  bei  der 
Hand  sind,  ist  manch  einer,  der  neben  dem  1852  Geborenen  greisen- 
haft erscheint.  Hamid  hat  auch  heute  noch  eine  Fülle  von  Ge- 
danken; sein  Verständnis  für  Neues,  Junges  hat  er  in  der  Stellung- 
nahme zu  Mehmed  Emin  1900  glänzend  erwiesen.  —  Ich  stellte 
fest  {Briefe  S.  108),  daß  man  in  der  jüngeren  Generation  „ersichtlich 
mit  einer  aufrichtigen  Begeisterung  festhält  an  Abdulhaqq  Hamid, 
dessen  Drama,  ,Tariq  ben  Zijäd*  sich  einer  außerordentlichen  Be- 
liebtheit erfreut";  die  Aufführung  des  Tarik,  der  ich  am  23.  September 
1909  im  Peratheater  beiwohnte,  beschrieb  ich  ausführlich  {Briefe 
S.  117 — 122)  [vgl.  ebenda  S,  io8.  112.  225];  über  Erweiterung 
seines  Tariq-Stückes  durch  Ustad  Ekrem  siehe  Briefe  S.  112  2; 
über  die  Ausgaben  [die  in  meinem  Besitz  ist  von  1326/1908]  und 
die  angeblichen  Lieder  des  Stückes,  auch  seine  Friedhof szene  siehe 
Briefe  S.  225  Anm.  104.  —  Bei  dem  Aufenthalte  Hamids  in  Berlin 
Ende  Juli  1916  nahm  ich  Gelegenheit,  mich  mit  dem  Dichter  be- 
kannt  zu   machen.     Er   war   so    freundlich,   mir  in  einer  längeren 

1  Zum  ersten  Male  wandte  Hamid  die  Silbenzählung  an  in  ncsteren,  das  zwischen  duchtari 
hindü  1875  und  färiq  1879  liegt  (auf  der  letzten  Seite  von  nesteren  finden  sich  an- 
gekündigt als  gedruckt  mägeräß  ^a$q,  sabr  tvetebät,  icli  qyz,  duchtari  hindü,  nazife 
und  nesteren  (dabei  ist  nazife  als  manzüm,  nesteren  als  muqaffä  bezeichnet);  als 
nicht  gedruckt:  täriq,  ihn  almüsä  [so!],  tezer,  sardanapal,  eSber,  sahrä  (manzüm), 
qahbe,  gharäm,  llberte,  zeneb  jächod  tegribeH  qader  (muqaffä). 

*  Abdulhakk  Hamid  war  erstaunt,  durch  mich  von  dem  Vortrage  eines  Stückes  seines 
„Tarik"  in  erweiterter  Form  zu  hören;  ich  bin  sicher,  er  hätte  bei  Kenntnis  der  näheren 
Umstände  seine  volle  Zustimmung  erteilt;  denn  er  ist  ein  großer  und  freier  Geist,  fremd 
jedem  Kleinen  und  Kleinlichen.  An  der  Sache  ist  für  mich  nicht  der  geringste  Zweifel; 
es  ist  mir  noch  deutlich  in  Erinnerung,  daß  von  jener  Erweiterung  des  großen  Monologs 
Tariks    durch    Ekrem    als    von    einer   allgemein  bekannten  Tatsache  gesprochen  wurde. 


Dichte)-  der  neiien   Türkei.  23 

OOO0OC>O0O00OOOCXXXX>O0CXXXXXXX>00000O0O0OO0OOO00O00O00000O00000000OOCXXX>00O000CXX30000(^^ 

Unterhaltung  Aufklärungen  über  sein  Werk  zu  geben.  Bei  ge- 
meinschaftlicher Lesung  seiner  Vita  in  New  Sali  Milli  fand  er 
nichts  zu  bemerken;  nur  ergänzte  er  sie  so:  „Elf  Tage  vor  der 
Revolution  [10./23.  Juü  1908]  wurde  ich  aus  London  als  Gesandter 
nach  Brüssel  versetzt;  im  Dezember  1912  wurde  ich  abberufen 
und  zum  Senator  ernannt.  Ich  bin  Anhänger  des  alten  Metrums 
und  habe  nur  in  Nesteren  und  Libert6  silbenzählende  Versform 
angewandt;  diese  ist  übrigens  allein  für  die  Bühne  geeignet;  wir, 
die  wir  grundsätzlich  an  dem  Alten  festhalten  (wie  ich  denkt  auch 
Dschenab  Schehabeddin),  verlangen,  daß  die  Jungen,  die  anders 
denken,  nicht  so  unsinnige  Angriffe  auf  uns  machen;  Tatsache  ist, 
daß  alle,  die  Verse  in  ^arüz  machen  können,  auch  das  nationale 
Versmaß  üben  können,  aber  nicht  umgekehrt.  Wir  haben  jetzt 
nur  vier  große  Dichter:  Dschenab  Schehabeddin,  Sulaiman  Nazif, 
Riza  Tewfik,  Fa'ik  Aali;  von  ihnen  haben  sich  zum  nationalen 
Versmaß  nur  bekehrt  Dschenab  Schehabeddin  und  Riza  Tewfik. 
Bis  zu  meinem  ,Tarik*  arbeitete  ich  nur  aus  mir  selbst  heraus, 
hatte  keine  Vorbilder;  dann  studierte  ich  in  Paris  Corneille  und 
bildete  mich  nach  ihm:  dann  lernte  ich  in  London  Shakespeare 
kennen  und  folgte  ihm.  Corneille  ahmte  ich  nach  in  Nesteren, 
das  eine  freie  Nachbildung  seines  ,Cid*  ist,  ausgenommen  den 
Schluß,  den  ich  verändert  habe.  [Diese  Äußerungen  sind  kenn- 
zeichnend für  Hamid.  Von  dem  Falschurteil  über  Sul.  Nazif  und 
F.  Aali  will  ich  nicht  sprechen;  es  wirken  da  Tradition  und  persön- 
liche Beziehung  den  Blick  trübend.  Hamid  ist  überzeugt,  daß  er 
unter  dem  Eindruck  von  Corneille  und  Shakespeare  eine  Wandlung 
durchgemacht  habe.  Ich  glaube  nicht,  daß  man  das  zugeben  kann : 
die  Gedanken  und  ihre  sprac'hliche  Fassung  sind  durchweg  im 
Stile  der  alten  Poesie,  am  meisten  sich  nähernd  dem  der  persischen 
Romanze;  man  glaubt  zuweilen  Dschami  zu  lesen.]  In  der  Art 
von  Corneille  ist  auch  mein  Eschber;  mit  diesem  Stück,  das  in 
der  Form  sich  beliebten  Mustern  anschließt  [durchgehend  Kurz- 
ruba'i],  hatte  ich  am  meisten  Erfolg:  es  gibt  viele  Leute  in  Stambul, 
die  es  auswendig  wissen.  Mein  ,Liberte'  ist  nichts  als  die  Geschichte 
Midhats;  die  allegorischen  Figuren,  die  auftreten,  sind  leicht  kennt- 
lich: das  Mädchen  Libert6  ist  Midhat  selbst;  das  Stück  ist  bisher 
nicht  als  Buch  gedruckt;  es  wurde  von  Mehmed  Emin  in  der  Zeit- 
schrift ,Türk  Jurdu'  gebracht.  Liberte  und  Nesteren  sind  meine 
einzigen  Dramen  in  nationalem  Versmaß.  Ein  ton,  das  vor  dem 
letzten  gedruckten  Drama  Turchan  liegt,  ist  in  Prosa  unter  Bei- 


24  Ilartmann, 

mischung  von  wenig  Poesie  [also  wie  Duchtari  Hindu];  Fijiton 
nimmt  zu  den  sozialen  Fragen  nicht  Stellung:  ich  habe  die  Zu- 
stände und  Personen  durch  sich  wirken  lassen  woUen.  Nach 
Turchan  habe  ich  noch  zwei  Dramen  gedichtet,  die  ich  aber 
noch  nicht  herausgebracht  habe.  Die  scharfen  Bemerkungen  in 
dem  Schlußwort  zu  Duchtari  Hindu  gegen  die  nationale  Poesie 
stammen  aus  meiner  früheren  Zeit;  ich  würde  mich  heute  nicht 
mehr  so  gegen  das  Nationale  wenden."  —  Auf  meine  Frage  über 
seine  Stellung  zum  Turanismus  {tvrangylyq)  erwiderte  Hamid  aus- 
weichend; es  ließ  sich  aber  heraushören,  daß  er  mit  dem  extremen 
Vorgehen  gegen  nichttürkische  Muslime  nicht  einverstanden  sei. 
Milde  ist  überhaupt  der  Grundzug  seines  Charakters,  und  das  hat 
ihn  bisher  mit  allen  Parteien  gut  auskommen  lassen:  er  wird  von 
allen  geschätzt.  Damit  hängt  Zusammen  das  Lyrische  in  seinem 
Wesen,  das  durchaus  vorherrscht,  und  zwar  das  weinerlich  Lyrische. 
Jemand,  der  ihn  genau  kennt,  äußerte  über  ihn  und  seine  Art: 
„Hamid  Bej  liebt  das  Tragische,  das  Sentimentale,  wohl  bemerkt 
nicht  im  Leben,  sondern  in  der  Poesie."  Dieser  Charakterzug 
erklärt  den  seltsamen  Einfall,  den  der  Dichter  hatte,  Nesteren  und 
Chosrew,  die  Ximena  und  Rodrigo-Cid  entsprechen,  den  ganzen 
letzten  Akt  sich  anjammern  und  dabei  elend  zugrunde  gehen  zu 
lassen,  während  bei  Corneille  die  Liebenden  vereint  werden.  Bei 
Hamid  ein  wahres  Schwelgen  in  peinlichen  Szenen  und  selbst- 
quälerischen Stimmungen.  —  Mit  Liebe  sprach  Hamid  von  seinem 
Turchan  (als  Drama  schwach  —  in  ganz  unnatürlicher  Weise 
werden  Personen  und  Vorgänge  Persiens  mit  der  Schlacht  von 
Kossowo  verknüpft  — ,  ist  die  Sprache  in  den  Banden  der  alten 
Unnatur).  Mit  Dank  erinnerte  er  sich  Namyk  Kemals:  „Ich 
habe  ihn  nicht  persönlich  gekannt,  aber  viel  mit  ihm  korrespondiert; 
seine  etwa  500  Briefe  an  mich  gab  ich  seinem  Sohne  Ali  Ekrem, 
mit  Ausnahme  von  zwei  oder  drei  ganz  intimen;  diese  Briefe 
sollen  in  der  Gesamtausgabe  meiner  Werke,  die  die  Regierung 
veranstaltet,  zum  Abdruck  kommen  [von  den  Briefen  ist  bis  jetzt 
ein  Band  erschienen;  ausführliches  Referat  von  mir  über  diese 
Sammlung  der  kunstreichen  und  kulturhistorisch  wertvollen  Briefe 
des  Dichters  (Stambul  1334,  2)i^  S.)  im  Neuen  Orient  HE  Nr.  6 
und  7;  Bd.  2  erschien  Stambul  1335  (ausgegeben  November  1917), 
338  S.];  von  der  Gesamtausgabe  ist  bis  jetzt  ein  Band  erschienen;, 
illiämi  watan  (,patrioti9che  Begeisterung'),  eine  Zusammenstellung  von 
Gedichten;  als  Band  2   kommt  mein  Drama  Finton,  von   dem   der 


Dichter  der  netien    Türkei.  25 

<x)o<x«oooc<xxxxDcxxxxxxxxxxx30ocxxxDcxx)(xxxxxxxxxxxx)OOOOOoo(X50000oooooooooooo^ 

achte  Bogen  gedruckt  wird."  Finton  liegt  nun  vor  in  den  küllijäti 
ätär  „Gesammelten  Werke"  Hamids  (Ausgabe  der  ätäri  müflde  kütüb- 
ehänesi,  Stambul  1334,  500  S.).  Das  Drama  Finton  hat  weder  auf 
der  Bühne  (trotz  der  als  gelungen  bezeichneten,  recht  schwierigen 
Inszenierung)  noch  als  Lesedrama  Erfolg  gehabt;  schon  1909  schrieb 
ich:  „heute  glaubt  man  schon  weit  über  Abdulhakk  Hamid  hinaus 
zu  sein:  er  ist  den  Neuesten  noch  zu  klassizistisch"  (Brief*  S.  331); 
1916  schreibt  Hachtmann  [Zwanz.  Jahrhundert  43):  „in  den  Dramen 
von  Namyq  Kemal  oder  Abdulhaqq  Hamid  eine  zwar  geist- 
reiche, aber  naturwidrige  Rhetorik";  das  türkische  PubHkum  von 
heute  hat  diese  Rhetorik  mit  ihren  Scheinwerten  gründUch  satt; 
außerdem  ist  ihm  gerade  bei  Finton  der  Stoff  (das  teils  leiden- 
schaftliche, teils  senile  Treiben  des  korrumpierten  englischen  High- 
Hfe)  fremd  und,  soweit  er  verstanden  wird,  unsympathisch;  und 
so  empfindet  man  nicht  die  poetischen  Werte,  die  es  bei  allen 
Mängeln  besitzt.  Hachtmanns  Übersetzung  des  ganzen  Dramas 
ist  vollendet;  der  Druck  ist  wünschenswert.  —  Die  Charakte- 
ristik Hamids  bei  Schehabeddin  Sulaiman  S.  331 — 341  ist  nicht 
ohne  Reiz:  ich  erwähne  daraus  nur  die  Bemerkung:  „Manches  bei 
Hamid  in  Form  und  Stil  erinnert  an  die  belgischen  Dichter 
[S.  339;  man  wird  kaum  an  Verhaeren  denken  dürfen];  seltsam 
berührt  ein  Gedicht  [chaflf],  das  das  Treiben  der  Gentleman- 
Gesellschaft  mit  dem  Ball  als  Gipfel  des  Vergnügens  schildert:  der 
Ball  ist  der  ,Ort  der  Verderbnis'  (S.  340,  1);  der  Dichter  hat  er- 
sichtlich nur  an  die  öffentlichen  Bälle  der  Großstädte  gedacht."  — 
Endlich  sei  ein  Wort  erwähnt,  das  ich  von  einem  der  feinsten 
Kenner  der  türkischen  Literatur  hörte:  „Hamid  ist  der  moderne 
Schaich  Ghahb." 

Proben:  ßüjäk  S.  146:  1.  kurze  Äußerung  in  Prosa,  die  mit 
einem  Verse  des  bekannten  Nadschi  spielt,  betreffend  eine 
Sammlung  zum  Besten  von  islamischen  Ausgewanderten;  2.  ein 
„ungedrucktes  Stück"  aus  dem  Drama  „Turchan",  das  oben  ge- 
nannt wurde;  die  Verse,  Ansprache  der  Dame  Dilschad  Chatun 
an  eine  Volksmasse  (ramal),  finden  sich  im  Druck  von  1332 
S.  11,  9 — 12,  10.  —  NSM  S.  83  drei  einzelne  Strophen: 
1.  4  Verse  in  müzäri\  2.  4  Verse  in  kurzem  rubä%  3.  6  Verse 
in  rid)äH;  Hamid  sagte  von  diesen  Versen,  sie  seien  sonst  nicht 
gedruckt;  er  habe  sie  angefertigt,  als  man  von  ihm  einen  Beitrag 
erbat.  —  Bild:  1.  Büjük  S.  146;  2.  (ein  anderes)  NSM  S.  79  mit 
Versen  (miizäri^). 


2  6  llartmann, 

e»(XX)O0OC<XXX)OOO0<X)O0OO0<X)OCXXXXX)OO0OO0OOCXXXX>0C)OC<XXXX»OCXXXXX)C^^ 

2.  Dschenab  Schehabeddin  [gmah.  sehabeddin], 

„geboren  1276  [beg.  14.  März  1860]  in  Monastir,  Sohn  des  bei 
Plewna  gefallenen  Majors  Osman  Schehabeddin;  1293  [1877]  kam 
er  nach  Stambul  und  trat  in  die  durch  ihren  sorgfältigen  Sprach- 
unterricht bekannte  Faizije-Schule  ein;  dann  kam  er  auf  das  Gym- 
nasium; mit  großem  Eifer  studierte  er  Hamid  und  Ekrem,  bald 
auch  Fuzuli,  Nedim  und  Baki;  14 jährig,  verfertigte  er  Gazele 
{se^ädet,  safaq,  gelis,  tebät;  bei  der  frühreifen  Entwicklung  spielte 
V^ererbung  mit:  sein  Großvater  Mustafa  war  dtwän  effendisi  des 
Großwezirs  Chosrew  Pascha;  im  Nachlaß  seines  Vaters  fanden  sich 
Entwürfe  zu  einem  Stilbuch;  zwei  jüngere  Brüder  von  ihm  begannen 
auch  bereits  Werke  zu  veröffentlichen.  Als  er  noch  in  der  Ärzte- 
schule  war,  veröffentlichte  er  eine  Gedichtsammlung  unter  dem 
Titel  tämmät  „Unheil"  i;  1305  [1889]  reiste  er  nach  Beendigung  des 
Studiums  nach  Paris  [gleichzeitig  mit  seinem  Schulgenossen  Hüsein 
Su'ad],  blieb  dort  vier  Jahre  und  wurde  nach  der  Rückkehr  am 
Krankenhause  von  Haidar  Pascha  angestellt;  nun  beginnt  seine 
eigentliche  literarische  Tätigkeit;  da  er  in  Paris  gründliche  litera- 
rische Studien  getrieben  hatte,  empfand  er,  daß  unsere  Literatur 
sich  noch  in  einem  engen,  geistig  beschränkten  Kreise  bewege, 
und  daß  die  neuen  Theorien  und  die  westlichen  Kunstmethoden 
in  unserm  Lande  noch  nicht  gehörig  begriffen  werden  könnten; 
die  in  der  gebundenen  Rede  von  Abdulhakk  Hamid  und  Ustad 
Ekrem  herbeigeführte  Neuerung  hatte  durch  Nadschi 2  und  seine 
Nachahmer  eine  üble  Reaktionsperiode  durchgemacht;  es  war  noch 
eine  neue  und  entscheidende  Reform  nötig;  nun  fing  man  an  zu 
begreifen,  daß  die  Reform  sich  nicht  etwa  nur  auf  Prosa  und 
Poesie,  sondern  auf  das  ganze  Gebiet  der  Gedankenwelt  erstrecken 
müsse.  Dschenab  hatte  eine  Zeitlang  seine  von  einem  künstlerischen 
Hauche  beseelten  Gedichte  in  Zeitschriften  publiziert;  schließlich 
übernahm  er,  um  der  Bewegung  größere  Kraft  zu  geben,  die 
Schriftleitung  der  Zeitschrift  mekteb;  in  ihr  erschienen  die  Namen 
der    hervorragenden    Männer    jener    Zeit     wie    Husain    Dschahid, 

1  tämmät  wird  von  den  Wörterbüchern  (Zenker,  Sami)  nur  als  „Geschwätz"  erklärt 
(Sami:  sacma  sapan  sözler);  im  Arabischen  ist  tämma  „Unheil"  [dahija);  möglich, 
daß  der  Dichter  diesen  Sinn  hineinlegte ;  ein  gut  geschulter  Türke,  dem  ich  es  vorlegte, 
wußte  nichts  damit  anzufangen  und  bemerkte  witzig:  elma'^nä  fi  bafn  eHäHr  ,,der 
Sinn  ist  das  Geheimnis  des  Dichters". 

Über  den  ,, Professor  Nadschi"  und  seine  verhängnisvolle  Tätigkeit  siehe  die  Anmerkung 
zu  S.  33. 


n 


Dichter  der  iteiien    Türkei.  27 

ooooeoooocxxxxxxxxxxxxxx)CxxKX)oocxxxxxxxxxxxx)oo(X)00oooooooooooooooooooooc^^ 

Mehmed  Re'uf,  Sulaiman  Nazif,  Isma'il  Safa,  Tewfik  Fikret;  der 
Inhalt  des  Blattes  glich  in  keiner  Weise  dem  bis  dahin  in  Zeit- 
schriften Erschienenen;  in  dieser  kleinen  Wochenschrift,  die  eine 
Anzahl  Übersetzungen  aus  der  französischen  Literatur  über  Philo- 
sophie, Ästhetik  und  Kritik  enthielt,  war  das,  was  eigentlich  die 
Aufmerksamkeit  erregte,  die  feinen  und  zugleich  lehrreichen  Worte, 
mit  denen  Dschenab  Gegenstände  schilderte,  die  bis  dahin  nicht 
gehört  worden  waren;  trotz  des  Gespöttes  der  Außenstehenden 
war  Dschenab  ein  wirklicher  Reformer;  die  ein  wenig  später 
unter  dem  allgemeinen  Namen  „Neuliteraten"  {üdebäji  gedide)  in 
serweti  funün  sich  sammelnden  Jungen,  unter  ihnen  sogar  Fikret, 
konnten  sich  dieses  reformatorischen  Einflusses  Dschenabs  nicht 
erwehren.  Ein  wenig,  nachdem  Dschenab  unter  der  Ägide  von 
Tewfik  Fikret  und  Ustad  Ekrem  die  literarische  Leitung  von  serweti 
funün  übernommen  hatte,  schloß  er  sich  mit  seinen  sämtlichen  Ge- 
hilfen vom  mekteh  dem  senoeLi  funün  an;  bis  zur  Unterdrückung  des 
Uterarischen  Teiles  der  Zeitschrift  durch  Abdul  Hamid  (vgl.  S.  84) 
brachte  er  fortlaufend  kostbare  literarische  Beiträge;  sein  „Auf  der 
Pilgerfahrt",  das  bei  seinem  Besuche  des  Hidschaz  als  Hygiene- 
arzt zustande  kam,  seine  Artikel  über  westliche  und  östliche 
Literaturen,  seine  flüssigen  und  ansprechenden  Verse,  sicherten 
ihm  eine  hohe  Stellung  zwischen  Tewfik  Fikret  und  Chalid  Zija; 
besonders  die  nach  der  Revolution  von  ihm  verfaßten  Prosa- 
stücke büden  die  schönsten  Blätter  unserer  Literatur;  trotz  seiner 
25jährigen  Tätigkeit  bringt  er  immer  noch  kecke,  lebensvolle, 
frische  Werke  hervor;  während  bei  zahlreichen  Werken  seiner 
Kollegen  sich  die  zerstörenden  Spuren  der  Zeit  zeigen,  beweist 
die  Begeisterung,  die  jung  und  alt  für  die  Geisteskinder  Dschenabs 
allzeit  hegten,  ein  wie  glückliches  und  langes  Leben  sie  besitzen. 
Dschenab  wird  zu  den  vier,  fünf  großen  Meistern  unserer  modernen 
Literatur  gezählt  1.  Außerdem  daß  er  Mitglied  des  großen  Hygiene- 
rats ist,  hat  er  den  Posten  des  Generalinspektors  der  Abteilung 
für  Hygiene  inne"  (soweit  nach  dem  Anonymus  NSM  S.  84  f.).  — 
Die  entwicklungsgeschichtliche  Stellung  Dschenabs  liegt  nun 
völlig  klar  durch  seinen  eigenen  Bericht  in  nesri  harh  (siehe  unten); 
gerade  das  bescheidene  Zurücktretenlassen  seiner  Person  macht 
diesen    Bericht    glaubwürdig.     „Vor    etwa    20  Jahren",    erzählt    er 

1  Das  ist  eine  feststehende  Formel;  auch  Abdulhakk  Hamid  zählte  mir  die  „vier  großen 
Dichter  der  Zeit"  auf:  Dschenab  Schehabeddin,  Sulaiman  Nazif,  Riza  Tewfik,  Fa'ik 
Aali  (vgl,  S.  23). 


2  8  Hartmanriy 

OO©0OO0OOOOO0Oe00000<X)0O0OO0O0OOO0OO0OCI0OOO0OO0OOO0OOOOOOO0OOO(XXXXX>X)00OOO(XXXXXXXXXXXXiO^ 

S.  13,  „legte  eines  Tages  Fikret  in  der  Druckerei  von  Serweti 
Fünun  seine  schöne  Künstlerhand,  auf  meine  Schulter  mit  den 
Worten:  ,Dschenab,  ich  fühl's:  eine  neue  Literatur  ist  im  Werden; 
versprichst  du  mir,  mit  mir  zusammenzuarbeiten,  um  ihr  zum 
Leben  zu  verhelfen?'  An  jenem  Tage  wurde  der  Vertrag  ge- 
schlossen." Das  bedeutet,  daß  die  Initiative  zu  dem  Hervortreten 
mit  einem  neuen  Programm  von  Fikret  ausging;  dabei  bleibt 
bestehen,  was  Dschenab  selbst,  in  vollkommener  Pietät  gegen  den 
Meister,  nicht  einmal  andeutet,  daß  er  ein  Neues  in  diesen  Kreis 
hineintrug,  ohne  freilich  bei  den  Alteren,  Fikret  und  Chalid  Zija, 
eine  vollkommene  innere  Wandlung  herbeiführen  zu  können  (vgl. 
die  Ausführungen  in  „Synthese",  hier  S.  32).  Das,  was  Dschenab 
so  anmutig  und  so  beliebt  macht  (meine  Notiz  über  sein  Zurück- 
treten hinter  Mehmed  Emin  Brief e  S.  157  [danach  I,  14]  darf  nicht 
verallgemeinert  werden:  Mehmed  Emin  stand  eben  auf  der  Höhe 
seines  Modetriumphes),  ist  sein  goldener  Humor,  der  ihm  schon  aus  den 
Augen  schaut  (sein  vergnügtes  Gesicht  in  New  Sali  MUH  S.  82  und 
ßüjük  S.  159  ist  die  beste  Kennzeichnung  des  Mannes),  damit  zu- 
sammenhängend die  Freiheit  von  Sentimentalität  und  Weltschmerz  (in 
diesem  Sinne  ist  seine  Benennung  als  türkischer  Alfred  de  Musset, 
Briefes.  107  f.  und  danach  Hacht  mann  S.  1 1  f .  zu  verstehen).  Gut 
verzeichnet  Hachtmann  (S.  1 1  f.)  die  Spuren  der  „Schwindsuchtsmanie", 
die  sich  in  dem  sonst  kerngesunden  hagg  jolunda  finden.  Dagegen 
entging  Hachtmann  das  für  den  Menschen  und  Dichter  Dschenab 
wichtige  hi/äli  girjän  (in  Donanma,  siehe  IS.  13,  40  ff.)  mit  der  tief- 
empfundenen Klage  um  das  Vaterland.  —  ewräqi  aijäm  „Blätter 
der  Tage"  ^Stambul  S.  133  [1915]):  das  ist  so  recht  der  Ausdruck 
des  Sinnes  (ich  denke,  unser  gutes,  kurzes  „Sinn"  sagt  in  den 
meisten  Fällen  mehr  als  „Mentalität",  das  viele  nicht  entbehren  zu 
können  glauben)  Dschenabs;  frei  von  der  Leber  weg  redet  er 
über  die  großen  Fragen,  die  für  die  moderne  Türkei  von  Lebens- 
bedeutung sind:  Frauenfrage,  Literatur,  Politik,  Presse  und  anderes. 
Ich  gebe  hier  nur  einige  Titel:  Presse  (S.  4 — 3s)y  Die  Philosophie 
des  Witzes  (S.  37 — 44),  Spaziergang  in  Stambul  (S.  61  —  85),  Zur 
Frauenfrage  (S.  100 — 118,  S.  129—163,  S.  196 — 199,  S.  232—247), 
Zur  Politik  (S.  200 — 205),  ZiviHsation  und  Kultur  (S.  172 ff.,  S.  215 
bis  218),  Literatur  (S.  248 — 257),  Polemik  gegen  Ali  Dschanib  (S. 
164 — 171),  Lehrhaftes  (Briefe  an  seinen  Sohn,  S.  258 — 302,  S.  309 
bis  316).  Auf  allen  Gebieten  sucht  Dschenab  das  Abgestorbene 
zu  retten;  sein  Trick  ist,  das,  was  an  seine  Stelle  treten  soll,  schlecht 


I 


Dichter  der  neuen    Türkei.  29 

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zu  machen,  seine  schwachen  Seiten  ins  Lächerliche  zu  ziehen;  das 
fällt  ihm  nicht  schwer,  da  auch  im  Orient  von  den  Neuerern  mit 
der  Phrase  gesündigt  wird  und  dadurch  die  Wesenheiten  verschoben 
werden.  Dabei  ist  er  aber  nicht  blind  gegen  die  Mängel  des 
Systems,  das  sich  gegen  jede  Neuerung  sträubt.  Das  geht  so 
weit,  daß  er  die  starken  Geißelungen  des  osmanischen  Lebens, 
die  Dschelal  Nuri  in  seinem  „Osmanischer  Niedergang  und 
Historische  Vorherbestimmungen"  vornahm,  mit  Dank  als  eine 
bittere  Medizin  begrüßte,  die  jeder  genießen  müsse  (S.  181);  die 
„Offenen  Briefe"  an  Dschelal  Nuri  sind  voll  von  vortrefflichen 
Bemerkungen,  angeregt  durch  die  Erzeugnisse  dieses  etwas  zu 
hastigen  und  undisziplinierten  Geistes,  bei  dem  in  der  Tat  der 
Mangel  an  Selbstzucht  ein  schönes  Talent  zu  einem  Werkzeuge 
von  nur  mäßig'em  Nutzen  herabgedrückt  hat.  —  Was  Dschenab 
zur  Frauenfrage  schreibt,  erhebt  sich  weit  über  das  gewöhnliche 
Gerede  der  türkischen  Zeitungsschreiber  und  zeigt  Vertrautheit 
mit  der  europäischen  Literatur,  wenigstens  der  französischen  (siehe 
besonders  die  Auseinandersetzung  mit  Salah eddin  Aasym  Bej 
in  „Eine  Lebensfrage",  S.  114 — 132).  Dschenab  dürfte  der  unter 
den  modernen  Türken  sein,  der  am  meisten  Mannigfaltiges  gelesen 
hat.  So  hat  er  auch  einen  Blick  für  literarische  Werte,  der  freilich 
getrübt  wird  durch  persönliche  Sympathie  und  Antipathie.  Wertvoll 
ist  das  Stück  der  Serie  „Die  Philosophenecke"  (S.  2  25 ff.),  das  sich 
mit  der  „Literatur"  beschäftigt  (S.  248 — 257),  und  in  dem  berühmte 
Leute  .unter  fingiertem  Namen  ihre  Ansicht  vertreten.  In  den 
Worten  des  Ali  Raschid  am  Schlüsse  dürfen  wir  wohl  die.Meinung 
Dschenabs  finden:  daß  er  dabei  Fikret  als  den  hinstellt,  der  in 
der  „Zerbrochenen  Leier"  der  verzweifelten  Empörung  der  Nation 
einen  Ausdruck  gefunden,  ist  wohl  verständlich,  weicht  übrigens 
nicht  unerheblich  von  denen  ab,  die  Fikret  einen  faden  Kos- 
mopolitismus andichten;  eine  Überraschung  aber  ist  es,  daß  er  für 
das  sogenannte  Dekadententum  eintritt.  Anders  können  wir  es 
wohl  nicht  auffassen,  wenn  er  schließt  (S.  257):  Wir  suchten  nach 
einem  herben  Stil,  der  der  Bastardphilosophie  unserer  Zeit  ange- 
messen wäre;  was  wir  fanden,  nannte  man  „Dekadententum"  [de- 
qadanlr/qY.  Daß  dieser  unzweifelhaft  urteüsfähige  Mann  seiner 
Skizzensammlung  einen  heftigen  Angriff  auf  Ali  Dschanib  ein- 
gefügt hat  (S.  164 — 171),  hat  mich  schmerzlich  berührt.  Unter 
„Antwort"  richtet  er  an  Ali  Dschanib  einen  offenen  Brief,  in 
dem  er  den  etwa  30  Jahre  jüngeren  Dichter  wie  einen  Schulknaben 


30  Hartmann, 

CC)OO0OGOOOO(XXXXXXXXXXXX>3OOOOCXX)OOC)OOOOOOOOOCXXXXXXXXXXXXXOCXD<XXX^^ 

abkanzelt,  doch  ohne  sich  an  dessen  literarischem  Ruhm  zu  ver- 
greifen. Davor  bewahrte  ihn  sein  guter  Geschmack.  Er  antwortet 
nur  mit  Witz  auf  Ali  Dschanibs  Angriffe  und  erwidert  mit  Ver- 
spottung des  „Villenargot",  das  die  Leute  von  Salonik  an  die  Stelle 
des  Hofargots  setzen  wollten;  er  bleibt  übrigens  bei  dieser  Gegen- 
offensive völlig  vornehm  und  zeigt  eine  Toleranz,  die  sich  die 
Feuerköpfe  und  Umstürzler  zum  Muster  nehmen  müßten  deswegen, 
weil  sie  kein  klares,  großes  Ziel  haben  und  in  Verfolgung  ihres 
kleinen  sich  klein  gezeigt  haben.  Köstlich  sind  die  Sätze, .in  denen 
Dschenab  seine  Eigenart  schildert  (S.  165 f.),  immer  die  Gegen- 
sätze zu  suchen  und  sie  mit  heiterem  Lachen  zu  überwinden,  und 
zum  Schluß  seinen  Glauben:  „Es  gibt  keine  Theorie,  die  vollkommen 
unfruchtbar  wäre.**  Auf  seinem  eigensten  Gebiete  treffen  wir 
Dschenab  an  in  „Die  Philosophie  des  Witzes"  (S.  37 — 44);  er 
bereitet  uns  insofern  eine  Enttäuschung,  als  er  das  ganze  Stück 
hindurch  nur  von  Witzschreibern,  im  besondern  Witzblättern  spricht 
und  die  Gegenstände  und  Methoden  satirischer  Behandlung  er- 
örtert; von  der  feinen  Äußerung  eines  witzigen  Geistes,  die  sich  als 
„romantische  Ironie"  darstellt  und  die  gewöhnlich  mit  dem  Humor 
gepaart  ist,  kein  Wort.  Eine  zweite  Auseinandersetzung  mit  Ali 
Dschanib  findet  sich  in  der  jüngsten  Publikation  Dschenabs: 
nesri  liarh,  nesri  siilh  weterjaki  sözleri  (Konstantinopel,  Eljas  [Buch- 
handlung Kinaat],  S.  1334h  [1916],  192  S.  kl.-80)  [Mein  Referat 
darüber  in  „Neuer  Orient"  Bd.  I,  S.  349 f.,  hier  „Ref."]:  auch  hier 
kämpft  Dschenab  unbegreiflicherweise  und  ersichtlich  unter  dem 
Einflüsse  einer  Gesamtanschauung,  die  mit  diesem  Punkte  nur  in 
entferntem  Zusammenhange  steht,  gegen  das  volkstümHche  Türkisch, 
das  ihm  eine  „SprachverhäßHchung"  darstellt.  In  dem  Banne  eines 
in  Stambul  sehr  verbreiteten  Irrtums  behauptet  Dschenab  hier, 
ein  Brief  in  dem  „klassischen"  Türkisch  würde  in  Kaschgar  leichter 
verstanden  werden  als  in  Volksosmanisch;  aber  in  Kaschgar  ist 
die  Kenntnis  des  „Tschagatai",  d.  h.  der  unnatürhchen  Ziersprache 
im  Gegensatz  zum  „Turki"  nur  wenig  verbreitet.  Im  übrigen 
enthält  nesri  harh  zahlreiche  bedeutende  und  anregende  Äußerungen 
(die  über  Fikret  sind  oben  erwähnt).  Im  Juni  1917  erschien  von 
ihm  das  dramatische  Werk  (Komische  Szenen)  „Kör  Ebe"  (Blinde- 
kuh), deutsch  wiedergegeben  in  ,yDi@  Neue  Türkei"  (Juli — September 
1917).  Die  Urteile,  die  Halide  Hanum  und  Fazyl  Ahmed  über 
ihn  bei  dem  Interview  durch  Ruschen  Eschref  fällten,  sind  nicht 
allzuweittragend.     Halide   läßt    sich    so    vernehmen:    „Dschenab 


Dichter  der  nexien   Türkei.  31 

000000000<XXX)OeOOOOOO(X)OOOOOOCKDCOCIOOOOCXDOC)C)OOOCKX10C^^ 

ist  ein  Prosaist,  der  neben  ein,  zwei  Liebesgedichten,  korrekt 
schreibt,  ein  gut  stilisierender  Plauderer,  ein  Mann  mit  Esprit"  {Türk 
Jurdu  ^r.  144  S.  3591).  Fazyl  Ahmed  sagt  {Tärk  Jurdu  Nr.  146 
S.  3620):  „Ich  habe  Dschenab  zuerst  bewundert;  seine  Hauptkraft 
hat  aber  erst  nach  der  „Neuen  Literatur"  angefangen;  seine 
wichtigsten  Werke  hat  er  nach  der  Revolution  geschrieben;  er 
hat  aber  seine  neuen  Gedanken  in  altem  Stil  vorgebracht,  und 
deshalb  hat  die  junge  Welt  dem  Meister  Nasenstüber  gegeben; 
er  ist  ein  großer  Bildhauer,  er  verdirbt  aber  seine  Werke,  indem 
er  ihnen  Schminke  aufträgt."  Das  ist  eine  vortreffliche  Charakte- 
ristik, wie  auch  sonst  Fazyl  Ahmed  in  der  knappen  Schilderung 
der  Persönlichkeiten  Meister  ist.  Sie  besagt  nicht  mehr  und  nicht 
weniger,  als  daß  Dschenab  abgedankt  hat.  Der  Nachwuchs  hat 
freihch  keinen  Anlaß,  mit  Geringschätzung  auf  ihn  zu  blicken:  die 
meisten  reichen  bei  weitem  nicht  an  ihn  heran:  Dschenab  kennt 
vor  allem  den  Wert  und  die  Bedeutung  der  ernsten  Arbeit,  und 
an  der  lassen  es  die  jungen  „Dichter"  meist  fehlen;  sie  glauben,  mit 
ein  paar  hingehauenen  Strichen  das  erwerben  zu  können,  was 
Dschenab  witzig  nennt:  suhreti  sahile  „leichter  Ruhm".  Wenn 
Dschenabs  Name  in  der  Entwicklungsgeschichte  der  Osmanischen 
Literatur  einen  festen  Platz  hat,  so  verdankt  er  das  dem  Ernst,  mit 
welchem  er  an  die  literarische  Arbeit  herantrat.  —  Da  Hörn  den 
durchaus  in  sein  Gebiet  gehörenden  Dschenab  nicht  erwähnt,  hat 
Hachtmann  ihn  in  sein  „Zwanzigstes  Jahrhundert"  aufgenommen. 
Richtig  hebt  er  an  Dschenab  den  Humor  hervor  und  sieht  in 
hagg  jolunda  ein  echt  türkisches  Erzeugnis.  —  Übersetzt  ist  von  ihm: 
„Den  Waisen  der  Gefallenen"  in:  „Die  Islamische  Welt",  Januar  1917 
(nach  H2  S.  76);  außerdem  Stücke  aus  hagg  jolunda.  Weiteres  zu 
seiner  Charakteristik  siehe  S.  54.  —  Bild  NSM  S.  82  mit  Versen 
[chaßf].  —  Proben:  1.  „Aus  den  rebtljät,  Frühlingsgedichten"  [freie 
Verse];  2.  „Über  unsere  Frauen  —  An  Dschelal  Nuri  Bej  Effendi" 
(Prosa).  —  Büjük:  Bild  S.  159.  —  Probe  S.  159  f.:  derwts  [chaßf], 
gewidmet  Fa'ik  Aali.  —  Donamna  Nr.  56  S.  123  hiläli  gvjän  „Der 
weinende  Halbmond",  nach  der  Anmerkung  „gedichtet  in  den 
dunkelsten  Tagen  des  Balkankrieges"  [Kurz-ru6ä'^];  trotz  der  Zier- 
sprache verleugnet  sich  in  diesen  Versen  nicht  das  über  den  nahen 
Untergang  des  Vaterlandes  und  der  Nation  blutende  Herz.  Bei 
Hörn  fehlt  dieser  bedeutende  Dichter,  der  nur  acht  Jahre  jünger 
ist  als  Abdulhakk  Hamid.  Ich  höre,  daß  Dschenab  wegen  seiner 
satirischen  Ader    gefürchtet  ist;    er  gilt  als  der  eifrigste  Vertreter 


32  Hartmnnn, 

O000CXXX)000000G00CO00(XXX)00000000000O00CKXXXXXX)CXXO(XXX)00000OOOOC)<>D^^ 

der  metrischen  Poesie.  1915  reiste  er  in  Deutschland  und  sandte 
dem  „teswlri  efkär"  eine  Anzahl  flüssig  geschriebener  Korre- 
spondenzen. —  1909  besaß  Dschenab  Schehabeddin  das  Herz  der 
jüngeren  Generation;  man  nannte  ihn  den  türkischen  Alfred 
de  Musset  (Briefe  S.  107  f.);  das  wül  nicht  viel  sagen  (vgl.  Hacht- 
mann  S.  1 1  f.).  Bezeichnend  ist  die  Ablehnung  von  Fikret  und 
Dschenab  an  einem  Vortragabend,  wo  sie  hinter  den  volkstüm- 
lichen Modernen  Mehmed  Emin  und  Riza  Tewfik  zurücktraten 
(Briefe  S.  157).  Wenn  ein  Mann  wie  der  eigensinnige  Altsprachler 
Nizami  Schehabeddin  auf  das  Piedestal  stellt,  so  ist  das  ein  Miß- 
verständnis: Schehabeddin  hat  seine  Intelligenz  bewiesen,  indem 
er  die  Anregung  der  neuen  Zeit  wiUig  aufnahm,  wenigstens  hin- 
sichtlich der  metrischen  Form:  seine  freien  Verse  in  New  Sali 
MiUi  sind  Beweis;  in  der  Sprache  freilich  herrscht  noch  die  alte 
Ziersucht:  gesti  guUstän  etmek,  harlsi  sme,  husni  mch  u.  dgl.  m.;  ge- 
danklich steht  das  metrische  „derwts^'  (in  Büjük)  höher;  das  „Früh- 
hngsgedicht"  ist  ein  frostiger  Witz:  „wir  wollen  an  deinen  seidenen 
Busen  legen  eine  im  Rhythmus  schwingende  Rose,  eine  im  Reim 
schwingende  Empfindung".  Das  von  Weltverachtung,  Bummellust 
und  Genußfreudigkeit  strotzende  Lied  des  Derwisches  bewegt 
sich  in  bekannten  Geleisen.  Gelegentlich  hört  man:  „Dschenab 
Schehabeddin  hat  sich  völlig  bekehrt,  er  dichtet  nicht  mehr  nach 
dem  alten  Metrum";  das  ist  irrig;  für  Leute  wie  er  wird  das  alte 
Metrum  immer  das  feierliche  sein,  und  sie  werden  gern  eine 
Fertigkeit  zeigen,  über  die  die  Jungen  häufig  nur  spotten,  weil  sie 
sie  nicht  besitzen.  Von  den  metrisch  Geschulten,  deren  es  auch 
unter  den  Jungen  gibt,  wird  ihm  vorgeworfen,  daß  seine  Verse 
technisch  nicht  einwandfrei  sind;  so  finde  sich  di  als  tun  in 
fa^ilätun,  während  es  kurz  ist.  Der  Meister  der  technischen  Korrekt- 
heit ist  Fikret:  streng  logisch  im  Gedanken,  hat  er  nie  einen 
Fehler  in  der  Form;  so  schuf  er  eine  Schule.  Dschenab  Schehabeddin 
ist  Fikret  überlegen  an  Phantasie  und  kühnen  Gedanken,  unter- 
geordnet in  literarischer  Schulung  (einen  kleinen  Angriff  auf  die 
technische  Untadeligkeit  Fikrets  kann  sich  ömer  Seifuddin 
nicht  versagen,  siehe  S.  38,  7  ff.;  es  ist  in  der  Tat  seltsam,  daß 
Fikret  durch  das  Schriftbild  geleitet,  die  Ungeheuerlichkeit  be- 
geht, ja  von  jara  „Wunde"  als  Länge  zu  brauchen).  —  Als  Dschenab 
Schehabeddins  beste  Stücke  gelten  eUmni  hitä  „Winterlieder"  und 
pijänö  „Piano". 


.'T 


fcj 


Sulaiman  Nesib 

(Sulairaanpaschazade  Sarai) 


Dichter  der  neuen    Türkei.  33 

D00OO00O00O00000<XXXXXX)000000000O(XXXXXXXXX)000<XXXX)000000C»00000000C^^ 

3.    Sulaiman    Nesib    [sulaimän  neslb], 

„geboren  1283  [1867],  hieß  eigentlich  Sami,  Sohn  des  verstorbenen 
Sulaiman  Pascha,  des  Siegers  von  Schipka,  der  mit  Midhat  zu- 
sammen für  die  Konstitution  wirkte  und  die  Revolution  von  1292 
[1876]  ins  Werk  setzte;  als  sein  Vater  im  Beginn  der  Regierung 
Abdulhamids  als  Belohnung  für  seinen  patriotischen  Eifer  verbannt 
in  Bagdad  leben  mußte,  studierte  Sami  in  der  Milkije;  das  war  ein 
bitteres  Los,  denn  er  hing  mit  starker  Liebe  an  seiner  Familie;  er 
strömte  seinen  Schmerz  in  Gedichten  aus;  schon  damals  warf  er 
sich  mit  aller  Kraft  auf  die  französische  Literatur;  sein  starker 
junger  Geist  neigte  dem  Neuen  zu;  es  war  damals  die  von  Nadschi 
herbeigeführte  literarische  Stagnation;  wie  unerträglich  war  für 
diesen  Geist,  der  mit  dem  Genie  Abdulhakk  Hamids  in  Berührung 
gekommen  war,  der  bei  Ustad  Ekrem  in  die  Schule  gegangen  war 
und  mit  dem  literarischen  Hochstand  Europas  gründlich  vertraut 
war,  die  von  Nadschi  und  seinen  Parteigenossen  herbeigeführte 
literarische  Reaktion  ^l  Damals  pflegte  er  in  dem  alten  „Caf6  der 
Abgesetzten"  {nia'zülln  qahwechäyiesi)  gegenüber  der  Hohen  Pforte 
mit  seinen  Kameraden  zusammenzutreffen,  mit  den  Nadschi-Leuten 
im  Dichterwettstreit  sich  zu  messen  und  ihnen  zu  beweisen,  daß 
auch  die  Jungen  imstande  seien,  Verse  nach  der  alten  quantitieren- 
den  Art  zu  machen;  die  Ghazele,  die  dabei  herauskamen,  schickten 
sie,  indem  jeder  seiner  Unterschrift  das  Wort  Mu'allim  „Professor" 
hinzusetzte,  an  die  Zeitungen.  Nachdem  Sami  die  Schule  verlassen, 
ergriff   er   den  Lehrerberuf;    er  wurde  Direktor   der  Gymnasien  in 

1  Die  Entrüstung  der  heutigen  Generation  über  „Mu'allim  Nadschi"  ist  allgemein;  dieser 
„Professor  Nadschi"  ist  der  Typus  des  armseligen,  kleinlichen  Schulmeisters,  der  sich 
jedem  Neuen,  Großen  entgegenstemmt.  Die  Leute,  die  seine  ,, berühmte"  sünbüle  ins 
Deutsche  übersetzten  und  für  die  dieses,  auf  der  Stufe  einer  Erzählung  für  die  weibliche 
Jugend  stehende  Opusculum  ein  Beispiel  der  modernen  osmanischen  Literatur  ist,  ahnen 
nichts  von  dem  Geiste,  der  in  den  Besten  schon  zur  Zeit  Nadschis  lebte  und  der  sich 
gegen  die  Tendenz,  das  Volk  mit  nichtssagenden  Kindlichkeiten  zu  füttern,  durchgesetzt 
hat.  Als  Kinderbuch  mag  sünbüle  seinen  Platz  behalten.  Natürlich  hat  auch  dieser 
Mann  seinen  Lobredner  gefunden:  ein  IsmaMl  Hakki,  Oberschreiber  in  der  Kanzlei 
für  Konsularsachen,  hat  ihm  in  der  Sammlung  osmanly  meSäMr  üdebäsy  das  Heft 
Nr.  I  gewidmet,  Stambul,  131 1  [1895],  120  S.,  12°  (derselbe  Hakki  gab  dort  auch 
die  Vitae  von  Dschewdet  Pascha,  Schemsuddin  Sami  und  Ekrem  heraus).  Das  Ding 
ist  nicht  ganz  ohne  Interesse.  Einer  der  letzten  Bekämpfer  der  Neuen  ist  Mehmed 
Nizami  (er  starb  März  191 6,  war  Schwiegersohn  Ahmed  Rasims):  über  seinen  wütenden 
Angriff  auf  den  Türk  Derneji  in  ittihäd  vom  27.  August  1325  (9.  9.  1909)  siehe 
Briefe  S.  48  ff. 

Urkunden  und  Untersuchungen.     3.  3 


34  Hartinann, 

ßrussa  und  Bagdad,  dann  des  Unterrichtswesens  in  Brussa,  dann 
des  Elementarschulwesens  im  Unterrichtsministerium,  dann  des 
Unterrichtswesens  in  Stambul  und  schließlich  Mitglied  des  Großen 
Unterrichtsrates;  eine  Zeitlang  war  er  Direktor  des  Hochschul- 
wesens; auch  bekleidete  er  das  Rektorat  an  der  Universität. 
Sulaiman  Nesib  stand  zwischen  der  literarischen  Epoche,  die  durch 
die  Namen  Chalid  Zija  und  Fikret  gekennzeichnet  ist^,  und  der 
Jugend,  die  entschlossen  war,  der  literarischen  Reaktion  den  töd- 
lichen Streich  zu  versetzen;  damals  war  es  unmöglich,  unter  eigenem 
Namen  zu  schreiben;  so  nahm  auch  Sami  einen  falschen  Namen  an 
in  Anlehnung  an  den  seines  Vaters,  «in,  scheint  mir,  höchst  feiner 
Spott  für  den  Tyrannen  [er  nahm  offen  an  der  jeni  /isän-Bewegung 
teil;  wenigstens  erscliienen  von  ihm  Gedichte  in  geng  qalemler: 
in  Nr.  3  S.  121  und  in  Nr.  8  S.  137].  In  Sulaiman  Nesibs  Werken 
findet  sich  ein  feines  Empfinden,  ein  feiner  Schmerz,  ein  feines 
Denken;  es  liegt  in  ihm  gleichsam  eine  heimliche  Trauer,  und  doch 
reden  sie  und  wecken  Empfindung;  besonders  hervorstechend  ist 
die  moraHsche  Reinheit  bei  ihm;  in  seinen  glühendsten  Minuten 
bleibt  er  immer  gütig,  es  lebt  in  ihm  ein  geistiger  Warner  [rubäH']: 

'Komm  endlich  herbei,  gütige  Hand,  wegzeigende  Hand, 
Laß  uns  erkennen,  Licht  der  Wahrheit,  überzeuge  uns, 
Laß  erkennen,  daß  es  Lüge,  alles  Lüge,  alles  Lüge  ist, 
Laß  erkennen,  daß  Worte  wie  „Gerechtigkeit",  „Zivilisation" 
Doch  wieder  Blut  und  Blut,  doch  wieder  Gewalttat  im  Namen 

des  Rechts  bedeuten. 
Es  ist  nun  endlich  genug;  lehre  die  Menschen  Menschlichkeit!' 

Die  Biographie  NSM  S.  283  f.  ist  von  Schehabeddin  Sulaiman. 
Sein  Bild  S.  282.  —  Probe  S.  285  f.  hant/  „wo?"  [chaflf  mit  ver- 
schlungenen Reimen],  ein  gewöhnliches  Liebesgedicht.  —  Büjük 
S.  165  Bild  und  Probe  inilti  „Seufzer"  (silbenzählend)  vom  21.  6.  1329 

1  Man  begegnet  in  türkischen  Arbeiten  über  die  moderne  Literatur  häufig  dieser  Zu- 
sammenstellung: „Periode  Fikret-Chalid  Zija";  es  ist  bemerkenswert,  daß  hierbei 
der  erste  Dichter  fast  immer  in  der  kürzeren  Namensform  erscheint,  während  Chalid 
Zija  hier,  wie  auch  sonst  stets,  mit  seinem  vollen  Namen  genannt  wird.  Daneben  ist , 
beliebt  die  Zusammenstellung  Fikrets  mit  Dschenab  Schehabeddin,  z.  B.  Briefe  S.  50,  157; 
beachte,  wie  Dschenab  Schehabeddin  durch  seinen  Übergang  in  das  feindliche  Lager 
in  eine  bessere  Stellung  gegenüber  Fikret  gerückt  ist:  Briefe  S.  107  f.  Die  Stellung, 
die  hier  Sulaiman  Nesib  zwischen  den  Zahmen  und  den  Stürmern  angewiesen  ist, 
spricht  sich  auch  darin  aus,  daß  er  sich  herbeiließ,  in  dem  silbenzählendcn  Versmaß 
zu  dichten  (Probe  in  Büjük). 


Dithter  der  neuen    lurkei.  35 

[4.  7.  1913];  der  Dichter  schildert,  wie  von  Berg-  und  Tal  des 
Vaterlandes  Seufzer  aufsteigen;  sie  klingen  auch  dem  Söhnchen 
des  Dichters,  das  er  anredet,  schön;  dieses  soll  aber  das  Seufzen 
lassen;  es  sei  eine  Schande;  die  Mütter  sollen  lachen,  die  Feinde 
sollen  seufzen. 

Sulaiman  Nesib  starb  am"  28.  September  1917  in  Konstantinopel. 
2\'irk  Jurdn  (Nr.  145  vom  11.  10.  17  S.  3611)  widmete  ihm  einen  Nach- 
ruf, der,  ein  schönes  Zeichen  der  Unparteilichkeit  der  Nationalisten, 
seine  Verdienste,  vor  allem  seinen  aufrichtigen  Charakter  rühmend 
hervorhebt;  dabei  wird  wahrheitsgemäß  festgestellt:  „obwohl  Sami 
nicht  alt  geworden  ist,  gehört  er  zu  unsern  Literaten,  die  ijire 
Schule,  ihr  Programm  historisch  geworden  sehen".  Dem  Nachruf 
folgten,  aus  Sabah,  Teswiri  Efkar  und  Ikdam  abgedruckt, 
Lebensabrisse  und  Würdigungen.  Teswir  ist  überschwänglich  im 
wStile  des  Verstorbenen:  unter  nichtssagenden  Phrasen  werden 
Stücke  aus  den  Proben  in  New  Sali  Milli  (S.  284 ff.,  vgl.  I  S.  16) 
abgedruckt:  es  wird  nicht  einmal  empfunden,  wie  kompromittierend 
für  den  Verstorbenen  diese  Klagerei,  diese  Abgewandtheit  vom 
Leben  ist;  in  Wirklichkeit  hat  Sulaiman  Nesib  dem  großen  Werk 
der  nationalen  Hebung  sein  Interesse  geschenkt  und  war  Vor- 
sitzender der  „Gesellschaft  für  nationalen  Unterricht  und  Erziehung", 
auch  Mitglied  der  „Kommission  für  Originalarbeiten  und  Über- 
setzungen" am  Unterrichtsministerium.  Etwas  rauh,  aber  wahr 
sind  die  Worte  Ahmed  Emins  (aus  Sabah):  Sami  Bey  war  mit 
48  Jahren  gebrochen  .  .  .  ,  wie  es  sehr  viele  gibt,  die,  wie  er,  früh 
•  dem  Leben  Valet  sagen,  so  gibt  es  auch  viele  seinesgleichen,  die 
krank  an  Körper  und  Geist  leben".  Es  ist  nicht  recht  verständlich, 
wie  die  Begründer  der  edebijati  'umümije  megmü'asy  „Zeitschrift 
für  Allgemeine  Literatur",  des  im  Oktober  1916  geschaffenen  Organs 
der  Gruppe,  die,  an  dem  Alten  festhaltend,  der  jungen  starken 
Bewegung  im  politischen  und  kulturellen  Leben  des  Landes  sich 
entgegenstemmt,  Sami  als  einen  der  Förderer  und  Mitarbeiter  in 
die  Redaktionsgruppe  aufnehmen  und  Gedichte  von  ihm  abdrucken 
konnten.  Sein  letztes  Gedicht  erschien  in  Nr.  24  vom  14.  April 
1916,  S.  407  (datiert  vom  28.  September  1916):  „Ruhebedürfnis", 
es  heißt  darin:  „Mein  Denken  schaut  mit  phantasielosen  Blicken". 
Das  bedeutet,  daß  das  Wenige  von  kräftiger  Lebensbejahung,  das 
seine  Aufnahme  in  meine  Reihe  mir  gerechtfertigt  erscheinen  ließ, 
sofern  es  in  der  Jugend  nicht  ohne  Einfluß  auf  die  Entwicklung 
geblieben  war,  erloschen  war.     Anzuerkennen  ist,    daß  er  an    dem 

3* 


3  6  .  Hartmann, 

Kampfe  gegen  die  Pedanterie  und  das  oberflächliche  Traditions- 
treiben des  Mu'allim  Nadschi  teilnahm  und  sich  nicht  eigen- 
sinnig der  Zählvers-(Ai^e  tr«2ui)-Strömung  entgegenstemmte.  So 
nahm  er  eine  Mittelstellung  ein,  und  Fa'ik  Aali  (Nr.  4)  widmete 
ihm  den  ersten  Teil  seines  temätll.  —  Im  einzelnen  bemerke  ich 
noch:  Etwas  gar  zu  häufig  wendet  Sulaiman  Nesib  die  Wieder- 
holung an:  jalan  hepsi  jalan  hepsi  jalan  NSM  S.  284,  12  {Über- 
setzung hier  oben);  ebenda  S.  286,  5  hepsi  hepsi  chajäl;  S.  286,  lo 
titresem  titresem.  Das  Motiv:  „es  ist  alles  Lüge",  „es  ist  alles 
Schein"  kehrt  oft  bei  den  Dichtern  vor  1914  wieder.  Sami  ist 
ein  getreuer  Interpret  der  verzweifelten  Stimmung,  in  der  sich 
alle  Strebenden  unter  der  Verfolgung  durch  Abdulhamid  und 
seine  Werkzeuge  befanden.  Nach  persönlichen  Nachrichten 
wurde  Sulaiman  Nesib  besonders  geschätzt  wegen  seines  Geistes 
der  Unabhängigkeit. 

4.  Fa'ik  Aali  [fä'iq  'älf\, 

j.geboren  1292  [1876]  in  Dijarbekir,  Sohn  des  Dijarbekirli  Sa'id 
Pascha,  des  Verfassers  von  mlzän  eVedeh;  absolvierte  die  Mükije  in 
Stambul;  aus  seiner  Familie  sind  eine  ganze  Anzahl  hervorragender 
Persönlichkeiten  in  Dichtung  und  Kunst  hervorgegangen;  hoch- 
begabt schrieb  Fa'ik  Aali  schon  früh  Gedichte,  in  denen  sich  seine 
spätere  Richtung  zeigt;  er  war  der  eifrigste  Verehrer  des  großen 
Hamid,  andererseits  wandte  sich  der  junge  Dichter  dem  Westen, 
und  zwar  besonders  Victor  Hugo  zu;  sobald  Fikret  und  Chalid  Zija 
die  neue  literarische  Bewegung  ins  Leben  gerufen  hatten,  schloß 
sich  der  junge  Dichter  ihnen  an:  unermüdlich  übte  er  in  Serweti 
funun  seine  Tätigkeit,  bis  er  von  Abdul  Hamid  kaltgestellt  wurde; 
auch  er  litt  unter  den  geheimen  Verfolgungen,  bis  er  durch  den 
Einfluß  hoher  Freunde  frei  kam;  die  in  Serweti  funun  publizierten 
Arbeiten  stellte  er  nach  der  Revolution  in  dem  Bändchen  fänl 
teselliler  „Vergängliche  Tröstungen"  zusammen;  in  Stil  und  Gedanken 
unterscheidet  er  sich  von  den  Genossen  vollkommen;  das  Fikret 
und  Dschenab  und  ihren  Genossen  Gemeinsame  findet  sich  bei 
Fa'ik  Aali  nicht,  man  kann  ihn  vielmehr  als  direkten  Nachfolger 
Hamids  bezeichnen,  an  dem  er  seit  der  frühesten  Jugend  mit  der 
größten  persönlichen  Verehrung  hing;  andererseits  scheidet  er  sich 
von  Hamid  durch  die  Mannigfaltigkeit  seiner  Gegenstände  und  die 
besondere  Sorgfalt  seiner  Sprache;  nach  der  Revolution  trat  er  in 


Fa'ik  Aali 


Dichter  der  neuen    Türkei.  i'] 

0CX»000CXX»0000<X)00C)000C>DCXXXXXXX)(XXXX)00000CO000000000^^ 

eine  neue  noch  reichere  Periode  ein;  in  allen  Zeitschriften,  die  seit 
fünf  Jahren  erscheinen,  stößt  man  auf  den  Namen  Fa'ik  Aali,  und 
seine  Beiträge  würden  drei,  vier  Bände  büden;  außerdem  brachte 
er  zwei  Gedichtsammlungen:  „Midhat  Pascha"  und  „Vaterländische 
Melodien"  [elhäni  watan]  heraus;  nach  Absolvierung  der  Mükije 
hatte  er  mehrfach  Landratsposten  inne,  nach  der  Revolution  einige 
Mutesarrif-Posten ;  heute  ist  er  Mutesarrif  des  Liwa  Skutari"  (nach 
der  Biographie  des  Anonymus  NSM  S.  17  f.).  In  dieser  Vita  ist 
ebensowenig  '  wie  in  anderen  Äußerungen  über  Fa'ik  Aali  er- 
kannt, daß  das  zähe  Festhalten  an  dem  Persizismus  in  der  Poesie 
sich  bei  ihm  wie  bei  seinem  Bruder  Sulaiman  Nazif  [Nr.  7]  aus 
ihrer  Herkunft  erklärt:  sie  sind  in  Sulaimanije  geboren,  der  be- 
kannten Kurdenstadt  (über  die  Verhältnisse  dort  um  1830  berichtete 
lehrreich  der  britische  Generalkonsul  Rieh  in  seinem  Reisewerke 
über  Kurdistan),  und  sie  erhielten  jedenfalls  eine  Erziehung  vor- 
wiegend persischen  Charakters;  so  stehen  sie  ganz  unter  dem 
Banne  der  Zierdichtung.  Die  Bewertung  des  Momentes  der  Blut- 
gesellung  in  diesem  Falle  ist  mir  nur  bei  einem  allerdings  sehr 
hellsichtigen  Türken  entgegengetreten  (siehe  jedoch  meine  Be- 
merkung über  die  Wirkung  des  Geburtsorts  als  fremder  Einschlag 
Synthese  S.  2).  —  Büd  S.  16  mit  Versen  in  rubä%;  Probe  S.  19 
tulü'  „Sonnenaufgang"  {mügtett,  Sonett)  von  November  1329  [1913]: 
arme  Gedanken  in  gekünstelter,  unverständlicher  Sprache;  ver- 
gleiche hiermit  den  Sonnenaufgang  in  Ali  Dschanibs  „Weg  nach 
Turan"  S.  53,  mit  der  packenden  Schilderung  in  einfachster  Sprache; 
Fa'ik  Aali  bleibt  bei  der  Naturerscheinung  der  Rechner:  „wie 
stelle  ich  das  schön  dar":  Ali  Dschanib  ist  überwältigt:  ohne  Re- 
flexion ringt  das  Erlebnis  nach  Ausdruck  im  Ringen  mit  der 
Sprache,  in  der  nach  Klingklang  zu  suchen  neben  dem  Gewaltigen 
als  Gipfel  der  Banalität  erscheint.  —  Büjük:  Büd  und  Probe  S.  172: 
jene  hep  sen  „Immer  wieder  alles  du!"  (ritbäH):  ein  liebenswürdiges 
Wortgeklingel,  ganz  im  Rahmen  der  klassizistischen  Technik  und 
Gedankenreihen. 

Hachtmann  behandelt  Fa'ik  Aali,  er  schreibt  Ali  (es  empfiehlt 
sich  Aali,  denn  der  Name  *ä/?  ist  von  ^all  scharf  zu  trennen;  auch 
der  bekannte  türkische  Staatsmann  hieß  Aali  und  schrieb  sich  so 
[siehe  Pariser  Kongreßakten  von  1856],  nicht  „Ali^'.)  S.  2 1  f .  mit 
gleichem  Gesamturteil  wie  bei  mir.  Das  von  Hachtmann  er- 
wähnte temätU  „Gestalten"  ist  eine  Sammlung  von  Gedichten  (über- 
wiegend   in    Sonettform),    deren    erste    Abteilung   mehäsin   „Schön- 


2  8  Hartmann, 

tXXDOOC<XXXX)0O0000G00O(XXXX)00000O0O000OO(XXX)OC»0OCKX<XXXXXXXXXXyXXX)OO0O00O0C^^ 

heiten"!  Sulaimanpaschazade  Sami  (Suleiman  Nesib  I  Nr.  3), 
deren  zweite  Abteilung  '^asq  wetabtat  „Liebe  und  Natur"  dem  Bruder, 
Sulaiman  Nazif,  gewidmet  ist.  Die  „Schönheiten",  inbegriffen 
die  moralischen  und  ästhetischen,  sind  meist  an  Frauen  gerichtet; 
sympathisch  sind  die  Verse  „Meine  geschätzte  Gefährtin.  —  Jenem 
entfliehenden  Phantom'*  (S.  17  bis  20);  gefeiert  wird  Abdulhakk 
Mihr  ünnisa,  Schwester  Abdulhakk  Hamids  (S.  21 — 26,  mit  Zitat 
aus  ihren  Gedichten  S.  22  N.  1),  auch  Frauen  mit  fremdländischen 
Namen;  eine  Reihe  von  Gedichten  ist  den  verschiedenen  „Schön- 
heiten" gewidmet  (die  unschuldige,  die  flüchtige,  die  abwesende, 
die  neu  verschleierte  Schönheit).  In  dem  zweiten  Teile  ein  Gedicht 
an  Dschenab  Schehabeddin  (S.  168 — 176):  „In  den  Wüsten  — 
Erinnerung  an  gemeinsamen  Ritt";  auch  das  unglückliche  „Sa'dabad" 
mit  seinen  Nichtigkeiten  wird  herbeigerufen,  S.  136 — 138.  —  In 
dem  „Bekenntnis"  {hasbihäl)  vor  den  fäni  tesellller  versucht  Fa'ik 
Aali  seine  Leitgedanken  niederzulegen;  es  ist  in  einer  unglaublich 
schwülstigen  Sprache  geschrieben  und  läßt  die  Absichten  nicht 
scharf  hervortreten;  der  S.  8  f.  proklamierte  Grundsatz:  „die  Poesie 
muß  sich  an  die  ganze  Menschheit  wenden"  wird  von  dem  Dichter 
selbst  nicht  befolgt:  er  wird  nicht  einmal  von  den  eigenen  Volks- 
genossen verstanden;  kennzeichnend  ist  auch  das  Eintreten  für 
Vart  pour  Vart  S.  15.  Hätte  er  in  Stil  und  Sprache  den  von  ihm 
gefeierten  Abdulhakk  Hamid  (S.  14)  sich  mehr  zum  Vorbild 
genommeft,  so  wären  seine  Verse  nicht  eine  solche  Häufung  von 
arabisch-persisch-türkischer  Schönrednerei  geworden,  wie  sie  sind. 
Hachtmann  geht  (Vita  im  „Zwanzigsten  Jahrhundert"  S.  21  f.)  in 
Fa'ik  Aalis  Gedichten  den  , Berührungen  mit  den  Franzosen  im 
einzelnen  nach  (nicht  ganz  verständlich:  er  „erinnert  ...  an  die 
französischen  Parnassiens  und  Symbolistes")  und  erwähnt  das  harte 
Urteil  Ahmed  Hikmets,  dieses  feinen  Kenners,  über  den  „Phraseur" 
(S.  22). 

5.  Chalid  Fachri  [chälid  fachri] 

„ist  einer  der  geschätztesten  Dichter  der  letzten  Generation;  die 
osmanische  Jugend  muß  stolz  sein,  eine  große  moralische  und 
dichterische  Persönlichkeit  wie  Fachri  zu  besitzen;  seine  Sprache 

1  Auch  in  den  älteren  fänl  teseUller  wird  mehäsin  zum  Überdruß  wiederholt;  das  immer- 
währende Operieren  mit  dem  verschwommenen  Begriff  ist  kennzeichnend  für  dieses 
kraftlose  Ästhetentum.  Fa'ik  Aali  gab  wohl  die  Anregung  zu  der  illustrierten  Zeitschrifl 
mehäsin,  über  welche  siehe  Briefe  S.  221. 


I 


Dichter  der  neuen   Ttirkei.  39 

hat  Vollklang,  seine  Gedanken  sind  originell;  an  Weite  und  Feinheit 
der  Empfindungen  überragt  er  die  Dichter  der  letzten  Zeiten. 
Chalid  hat  uns  nicht  den  Westen,  sondern  den  Osten,  den  alten 
Osten  gesungen,  hat  uns  die  alten,  längst  gestorbenen  Märchen 
mit  einer  frischen  Sprache  in  metrischen  Versen  und  rhythmisch 
erzählt.  Er  ist  der  Sohn  des  Oberst  Dr.  Fachri,  geboren  1307 
[beg.  14.  3.  1891]  in  Stambul;  er  hörte  in  der  Kindheit  die  von 
seinem  Vater  in  der  Sprache  Nadschis  1  geschriebenen  Gedichte 
mit  tiefer  Aufmerksamkeit  und  erhielt  von  ihm  die  Dichtkunst; 
die  Mutter  verlor  er  in  zartem  Alter;  das  Studium  im  Galata  Serai- 
Gymnasium  mußte  er,  weil  mit  der  Krankheit  der  Dichterei  behaftet, 
aufgeben;  aber  was  kann  die  Schule  geben  neben  der  Gabe  der 
Natur?  Chalid  ist  als  Dichter  und  als  Großer  geboren,  und  so 
wird  er  sterben"  (nach  der  Vita  von  Schehabeddin  Sulaiman  [siehe 
Nr.  9]  NSM  S.  154).  —  Die  Stilprobe  NSM  (S.  155— i  5 7)  ist  ein 
Gedicht  „Kabul"  in  Rubä'i- Versen:  Beschreibung  einer  Szene  in 
Kabul  (Hochzeit  der  Tochter  des  Emirs).  —  Das  Bild  NSM  S.  153  ist 
verschieden  von  dem  Büjük  S.  161;  über  die  Unterschrift  siehe  unten. 
—  Büjük  S.  i6i  das  Büd  mit  einer  Probe  „der  Springbrunnen" 
[müzäri'],  gewidmet  Hakki  Tahsin;  harmlos;  ob  „ein  Hodscha  ver- 
richtet die  Waschung  unter  dem  Brunnen"  (Str.  3,  4)  der  poetischen 
Schilderung  angehört  oder  ein  Scherz  sein  soll,  wage  ich  nicht  zu 
entscheiden.  —  Die  Überschwängüchkeiten  in  der  Vita  Schehabeddin 
Suleimans  berührten  alle,  denen  ich  sie  zeigte,  seltsam ;  man  erklärte 
sie  aus  der  Anlage  des  New  Sali  Milli,  bei  welcher  das  Haupt- 
ziel gewesen  sei,  recht  viele  und  in  gutes  Licht  gestellte  Namen 
zusammenzubringen.  Man  hat  nichts  gegen  den  noch  jugendlichen 
Dichter,  aber  man  stellt  allgemein  fest,  daß  zurzeit  eine  allgemeine 
Anerkennung  seiner  poetischen  Bemühungen  nicht  vorliegt.  — 
Neuestens  trat  Ghalid  Fachri  mit  dem  Drama  haiqus  „Die  Eule" 
hervor,  aufgeführt  am  2.  März  1917  im  Tepe-Baschy-Theater  (Pera); 
Musik  zum  2.  Akt  von  Hegei;  Darsteller  aus  der  Truppe  des 
Konser\  itoriums.  Über  die  Generalprobe  dieser  Aufführung  am 
27.  Februar  berichtete  ausführlich  Schrader  im  Osmanischen 
Lloyd,  Nr.  58  vom  28.  Februar:  diese  im  klassischen  Versmaß  ge- 
schriebenen   dramatisierten  Märchen    machen    der  modernen  Form 

1  Das  ist  nach  dem  S.  33  Anm.  I  Ausgeführten  keine  Empfehlung;  die  Bemerkung  zeigt 
aber,  dafl  der  „Stil  Nadschi"  einen  festen  Wert  darstellt,  zeigt  auch,  daß  der  Verfasser 
der  Vita,  Schehabeddin  Sulaiman,  »ich  nicht  des  verderblichen  Einflusses  Nadschis  be- 
wußt ist. 


40  Hartmann, 

OOOOeGOOOOOOOOOOO<X50000000000CXXXXDOOOOOOOOOC)OOC<XXXXXXXX)OC>(XXXXO(X)OOC)OOCOOOOOO<^^ 

der  volksmäßigen  Silbenzählung,  wie  sie  heute  von  dem  türkischen 
Dichter  allgemein  angewandt  werde,  keine  Zugeständnisse;  wolle 
man  es  klassifizieren,  so  müsse  man  es  der  Form  nach  der  Schule 
Abdulhakk  Hamids  zuteilen;  dem  Inhalt  nach  widerspricht  es 
unserer  Vorstellung  eines  Märchenspiels:  es  sei  vielmehr  von 
Anfang  bis  zu  Ende  eine  düstere  Tragödie,  in  der  der  Uhu,  der 
unheilverkündende  Vogel  des  Volksaberglaubens,  die  RoUe  des 
über  den  Häuptern  der  Menschen  schwebenden  dumpfen  Schicksals 
spielt.  Der  Inhalt  ist  recht  dürftig:  das  Leiden  eines  Schwind- 
süchtigen in  einer  Dorfhütte;  die  Stimmung  wird  verdüstert  durch 
den  Schrei  eines  Uhus;  ein  Gast  erscheint  und  der  Vater  des 
Kranken  hält  mit  diesem  Zwiesprach,  immer  unterbrochen  von 
dem  Rufe  des  Unheilvogels;  ein  Bruder  des  Kranken  wird  zurück- 
erwartet; statt  seiner  erscheint  Aischa,  seine  Verlobte;  sie  erzählt 
dem  Röchelnden  ein  Märchen;  der  Alte  und  der  Gast  machen 
sich  auf,  nach  dem  Ausbleibenden  zu  sehen.  Der  zweite  Akt  zeigt 
die  beiden  auf  dem  Friedhof,  wo  zunächst  düsterer  Gesang  von 
Peris  aus  einer  Grabkammer  ertönt;  auch  hier  der  Ruf  des  Uhus; 
die  Gebeine  des  zweiten  Sohnes,  Nail,  den  die  Wölfe  zerrissen 
haben,  werden  gefunden;  der  Alte  ist  verzweifelt.  Im  dritten  Akt 
stirbt  der  Schwindsüchtige,  der  Vater  wird  wahnsinnig:  er  hält 
sich  selbst  für  den  Uhu.  Schrader  findet  Maeterlincksche  Kunst 
in  diesem  Werke,  nur  sei  alles  viel  zu  breit;  bei  der  Aufführung 
mache  das  Erscheinen  der  Peris  im  zweiten  Akt  einen  etwas  zu 
opernhaften  Eindruck.  Einen  Bericht  ganz  anderer  Art  über  das 
Stück  haben  wir  in  Tanin,  Nr.  2950  (vom  27.  Februar  1917),  von 
Sulaiman  Nazif,  der  der  Lesung  des  Dramas  durch  den  Dichter 
in  der  Kunstakademie  vor  der  Kommission  beiwohnte,  an  deren 
Spitze  der  geschmackvolle,  kunsthistorisch  und  äthetisch  geschulte 
Kammerherr  des  Sultans  Isma'il  Dschenani  Bej  steht'  Der  Be- 
richterstatter nennt  Fachri  Chalid  den  „Tewfik  Fikret  der 
kommenden  Generation",  „einen  Dichter,  der  imstande  sein  wird, 
das  dichterische  Erbe,  das  Tewfik  von  Hamid  erhalten  habe,  zu 
verwalten  und  zu  mehren".  Nach  einer  mit  zahlreichen  Proben 
durchsetzten  Inhaltsangabe  geht  er  näher  auf  die  Sprache  ein,  die 
er  sehr  lobt:  kein  Wunder,  denn  Chalid  Fachri  geht  in  ihr 
dieselben  Wege  wie  Sulaiman  Nazif,  wenn  er  auch  nach  dessen 
Meinung  nicht  korrekt  genug  ist.  Eigene  Wege  geht  „J.  Z.  (c?)", 
der  sich  im  Türk  Jurdu,  Nr.  131,  S.  3379 — 3383,  mit  baiqus  be- 
schäftigt   (das  strenge  Gericht   hat  Fachri  nicht  abgehalten,    sich 


Dichter  der  neuen    Türkei.  41 

0CXXXX300O000000CX}OC)0OO(X)O00000CXXX>00000000O0000OC)O00000000000O0O000000O0000000O0OO0000OOCXXXXXX}eoCX>eO 

weiter  in  Türk  Jurdu  vernehmen  zu  lassen;  siehe  Nr.  138  ein  Gedicht 
vpn  ihm,  Nr.  13g  sein  Bericht  über  Mughla,  der  nicht  ohne  Ver- 
dienst ist  [siehe  Neuer  Onent  Jahrg.  I  Nr.  3  S.  122]).  Wir  erhalten 
hier  eine  Schilderung  der  Umwelt,  aus  der  Chalid  Fachri  hervor- 
gegangen ist;  das  lärmende  Treiben  einer  effekthascherischen 
Schar,  die  in  dem  von  einem  Dilettanten  gegründeten  „Rebab" 
ihr  Wesen  trieben  und  gegen  den  fedschri  ätl  loszogen;  es  geht 
dabei  nicht  ohne  einen  Seitenhieb  auf  Jahja  Kemal  ab  (S.  3380). 
Das  neue  Drama  Fachris  müsse  jedenfalls  die  piece  ä  these,  ein 
Tendenzstück,  sein:  „glaubt  nicht  an  Aberglauben!"  freilich,  hier 
kommt  es  gerade  aufs  Gegenteil  heraus:  „glaubt  an  das  Märlein, 
daß  der  Schrei  des  Uhus  Unheil  bringe"!  Die  Sprache  findet  der 
Rezensent  abscheulich:  sie  ist  ein  Mischmasch  aus  dem  dröhnenden 
Wust  Abdulhakk  Hamids  und  Nazifs  und  dem  lebendigen  Stambul- 
türkisch.  Dabei  baut  Chalid  Fachri  Verse,  bei  denen  man  ver- 
geblich nach  einem  Sinn  sucht  —  leerer  Klingklang.  Das  Haupt- 
ergebnis für  den  Rezensenten  ist,  daß  Fachri  durch  sein  Drama 
in  Aruz  (es  ist  durchgehend  in  Chafif)  unwiderleglich  nachgewiesen 
habe,  daß  „die,  die  ihre  Gefühle  und  Phantasien  mit  dem  Rhythmus 
{äheng)  des  Aruz  komponieren,  dem  Bankrott  verfallen  sind".  Chalid 
Fachri  ist  noch  nicht  entmutigt:  er  dichtet  weiter  und  betätigt 
sich  namentlich  in  Jeni  Medschmu'a:  diese  Zeitschrift  hat  ein 
weites  Herz,  und  sie  nimmt  mit  gleicher  Liebe  Zija  Gök  Alp  wie 
A.  Seifi,  N.  Dschanib  wie  Jusuf  Zija  auf,  und  auch  Chalid 
Fachri. 

6.  Fazyl  Ahmed  [fadü  akmed]. 

„Verfasser  des  diwCm^eH  fäzyl  „Kleine  Gedichtsammlung  P"azyls";  ist 
Stambuler,  oder,  wie  man  in  der  Sprache  der  Viertelswächter 
sagt:  seJiir  idaghy,  geboren  1302  [beg.  14.  3.  1886];  sein  Vater, 
Dschemal  Bey,  starb  als  Mutesarrif  von  Diwanije;  Fazyl  lebte 
immer  in  der  Fremde  und  zog  mit  seinem  Vater  zwölf  Jahre  lang 
in  Anatolien,  Kurdistan  und  Arabien  herum  und  erhielt  dabei  von 
diesem  eine  vortreffliche  Erziehung;  mit  zwölf  Jahren  nach  Stambul 
gekommen,  warf  er  sich  eifrigst-  auf  das  Studium  auch  der  west- 
lichen Philosophie;  zugleich  findet  er  in  den  ältesten  osmanischen 
Diwanen  allerlei  Schätze;  die  Revolution  brachte  auch  ihm  ein 
neues  Leben:  für  seine  Dichtungen  war  Freiheit  nötig;  in  den 
Zeitschriften  schrieb  er  zahlreiche  Artikel  über  die  verschiedensten 
Sachen;   im    ganzen    schloß  er   sich  an  die  Alten  an,    hat   es  aber 


42  Hartmann, 

eoeoeooooooooooooooo(xxxxxxx)00(xxxx)ooooooooc>oooo(xxxxxxx>poooooooooocx3ooooooooooooooooooooooooooe>^^ 

besser  gemacht  als  die  alten  Meister"  (nach  der  von  Riza  Tewfik 
verfaßten  Vita  NSM  S.  26—28).  —  Sein  Bild  NSM  S.  25,  Probe 
ebenda  S.  29 — 31  „an  Muhafiz  Dschemal  Bej  Effendi"  (Mesnewi 
von  23  Doppelzeilen,  silbenzählend):  ist  wegen  der  zahlreichen 
Anspielungen  ohne  Kommentar  nicht  verständlich.  —  Büjük  S.  176 
Büd  (dasselbe  wie  in  NSM)  und  Probe  „Aus  einem  Briefe"  Mesnewi 
von  12  Doppelversen,  remeJ):  unverständlich,  weil  fast  nur  An- 
spielungen enthaltend,  auch  in  einer  seltsamen  Sprache. 

7.    Sulaiman   Nazif  [mlaimän  nazif]. 

Die  Worte  über  ihn  von  Doktor  Abdullah  Dschewdet  NSM 
S.  278  enthalten  nichts  über  seine  Lebensumstände,  nur  folgende 
Charakteristik  [Auszug]:  „Er  war  sein  eigener  Lehrer  und  Schüler; 
ging  in  keine  Schule,  hatte  aber  die  Kraft,  eine  Schule  zu  gründen; 
unter  seinen  Gedichten  ist  keines,  in  dem  nicht  das  Wort  „Jugend" 
vorkäme;  Verse  wie  er  können  viele  machen,  Prosa  schreiben  wie 
er  können  nicht  viele;  seine  Prosa  ist  wie  ein  Wasserfall,  der  ohr- 
betäubenden Lärm  macht  und  eine  hohe  Schaumsäule  aufspritzen 
läßt;  es  liegt  darin  eine  gewisse  Gefahr:  unter  dem  musikalischen 
Zauber  der  tönenden  Worte  kann  man  dem  kritisch  abwägenden 
Urteil  seinen  Platz  nicht  wahren;  der  Leser  wird  in  einen  Strudel 
von  Worten  hineingerissen,  wird  dahin  geschleudert,  wohin  der 
Autor  ihn  haben  will;  schließlich,  nachdem  die  Musik  geschwiegen 
hat,  begreift  man:  „das  hat  Sulaiman  Nazif  sagen  woUen";  wie  ein 
Artist,  der  mit  Löwen  spielt  und  sie  beherrscht,  so  spielt  mein 
Freund  mit  den  wildesten  Worten;  nach  meiner  Ansicht  ist  aber 
die  Löwenart  der  Worte  noch  schrecklicher  und  gefährlicher  als 
die  Löwenart  der  Löwen,  und  was  das  schlimmste  ist,  sie  ist 
dauernd".  —  Diese  etwas  scharfe  Kritik  wird  vollkommen  bestätigt 
durch  die  Probe  „Brief  an  Abdulhakk  Hamid"  [S.  279 — 281];  das 
ist  das  ganze  alte  Wortgesimpel,  man  möchte  sagen:  es  ist  der 
Gipfel  der  Geschmacklosigkeit;  man  hat,  wenn  man  das  liest,  nur 
den  einen  Trost,  daß  solche  Briefe  heute  wohl  nur  noch  selten 
geschrieben  werden;  ich  möchte  vermuten,  daß  der  gescheite  Welt- 
mann, der  Abdulhakk  Hamid  ist,  etwas  verlegen  gelächelt  hat  bei 
Empfang  dieser  Epistel,  die  ein  Leckerbissen  für  politisch-ästhetische 
Sensationslüstlinge,  aber  an  die  Geduld  jedes  ernsten  und  denkenden 
Menschen  eine  starke  Zumutung  ist.  Der  Brief  ist  datiert:  Mosul, 
16.  Februar   1914;  zwischen  den  Zeüen  der  geschwollenen  Sprache 


Dichter  der  neuen    Türkei,  43 

0C<XXXX)OC)O0<X)0O0OO0CXXXXX)0CXXXXXXXXX)00CXXX>C»0000OCXXXXXXXO00O00O0000000OOC)00C^^ 

liest  man  mancherlei:  von  Bairut  wird  gesagt,  es  sei  trotz  seines 
Meeres,  seiner  Berge,  seiner  Promenaden  nichts  anderes  als  die 
enge  HüUe  eines  Friedhofes  [maqher,  vielleicht  mit  Anspielung  auf 
des  Adressaten  berühmtes  Gedicht  tnaqber],  doch  habe  er  dort 
einen  Blick  in  das  innerste  Wesen  der  Dinge  g'etan;  im  folgenden 
werden  philosophische  Allgemeinheiten  und  Schmeicheleien  für 
den  Adressaten  vorgebracht;  gelegentlich  wird  Dschelal  Nuri  mit 
Auszeichnung  erwähnt,  ferner  das  Ableben  Ekrem  Bejs  \  geheim- 
nisvolle Punkte  deuten  Personen  an,  die  nur  von  Vertrauten  er- 
kannt werden.  —  In  einfacherem  StU  gehalten  ist  die  Probe  von 
ihm  Büjük  S.  185  „Um  zu  leben!";  es  ist  eine  Pariser  Straßenszene 
mit  oft  behandeltem  Motiv:  eine  besser  gekleidete  weibliche  Person 
bietet  dem  Erzähler  ihre  Gesellschaft  an;  er  gibt  ihr  sein  Erstaunen 
über  diese  Erniedrigung  zu  erkennen;  sie  antwortet  ihm  nur:  „um 
zu  leben!"  und  dieses  Wort  hört  er  stets,  wo  er  Elend  und  hündisches 
Gebaren  sieht.  —  Sulaiman  Nazif  gut  auch  heute  noch  als  der 
schärfste  Gegner  der  neuen  Sprachschule.  In  meinen  „Unpolitischen 
Briefen"  konnte  ich  von  dem  im  September  1909  wütenden  Zeitungs- 
krieg zwischen  der  alten  und  neuen  Schule  berichten,  an  welchem 
sich  Sulaiman  Nazif  mit  Artikeln  in  der  Zeitung  des  Ebüzzija 
Tewfik  taswlri  efkär  beteiligte;  von  kundiger  Seite  wird  mir  die 
Feindschaft,  'die  zwischen  Sulaiman  Nazif  und  dem  jüngeren 
Literaten  herrscht,  bestätigt.  —  Persönliches:  S.  N.  ist  Bruder  des 
Fa'ik  Aali  (siehe  Nr.  4)  und  Sohn  des  Dijarbekirli  Sa'id  Pascha; 
er  wurde  1909  zum  Wali  von  Basra  ernannt,  später  erhielt  er  das 
Wilajet  Bairut,  und  die  türkischen  Zeitungen  waren  seines  Lobes 
voU  wegen  der  Energie,  mit  der  er  dort  das  Ansehen  des  Reiches 
und  des  Türkentums  wahrte  und  gegen  gefährliche  Intriganten 
vorging.  —  Bild  von  ihm  NSM  S.  277,  ein  anderes  Büjük  S.  185. 
Über  Fa'ik  Aali  steht  sein  älterer  und  bedeutenderer  Bruder 
Sulaiman  Nazif.  Sie  leben  in  treuem  Bunde.  Den  zweiten 
Teil  seines  temätU  widmete  Fa'ik  Aali  jenem.  Hachtmann  er- 
wähnt Nazif  nur  als  Hauptstütze  der  Zeitung  Teswiri  Efkar  [bei 
den  Umbildungen  des  Titels  nach  jedesmahger  Suspension  wurde 
von  taswlr  über  tasflr  zu  teswir  gelangt]  in  ihrem  leidenschaftlichen 
Kampfe  gegen  jede  Sprachneuerung.  Erbitterter  Feind  der  neuen 
Türkei  in  ihren  Bestrebungen  nach  einer  gründlichen  Reform  der 
Verwaltung   und    der   Neuorientierung    der  türkischen  Gesellschaft 

^    Gemeint  i«t  Ustad  Ekrem  [Nr.   11],  gest.    16./29.  Januar   1914. 


44  Hartmann, 

OO©0eOOCXXXXXX»OCXX)0OOOO0OOCXXXXXXXX)0OOO0O<XX>0OO0OO0OOOO0O0OC>OO0OOO0<X)OO<XXX3O0OO0O0 

durch  Aufnahme  der  zu  ihrer  Weiterbildung  nötigen  Fremdelemete, 
nimmt  er  lebhaft  an  allem  teil,  was  in  seinen  Augen  einer  wirk- 
samen Führung  dieses  Kampfes  dient.  So  ist  er  auch  eine  der 
Hauptstützen  der  dem  alten  Geiste  dienenden  „Zeitschrift  für  die 
Allgemeine  Literatur".  Als  Mitglied  des  Fünfmännerausschusses 
für  die  „Bibliothek  nützlicher  Werke"  {äsäri  mufide  kütübchänesi)  war 
er  hauptsächlich  bestimmend  für  die  Auswahl  (es  ist  nicht  ver- 
ständlich, wie  dem  Diwan  des  Scheichülislam  Jahja  die  Ehre  des 
Abdrucks  dort  zuteil  wurde,  während  die  wichtigsten  Werke  dieser 
„klassischen"  Periode  nicht  zu  haben  sind,  von  den  älteren  Werken 
nicht  zu  sprechen).  Nazifs  letztes  Werkchen,  hatarja  ile  ätes  „Ganze 
Batterie  Feuer!"  (Stambul,  Reichsdruckerei,  1334  [1916];  auch  u.  d.  T. 
„Bibliothek  von  Originalwerken  und  Übersetzungen  des  Ministeriums 
für  Öffentlichen  Unterricht"  Nr.  40),  gewidmet  Dschenab  Sche- 
hab eddin  mit  schwungvollen  Worten  „des  sehr  kleinen  Schülers 
an  den  sehr  großen  Lehrer"  vom  12.  10.  1331  [23.  11.  15],  ist  eine 
Sammlung  von  Skizzen,  die  von  dem  zweiten  Stücke  den  Namen 
hat:  Geschichte  von  dem  Oberst  Junus  Bej,  der  in  den  Kämpfen 
um  Plewna  (in  ihnen  fiel  auch  Dschenabs  Vater,  der  Major 
Schehabeddin)  eine  Schanze  kommandiert  und,  als  das  Pulver- 
magazin in  dieser  explodiert,  mit  Kaltblütigkeit  den  Befehl  gibt 
„Ganze  Batterie  Feuer!",  erzählt  nach  Talaat  Bejs  „Krfegsgeschichte 
von  Plewna".  Von  den  anderen  Stücken  nenne  ich  Nr.  18,  zwei 
Gedichte  von  SuUy-Prudhomme  (S.  123 — 137),  die  dessen  Be- 
kehrung von  einem  farblosen  Internationalismus  zum  flammenden 
Patriotismus  schildern,  hervorgerufen  durch  die  Ereignisse  von 
1870 1;  der  Dichter,  dessen  Stücke  französisch  mit  gegenüber- 
stehender Übersetzung  (in  Prosa)  geg^eben  werden,  wird  hingestellt 
als  ein  Vorbild  für  die  Volksgenossen,  die  durch  die  Schläge  des 
Balkankrieges  sich  aufrütteln  lassen  sollen  zum  Handeln  für  das 
Vaterland.  AhnHchen  Inhalts  ist  Nr.  17,  ein  Brief  aus  den  Ruinen 
von  Ninive  vom  25.  Februar  1914,  der  unter  dem  Titel  „Feind- 
schaft? Freundschaft?"  mit  einer  kurzen  Einleitung  abgedruckt  ist 
(S.  113 — 121).  Es  ist  ein  Denkmal  der  Wut  und  des  Hasses,  wie 
man  es  bei  einem  Manne  von  Einsicht  nicht  für  möglich  halten 
sollte,  eines  beschränkten  religiösen  und  nationalen  Fanatismus. 
„Die  türkischen  Mütter  sollen  jeder  Lebensfrucht,    die    sie   auf  den 

.  1  Auch  durch  seine  klassiziitische  Tendenz  mußte  Sully-Prudhomme,  der  Dichter  der 
vollendeten  Form,  Nazif  sympathisch  sein.  Nur  besaß  S.  P.  daneben  eine  tiefe  Innig- 
keit des  Gemüti,  von  der  bei  den  modernen  Klassizisten  der  Türkei  nichts  zu  finden  i«t. 


I 


Dichter  der  neuen    Türkei.  45 

weinenden  Boden  des  Osmanenlandes  legen  werden,  die  Geschichten 
des  nationalen  Unglücks  erzählen,  sollen,  die  Wiege  ihrer  Kleinen 
schaukelnd,  ihre  Kinderlieder  mit  den  letzten  Atemzügen  unserer 
auf  den  Bergen  des  Kaukasus,  in  den  Tälern  der  Donau,  in  den 
Wüsten  von  Tripolis  und  Benghasi,  an  den  Küsten  des  Adriatischen 
Meeres  gebliebenen  Toten  komponieren"  (eine  Probe  des  auf  die 
Dauer  unerträglichen  Stils).  Es  läuft  also  hinaus  auf  systematische 
Pflege  des  Haßgesanges.  Das  ist  gegen  den  osmanischen  Geist, 
der,  soweit  er  nicht  durch  kirchliche,  völkische  und  wirtschaftliche 
Hetzereien  in  eine  fremde  Richtung  gebracht  ist,  nichts  von 
hysterischer  Direktionslosigkeit  an  sich  hat.  Sulaiman  Nazif 
hat  das  offenbar  empfunden:  in  den  einleitenden  Worten  schwächt 
er  den  üblen  Eindruck  ab,  indem  er  das  von  ihm  geprägte  Wort 
„Meine  Religion  ist  mein  Haß"  erklärt  als  eine  „unpersönliche 
Äußerung",  da  der  Haß  nur  gerichtet  sei  gegen  die  Feinde  der 
Nation.  Nehmen  wir  die  Entgleisung  als  Äußerung  eines  allzu 
feurigen  Temperaments  und  als  ein  Stück  der  Mentalität  der 
gewesenen  Türkei.  Mitten  in  die  schlimmste  Zeit  des  Balkankrieges 
führt  der  nicht  datierte  Brief  an  Abdulhakk  Hamid  S.  89 — 93 
(verschieden  von  dem  in  New  Sali  Milli  abgedruckten,  siehe  I 
S.  142):  für  ihn  haben  wir  volles  Verständnis,  obwohl  er  die 
Erinnerung  an  die  die  Franzosen  bei  der  Belagerung  und  Eroberung 
von  Paris  erschütternden  Verse  Victor  Hugos  (S.  91)  wachruft;  die 
Literaten  Stambuls  hatten  sich  gegenüber  der  Bedrohung  der 
Hauptstadt  schweigend  verhalten,  und  Nazif  ruft  nun  den  gefeierten 
Dichter,  Meister  Hamid  auf,  noch  einmal  die  Stimme  zu  erheben: 
„Sagen  Sie  jedem  Irrenden,"  ruft  er  aus,  „daß  die  Gefahr,  die  die 
gegenwärtigen  nationalen  Unruhen  mit  sich  bringen,  sehr  groß  ist"; 
nach  S.  89,  Anm.  erwiderte  der  angerufene  Dichter  in  einem 
Anhang  zu  seinem  „wälidem".  Versöhnend  wirkt  „Stambul  amüsiert 
sich!",  datiert  2.  August  1913  (S.  95 — 99).  Hier  weist  der  Dichter 
auf  schwere  innere  Schäden  hin  und  zugleich  auf  den  Punkt,  von 
dem  aus  diese  Schäden  geheilt  werden  können.  Der  Ausgangs- 
punkt ist  eine  Entrüstung,  die  auf  einem  Mißverständnis  beruht: 
der  Verfasser  erregt  sich  nämlich  darüber,  daß  in  dem  bekannten 
Garten  Peras,  Tepebaschy  (Petits  Champs),  „eine  italienische  Musik- 
bande von  etwa  fünfzig  Personen"  (in  Wirklichkeit  waren  es  Le- 
vantiner  und  osmanische  Staatsangehörige,  die  dabei  ein  kärgliches 
Brot  fanden)  allabendlich  auftrete,  und  er  findet  darin  die  Anzeichen 
einer   Verdorbenheit,    die    ihm    die    Worte  Jaur^s'   ins    Gedächtnis 


46  Harimann, 

f)OOOOOOOOCXXXXX)GC)OOOOOOOOOOOCXX)OOOOOOOOOOOOCIOOOOOOOOOOOOOCXXXXXXXXXX)OOOOOCOOCXXXX3^^ 

rufen,  als  die  Dreifuß-Affäre  Frankreichs  sozialen  Schmutz  offen- 
gelegt  hatte:  ,,Si  cette  societS  est  ä  ce  point  co7Tompue,  aes  cUbris  im- 
mondes  ne  pourront  meine  pas  servir  de  fondement  ä  une  sodkS  7wuvdU^\ 
Er  fleht:  „Lieber  Gott!  schenk  uns  vor  dem  Untergang  doch  ein 
wenig  Gefühl,  ein  wenig  Scham!"  Er  schließt  die  Augen  und 
sieht  im  Geiste  den  Zustand  Anatoliens  mit  all  seinem  Elend,  ent- 
blößt von  Männern,  das  Land  bald  verdurstend,  bald  von  Wasser- 
fluten überschwemmt,  ohne  Wege  —  und  der  Musikgarten  da 
zieht  aus  diesem  elenden  Lande  den  letzten  Groschen!  Aber  die 
Stunde  kommt:  „Das  auch  in  seinen  fruchtbaren  Gebieten  Hunger, 
Elend,  Verzweiflung  weinende  Anatolien  wird  nicht  länger  schwei- 
gen; Gottvertrauen  und  Geduld  haben  eine  Grenze;  Anatolien 
erwacht:  wenn  es  lernen  wird,  daß  es  noch  etwas  anderes  ist  als 
ein  Mittel,  die  Lüste  Stambuls  zu  bezahlen,  dann  wird  ihm  eine 
neue  und  widerstandsfähige  Kraft  kommen  ...  es  wird  sich  mit 
der  heiligen  Waffe  des'  Rechtes  rüsten,  wird  sich  vor  der  über- 
mütigen und  verdorbenen  Hauptstadt  aufrichten  und  Abrechnung 
von  ihr  verlangen  und  erhalten,"  Aber  nicht  Anatolien,  sondern 
der  Übermut  und  die  Verblendung  der  Feinde,  die  sich  zerfleischten, 
retteten  Stambul.  Der  gesunkene  Mut  belebte  sich  durch  die 
Wiedereinnahme  Adrianopels.  Der  Weltkrieg  brachte  der  Türkei 
eine  moralische  Stärkung  von  unermeßlicher  Bedeutung".  Es  fanden 
sich  eine  Anzahl  ungewöhnlich  fähiger  und  energischer  Männer 
für  die  Einzelzweige  der  Verwaltung,  und,  nicht  zuletzt,  Anatolien 
zeigte  sich  als  ein  erwachendes  Land,  das  mit  klarem  Bewußtsein 
die  Hand  ergriff,  die  ihm  von  der  Zentralregierung  entgegen- 
gestreckt wurde,  und  mit  Begeisterung  den  Winken  folgte,  die 
ihm  gegeben  wurden  zur  Ertüchtigung  der  heranwachsenden 
Bevölkerung,  zur  Neuorientierung  des  Wirtschaftslebens  und  zur 
Hebung  des  kulturellen  Standes,  Mag  Nazif  und  die  Gruppe,  der 
er  angehört,  das  zugeben  oder  nicht,  Tatsache  ist,  daß  eine 
Wandlung  auf  allen  Gebieten  stattfindet.  Auf  dem  der  Literatur, 
von  dem  hier  ausgegangen^  wurde,  ist  die  Tradition  von  den  vier 
großen  Meistern  im  Erlöschen:  diese  Tradition  hat  der  anonyme 
Biograph  Dschenabs  festgelegt:  „D  sehen  ab  wird  zu  den  vier, 
fünf  großen  Meistern  unserer  modernen  Literatur  gezählt"  (S.  136), 
und  Abdulhakk  Hamid  bestätigte  mir  das  persönlich  und  zählte 
sie  so  auf:  Dschenab  Schehabeddin,  Sulaiman  Nazif,  Riza 
Tewfik,  Fa'ik  Aali  (oben  S.  23),  nur  hätte  er  an  Stelle  des 
unbedeutenden    Fa'ik   Aali   „Abdulhakk   Hamid"    sagen    sollen: 


Abdullah  Dschewdet 


Dichter  der  neuen   Türkei.  47 

OO<>»0OCiC<XXXXX3OO0OCXXXXXXXXXX)CXXXXXXXXXXX>CXXXXXXXXX)0O0OOCXXX5000OO0O0OO0O0OOOO<X0OC^^ 

denn  gilt  die  Formel  auch  heute  nicht  mehr,  so  war  doch  zur 
Zeit  ihrer  Gemeingültigkeit  (vor  etwa  20  Jahren)  Hamid  unzweifel-_ 
haft  allen  überlegen  durch  freien  Geist  und  Beherrschung  der 
Form,  während  Riza  Tewfik  alle  überragt  durch  ein  ausgebreitetes 
Wissen  und  ein  tiefes  Verständnis  für  geistige  und  seelische  Vor- 
gänge. Innerhalb  des  engen  Kreises,  auf  den  Nazif  nach  seinem  Ver- 
stehen und  Können  beschränkt  ist,  hat  er  eine  Meisterschaft  erworben, 
und  auch  die  Gegner  erkennen  ihm  eine  gründliche  Kenntnis  der 
„Klassiker"  zu.  Nur  bedarf  die  „Neue  Türkei"  anderer  Tätigkeiten 
als  des  Wühlens  in  den  Nichtigkeiten  der  „klassischen"  Diwane. 

8.    Abdullah   Dschewdet    ['abdulläh  'gewdet], 

„geboren  g.  September  1869I;  erhielt  den  ersten  Unterricht  in  der 
Militärmittelschule  von  Ma'müret  ül'aziz;  nach  deren  Absolvierung 
kam  er  nach  Stambul  und  trat  in  das  Kuleli-Gymnasium  ein;  später 
wurde  er  in  die  Militärmedizinschule  aufgenommen,  die  er  mit  dem 
Diplom  als  Arzt-Hauptmann  verließ.  Der  Doktor  erglühte  für  eine 
revolutionäre  Literatur.  Damals  strengten  sich  Leute  wie  Ali  Farah 
und  Abdulhalim  Memduh  heftig  an,  im  Stile  Kemals  zu  schreiben. 
Abdullah  Dschewdet  kannte  Abdulhalim  aus  der  Nähe  und  hat 
anerkannt,  daß  er  ihm  reichlich  Dank  schulde.  In  den  Versen 
Abdullah  Dschewdets  lebt  das  Feuer  jener  Zeit,  zumal  in  den 
qahrijät  „Gewaltliedern",  die  er  in  Europa  drucken  ließ,  und  in 
denen  er  die  Tyrannei  in  kühner  Sprache  geißelte.  Die  literarische 
Betätigung  auf  solchem  Gebiete  führte  ihn  zu  politischen,  sozio- 
logischen und  philosophischen  Studien;  er  las  Büchner,  Karl  Vogt, 
Häckel  und  auch  ein  wenig  Spencer  und  machte  sich  mit  ihren 
Gedanken  vertraut.  Die  glühende  Liebe  zur  Wahrheit  brachte 
ihn  in  Konflikt  mit  den  Herrschenden,  und  sein  Los  warf  ihn  von 
Gefängnis  in  Gefängnis,  von  Verbannung  in  Verbannung;  aus  dem 
letzten  Exil  (Tripolis  in  Afrika)  entfloh  er  nach  Europa  und  gründete 
in  Genf  die  Druckerei  Igtihäd,  mit  der  er  dann  nach  Kairo  über- 
siedelte; er  druckte  eifrig  Bücher  und  freiheitliche  Arbeiten;  er 
stand  mit  allen  revolutionären  Bewegungen  in  Beziehung  und  war 
auch  einer  der  ersten  Gründer  der  Gesellschaft  für  Einheit  und 
Fortschritt.  Bald  nach  der  Revolution  kehrte  Abdullah  Dschewdet 
nach  Stambul  zurück  und  setzte  hier  die  Herausgabe  seines  Igtihäd 

1   Leider  ist  über  Ort  der  Geburt   und  Blutbeziehungen   nichts  gesagt;    es    dürfte   sich  au* 
der  Herkunft  manches  in  dem  Wesen  des  Mannes  erklären. 


48  Hartmann, 

OO0OOGO0OOO0OO0<XXX)000O0O00OO(X)0O0O0OO0<XX>XXXXXX)0O00OOO0O0000O00OOO0O00O00OOO000000O0OO(X^^ 

fort;  er  widmete  sein  Leben  der  Idee,  in  der  Türkei  eine  reforma- 
^torische  Gedankenbewegung  zu  wecken.  Man  muß  anerkennen, 
daß  Abdullah  Dschewdet  in  der  letzten  Literaturperiode  eine  an- 
gesehene Persönlichkeit  darstellt.  Auch  französisch  gab  er  lyrische 
Gedichtsammlungen  heraus;  auch  persische  Verse  machte  er.  Seine 
Tätigkeit  war  und  ist  eine  außerordentlich  vielseitige.  Der  ver- 
storbene Gibb  schätzte  ihn  als  Dichter  und  hat  z.B.  sein  Gedicht 
auf  Shakespeare  in  englische  Verse  gebracht;  diese  Übersetzung 
ist  in  meinen  Händen;  die  beiden  Männer  kannten  sich  persönlich; 
Briefe  Gibbs  an  Abdullah  Dschewdet  habe  ich  gesehen.  Ich  selbst 
habe  ihm  in  dem  von  mir  besorgten  Band  6  zu  Gibbs  Geschichte 
der  osmanischen  Poesie  eine  eingehende  Würdigung  gewidmet 
[Bd.  6  wurde  ßelegband;  für  den  von  Riza  Tewfik  zu  bearbeitenden 
Ergänzungsband  {7)  war  bis  12.  12.  1908  [Datum  des  Vorworts 
zu  6]  nur  das  Kapitel  über  Kemal  in  Brownes  Hand].  (Auszug 
aus  der  Vita  von  Riza  Tewfik  NSM  S.  ggf.)  —  NSM  S.  98  das 
Bild  Abdullah  Dschewdets,  S.  101  — 103  Probe  von  ihm:  „Wollen 
wir  der  Einheit  zugehen?",  ein  den  Wert  der  Einigkeit  an  dem 
Beispiele  der  Schweiz  beleuchtender  glühender  Aufruf,  der  in  nicht 
glücklicher,  etwas  phantastischer  Weise  auch  den  Islam  hereinzieht 
und  nicht  immer  ganz  klar  ist.  —  Biljük  S.  188  hat  sein  Büd 
(dasselbe  wie  NSM)  und  eine  Probe  „Mein  zehnter  Juli"  [Revolutions- 
tag], eine  phantastische  Verherrlichung  der  künftigen  Einheit  mit 
Zitierung  eines  Verses  seiner  qahnjät  (in  mügtett).  —  Aus  der  persön- 
lichen Berührung  mit  Abdullah  Dschewdet  füge  ich  folgendes  hinzu: 
er  war  der  erste,  der  Schillers  Teil  ins  Türkische  übersetzte  (durch 
Vermittlung  des  Französischen);  als  er,  aus  Tripolis  entflohen,  nach 
Wien  gekommen  war,  suchte  Abdulhamid  ihn  kaltzustellen,  indem 
er  ihn  zum  Arzt  der  dortigen  Botschaft  machte;  er  quittierte,  in- 
dem er  den  Botschafter  ohrfeigte.  Ich  machte  seine  Bekanntschaft 
bei  meinem  ersten  Aufenthalte  in  Paris  1899,  und  er  sandte  mir 
dann  mehrfach  Arbeiten:  qahnjät  „Gewaltgedichte"  (eine  kleine 
Gedichtsammlung),  [Genf]  1315  [1899];  istibdüd  —  V.  Alfierinin  della 
Tirannia,  Genf  1317  [1901];  La  Lyre  Turque,  Wien  und  Paris  1902; 
viele  Jahre  gab  Abdullah  Dschewdet  die  Zeitschrift  igtihäd,  halb 
türkisch,  halb  französisch  heraus,  zuerst  in  Genf,  dann  in  Kairo,  dann 
in  Stambul.  Seine  neueste  Arbeit  ist  rubä%jäti  chaijäm  we  türkgeje 
tergemeleri  „die  Vierzeiler  Chaijams  und  ihre  türkische  Übersetzung", 
Stambul  1914,  286  S.  [Bd.  36  der  „Bibliothek  des  Idschtihad"]; 
siehe  mein  Referat  darüber  in  Welt  des  Islams  IV,  Heft  I. 


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Schehabeddin  Sulaiman 


Dichter  der  neuen   Türkei.  49 

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9.  Schehabeddin  Sulaiman  [sehäbeddin  sulaimän], 

„geboren  1301  [1885]  in  Stambul,  ist  aber  nicht  Stambuler,  denn 
sein  Vater  gehörte  der  Adelsfamilie  Tschawdarli  Ali  Agha  an,  die 
sich  1130  H  [beg.  5.  12.  1717]  in  Balikesr  festgesetzt  hatte;  er 
war  eine  Zeitlang  in  Stambul  unter  dem  Namen  Scherifpaschazade 
Sulaiman  Schewket  Bej  bekannt;  in  dem  ihm  zur  zweiten  Heimat 
gewordenen  Smyrna  sowie  in  seinem  Herkunftsorte  trug  er  immer 
den  Namen  Tschawdarlizade  Schihabuddin.  Sulaiman  brachte  seine 
Kindheit  in  Smyrna  zu,  wo  sein  Vater  Direktor  des  Defteri  Chakani 
(Grundbuchamtes)  war;  während  der  Gymnasialzeit  in  Smyrna 
schrieb  er  bereits  in  den  Tages-  und  Wochenblättern  zahlreiche 
Artikel,  die  Aufsehen  erregten;  1319  [1903]  ging  er  nach  Abschluß 
des  Gymnasiums  nach  Stambul  und  wurde  in  die  Milkije  auf- 
genommen, was  damals  für  Gymnasialabiturienten  nicht  leicht  war; 
als  er  diese  absolviert  hatte  (es  war  das  Jahr  der  Revolution), 
wurde  er  ein  bescheidener  Lehrer  des  Französischen  am  Wefa- 
Gymnasium;  da  starb  sein  Vater,  und  er  hatte  schwer  zu  kämpfen, 
aber  seit  der  Smyrnaer  Gymnasialzeit  besaß  er  eine  gewisse  Be- 
rühmtheit, die  ihm  nützlich  wurde  und  seinen  dunkeln  Weg  er- 
leuchtete; die  letzten  fünf  Jahre  waren  für  ihn  außerordentlich  be- 
wegt durch  Leitung  der  verschiedensten  Zeitungen  und  durch 
politische  und  Hterarische  Kämpfe;  das  erste  selbständige  Werk, 
das  er  herausbrachte,  das  Drama  cyqmaz  soqaq  „die  Sackgasse", 
erregte  noch  vor  der  Aufführung  und  vor  der  Publikation  heftigen 
Streit;  von  den  jungen  Autoren  und  Dichtern,  die  ein  wenig  auch 
infolge  dieses  Streites  in  zwei  Gruppen  mit  verschiedenen  Kultur- 
zielen gespalten  waren,  gründete  ein  wichtiger  Teil  —  zwar  zer- 
streut, aber  doch  eine  Macht  —  den  literarischen  Verein  fegri  ätl^ 
und  setzte  über  seine  Tür  als  Devise  „Die  Kunst  ist  persönüch 
und    ehrwürdig"  2;    Schihabuddin    Sulaiman    gehörte    mit    zu    den 

1  NSM  S.  329,  3  f.,  in  der  Vita  des  Hemedanizade  Ali  Nadschi  wird  gesprochen  von  einem 
„Federstreite  zwischen  Schehabeddin  Sulaiman  und  einer  ,gegenwärtig'  unter  dem  Namen 
näßler  arbeitenden  Gruppe  über  die  Vereinigung  fegri  äff". 

2  Diese  Formulierung  enthält  die  schärfste  Verdammung  der  Schönredner,  die  „Poesie'' 
verübten,  um  ihre  Fertigkeit  in  dem  Gebrauche  der  Ziersprache  zu  zeigen,  und  jeden 
selbständigen  Geist,  der  aus  der  Schablone  herauszutreten  wagte,  unbarmherzig  ver- 
folgten; Schehabeddin  Sulaimans  anderer  Spruch:  „Die  Kunst  hat  nicht  Erziehungs- 
und Moralziele"  (hier  S.  23)  ist  nur  ein  anderer  Ausdruck  des  Gedankens.  Es 
ist  der  romantische  Gedanke,  der  sich  hier  gegen  den  klassizistisch-rationalistischen 
aufbäumt.  Aber  es  langte  nicht:  dem  neuen  Geiste,  den  er  predigte,  fand  Schehabeddin 
Sulaiman'  nicht    die    neue  Form,    die    ihm    adäquat    war,    und   so  muß  er  den  Vorwurf 

Urkunden  und  Untersuchungen.     3.  4 


50  Hartmann, 

OOQOeOOOOOO<XX30000000(X)0(XOOOOOOOOOO(XXXXOOOOOOO(XX)00000<XXXXXXXXXXXXX>000000000000^^ 

Gründern,  und  sein  zweites  Werk  fyrtuna  „Der  Sturm",  bildet  einen 
wichtigen  Band  der  Bibliothek  dieses  Vereins;  dieses  Drama,  welches 
gewisse  Schäden  des  Pariser  Lebens  zeigt,  erregte  sofort  eine 
heftige  Kontroverse;  man  behauptete,  der  Autor  habe  hier  mit 
einem  Kruge  Wasser  das  Getöse  eines  Meeres  hervorbringen 
wollen;  man  könnte  aber  vielmehr  sagen:  Schehabeddin  Sulaiman 
besitzt  eine  so  satanische  Kraft,  daß  er  dem  Menschen  einen 
Tropfen  Wasser  als  ein  großes  Meer  erscheinen  läßt;  manche  haben 
seine  ersten  Werke  unmoralisch  genannt,  ich  finde  vielmehr,  daß 
er  zu  den  wenigen  von  unseren  Schriftstellern  gehört,  die  in  dem 
behandelten  Gegenstande  immer  einen  moralischen  Zweck  sehen; 
die  Erklärung  solcher  Verleumdung  ist,  daß  er  mit  lauter  Stimme 
Dinge  rief,  die  vor  solchen  Leuten  nur  mit  Vorsicht  oder  mit  etwas 
Heuchelei  gesagt  werden  dürfen;  diese  Leute  brachten  es  fertig, 
ihn  um  das  von  ihm  mit  vieler  Liebe  geübte  Lehramt  am  Wefa- 
Gymnasium  zu  bringen,  weil  er  den  Schülern  gesagt  hatte:  „Die 
Kunst  ist  nicht  Verfolgung  eines  erziehlichen  und  moralischen 
Zieles,  sie  ist  an  sich  moralisch";  er  blieb  aber  seinem  Programm 
treu;  das  nationale  Schrifttum  bereicherte  er  durch  eine  „Geschichte 
der  osmanischen  Literatur";  das  war  ein  erster  Versuch  in  dieser 
Richtung;  zur  Belohnung  erhielt  er  sein  altes  Amt  wieder,  und  er 
setzte  die  Lehrtätigkeit  nach  der  von  ihm  als  richtig  erkannten 
Methode  fort  und  gewann  schließlich  recht;  er  wurde  dann  zum 
Gehüfen  des  Direktors  des  Lehrerseminars  ernannt;  er  dankte  aber 
ab,  um  zu  der  geliebten  Lehrtätigkeit  zurückzukehren,  und  auch 
jetzt  ist  er  Lehrer.  Außer  den  schon  genannten  Werken  sind  noch 
zu  nennen:  qyryq  muhäfaza  „Der  gebrochene  Schutz",  nationaler 
Einakter;  ben-basqa  „Ich  und  der  Andere",  Einakter  zusammen  mit 
Tahsin  Nahid  [tahsm  nähld];  san*ati  tahrlr  „Die  Kunst  des  Schrift- 
stellerns";  maHümäti  edebtje  „Literarische  Kenntnisse",  zusammen  mit 
Mehmed  Fuad,  zwei  Bände;  osmanlylyqda  wähimeH  mes'ültjet  „Die  Vor- 
stellung   der   Verantwortung    im    Osmanentum",    außerdem    kleine 

ertragen,  dafi  er  selbst  den  alten  Geist  fördern  half  —  durch  seine  Schriften;  wenn 
er  in  seiner  Lehrtätigkeit  für  den  Persönlichkeitsgedanken  wirken  konnte,  so  hat  er  zu 
der  Entwicklung  beigetragen.  Sein  tärichi  edchyäti  ^otmänye  ,, Geschichte  der 
Osmanischen  Literatur"  zeigt  schon  im  Titel  die  Schwerfälligkeit  und  Gebundenheit 
dieses  nach  Freiheit  Strebenden.  Der  Stil  dieses  Buches,  das  nach  dem  Titel  der  von 
„J.  A.  L."  veranstalteten  Ausgabe  Stambul,  Druckerei  Sandschakdschian  1328  [1912] 
(384  Seiten)  „nach  dem  letzten  von  dem  Unterrichtsministerium  angenommenen  Programm 
für  den  Unterricht  in  dem  sechsten  und  siebenten  Jahre  der  Gymnasien  bestimmt  ist", 
ist  unerträglich:  es  ist  der  Stil  der  Leute,  die  die  Intellektuellen  von  heute  bekämpfen. 


^ 


Dichter  der  neuen    Türkei.  ei 

0000CO0CXXXXXXXXXXX»0<XXXXXXXX)00<XX>XXX5C»00(XXXXXX)0<»0000CK^^ 

Geschichten  und  kritische  Artikel  in  den  Zeitungen"  (nach  der 
Vita  von  Ja'kub  Kadri  NSM  S.  149  f.)  —  Bild  S.  148.  —  StUprobe 
mükäfät  „Lohn"  S.  151  f.:  ein  seltsames  Prosastück  in  gespreizter 
Manier;  es  werden  Qualen  beschrieben;  zum  Schluß  aber  hilft  der 
Schreiber  einem  unruhig  schlafenden  Kinde,  und  als  das  Kind  in 
verschlafenem  Tone  sagt:  „Ich  danke,  Herr  Lehrer",  da  ist  alles 
gut,  es  wird  Licht  und  „das  ist  die  ewige  und  einzige  Belohnung 
dieses  Landes  für  mich".  —  Büjük  S.  2 1 2  Bild  (anderes  als  in  NSM). 
—  S.  212 — 217  Probe:  „Seelische  Augenblicke"  (psychologische  Mo- 
mente), zwei  Dialogskizzen,  „Liebe"  und  „Eifersucht";  psychologisch 
möglich,  aber  so  banal  und  unerfreulich,  daß  sie  kaum  Interesse  wecken 
(aus  dem  Französichen?,  jedenfalls  nicht  aus  echt  türkischer  Umwelt 
heraus);  die  sprachliche  Behandlung  ist  ganz  altmodisch;  die  Leute 
sprechen  auch  im  höchsten.  Affekt  die  Effendi-Sprache. 

10.    Nigar   Hanum    [nigar  chmurri]. 

„In  der  Kunst  und  im  Leben  stellt  Nigar  Hanum  den  Türkischen 
Orient  besser  als  aUe  Zeitgenossen  dar;  sie  ist  unsere  einzige 
Dichterin,  die  mit  einem  weiblichen  Genius  begabt  ist;  niemand 
konnte  mit  solcher  Herzlichkeit  wie  sie  die  Köstlichkeit  ihres 
Geschlechtes  schildern.  Sulaiman  Nazif  nannte  sie  den  „Abdulhakk 
Hamid  der  Frauen".  In  Metrum,  Reim,  Sprache  schwach,  erinnern 
die  Verse  dieser  Dichterin  an  eine  in  einem  verlassenen  Zimmer, 
mit  der  heißesten  Glut  des  Herzens  gespielte  Musik.  Nigar  Hanum 
ist  der  Ehe  eines  edlen  und  stattlichen  Vaters  mit  einer  vornehmen 
Stambulerin  entsprossen;  ihr  Vater  ist  der  Ungar  [ungarische 
Konvertit]  Osman  Pascha,  der  sein  neues  Vaterland  von  ganzem 
Herzen  liebte.  Die  Feinheit  der  Sinne  ist  ein  Erbteil  ihrer  Mutter; 
sie  erhielt  eine  außerordentliche  Erziehung;  sieben  Jahre  alt,  be- 
suchte sie  die  Mädchenabendschule  in  Kadiköj;  mit  14  Jahren  er- 
wachte ihr  Dichtertalent;  mit  18  Jahren  gab  sie  die  Gedichtsammlung 
efsüs  „Weh!"  heraus;  dann  kamen:  ynrän,  ^aksi  sedä,  safahäti  qalh; 
dabei  war  sie  eine  aufmerksame  Mutter  für  ihre  Kinder.  Außer 
P'ranzösisch  und  Deutsch  spricht  sie  das  Stambul-Griechisch  (nach  der 
Vita  desjahja  Kemal  NSM  S.  4).  —  Bild  NSM  S.  3  mit  Versen 
{viüzäri^).  Probe  „Der  Fes  meines  Bruders"  (mügtett)  NSMS.  5 f.:  eine 
Klage  um  den  Verlust  des  Teuersten  in  etwas  altmodischer  Sprache, 
aber  stimmungsvoll.  —  Nigar  Hanum  starb  31,  März  1918,  siehe 
[Hartmann  in]  Neuer  Orient  lU.  S.  85  und  Frank  ebenda  S.   168. 

4* 


5  2  Ilartmann, 

O000e0000CO00000000000(XXXD0000000000(X)0000000000000(XX)0CXX)CXXXX)00(XXX30000CX)^^ 

11.    RedSCha'izade    Ekrem    [reffä'lzade  ekrem], 

„genannt  Ustad  Ekrem  [ustäd  ekrem,  daneben  iisiädi  ch-em],  geboren 
in  Stambul  1263  [1847],  [gestorben  16./29.  Januar  1914];  sein 
Vater,  Redscha'i  Effendi,  war  Direktor  des  Kaiserlichen  Takwim- 
chane und  bemühte  sich  um  den  Druck  zahlreicher  köstlicher  alter 
Werke,  darunter  Übersetzung  der  saqäHq  1  und  Anhang  dazu. 
Sechzehn  Jahre  alt,  schrieb  Ekrem  einen  Teil  der  später  gedruckten 
Sammlung  naghnie'i  selber  „Morgenmelodien";  der  Mode  nach  ver- 
tiefte er  sich  in  die  französische  Literatur  und  gab  ausgewählte 
Stücke  der  Klassiker  in  dem  Bändchen  näclz  „Nichts"  heraus, 
ferner  Übersetzung  von  „Mes  prisons"  und  „Atala"  (Chateaubriand; 
damals  hatten  Schinasi  und  Namyk  Kemal  den  Kunstform.en  und 
dem  Denken  neue  Formen  gegeben  und  damit  in  der  Literatur 
eine  neue  Strömung  geschaffen;  Ekrem  schloß  sich  ihr  an;  in 
zemzeme  „Gemurmel"  (3  Bde.)  schuf  er  ein  Werk,  das  neben  seiner 
Tätigkeit  als  Lehrer  an  der  Mükije-Schule  ein  Lehrmeister  der 
Jugend  für  die  Theorien  der  neuen  Schule  wurde;  die  kleinere 
Arbeit  tefekkür  „Denken"  enthält  Erinnerungen  an  die  Vergangenheit; 
in  taqdlri  elhän  „Bestimmung  der  Melodien"  gab  er  Betrachtungen 
über  die  wirkliche  Literatur;  als  Mu'aUim  Nadschi  mit  seinen  An- 
hängern eine  literarische  Reaktion  herbeiführen  wollte,  scheiterten 
sie  durch  dieses  Werk;  danach  kamen  kleinere  vSachen:  schemsa, 
miihsin  hey,  pejmürde  „Verwelkt"  und  taqnzät  „Lobreden";  als  Ver- 
fasser dieser  Arbeiten  kann  Ekrem  Bej  als  einer  der  Hauptfaktoren 
der  literarischen  Bewegung  Tewfik  Fikret  —  Chalid  Zija  betrachtet 
werden;  Ekrem  Bey  leistete  der  Literatur  einen  großen  Dienst, 
indem  er  die  literarische  Redaktion  an  Serweti  Fünun  seinem  alten 
Schüler  Tewfik  Fikret  überließ;  ferner:  araha  seivdasy  „DieWagen- 
liebe"2  und  ni]äd  ekrem  „Trauergedichte  auf  seinen  in  der  Jugend- 
blüte gestorbenen  Sohn";  außerdem  viele  ungedruckte  Werke; 
nach  der  Umwälzung  war  er  eine  Zeitlang-  Minister  des  öffentlichen 
Unterrichts,  heute  ist  er  Mitglied  des  Senats;  seine  Anerkennung 
ist  in  der  gelehrten  und  denkenden  Welt  des  Landes  allgemein" 
(nach  der  Vita  NSM  S.  8  f.).  —  Der  Nachruf  seines  Sohnes 
Erdschümend  „Über  mein  Väterchen"  NSM  S.  458 f.  enthält 
nichts    Erhebliches:    „Anfang     1324    [beg.    14.    März    1908]    litt    er 

1  d.  h.  aSMqäHq  annu^mämja  des     Taschköprüzade,  siehe  Brockelmann  B.  2,  425. 
'   Übersetzung    zweifelhaft;    nach  Schehabeddin  Sulaiman    S.  346    ist    dieser   Roman    eine 
Satire  auf  die  Nachäffer  Europas  unter  den  Bejs. 


"5 


Redscha'izade  Ekrem 


Dichter  der  neuen   Tnrhei.  53 

unter  seelischen  Erregungen;  seit  ein,  zwei  Jahren  nahm  er  nicht 
mehr  an  den  Sitzungen  des  Staatsrates  teil;  es  war  ein  nichts- 
würdiger, allgemein  als  Jnrna/gl  „Angeber"  bekannter  Bursche  dazu 
ernannt  worden;  er  lebte  nur  noch  dem  Gedenken  seines  früh 
verstorbenen  Sohnes  Nijad,  dessen  Grab  in  Kandüli  er  von  der 
hochgelegenen  Vüla  in  Büjükdere  aus  beständig  vor  Augen  hatte; 
er  wollte  nur  noch  der  Literatur,  vor  allem  Neuherausgäbe  seines 
ta'timi  edebijät  und  der  Anregung  begabter  Studenten  leben;  ein 
Gesuch  um  Pensionierung  wurde  von  Abdulhamid  persönlich  ab- 
schlägig beschieden;  nach  der  Revolution  wurde  er  zum  Ewkaf- 
Minister  ernannt;  um  nicht  als  solcher  jeden  Freitag  Abdulhamid, 
der  ihn  wiederholt  schwer  beleidigt  hatte,  sehen  zu  müssen,  bat 
er  um  das  Unterrichtsministerium;  er  erhielt  die  Ernennung  zum 
Senatsmitglied;  bis  zum  letzten  Augenblicke  nahm  sein  reger  Geist 
an  allen  Vorgängen  teil".  —  Das  Bändchen  „Ekrem  Bej"  von 
Isma'il  Hakki,  Stambul  1308  [1892],  88  S.  12«  (in  der  Sammlung: 
on  dördüngi  asryn  tärk  müharrirleri  „Die  Türkischen  Schriftsteller  des 
vierzehnten  Jahrhunderts"  bietet  zur  Vita  des  Dichters  nichts. 
Hörn  (S.  3  7  f.)  hat  als  den  Namen  des  Dichters  „Machmud  Ekrem"  i; 
er  nennt  als  Werke  neghme'i  seher,  zemzeme,  genglik,  Atala  und  die 
Dramen  „Die  keusche  Ang^lique"  und  tollet;  das  ta'llmi  edebijät 
durfte  nicht  fehlen:  gerade  dadurch  übt  er  noch  jetzt  Einfluß  auf 
das  literarische  Schaffen.  Daß  Ekrem  „aus  dem  Westen  die  Kunst- 
formen der  Ballade  und  Romanze  eingeführt"  (Hörn  S.  37),  wird 
man  kaum  sagen  können  (die  Türken  haben  ja  die  verwandte  Art 
des  desiän)]  unrichtig  ist,  daß  er  „das  einheimische  Volkslied  veredelt 
und  damit  vöUig  Hteraturfähig  gemacht"  habe  (Hörn  ebda).  — 
Nach  mündlicher  Tradition  berichte  ich,  daß  Ekrem  ein  historisches 
Gedicht  u.  d.  T.  tänch  „Geschichte"  unter  Abdulhamid  abzufassen 
begann  und  es  erst  nach  der  Revolution  zu  Ende  führte.  Es  ist 
ungedruckt  und  scheint  nur  bei  den  literarischen  Feinschmeckern 
umzugehen.  —  Abdulhakk  Hamid  bezeichnete  selbst  sich  mir 
als  Schüler  des  Ustad  Ekrem;  er  ist  voU  von  Erinnerungen  an 
den  Meister,  dessen  Verdienste  er  nicht  hoch  genug  einschätzen 
kann;  „es  war  ein  merkwürdiger  Zufall,  daß  ich  mein  erstes  Werk 
mägeräji  ^asq  in  derselben  Druckerei  zur  selben  Zeit  druckte  wie 
Ustad  Ekrem  seine  Übersetzung  von  Atala;  er  war  damals  25, 
ich   19  Jahre  alt".     Eine  HebevoUe  Charakteristik  des  Meisters  gibt 

1   Der  Name    „Machmud",    der    seltsamerweise    in    der   Vita   NSM    nicht    erwähnt    ist    (er 
findet   sich    auf  dem  Titel    der  älteren  Werke),    trat  hinter  dem  machlas  völlig  zurück. 


5  4  Hurtmann, 

<>00000(XXXO000000C«000000CO0<XXXX<XXD0CXXXXXXXXXXXX)000C>0C)0C^^ 

Schehabeddin  Sulaiman  in  seiner  Literaturgeschichte  (siehe  S.  3) 
S.  341 — 346;  in  feiner  Weise  wird  neben  allem  Respekt  für  die 
hohen  QuaHtäten  Ekrems  als  Dichter  hingewiesen  auf  das  Schul- 
meisterliche, das  vielen  seiner  Sachen  anklebt  (S.  345,  S.  19  f.),  im 
Gegensatze  zu  Hamid:  Hamid  packt  den  Leser  sofort  und  reißt 
ihn  mit  sich,  Ekrem  muß  studiert,  langsam  genossen  werden;  die 
gute  Seite  dieser  Eigenschaft  ist,  daß  er  ein  echter  Kritiker  war, 
der  erste  Kritiker,  den  die  Türken  besitzen;  was  vor  ihm  sich 
„Kritik"  nannte,  war  nichts  als  der  Tummelplatz  persönlicher 
Interessen  mit  Verwünschungen  und  Insulten  (S.  346,  8  ff.).  Seine 
kritische  Ader  ließ  ihn  auch  als  erster  die  Normen  des  literarischen 
Schaffens  festlegen  (in  dem  taHlmi  edebljät);  in  diesem  Sinne  darf 
man  wohl  mit  Abdulhalim-Fazy  (Anthologie  S.  187,  auch  wieder- 
gegeben von  Sulaiman  Schehabeddin  Geschichte  S.  341,  S.  14 f.) 
sagen:  „Das  Meisterwerk  Ekrem  Bejs  ist  die  türkische  literarische 
Jugend  selbst."  —  Bild  NSM  S.  7  mit  Unterschrift  in  Prosa;  drei 
Bilder  von  ihm  (zwölfjährig,  als  Oberleutnant  und  42jährig)  S.  463, 
FamiHenbild  (mit  Nijad  und  Erdschümend  von   1308  [1892])  S.  462. 

12.    HÜSein    Su'ad    [husain  su'äd], 

„geboren  März  1284  [beg.  14.  3.  1868]  in  Stambul;  sein  Vater  Ali 
war  Beamter  im  Finanzministerium;  Hüsein  Dschahid  ist  sein 
jüngerer  Bruder;  in  der  Medizinschule  erwarb  er  das  Arztdiplom 
1304  [1888]:  in  der  Bibliothek  seines  Vaters  befanden  sich  viele 
alte  Diwane,  die  er  von  früh  an  studierte;  er  gewann  dadurch 
Geschmack  an  Literatur  und  Poesie;  gleichzeitig  mit  ihm  begann 
literarische  Betätigung  Dschenab  Schehabeddin,  sein  Schulgenosse 
und  Nachbar;  der  Unterschied  zwischen  beiden  ist,  daß  dieses 
Phantasie  in  unbegrenzte  Weiten  schweift,  während  Su'ad  zur 
feinen  Gefühlsschilderung,  zur  Feinheit  des  Empfindungslebens 
neigt.  Su'ad  brachte  einen  Teil  seiner  Jugend  in  Europa  zu;  eine 
Reihe  von  Gedichten,  nedtri  nieläl,  die  sich  auf  den  Verlust  der 
ersten  Gattin  beziehen,  zeigen  eine  feine  dichterische  Empfindung; 
auch  sein  literarisches  Talent  wurde  erst  durch  die  Revolution 
geweckt;  berühmt  sind  seine  Pseudonymen  Artikel  in  der  Zeitschrift 
qalem;  die  Theaterstücke  „kirli  camasirler"  und  „derse  dewäm  eHelim" 
sind  die  glänzendsten  Vertreter  der  Komödie  bei  uns;  eine  Gedicht- 
sammlung von  ihm  ist  unter  dem  Namen  /än«'^  meläl  „Das  Nest 
der  Langeweile"  gedruckt  (nach  der  Vita  von  Dschelal  Sahir  NSM 


■^ 


Kazim  Nami 


n 


Dichter  der  neuen    Türkei.  55 

ooc>x)ooooooocxxx)ooocxxxxxxxxxxx>ooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooeooooo 

S.  61).  Sein  Büd  NSM  S.  60.  —  Probe  von  ihm  NSM  S.  62  ein 
Stück  aus  seinem  Drama  maHüm  —  meghül  „Bekannt  —  Unbekannt". 
Sein  neuestes  Opus  scheint  zu  sein  ^ürük  tetnel  „Die  morsche  Grund- 
lage", das  im  Ramazan  1334  (Juli  1916)  von  der  Truppe  des  Kon- 
servatoriums im  Wintertheater  (Pera)  aufgeführt  wurdet. 


13.  Kazim  Nami  [kazim  nami], 

„geboren  1293  [beg.  14.  3.  1877]  in  Skutari  (Albanien),  erhielt 
seine  Ausbildung  in  den  Militär-Rüschdijes  von  Skutari,  Adrian opel 
und  Salonik  und  im  Militärgymnasium  von  Monastir;  1311  [1895] 
trat  er  zum  Kriegsdienst  über;  Ende  1313  [1897]  wurde  er  Unter- 
leutnant der  Infanterie  und  dem  Redif-Bataillon  von  Tiran  in 
Albanien  zugeteilt:  1319  [1903]  wurde  er  zum  Privatsekretär  und 
Adjutanten  bei  dem  Generalkommando  des  3.  Korps  ernannt; 
im  Juli  1326  [1910]  nahm  er  seinen  Abschied  und  wurde  Unter- 
richtsinspektor im  Wilajet  .Salonik;  seit  1913  ist  er  Unterrichts- 
inspektor für  die  Wüajets  Stambul  und  Adrianopel  und  das 
Sandschak  Tschataldscha;  in  Salonik  war  er  an  zahlreichen  An- 
stalten jahrelang  als  Lehrer  tätig,  auch  an  dem  von  der  Mission 
Laique  Fran9aise  errichteten  Gymnasium  (für  Türkisch);  schon  in 
der  Militärschule  schrieb  er  Gedichte  und  Artikel  für  Zeitschriften; 
sogleich  nach  der  Erklärung  der  Konstitution  brachte  er  das 
Drama  nasyl  oldu  „Wie  kam's?"  und  „Der  erste  Schritt  in  der 
nationalen  Erziehung"  heraus;  ferner  übersetzte  er  „Leben  einer 
Frau  der  russischen  RevolutionsgeseUschaft";  seine  erste  Arbeit 
war  die  teilweise  Übersetzung  von  Jules  Pavot,  La  morale  ä  Vicole; 

1  Friedrich  Schrader  sagt  darüber  im  Osmanischen  Lloyd  10.  7.  16  (Feuilleton): 
„Tschürtik  Temel  ist  von  Hussein  Suad  Bej  nach  einem  französischen  Vorbilde  mit 
großem  Geschick,  wie  es  von  dem  bekannten  Theaterdichter  nicht  anders  zu  ervirarten 
steht,  ,, adaptiert"  worden.  Es  ist  zwar  dem  Umdichter  nicht  ganz  gelungen,  eine  in 
französischer  Umgebung  spielende  Komödie  auf  türkische  Zustände  zu  übertragen. 
Einzelne  Stellen  lassen  uns  zu  deutlich  erkennen,  wohin  diese  Bejs  und  Hanumi 
eigentlich  hingehören.  Trotzdem  bleibt  die  äußerst  ansprechende  Form  und  schlichte 
klare  Sprache  anzuerkennen,  in  der  die  türkische  Nachbildung  geschrieben  ist."  Daß 
die  in  S.  62  der  Probe  NSM  zu  lesende  Sprache  (es  handelt  sich  um  die  Einführung 
ins  Leben  einer  Neunzehnjährigen  durch  Onkel  und  Tante)  „schlicht"  sei,  kann  man 
nicht  sagen:  auch  hier  noch  die  persischen  Genitive,  die  doch  nur  in  den  gezierten 
Kreisen  der  Gesellschaft  noch  üblich  sind.  Selbst  ein  Hüsein  Su'ad  kann  sich  nicht 
entschließen,  seine  Personen  reden  zu  lassen,  wie  sie  wirklich  reden  würden,  wenn  sie 
nicht  gänzlich  verdorben  sind. 


56  Hartmanrij 

coeoeooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooeoooao 

er  ist  officier  de  facadSmie  und  hat  die  Palmen  (nach  der  Vita 
NSM  S.  72).  —  Sein  Bild  NSM  S.  71.  —  Probe  von  ihm  NSM 
S.  73 — 78:  „Die  Klage  Nebiles",  eine  in  ziemlich  reinem  Türkisch 
geschriebene  Sittenschilderung:  eine  Türkin  der  Mittelklasse  klagt 
der  Freundin  ihren  Kummer  über  einen  ungeratenen  Sohn;  der 
war  nämlich  mit  seiner  Nationalität  und  seiner  Religion  zerfallen 
und  „Frankennachahmer"  geworden;  am  Schluß  wird  die  Mutter 
als  ein  fanatisches  Weib  dargestellt  (man  erwartete  eher  ver- 
ständnisvolle Teilnahme  für  die  unter  den  schroffen  Übergängen 
leidenden  Mütter).  —  Über  meine  Begegnung  mit  ihm  in  Salonik, 
an  die  ich  die  angenehmste  Erinnerung  habe,  siehe  Unpolitische 
Briefe  S.  97  und  iSgff,  (Inhalt  seines  Dramas  nasyl  oldu).  Nermi 
schätzt  ihn.  Kazim  Nami  gehörte  jenem  Kulturkomitee  an,  das 
bald  nach  der  Revolution  gegründet  wurde,  das  namentlich  durch 
Übersetzungen,  auch  aus  dem  Deutschen,  wirken  sollte,  und  das 
vom  Komitee  Mittel  erhielt;  es  scheint  bisher  eine  erhebliche 
Tätigkeit  nicht  geübt  zu  haben. 

14.   Ja'kub    Kadri    [ja'qüb  qadn], 

„geboren  1305  [beg.  14.  3.  1889]  in  Kairo  als  Sohn  des  Abdulkadir 
Bej  aus  der  Famiüe  Kara  Osman  vom  Adel  von  Magnisa  [maghnlsä]  i; 
sieben  Jahre  alt,  kehrte  er  nach  Magnisa  zurück;  als  er  vierzehn 
Jahre  alt  war,  zog  sein  Vater  nach  Smyrna;  dort  war  er  drei 
Jahre  im  Wilajet-Gymnasium;  als  sein  Vater  nach  Kairo  zurück- 
kehrte, besuchte  er  dort  die  Schule  der  Freres;  in  keiner  Schule 
erhielt  er  das  Abgangszeugnis;  in  der  Schule  von  Magnisa  hatte 
er  die  übelsten  Eindrücke;  er  fand  seinen  Trost  in  den  Büchern, 
die  ihm  in  die  Hände  fielen;  auch  hatte  sein  Vater  eine  gute 
Bibliothek,  wo  der  Knabe  die  glücklichsten  Stunden  zubrachte; 
nach  dem  Abendessen  wird  im  großen  Salon  ihm  und  seinem 
Bruder  von  der  jungen  Mutter  aus  einem  Geschichtenbuche  vor- 
gelesen; diese  Eindrücke  der  Kindheit  wurden  wichtig  für  seine 
künstlerische  Ausbildung,  und  die  Erinnerung  daran  hat  ihn  nie 
verlassen;  allerdings  waren  die  die  junge  Phantasie  erregenden 
Erzählungen  zum  größeren  Teil  Übersetzungen  von  Kriminalromanen ; 

1  maghnisä:  da«  alte  Magnesia  ad  Sipylum,  33  km  NO  Smyrna;  heute  Hauptstadt  de» 
Liwa  Saruchan.  Über  das  Geschlecht  der  Kara  Osman,  Derebejs  in  Aidin,  Magnisa  und 
Bergama  im  1 8.  Jahrhundert,  siehe  Mordtmann  in  Altertümer  von  Pergamon  Bd.  I 
(zu  der  Sippenerinnerung  siehe  S.  92  bei  Köprülüzade  Mehmed  Fuad). 


^ 


Ja'kub  Kadri 


Dichter  der  neuen   Türkei.  57 

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außerdem  aber  las  er  Nadschi,  Ekrem,  Abdulhakk  Hamid;  g-roßen 
Geschmack  fand  er  an  den  Dichtungen  Mehmed  Dschelals;  in  dem 
Smyrna-Gymnasium  war  er  zwar  ein  schlechter  Schüler,  spielte 
aber  durch  seine  hterarischen  Talente  unter  den  Kameraden  eine 
Rolle;  in  derselben  Schule  war  damals  auch  Schehabeddin  Sulaiman; 
er  las  damals  von  den  Franzosen  Bourget,  Maupassant  und  Daudet; 
die  eigentliche  Tätigkeit  begann  aber  in  Egypten,  wo  er  sich  auch 
der  Soziologie  widmete  und  Gustave  Le  Bon  und  Max  Nordau  las; 
nach  der  Revolution  kam  Kadri  nach  Stambul,  das  ihm  bisher 
fremd  geblieben  war;  alsbald  führte  ihn  Schehabeddin  Sulaiman 
in  die  von  ihm  mitbegründete  literarische  Gesellschaft  fegri  ätl  ein; 
er  machte  Aufsehen;  seine  Werke  zeigten  eine  feine  Darstellungs- 
kunst und  Zartheit  der  Empfindung;  seine  ersten  Geschichten 
schilderten  die  Nachtseiten  des  Lebens;  besonders  bemerkenswert 
war,  daß  sich  nicht  der  geringste  Einfluß  irgend  eines  der  osma- 
nischen  Literaten  bei  ihm  zeigte,  weder  Chalid  Zijas  noch  Dschahids 
noch  Re'ufs;  auch  Maupassant  und  Daudet  hielten  ihn  nicht  unter 
dem  Bann;  dagegen  wird  bei  ihm  der  Einfluß  der  nordischen 
Literatur,  insbesondere  Ibsens,  bemerkt,  jedoch  fand  diese  Literatur 
bei  ihm  einen  glücklichen  Niederschlag  und  ein  persönliches  Echo; 
die  Denkart  und  Empfindungsart,  die  unsern  Dichter  von  Kameraden 
trennte,  die  moralisch  von  Stufe  zu  Stufe  sanken,  ist  in  dieser 
Wesenheit  zu  suchen;  Kadri  war  aber  nicht  bloß  ein  Künstler,  er 
war  auch  ein  Kritiker,  und  die  Antwort,  die  er  Ra'if  Nedschdet 
Bej  in  dem  literarischen  Streite  gegen  Schehabeddin  Sulaiman  g'ab, 
bewies  eine  große  Fähigkeit  auf  dem  kritischen  Kampfplatze;  sein 
Werk  ser  engäm,  das  kleine  Erzählungen  enthält,  wird  demnächst 
gedruckt  werden"  (nach  der  Vita  von  Sulaiman  Sa'ib  [sWiU]  NSM 
S.  ii6f.).  —  Büd  NSM  S.  115  —  Probe  in  Prosa  NSM  S.  118  bis 
123  „Gespräch  des  schwarzhaarigen  Fremden  mit  dem  helläugigen 
Mädchen",  eine  phantastische  Geschichte,  die  gespickt  ist  mit 
griechischer  Mythologie  und  die  ausklingt  in  ein  Evoe  Evoe,  mit 
welchem  das  helläugige  Mädchen  den  dummen  Schwarzhaarigen 
auslacht,  daß  er  von  den  Gefahren  der  Dunkelheit  spricht,  die  den 
Menschen  zu  Taten  übler  Lust  hinreißt;  die  Erzählung  ist  trotz 
des  abstrusen  Inhalts  in  einfacher  Sprache  und  voll  Kunst,  mit 
einem  Hauche  echter  Poesie.  —  Büjük  S.  210 — 204  Bild  (anderes 
als  in  NSM)  und  Probe:  Kap.  5  von  „Miss-Chalfrey's  Album",  zur 
Frage  der  türkischen  Frau;  Kadri  bezeichnet  sich  als  müstausieh 
„Bearbeiter".  —  Seine  Stellung   zur  jeiii  lisän-Bewegung   geht   aus 


58  Hartmann, 

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der  Art  hervor,  wie  in  dem  Organ  der  Neusprachler,  den  geng 
qaUmkr,  von  ihm  gesprochen  wird;  so  behandelt  ihn  Parwiz  (d.  i. 
ömer  Seifüddin,  vgl.  Nr.  24)  in  dem  Artikel  jeni  lisän  wecirkin 
ta'arruzler  „Neue  Sprache  und  häßliche  Angriffe"  (Nr.  24/5,  S.  42) 
mit  einer  Gehässigkeit,  die  nicht  am  Platze  wäre,  selbst  wenn  Kadri 
noch  törichter  sich  ausgesprochen  hätte  als  in  den  angeführten 
Worten;  es  ist  allerdings  nicht  recht  begreiflich,  wie  ein  ersichtlich 
begabter  Mann  in  literarischen  Dingen  theoretisch  eine  so  große 
Urteilslosigkeit  zeigen  kann.  Daß  der  Spötter  Parwiz  sich  beständig 
den  Scherz  macht,  von  „Kara  Osmanzade  Ja'kub  Kadri"  zu  sprechen, 
ist  eine  Geschmacklosigkeit. 

Hachtmanns  begeisterte  Vita,  die  feinste  aller,  ist  ein  kleines 
Meisterstück:  Aus  den  Angaben  des  New  Sali  MÜH  über  Kadris 
Lesestoffe  und  Kadris  Erzählungen  in  bir  serengäm  [1914,  erschienen 
nach  Nexo  Sali  Milli]  baut  er  den  Menschen  auf:  er  vergleicht  ihn 
in  der  Kunst,  das  Animalische  darzustellen,  mit  Zola,  der  vielleicht 
„bisweilen  auf  Qadri  wirkt,  aber  dieser  erzählt  völlig  anders;  seine 
Feder  läuft  leicht,  ja  oft  geradezu  lustig;  keine  Spur  von  der 
schweren  Mühsamkeit  Zolas.  .  .  Leider  fügt  Qadri  noch  ein  paar 
verschwommen-sentimentale  Betrachtungen  über  den  Frühling,  das 
Alleinsein  der  Sterne  u.  a.  an  ...  seltsam,  daß  ein  so  ausgeprägter 
literarischer  Charakter  wie  Qadri  von  der  öden  Tradition  mit  dem 
altmodischen  Apparat  von  Sternen,  Milchstraßen,  Regenbogen, 
Düften,  Farben  und  Blumen  nicht  loskommt!  .  .  .  Qadri  ist  in  den 
Novellen  ganz  und  gar  nicht  sentimental:  geweint  wird  hier  über- 
haupt nicht;  in  der  Anschaulichkeit  und  Eindringlichkeit  der  Dar- 
stellung lassen  sie  sich  hart  neben  Flaubert  und  Maupassant 
stellen.  Ich  halte  Qadri  für  den  größten  Künstler  unter  den 
modernen  türkischen  Erzählern:  er  gehört  zu  den  wenigen,  die 
genial  zu  nennen  sind."  Was  Hachtmann  seltsam  findet,  erklärt 
sich  leicht  aus  dem  Gesamtbild  des  Mannes:  Kadri  ist  kein 
Durchschnittsmensch;  wenn  sein  Biograph  in  New  Sali  Milli, 
ein  uns  sonst  unbekannter  Sulaiman  Sa'imi,  von  ihm  sagt,  er 
sei  nicht  bloß  „ein  Künstler,  sondern  auch  ein  Kritiker",  so  ist 
das  verkehrt.  Kadri  war  ein  schlechter  Schüler  und  brachte 
es  nie  zu  einem  Abgangszeugnis,  d.  h.  er  lebte  nur  sich;  aus 
dem  literarischen  Streite  mit  ömer  Seifüddin  geht  hervor,  wie  er 
in  literarischen  Dingen  theoretisch  eine  vollkommene  Urteilslosig- 
keit zeigte  (vgl.  oben  und  S.  111).  Solche  Leute  unterliegen  wohl 
gelegentlich  der  Suggestion  der  Umwelt,  und  wenn  Kadri  gelegent- 


1 


Dichter  der  neuen    Türkei.  59 

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lieh  das  klassische  Brimborium  mitmacht,  so  ist  das  Entgleisung, 
die  seiner  Kritiklosigkeit  und  der  Unfähigkeit,  historisch  zu  sehen, 
entstammt.  So  war  er  denn  auch  nicht  berufen,  für  New  Sali 
MiUi  Vitae  zu  liefern i,  und  die,  die  er  beitrug,  von  Schehabeddin 
Sulaiman  (S.  49  ff.)  und  von  Izzet  Melih  (S.  68  ff.),  sind  weniger 
charakteristisch  für  die  Biographierten  als  für  den  Biographen 
(sein  Urteil  über  Izzet  Melih  ist  „nur  zum  Teil  richtig"  S.  69); 
in  der  ersten  ist  das  für  ihn  Interessante  die  große  Frage  nach  der 
Persönlichkeit  in  der  Kunst,  die  Überzeugung,  daß  es  verkehrt 
sei,  sie  zur  Dienerin  von  Erziehung  und  Moral  zu  machen,  denn 
sie  sei  an  sich  moralisch;  ein  solcher  Mann  gehört  nicht  der 
Partei  der  guten  Sitte  an,  und  wenn  er  mit  den  Jenilisan-Leuten 
im  Streit  lag  2,  so  ist  er  darum  keineswegs  der  Parteigänger  der 
Monopolisten  des  guten  Geschmacks  mit  ihrer  leeren  Schönrednerei 
nach  Art  Nazifs.  Neuestens  hat  Richard  Hartmann  unserm 
Dichter  eine  Studie  gewidmet  (Welt  d.  Isl.  V,  264 — 282),  in  der  er  mit 
bewundernswerter  Energie  die  sämtlichen  acht  Erzählungen  von 
hir  serengäm^  zergUedert  und  aus  ihnen  die  psychologische  und 
ästhetische  Entwicklung  des  Dichters  ableitet.  Recht  hat  Hart- 
mann, daß  Kadri  in  der  Vertiefung  der  Problemstellung  und  in 
dem  Fortschritt  in  der  Komposition  sicherlich  von  Westeuropäern 
gelernt  hat  (siehe  oben  über  seine  Lektüre);  „aber,  wer  so  zu  lernen 
versteht,  wie  er,  so,  daß  das  Gelernte  sich  dann  als  sein  Eigenstes 
entpuppt,  der  ist  eben  ein  geborener  Künstler"  (S.  282).  Auch  das 
ist  der  Beachtung  wert,  daß  Kadri  ein  ausgezeichneter  Schilderer 
der  türkischen  Umwelt  ist,  und  zwar  besonders  der  anatolischen: 
„über  die  Zustände  und  die  Menschen  in  Anatolien  kann  man  aus 
seinen  kleinen  Geschichten  mehr  lernen,  als  aus  mancher  umfang- 

^  Nur  ungern  erwähne  ich  seine  Vita  des  Ali  Nadschi  (Hemedanizade)  NSM  S.  329:  die 
Charakteristik  „in  seinem  Geiste  trägt  er  die  parfümierte  Hitze  Irans,  und  er  läßt 
seiner  Feder  Lauf  in  einer  liebenswürdigen  Ungebundenheit"  ist  etwas  gar  zu  mild;  die 
gegebene  Probe  ist,  unerhört  in  der  Form,  ein  bis  zur  Widerwärtigkeit  aufgeregtei 
erotisches  Stammeln.  Ich  hatte  diese  Vita  bereits  aufgenommen  (als  Nr.  25),  da  ver- 
anlai3te  der  lebhafte  Protest  meiner  türkischen  Freunde,  denen  ich  von  Ali  Nadschi 
sprach,  sie  zu  streichen. 

8  Ei  ist  übrigen»  die  Frage,  ob  der  Streit  ömer  Seifüddin  contra  Kadri  so  erweitert 
werden  darf;  man  bedenke,  dafl  beiden  Männern  das  Hauptgebiet  die  knappe  Erzählung 
i«t;  da  entsteht  leicht  eine  Konkurrenzleidenschaft,  zumal  wenn  sie  ähnlich  veranlagt 
lind;   auch  Ömer  Seifüddin  ist  eigenartig,  freilich  nicht  lo  reich  an  Phantasie  wie  Kadri. 

'  Er  übersetzt  es  „Ein  Schicksal"  (S.  270),  Hachtmann  (S.  23)  „Eine  seltsame  Ge- 
schichte"; aber  der  sorgfältige  Sami  gibt  [qämüs  S.  714)  nur:  „Ende",  „Schluß", 
„Folge  eines  Abenteuers". 


6o  1  •  Hartmann, 

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reichen  Reisebeschreibung"  {S.  281).  Ähnlichen  Eindruck  hatte  ich 
aus  Arbeiten  Hüsein  Rahmis:  „sein  tesäduf  ist  eine  reiche  Quelle 
für  volkskundliche  Forschung,  solange  wir  nicht  systematische  Auf- 
nahmen haben;  manches  beruht  ersichtlich  auf  eingehenden  Studien 
.  .  .  das  Buch  führt  vortrefflich  in  die  Denk-  und  Sprechweide  der 
mittleren  und  niederen  Klassen  ein"  {Unpolitische  Briefe  S.  215);  sein 
ghüli  jäbänl  ist  eine  Darstellung  des  Gespensterglaubens,  wie  er  in 
Anatolien  noch  sehr  verbreitet  zu  sein  scheint.  Auch  Kadris  Figuren 
sind  aus  dem  Leben  nicht  ohne  Mühen  gewonnen,  doch  tritt  bei 
ihm  die,  ich  möchte  sagen,  gelehrte  Durchdringung  ganz  zurück.  — 
In  der  kurzen  Notiz,  die  R.  Hartmann  an  meinen  Kadri- Artikel 
im  Referat  OLZ  1917,  Sp.  148  knüpft,  meint  er:  „es  ist  schade, 
daß  Martin  Hartmann  zu  diesem  geschickten  Erzählertalent  keine 
Stellung  genommen  hat".  Ich  habe  aber  Hinweis  gegeben  durch 
das  Urteü  zu  dem  Probestück  in  NSM  „Gespräch  des  schwarz- 
haarigen Fremden  mit  dem  helläugigen  Mädchen":  „die  Erzählung 
ist  trotz  des  abstrusen  Inhalts  in  einfacher  Sprache  und  von  Kunst, 
mit  einem  Hauche  echter  Poesie"  (MSOS  I,  S.  151,  hier  S.  57). 
Weder  Hachtmann  noch  R.  Hartmann  nahmen  von  dieser  höchst 
originellen  und  für  seinen,  aUer  Konvention  und  philiströsen 
Korrektheit  spottenden  Stil  charakteristischen  Skizze  Notiz. 

Georg  Jacob  wies  in  HilfsbuchYV,  S.  50  auf  Kadri  hin.  Bisher 
scheint  nur  ein  Stück  von  ihm  ins  Deutsche  übersetzt  zu  sein 
(Frankfurter  Zeitung,  2.  Oktober   1916,  2.  Morgenblatt). 

15.  Uschakizade  Chalid  Zija  ['mäqtzäde''-  chälid  zija], 

„geboren  1282  [beg.  14.  3.  1866]  in  Stambul,  wo  er  bis  zu  seinem 
zwölften  Jahre  lebte;  dann  zog  die  Familie  zum  Großvater  nach 
Smyrna;  die  Uschakizades  trieben  in  Smyrna  und  Stambul  den 
Teppichhandel  und  besaßen,  namentlich  in  Smyrna,  eine  große 
Berühmtheit;  Chalid  Zijas  Vater,  Haddschi  Chalil  Effendi,  be- 
schäftigte  sich   viel    mit    der  persischen  Literatur  und  bewunderte 

1  '^u^äql  ist  Nisbe  zu  der  bekannten  Teppichstadt  Uschak,  die  Sami  (qämüs  aPa'^läm 
3155)  nur  '^uSäq  schreibt,  die  aber  von  den  „Gebildeten"  gewiß  als  '^uSMq  empfunden 
wird  (der  Name  hat  wohl  kaum  etwas  mit  arab.  '§g  zu  tun,  ist  vielmehr  an  das  türkische 
u$aq  anzulehnen).  Uschak  ist  Hauptort  des  gleichnamigen  Kazas  im  Sandschak  Kutahja, 
142  km  SW  Kutahja.  —  Ein  Schaich  Hasan  Uschaki  {^uSäql),  Begründer  eines  Derwisch- 
Ordens  (hat  Moschee  in  Kasim  Pascha),  wanderte  aus  Buchara  in  Uschak  ein,  gest. 
1003  [1595]  (nach  Sami,  qämüs  oPaHäm  S.  3156). 


Dichter   der  neuen    Türkei  61 

besonders  das  Mesnewi    und  die  Werke  Sa'dis;    damals   waren    die 
französischen  Kriminal-  und  Schauerromane  von  Ponson  du  Terrail 
und  Xavier    de  Mont^pin  in  Mode  und  wurden  den  Schriften   von 
Dumas  fils  und  Octave  Feuillet  vorgezogen;  der  junge  Chalid  Zija 
las    die    Romane    im    Salon    seines    Großvaters    vor,    dessen    Haus 
einen   Mittelpunkt    der   vornehmen  Welt  Smyrnas    bildete;    das    ist 
nicht  unwichtig  für  die  geistige  Entwicklung  unseres  Dichters;  die 
Mittelschule    von  Smyrna  befriedigte  ihn  nicht;    noch  vor  der  Zeit 
verließ  er  sie  und  trat  bei  einem  Advokaten  ein,    nur  um  sich   im 
Französischen  zu  vervollkommnen;    aber  auch  da  litt  es  ihn   nicht, 
und  er  ließ  sich  in  die  Schule  der  Mechitaristen  aufnehmen;  seine 
ersten  Schritte  dort  leitete  Pere  Nicolas;  der  Lehrer  Pierre  Vandal 
wies  ihn  auf  die  Klassiker  hin;  er  hatte  auch  eine  besondere  Vor- 
üebe    für  Naturgeschichte    und   studierte    auf    der  Schule    für   sich 
die  Werke  von  Louis  Figuier;    sein    erster  Artikel  wurde   von  der 
Wilajetdruckerei    unter   „Was    ist    der    Schlaf?"    gedruckt;   Hüsein 
Hilmi  Pascha  war  damals  Mektubdschi  (Generalsekretär)  des  Wilajets; 
Chalid   Zija   war   beständig    mit   Übersetzungen    beschäftigt    und 
schrieb  hin  und  wieder  literarische  Versuche;  sie  erschienen  in  der 
KonstantinQpler  Zeitschrift  chmmeH  ewräq;  da  trat  er  in  Verbindung 
mit    dem    Professor   Reymond   Per6,    Musiker,    Maler    und   Literat, 
der   ihn    auf    die    Neuen    hinwies,    die   in    der   Poesie   zu    den  Par- 
nassiens  gehörten,  im  Roman  Naturalisten  waren;  da  lernte  Chalid 
Zija,   achtzehnjährig,   Sully  Prudhomme    kennen;   nach    der  Schule 
wollte    er  Diplomat    werden    und  wandte    sich  zunächst  der  Presse 
zu,  deshalb  kam  er  nach  Stambul,  wo  er  mit  einigen  Freunden  die 
Zeitschrift  neierüz  gründete:  von  einem  großangelegten  Werke  „Der 
üterarische   Strom   von  Westen   nach   Osten"    wurde    nur    die   Ein- 
leitung gedruckt;  infolge  Erkrankung  seiner  Mutter  kehrte  er  nach 
wSmyrna   zurück   und   übernahm  dort  den    französischen  Unterricht 
am  Gymnasium,    zugleich  trat   er   bei    der  Osmanischen  Bank    ein; 
daneben    gründete    er    die    Zeitung    chidynet;    mit   ihr    beginnt    sein 
literarisches  Leben;    in  ihrer    ersten  Nummer  begann    sein  Roman 
seflle  „Die  Elende";    als    der  Zensor    die   Erlaubnis    zum    Druck   als 
Buch   verweigerte,    zerriß    Chalid  Zija  im  Zorn    das  Werk,   und   es 
sind  keine  Exemplare  mehr  vorhanden;  die  ebenfalls  mit  Nr.  1   des 
chidmet   beginnenden    „Dichtungen    in  Prosa"  [mentür  si'-irler]   waren 
nach   Inhalt    und    Sprache    so    neu,    daß  man  sie   in  Stambul  nicht 
vertrug   und   auch    ganz  Smyrna   gegen  ihn  war;    während    dieses 
Streites    erhielt    er    aus   Stambul   von    Redscha'izade   Ekrem    einen 


6  2  Hartmann, 

C)O0OO0OO00CXXXX5OO0OOO0C»0OOOCK3OO0OOO0OOO0OOO0O0O0O00OO(XX5CXXXX5O0OO0OOO0O0OOO0OO0OO 

anregenden  Brief  mit  Würdigung  des  Programms  der  Zeitung  und 
Beglückwünschung  zu  den  „Gedichten  in  Prosa".  Das  bedeutete  das 
Ende  der  Angriffe;  mittlerweile  schuf  er  Arbeiten  als  Frucht  seiner 
wissenschaftlichen  Beschäftigung  wie  mebhat  alquhuf,  bü  qalamün 
klmijä,  hisäb  ojunlary,  haml  wewaz^i  haml;  in  diesen  Jahren  erschienen 
von  ihm  eine  Anzahl  Werke,  die  sämtlich  zuerst  als  Beilagen  seiner 
Zeitung  herauskamen:  die  Romane  nümlde  „Die  Hoffnungslose",  bir 
ölünün  defteri  „Das  Tagebuch  eines  Toten",  ferdi  wesürekäst  „Ferdi 
und  Co.";  die  Erzählungen  bir  muchtiranyn  son  japraqlary  „Die  letzten 
Blätter  eines  Notizbuches",  bir  izdiwägin  tarichi  mu^äsaqasy  „Liebes- 
geschichte einer  Heirat",  bumidi  „War  es  das?",  haihät  „Achl", 
dil  „Herz",  und  außer  dem  schon  genannten  mentür  s^irler  noch 
metärdan  aesler  „Stimmen  aus  dem  Grabe".  Endlich  übersetzte  er 
noch  zahlreiche  kleine  Erzählungen  aus  dem  Französischen  und 
Englischen,  von  denen  ein  Teil  unter  dem  Titel  näqil  „Erzähler"  in 
mehreren  Bänden  gesammelt  erschien;  in  Vorbereitung  einer  Ge- 
samtgeschichte der  Literatur  schrieb  er  Artikel  über  Fragen  der 
russischen  und  Sanskritliteratur;  im  Winter  1308  [1892]  kam  er 
als  erster  Sekretär  in  das  Übersetzungsbureau  der  Regiezentrale 
in  Stambul.  Damals  hatte  Ekrem  Bej  die  alte  Generation  zerstört. 
Die  neue  Generation  begann  erst  in  unbestimmten  Lebensformen 
sich  abzuzeichnen:  Ibn  Reschad  Ali  Farah  [ibn  resäd  W?  farah\ 
Abdulhalim  Memduh  [^abdulhallm  memdnh]  und  andere  gingen  jeder 
seines  Weges,  Zensor  und  Kontrollkommission  walteten  mit  Willkür 
ihres  Amtes;  damals  regte  Ismail  Hakki  an,  die  Kinderzeitung 
mekteb  in  eine  literarische  Zeitschrift  zu  verwandeln;  man  wandte 
sich  an  Chalid;  die  Kenner  der  Weltliteratur  sollten  mitarbeiten; 
Chalid  war  gerade  bei  seinen  Sanskritstudien;  da  ließ  ihn  eines 
Tages  der  Polizeiminister  Nazim  Pascha  rufen;  nachdem  er  ihn 
über  etwa  hundert  Personen  ausgefragt,  meinte  er:  „Sie  schreiben 
doch  über  das  System  der  Materialisten  unter  dem  Namen  San- 
skritliteratur?  Die  Kontrollkommission  hat  nicht  verstanden,  was 
Sie  da  geschrieben  haben."  Chalid  erwiderte  schlagfertig:  „Wer 
soll  denn  irgend  etwas  verstehen  von  einem  Werke,  das  die 
Kontrollkommission  nicht  verstanden  hat,  so  daß  man  an  eine 
Gefahr  denken  könnte?"  Kaum  war  er  von  diesem  Verhör  nach 
Hause  gekommen,  so  verbrannte  er  seine  meisten  Bücher  und 
Briefe;  er  war  nun  zum  Schweigen  verdammt  bis  1312  [1896],  wo 
in  Serweti  Funun  unter  Führung  von  Fikret  und  ihm  (Chalid 
Zija)  die  neue  Literatur  sich  zu  bilden    begann   [auch  sonst  findet 


Dichter  der  neuen   Türkei.  63 

000000000000000000000000000000000000000000CX30000000000CX)0CO000(XI0CXXX)000000000000^^ 

man  diese  Zeit  als  die  der  literarischen  Umwälzung  bezeichnet,  so 
heißt  es  z.  B.  in  dem  Nekrolog  auf  Tewfik  Fikret  im  Hilal  [franz.] 
von  Ende  August  1915,  daß  Fikret  der  Schöpfer  der  1894  be- 
gonnenen neuen  Periode  sei];  in  Serweti  Fünun  trat  er  mit  mäwy 
wesijäh  „Blau  und  Schwarz i"  ein;  in  diesem  Roman  zeigten  sich 
Sprache  und  Stil  Ch.  Z.'s  in  der  ihnen  eigenen  Vollkommenheit; 
es  wurde  dann  ein  Sonderdruck  mit  Bildern  veranstaltet,  der  schnell 
erschöpft  war;  auch  der  Neudruck  in  der  „Bibliothek  der  neuen 
Literatur"  war  schnell  ausverkauft  [ich  stelle  fest,  daß  es  kaum 
einen  gebildeten  Osmanen  gibt,  der  dieses  Werk  Ch.  Z.'s  nicht 
kennt;  seltsam  ist,  daß  dieses  Hauptwerk  des  Dichters,  das  einen 
Wendepunkt  in  seinem  Schaffen  und  vielleicht  in  der  neueren 
Literatur  bezeichnet,  von  Hörn  nicht  genannt  ist  —  sehr  verzeihlich, 
wenn  man  bedenkt,  unter  wie  großen  Schwierigkeiten  Hörn 
arbeitete]:  nun  drang  Ch.  Z.'s  Ruf  weit  hinaus  durch  die  kleinen 
Erzählungen,  die  er  in  Ikdam  und  Sabah  drucken  ließ;  darunter 
befanden  sich  die  Erzählungen  solghun  dernet  „Das  verwelkte  Bouquet" 
und  hir  jazyn  tärlchl  „Die  Geschichte  eines  Sommers";  in  Serweti 
fünun  brachte  er  den  Roman  ^asqi  memnu^  „Verbotene  Liebe":  als 
dann  später  ebenda  qyri/q  hajcitlar  „Die  zerbrochenen  Leben"  ge- 
druckt wurde,  wurde  das  Blatt  wegen  eines  Artikels  Hüsein 
Dschahids  unterdrückt  und  vor  Gericht  gebracht:  so  mußte  Ch.  Z. 
schweigen,  und  bis  zur  Revolution  schrieb  er  nichts  mehr;  als  nach 
dieser  die  Stelle  des  ersten  Sekretärs  der  Regie  dem  Kommissar 
Dschewad  Bey  übertragen  wurde,  wurde  Ch.  Z.  zum  Kommissar 
ernannt;  in  den  neun  Monaten  von  10./23.  Juli  1908  bis  zum  Einzug 
des  Entsatzheeres  in  Stambul  [April  1909]  schrieb  Ch.  Z.,  man 
möchte  sagen,  soviel  wie  in  neun  Jahren;  er  übernahm  den  Leit- 
artikel für  den  Sabah  und  lieferte  zugleich  als  Feuilleton  den 
Roman  nesli  achlr  „Die  letzte  Generation";  wo  immer  auch  eine 
neue  Zeitschrift  am  Pressehimmel  aufstieg,  wurde  er  um  Mitarbeit 
gebeten,  und  er  entzog  sich  dem  nicht;  für  den  Tanin  schrieb  er 
jede  Woche  eine  kleine  Geschichte;  er  verdiente  damit  mehr  als 
50  Pfund  [925  M.]  im  Monat;  ferner  übernahm  er  an  der  Universität 
Vorlesungen  über  Ästhetik  ijükmeti  bedä^i^)  und  fremde  Literaturen: 
beide  gehörten  bis  dahin  bei  uns  nicht  zu  den  anerkannten  Wissen- 
schaften; bei  solchen  Beschäftigungen  blieb  er  bis  zum  31.  März 
[13.  April   1909,  dem  Reaktionsputsch];  bei  dem  Regierungsantritt 

^   Die  Auigabe    in    meinem  Besitz    ist    ein    Stück    der    „Sämtlichen  Werke"    Chalid    Zijai, 
„Neudruck",  Buchhandlung  Muchtar  Chalid,    1332   [1916],  420  S. 


64  Hartmann, 

ooeoeooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooeooooo 

Mehmeds  V.  wurde  er  zum  Generalsekretär  des  Palastes  ernannt; 
damit  verlor  ihn  die  Literatur;  das  neue  Amt  nahm  ihn  so  in  An- 
spruch, daß  er  knapp  Zeit  fand,  die  Zeitungen  zu  lesen;  heute  hat 
er  das  Amt  verloren,  die  Literatur  ihn  neu  gewonnen:  von  neuem 
erscheint  seine  Unterschrift  in  den  Zeitungen,  und  seine  Werke 
werden  von  der  Buchhandlung  Muchtar  Chalid  neu  herausgegeben. 
Der  Schöpfer  des  literarischen  Romans  im  Sinne  des  Westens  ist 
bei  uns  Chalid  Zija;  er  ist  der  Vater  der  heutigen  Prosa;  mögen 
andere  diesen  Stil  nach  ihren  Fähigkeiten  nervöser,  zierlicher, 
feiner  gemacht  haben,  die  Vaterschaft  gehört  ihm;  am  schärfsten 
tritt  er  hervor  in  „Blau  und  Schwarz"  und  „Verbotene  Liebe"; 
„Blau  und  Schwarz"  erscheint  mir  trotz  aller  seiner  köstlichen 
Einzelheiten  heute  wie  eine  Stilprobe;  der  Meister  verfügt  darin 
über  seine  Kunst  nicht  mit  derselben  Selbstherrlichkeit  wie  in 
„Verbotene  Liebe";  die  geschilderten  Charaktere  si'nd  zum  Teil 
aus  sehr  einfachen  und  sehr  phantastischen  Typen  zusammen- 
gesetzt; so  ist  Ahmed  Dschemil  zwar  ein  Beispiel  der  jungen 
Leute  jener  Zeit,  aber  er  vereinigt  eine  Menge  Besonderheiten 
und  ist  ein  rein  phantastischer  Typus;  wir,  die  wir  damals  an  dem 
Leben  und  der  Welt  des  Ahmed  Dschemil  geröstet  wurden,  fanden 
seine  Hoffnungen  und  Vorstellungen  recht  kindisch.  Nach  meinem 
Urteil  ist  das  bei  weitem  gelungenste  Werk  des  Meisters  „Ver- 
botene Liebe":  da  fand  er  einen  Boden,  der  seinen  Fähigkeiten 
entsprach,  und  zeigte  sich  in  seinem  voUen  Reichtum  und  Glänze; 
sein  Stil  ist  tadellos,  die  Bilder  sind  anschaulich  und  gelungen; 
der  Bau  des  Romans  ist  fest  und  gut  gegliedert;  manche  Stücke 
werden  immer  mit  Begeisterung  und  Versenkung  gelesen  werden; 
trotzdem  findet  man  die  ganze  Feinheit,  die  ganze  Persönlichkeit 
Ch.  Z.'s  nur  in  seinen  kleinen  Erzählungen,  in  denen  er  sich  freier 
ergehen  kann."  Die  vorstehende  gehaltvolle,  ehrerbietige  und  doch 
zugleich  nicht  unkritische  Darstellung  NSM  S.  133 — 137  rührt  von 
Mehmed  Re'uf  her  [siehe  Nr.  19]!.  —  Bild  NSM  S.  132.  —  Probe 
{NSM  S.  138):  „Fragment  aus  einem  Bilde":  eine  hübsche  Natur- 
schilderung. —  Das  Urteil,  das  ich  Briefe  S.  2 14  über  seine  literarische 
Bedeutung  fällte,  ist  vielleicht  etwas  zu  hart;  es  war  herausgefordert 
durch  seine  Überschätzung,  der  ich  mehrfach  begegnet  war  (siehe 
z.  B.  Hörn,    S.  44  ff.).     Ich   las    seitdem  sein    7nauy   wesijäh   und  er- 

1  In  Vervollständigung  der  Vita  erwähne  ich,  daß  Chalid  Zija  nach  Reformierung  der 
Universität  zum  Professor  für  moderne  Literatur  berufen  wurde ;  es  heißt,  daß  er  die 
Stelle  zwar  angenommen  habe,  sich  aber  in  Ausübung  des  Lehramts  vertreten  lasse. 


I 


JJiclder  der  neuen    Türkei.  65 

OOO0OOOOOOOOOOOOOOO<X)OOOO0OOOC«»0CKX)OOO0O0O00OOOOO0O0O00O0O0OOO0OOOOO^ 

kenne  an,  daß  nicht  weniges  darin  von  köstlicher  Frische  und  zu- 
gleich von  feiner  Kunst  ist.  Das  Urteil  Mehmed  Re'ufs  über  den 
Helden,  Ahmed  Dschemü,  ist  insofern  schief,  als  dem  Verfasser 
ein  Vorwurf  daraus  gemacht  wird,  daß  jener  Held  in  seinen 
Hoffnungen  und  Vorstellungen  kindisch  erscheint  (siehe  oben). 
Die  Ahmed  Dschemils  von  damals  haben  sich  eben  entwickelt, 
und  das  ist  sicher  auch  Chalid  Zija  nicht  entg-angen;  er  wollte 
aber  den  Typ  des  für  die  Literatur  begeisterten,  stets  mit  großen 
Plänen  schwangeren,  etwas  eitlen,  für  den  Lebenskampf  allzu 
schwachen  türkischen  Jünglings  der  zweiten  Hälfte  des  vorigen 
Jahrhunderts  schildern.  Das  ist  ihm  vorzügHch  gelungen.  Sym- 
pathie kann  man  mit  diesem  schwächlichen  Männlein  nicht  empfinden : 
Ahmed  Dschemil  ist  das,  was  die  jungen  Stambuler  sich  erst  jetzt  ab- 
gewöhnen: sentimental  (der  Grundzug  des  türkischen  Wesens  ist 
Naivität,  der  sich  nicht  selten  eine  tüchtige  Dosis  Realpolitik  und  bis 
zur  Roheit  gehende  Derbheit  gesellen);  als  besonderer  Vorzug  fielen 
mir  auf  die  zahlreichen  gelungenen  Naturschilderungen  und  die 
intimen  Szenen  (wie  köstlich  ist  die  Lektüre  des  ersten  französischen 
Originalwerks,  das  die  Freunde  Ahmed  Dschemil  und  Hüsein 
Nazmi  erwarben  und  im  äußersten  Winkel  des  Taksim-Gartens 
auf  einer  großen  Bank  miteinander  verschüngen,  berauscht  wie  in 
einer  Haschischkneipe,  S.  47 — 52).  Es  ist  ja  eine  nicht  gerade  er- 
hebende Umwelt,  in  der  Ahmed  Dschemil  sich  bewegt,  und  man 
sieht  mit  Teilnahme,  wie  er  in  ihr  versinkt  (die  neue  Generation 
lernt,  sich  herauszureißen,  und  sie  hat  die  ungeheure  Hufe,  die  der 
alten  fehlte:  sie  darf  tun,  was  sie  auch  damals  gern  wollte:  sie 
darf  arbeiten  und  sie  hat  tüchtige  Anleiter  dazu).  ErstaunHch 
ist,  daß  dieser  Mann,  der  so  viel  Talent  und  Geschmack  besitzt 
und  so  fleißig  ist,  sich  nicht  hat  freimachen  können  von  den 
Fesseln  der  unerträgHchen  Sprache,  die  das  schlimme  Erbe  der 
unfreien  Zeit  ist.  Die  geschüderten  Gegenstände  und  Lagen  sind 
so  einfach,  und  die  Behandlung  ist  im  Grunde  so  schlicht,  daß  die 
Vereinfachung  der  Sprache  ein  Meisterstück  hätte  schaffen  können. 
Man  muß  es  als  ein  Glück  betrachten,  daß  Chalid  Zija  nicht 
Schule  gemacht  hat,  und  daß  sein  Stil  von  der  jungen  Generation 
durchaus  abgelehnt  wird.  —  Seine  zahlreichen  Reisebriefe  aus 
Deutschland,  die  1916  im  Tanin  erschienen,  suchen  sich  ein- 
facher zu  halten  in  der  Sprache,  fallen  sogar  zuweüen  in  den 
burschikosen  Stil  und  sind  stellenweise  kleine  Meisterstücke  in 
Situationsmalerei. 

Urkunden  und  Untersuchungen.     3.  5 


66  Ilartmann, 

00CX»00C)0<X«X50000<X)00<X)CXX)000<XXXX)00000000000000000CO0(XXX>00000CXX»00000000C)0^ 

Zu  der  vorstehenden  Darstellung  (nach  MSOS  I,  S.  152 — 156) 
wären  zahlreiche  Nachträge  zu  machen.  Ich  begnüge  mich  hier 
mit  dem  Hinweise  auf  eine  bedeutende  Wendung  in  dem  lite- 
rarischen Schaffen  des  Meisters,  die  neuestens  von  Peter  A.  Silber- 
mann dargestellt  wurde  (in:  „Türkisches  Theater",  Berliner  Tage- 
blatt vom  26.  September  1918,  Abend).  Es  ist  die  Wendung  zur 
dramatischen  Literatur.  Diese  erhielt  eine  bedeutende  Anregung 
durch  die  Gründung  des  Konservatoriums  1909,  bei  welcher  es 
besonders  auf  die  Heranbildung  tüchtiger  Schauspieler  und  Förde- 
rung der  dramatischen  Produktion  abgesehen  war  (über  diese 
Strömung  siehe  Hüsein  Rahmi  in  dem  in  Die  Neue  Türkei  unter  Das 
Temascha  wiedergegebenen  Artikel).  Aber  die  ausgeworfenen  Mittel 
waren  allzu  bescheiden  und  die  poUtischen  Verhältnisse  einer  stetigen 
künstlerischen  Entwicklung  wenig  günstig.  Das  Konservatorium 
brachte  bisher  fast  nur  „Adaptationen"  (nicht  Übersetzungen!  das  Wort 
ist  in  das  Neuosmanische  aufgenommen)  französischer  Dramen  zur  Auf- 
führung, Die  Verlegung  der  Handlung  von  Paris  nach  Stambul 
oder  nach  Anatolien  wie  in  den  „Rosen  von  Kaisari"  (siehe  Neuer 
Orient  ü,  S.  557)  hat  tiefgreifende  Veränderungen  zur  Folge,  die  mehr 
oder  minder  geschickt  ausgeführt  werden,  zuweilen  bleibt  freilich 
eine  unüberbrückbare  Kluft  zwischen  der  Gedankenwelt  Europas  und 
des  Orients.  Das  glänzende  Vorbild  von  Ahmed  Wefiks  An- 
passungen Moli^rescher  Komödien  wird  heute  nicht  mehr  erreicht. 
Der  Spielplan  des  Konservatoriums  mag  jetzt  etwa  ein  Dutzend 
solcher  adaptierter  Stücke  umfassen.  Die  türkische  Presse  klagt, 
daß  diese  Arbeiten  nur  einmal  oder  zweimal  über  die  Bühne  gehen, 
um  dann  wieder  zu  verschwinden.  Auch  das  wurde  bemerkt,  daß 
man  häufig  den  Eindruck  hat,  der  Anpasser  wäre  wohl  imstande 
gewesen,  eine  eigene  Arbeit  zu  liefern.  Mir  scheint  hier  ein  ein- 
facher psychologischer  Vorgang  vorzuliegen:  die  türkischen  Schrift- 
steller waren  zu  verschüchtert,  um  eigene  Arbeit  zu  wagen;  es  waren 
der  allgemeine  Druck  und  die  armselige  Stellung  der  Bühne, 
die  ihnen  den  Mut  raubten;  dazu  kam  das  Kleben  an  dem  For- 
mellen: man  bestaunte  die  Bühnenkräftigkeit  der  Fremden,  nament- 
lich der  Franzosen,  und  modelte  ihre  Werke.  Die  darauf  verwandte 
Mühe  und  Zeit  hätten  wohl  genügt  zur  Herausarbeitung  eines 
Eigenen  unter  kritischer  Verwendung  der  technischen  Regeln  der 
Dramatik.  Auch  Chalid  Zija  arbeitete  zunächst  adaptierend:  mit 
Geschick  und  Erfolg  brachte  er  Francillon  des  Jüngeren  Dumas 
und  Souris   von  Pailleron    heraus.     Doch    diese    Tätigkeit   weckte 


1 


Dicliter  der  neuen   Türkei.  67 

B00OO<XXXXXXXXIOO000O00OCXX)O00CXXXXXD(XXXXXXXXXXXXXXX)00O0000<XXXXXXX»0OOOC)O00O00(XXXXK^^ 

bei  ihm  die  Lust  zur  selbständigen  Produktion:  er  schrieb  sein 
Käbüs,  „Alpdrücken",  und  im  Frühjahr  1918  erfuhr  das  Stück  im 
Wintertheater  zu  Pera  seine  Uraufführung  durch  die  Konser- 
vatoriumstruppe. Ich  lasse  nun  Silbermann  das  Wort:  , .Diese 
Vorstellung  war  nicht  nur  ein  gesellschaftliches  Ereignis  ersten 
Ranges,  sie  wird  auch  in  der  Geschichte  des  türkischen  Theaters 
einen  Markstein  büden.  Ist  „Kjabus"  doch  das  erste  literarische 
und  nationale  Stück,  das  seit  den  glücklichen  Anfängen  unter  Abdul 
Asis  wieder  auf  den  Brettern  erschien.  In  allzu  reichlicher,  wenn 
auch  immer  fesselnder  Konversation  und  in  Tiraden  von  zu  großer 
Langatmigkeit  zeigt  es  sich,  daß  der  Dramatiker  nicht  immer  den 
Sieg  über  den  Erzähler  davon  getragen  hat.  Aber  das  sind  Fehler, 
die  sich  mit  dem  Blaustift  korrigieren  lassen.  Das  Wesentliche 
dieses  Thesenstücks  ist  sein  Inhalt,  der  sich  mit  der  Ehescheidung 
beschäftigt  und  mutig  für  die  türkische  Frau  dieselben  Rechte 
fordert,  die  der  Mann  genießt.  Denn  trotz  des  jüngst  reformierten 
türkischen  Eherechts  ist  der  Mann  noch  immer  befugt,  ohne  An- 
gabe von  Gründen  seine  Ehe  zu  scheiden  und  eine  neue  Heirat 
zu  schließen,  ohne  der  schuldlos  geschiedenen  Frau  gegenüber 
alimentationspfiichtig  zu  sein.  „Kjabus"  stellt  den  Protest,  die 
Rebellion  der  türkischen  Frau  dieser  Ungeheuerlichkeit  gegen- 
über dar. 

Man  kann  sich  denken,  welchen  Eindruck  das  Stück  auf  die 
türkischen  Hanums  gemacht  hat,  als  sie  es  in  dazu  eigens  für  sie 
reservierter  Nachmittagsaufführung  pochenden  Herzens  über  die 
Bretter  ziehen  sahen.  Die  Szene  ward  hier  zum  Tribunal,  der 
Dichter  zum  Ankläger  einer  ungerechten  Gesellschaftsordnung,  die 
die  schwersten  Schädigungen  für  Individuum  und  Staat  nach  sich 
ziehen  muß.  Und  nur  ein  in  seiner  Stellung  und  in  seinem  An- 
sehen so  fest  begründeter  Mann  wie  Halid  Siah  Bej  konnte  es 
ungestraft  wagen,  an  den  Fundamenten  der  Überlieferung  zu 
rütteln.  Mit  dem  „Kjabus"  hat  er  den  jungen  Dramatikern  seines 
Landes  einen  erfolgreichen  Weg  gewiesen,  und  es  ist  wohl  mög- 
lich, daß  das  moderne  türkische  Drama  berufen  ist,  als  Mittel  der 
Aufklärung  und  als  gesellschaftskritisches  Moment  eine  Rolle  zu 
spielen.  Halid  Siah  Bej  selber  schreitet  auf  dem  einmal  betretenen 
Wege  rüstig  weiter,  und  schon  rundet  sich  unter  seiner  Feder  ein 
neues  Thesenstück  y,Sengin"  (Der  Reiche),  das  den  Kampf  der 
Ideale  der  Arbeit  gegen  das  unwürdig  aufgehäufte  Kapital  ver- 
körpert". 

5» 


68  Ilartmann, 

DOOOeOOOOOO<XX50<X)OC)OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOCXXXX)OOOOOOOOOOOOOOOOOCXX)OOC)0(XXXX3^^ 

Endlich  sei  hingewiesen  auf  die  Übersetzungen  aus  Chalid  Zijas 
Werk  ins  Deutsche,  die  zusammengestellt  sind  bei  Hachtmann, 
DU  neuere  und  neueste  türkische  Literatur,  Welt  des  Islams  V,  S.  77. 


16.  Izzet  Melih  \^izzet  melih\ 

„aus  einer  türkischen  Adelsfamilie  Kretas;  sein  Vater,  Es*ad  Bej, 
war  dort  Defterdar;  er  ist  heute  [1918]  31  Jahre  alt  und  hat 
das  Amt  des  Generalsekretärs  der  Regie;  seine  eigenen  Angaben 
über  sein  Leben  besagen  folgendes:  seine  Familie  wanderte  infolge 
des  Aufstandes  von  1313  [1897]  nach  Stambul  aus;  sein  Vater 
starb  bald  darauf;  Izzet  Melih  war  damals  12  Jahre  alt,  er  hatte 
vorzügliche  Erzieher  und  machte  sich  alsbald  an  das  Schreiben; 
er  hatte  dabei  so  viel  Erfolg,  daß  er  schon  mit  15  Jahren  bei  allen 
literarischen  Zeitschriften  Sachen  von  sich  anbrachte;  dieses 
Wunderkind  studierte  auf  dem  Galata-Serai-Gymnasium  mit  be- 
sonderem Eifer  das  Französische,  und  zwar  besonders  die  unsterb- 
lichen Klassiker;  er  begann  schließlich  selbst  französische  Werke 
abzufassen;  als  die  in  Paris  erscheinende  bedeutende  Wochen- 
schrift „Les  Annales  Politiques  et  Litt^raires"  1905  (er  war 
damals  erst  18  Jahre  alt)  ein  literarisches  Preisausschreiben  erließ, 
gewann  er  in  Prosa  den  zweiten  Preis;  sein  Name  wurde  sowohl 
in  Stambul  wie  in  Paris  berühmt  und  erschien  in  den  französischen 
Zeitungen;  ja,  Izzet  Melih  ragte  am  meisten  durch  seine  fran- 
zösischen Schriften  hervor;  eine  Hauptursache  davon  war,  daß  in 
der  Terrorzeit  die  türkischen  Literaturwerke  zu  einer  verbotenen 
Frucht  für  ihn  geworden  waren;  als  er  19  Jahre  alt  das  Gymnasium 
verließ,  konnte  er  einen  von  ihm  verfaßten  Roman  „Trotz  der 
Vergangenheit"  nicht  unterbringen;  die  Art,  wie  ihn  der  Zensor 
behandelte,  erfüllte  ihn  mit  tiefem  Haß  gegen  die  Schrecken  des 
Despotismus,  und  in  Weltabgeschiedenheit  trieb  er  seine  Arbeit; 
sofort  nach  der  Julirevolution  stürzte  er  sich  mit  seinem  ganzen 
Glänze  in  die  Welt,  war  er  an  der  Spitze  aller  intellektuellen  un( 
patriotischen  Demonstrationen;  er  hielt  Vorträge,  schrieb  Artikel 
arrangierte  eine  Anzahl  literarischer  Abendunterhaltungen,  führti 
sogar  auf  der  Bühne  mit  auserwähltem  Geschmack  einige  Stück« 
auf;  in  jenen  Zeiten  übernahm  er  die  Leitung  einer  literarischer 
Zeitschrift  namens  muhU  „Umwelt"  und  flößte  zusammen  mit  Ahmec 
Haschim  [gilt  den  Zeitgenossen  als  Symbolist],  einer  hervorragenden' 
Persönlichkeit  der  letzten  Generation,  der  jungen  Schriftstellerwelt, 


Dichter  der  neuen   Türkei.  69 

00G0G000CO0000CXX500000CO00CXXXXXXXXXXXXXXX)000C)CXXXXXXXXXXXX»00CXXXXX)000^ 

die  sich  in  der  Buchhandlung  fegri  all  versammelte,  einen  glühenden 
Eifer  ein;  in  dieser  Zeit  wurde  ein  französisches  Drama  von  ihm 
namens  Laila  \laila\  von  berühmten  französischen  Künstlern  auf 
einer  Bühne  Peras  gespielt  und  hatte  großen  Erfolg;  danach  gab 
der  junge  Autor  einen  türkischen  Roman  unter  dem  Titel  tezädd 
„Kontrast"  heraus,  über  den  ich  [der  Autor  der  Biographie  ist 
Ja'kub  Kadri  (siehe  Nr:  14)]  mit  Bezug  auf  das  soziale  und  litera- 
rische Ziel,  das  er  verfolgt,  meine  Betrachtungen  vor  einigen 
Monaten  im  Ikdam  niedergelegt  habe;  mit  Spannung  erwarte  ich 
das  französische  Drama  „Der  große  Pascha"  von  ihm,  das  demnächst 
über  die  Bühne  gehen  soll;  es  soll  noch  bedeutender  sein  als  LaUa, 
das  in  spanischer  Übersetzung  in  Mexiko  gespielt  wurde  und  dem- 
nächst deutsch  in  Köln  gespielt  werden  soll"  (nach  der  von  Ja'kub 
Kadri  geschriebenen  Vita  NSM  S.  145  f.)  —  Bild  NSM  S.  144  — 
Probe  in  Prosa  NSM  S.  147:  „Das  erste  Lächeln",  gewidmet  „meiner 
Tochter  Remide",  eine  liebenswürdige  Plauderei  über  Kinderlächeln 
und  den  bittern  Kampf  ums  Leben  in  etwas  gezierter  Sprache. 
Die  Vita  in  „Le'ila  —  Türkische  Familientzme  von  Izzti  Mdyh  [übersetzt, 
hsarbeittt  und  eingeleitet  V9n  Erich  Oesierheld]"  (Berlin  1913/14,  Priber 
und  Lammers  Verlag),  S.  36  f.  entstammt  derselben  Quelle  wie  die 
von  mir  gegebene:  es  ist  die  des  Ja'kub  Kadri  in  New  Sali  Milli. 
Neu  ist  darin,  daß  l2fzet  MeHhs  neuestes  Prosawerk  den  Titel 
„Frauenstimme"  hat,  und  daß  er  sich  auch  „als  dichterischer  Nach- 
bildner eines  großzügigen  orientalischen  Dramas  ,Antar'  von 
Schukri-Ganem,  betätigt  hat"  (S.  40).  Das  über  die  Arbeiten  des 
Dichters  Gesagte  ist  nur  zum  Teil  richtig;  man  kann  kaum  sagen, 
daß  Izzet  MeHh  an  Laila  „das  typische  Verhältnis  der  musel- 
manischen Ehe  aufzeigt,  in  der  der  Ehebruch  durch  den  Harem 
gleichsam  legitimiert  wird"  (S.  96).  Ich  kann  „Leüa"  nicht  anders 
auffassen  denn  als  Satire:  der  Held  Nazmi  Bej,  Chef  in  einem 
Bureau  für  auswärtige  Angelegenheiten,  ist  seiner  vornehmen  und 
hübschen  jungen  Frau  Leila,  die  ihn  herzlich  liebt,  untreu  mit  einer 
Französin,  deren  Gatte  Konzessionenjäger  ist  und  von  dem  (als 
solcher  ihm  wahrscheinlich  bekannten)  Liebhaber  seiner  Frau  ein 
gutes  Wort  beim  einflußreichen  Papa  erbittet  (S.  51).  In  der  ersten 
Szene  reden  Nazmi,  die  Kokette  Juliette  Senise  und  ihr  Mann 
Constantin  geistreichelnd  über  den  „Harem";  Nazmi  sagt  ein  ge- 
scheites Wort  als  „eine  etwas  paradoxe  Idee"  anderer:  „unsere 
politische  und  soziale  Zukunft  wird  zum  größten  Teil  der  zu- 
künftigen  Stellung  unserer  Frauen   untergeordnet    sein";    daneben 


7o  Hartmann, 

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aber  zeigt  sich  schon  die  ihn  beherrschende  Oberflächlichkeit,  in- 
dem er  die  Rederei  eines  Franzosen  billigt,  ohne  sie  [die  Gesellschaft 
und  Freundschaft  der  Frauen]  gebe  es  nicht  „Feinheit,  Raffinement 
und  Poesie"  (welche  Zusammenstellung!);  kaum  ist  der  Gatte  fort, 
da  wird  der  Bej  handgreiflich,  worüber  Frau  Juliette  nicht  ernsthaft 
böse  wird;  die  Reden  des  Bejs  sind  von  ausgesuchter  Banalität 
und  Niedrigkeit;  dieses  Zierbengels  Ideal  ist:  „lieben  und  geliebt 
werden  mit  allen  Erregungen  und  Wollüsten"  (S.  56),  und  seit  er 
Juliette  liebt,  lebt  er  „in  einem  FrühHng,  der  voll  ist  von  Trunken- 
heit und  Wollust"  (S.  58);  er  nennt  sich:  „ein  primitiver  Instinkt- 
mensch" (S.  59);  er  weiß  nicht,  daß  das  bedeutet  „ein  geiler  Bock", 
weiß  nicht,  wie  verächtlich  dem  kultivierten  Menschen  die  Wollust 
ist,  in  der  sich  der  Wurm  krümmt;  Leila  hat  aUes  hinter  dem 
Vorhang  gesehen,  beherrscht  sich  aber,  als  sie  eintritt;  der  Bej 
entfernt  sich;  die  Kokette  behandelt  Leila  als  eine  arme  dumme 
Gans;  Leila  findet  echte  Töne  für  diese  Sorte  „Freiheit,  Zivilisation, 
Luxus".  Die  Aussprache  des  Bejs  mit  seiner  Frau  ist  kläglich: 
der  Schuldige  lügt  erst,  dann  entschuldigt  er  die  Männer,  die  „in 
der  Atmosphäre  der  Vergnügungen  und  Wollust,  die  sie  umgibt, 
einen  Moment  das  ferne  Weib  vergessen".  Sein  brutaler  Schluß 
ist:  ich  bleibe  wie  ich  bin.  Leider  dürften  unter  den  jungen 
Türken,  die  in  den  Hauptstädten  Europas  das  Gesellschaftsleben 
mitgemacht  haben,  noch  viele  sein,  die  so  denken  und  handeln 
wie  Nazmi,  d.  h.  die  unreif  in  dieses  Leben  treten  und,  selbst  ober- 
flächlich, sich  von  dieser  Atmosphäre  einer  banalen  Sinnlichkeit 
berauschen  lassen  und  in  die  Heimat  diese  Momente  hineintragen, 
statt  den  ernsten  Versuch  zu  machen,  sich  ein  stilles  Glück  zu 
bauen.  Kurz,  Nazmi  ist  zewseMerin  hirisi  „der  richtige  Trottel";  wenn 
einen  solchen  Izzet  MeHh  schildern  wollte,  dann  hat  er  seine  Sache 
gut  gemacht;  ich  fürchte  aber,  er  findet  diesen  Typ  noch  interessant; 
das  wäre  allerdings  ein  schlechtes  Zeichen  für  Geschmack  und 
Urteil  bei  ihm.  Ich  m.öchte  hierzu  die  Bemerkung  eines  mit  dem 
sozialen  Leben  der  Türkei  wie  Europas  gTÜndlich  vertrauten  und 
vorurteilslosen  türkischen  Staatsmanns  mitteilen:  „Die  meisten 
Türken  glauben,  daß  die  Ehen  in  Europa  fast  ausnahmslos  un- 
glücklich sind  durch  die  Untreue  der  Frauen,  daß  dagegen  unter 
den  Türken,  selbst  in  Stambul,  die  FäUe  von  fraulicher  Untreue 
selten  seien;  in  Wirklichkeit  steht  es  um  die  türkische  Weiblichkeit 
nicht  gut,  und  die  betrogenen  Ehemänner  sind  recht  zahlreich  bei 
uns,  während  in  Europa  neben  der  groben  Sittenlosigkeit,  die  sich 


THcIUer  d«r  neuen   Türkei.  Ji 

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auf  der  Straße  breit  macht,  eine  wahrhafte  und  edle  Sittlichkeit  in 
den  Familien  die  Regel  ist." 

In  der  Vita  New  Sali  MUH  1330  ist  der  Roman  ietädd  „Kontrast'* 
nicht  erwähnt.  (Titel:  tezädd  —  hnjük  hikäje  —  usäqtzäde  chälid  xijä 
bejin  bir  taqrlzini  häundir  [Stambul]  1331,  240  S.;  über  die  Über- 
setzung durch  V.  Wurzbach  (Laibach  1917)  siehe  Neuer  Orient  IC 
S.  318).  Ich  gebe  zunächst  das  dem  Werke  vorgesetzte  Schreiben 
des  Verfassers  an  Chalid  Zija  (S.  5 — 7)  und  dessen  Antwort 
(S.  8 — 15).     Das  erste  lautet  (Auszug): 

„Als  ich  mein  tezädd  schrieb  und  es  Ihnen  widmen  wollte,  be- 
merkten Sie:  „Die  Liebe  eines  türkischen  Offiziers  und  eines 
russischen  Mädchens!  Es  gibt  keinen  schöneren,  weiteren  Roman- 
stoff, der  uns  erregen  könnte,  als  diesen."  Ihre  liebenswürdigen 
Worte  bedeuten  im  wesentlichen,  daß  literarische  Werke,  die 
die  Schmerzen  vergangener  Tyranneien  wiederbeleben  und  den 
nationalen  Geist  erwecken  und  stärken,  auch  bei  uns  nötig  sind, 
wie  in  Frankreich  Maurice  Barres,  Ren6  Bazin  und  zahlreiche 
andere  Erzähler  und  Dichter  die  letzte  große  Wunde  im  Herzen 
ihrer  Nation,  Elsaß-Lothringen,  beständig  frisch  erhalten  und  den 
Geist  der  Rache  nicht  einschlafen  lassen  wollten.  Emile  Faguet 
hat  gesagt:  „Das  Vaterland  ist  eine  Vergangenheit";  aus  Furcht, 
daß  dieser  Gedanke  bei  uns  falsch  verstanden  werden  könnte,  füge 
ich  sogleich  hinzu,  daß  die  Vergangenheit  ehren  nicht  bedeutet: 
fanatisch  und  reaktionär  sein.  Der  wahre  Patriotismus  kennt  und 
ehrt  die  Vergangenheit,  ist  stolz  auf  die  alten  Eroberungen,  erfüllt 
aber  auch  bei  der  F'orschung  nach  den  Ursachen  des  Unheils  den 
Geist  mit  Bitterkeit  und  Erregtheit.  Daß  eine  große  Hoffnungs- 
losigkeit und  Gleichgültigkeit  in  Dingen  der  nationalen  Zukunft 
bei  den  meisten  unserer  jungen  Leute  um  sich  gegriffen  hat,  daran 
sind  die  Zeiten  des  Absolutismus  und  unsere  dem  Leben  von  Idealen 
nicht  günstigen  Bräuche  und  sozialen  Normen  schuld^.     Ich   gehe 

^  Es  ist  zu  bedenken,  daß  das  im  Mai  1913  gesthrieben  ist.  Damals  war  die  Jugend 
Stambuls  gleichgültig,  zum  Teil  geradezu  antipatriotisch:  man  sah  in  die  Zukunft  ohne 
Hoffnung,  weil  man  auf  keine  Verwendung  der  guten  Kräfte  rechnen  konnte,  die  man 
so  gern  dem  Vaterlande  widmen  wollte.  Schon  vor  dem  Kriege  trat  ein  Umschwung 
ein  durch  die  zahlreichen  Neugründungen  der  Regierung  auf  allen  Gebieten  des  öffent- 
lichen Lebens,  neben  denen  die  Hebung  des  privaten  Unternehmungsgeistes  einherging. 
Der  Krieg  löste  eine  Fülle  von  Energien  aus,  und  während  man  früher  ,, Krieg"  als 
eine  Entschuldigung  betrachtete,  in  der  Verfolgung  gemeinnütziger  Ziele  lässig  zu  sein, 
wird  jetzt  auf  allen  Gebieten  von  denen,  die  etwas  leisten  können,  mit  verdoppeltem 
Eifer  gearbeitet.     Natürlich   gibt   es   auch   heute  Faulpelze,    Unfähige  und  Eigensinnige; 


7  i  Hartmann, 

VO(200000<XK>00(X)00&X/XOOOOOCXX)00(>XXXMOCX1^^ 

hier  nicht  auf  die  Einzelheiten  des  Problems  ein;  wir  müssen  nur 
mit  offenem  Auge  auf  die  bitteren  Resultate  blicken,  die  vor  uns 
liegen,  und  die  großen  Gefahren  bewerten,  denen  nur  durch 
schnelles  und  entschlossenes  Handeln  begegnet  werden  kann. 

Zu  den  größten  Antrieben  solcher  Empfindungen  gehört  die 
Literatur,  gehören  die  Dramen  und  Erzählungen,  die  zugleich  eine 
Bühne  des  Lebens  sind  und  einen  philosophischen  oder  sozialen 
Gedanken  enthalten.  Sind  es  nicht  solche  Werke,  die  die  patrioti- 
sche Erregung  des  jungen  Frankreichs  nähren,  welches  ruft:  „Wir 
haben  geschworen,  am  Vaterlande  nicht  zu  verzweifeln."  Ich 
möchte  überzeugt  sein,  daß  unter  denen,  die  tezädd  lesen,  besonders 
die  jüngste  Generation  zu  seinem  wirklichen  Gedanken  durchdringen 
wird;  denn  wir  Armen,  die  wir  verurteilt  sind,  das  Unheil  der 
Kette  alter  Fehler  zu  sehen,  wir  haben  die  historischen  Erinnerungen 
der  ewigen  Feindschaft  der  Slawen  wie  Naschid  in  tezädd  erlebt 
und  haben  außerdem  ihren  letzten  Ansturm,  ihre  fürchterhchen  Ver- 
brechen, ihre  teuflischen  Intrigen  gesehen.  Unser  Kopf  ist  wirr, 
unser  Herz  ist  verwundet  davon.  So  kommt  denn  tezädd  zur  rechten 
Zeit,  weil  es  das  Gefühl  der  Rache  erregt,  dessen  Vererbung  auf 
unsere  Kinder  und  Enkel  so  nötig  ist,  und  weil  es  Probleme  berührt, 
die  für  unser  geistiges  und  nationales  Leben  von  außerordentlichem 
Interesse  sind.  Doch  das  ist  eine  Sache  der  Gefühlsweckung  und 
der  Eingebung,  nicht  ein  Beweis.  Wäre  ein  Beweis  da,  so  würde 
das  eine  Rückkehr  zu  der  „Literatur  mit  Theorien'*  bedeuten,  die 
meines  Erachtens  etwas  Totes  ist;  ich  liebe  diese  Sorte  Literatur 
nicht,  ich  habe  mehrfach  ausgesprochen,  daß  ich  es  mit  den  „ge- 
danklichen Erzählungen"  halte,  deren  Personen  gehörig  untersuchte 
und  analysierte  lebendige  Personen  sind,  und  die  die  Heiligkeit  von 
Schönheit  und  Kunst  nicht  vergessen,  die  vielmehr  die  Kunst  noch 
edler,  noch  höher  machen.  Ich  denke,  daß  tezädd  ein  in  der  os- 
manischen  Literatur  noch  neues  Beispiel  dieses  Stiles  ist,  der  seit 
dem  großen  Balzac  sich  allmählich  immer  mehr  befestigt  und  ver- 
breitet hat;  da  ich  wenigstens  von  diesem  Gesichtspunkt  aus  mein 
Werk  beachtenswert  fand,  habe  ich  mich  erkühnt,  auf  seine  erste 

es  ist  aber  ein  Unrecht,  deswegen  die  ehrlichen  und  bedeutenden  Anstrengungen,  die 
gemacht  werden,  zu  bespötteln.  Die  Begeisterung  des  jungen  Dichters  für  das  Land, 
dem  er  sein  Bestes  verdankt,  verstehen  wir.  Wir  wünschen  nur,  daß  er  und  seine 
Genossen  nicht  einseitig  bleiben  und  sich  auch  bei  uns  umsehen:  wir  sind  bereit,  alle 
fähigen  und  willigen  Osmanen  an  unserem  geistigen  Leben  teilnehmen  zu  lassen,  wie 
wir  ihre  Entwicklung  mit  Interesse  verfolgen  und  in  jeder  Weise  zu  fördern  gewillt  sind. 


Dichter  der  neuen    Türkei.  73 

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Seite  den  Namen  des  gfewaltigen  Meisters  zu  setzen,  der  der  wahr- 
hafte Begründer  der  „Erzählung"  bei  uns  ist.  So  zahle  ich  einen 
Teil  der  literarischen  Schuld  ab,  die  ich  als  Schriftsteller  ihm  gegen- 
über empfinde,  indem  ich  zugleich  meiner  verehrungsvollen  Liebe 
wiederholt  Ausdruck  gebe." 

Mai   1329  [beg.   14.  Mai   1913]. 

Die  Antwort  Chalid  Zijas  (S.  8 — 10)  lautet  (Auszug): 

„Wäre  Ihnen  bekannt,  wie  ausgedehnte  Verzweiflungs-  und  Er- 
schöpfungsperioden der  Mann,  dem  Sie  Ihr  Werk  gewidmet  haben, 
in  seinem  literarischen  Leben  durchgemacht  hat,  so  würden  Sie  das 
Gefühl  des  Trostes  und  der  Freude  ermessen  können,  das  diese  Ihre 
Liebenswürdigkeit  hervorgerufen  hat.  Ich  denke  nicht,  daß  das, 
was  Sie  von  mir  erwarten,  nur  Ausdruck  des  Ihnen  geschuldeten 
Dankes  ist;  gäbe  auch  das  Amt  des  älteren  Bruders,  das  Alter  und 
Erfahrung  mir  verliehen,  mir  nicht  das  Recht  und  Privileg,  das  von 
mir  Gedachte  Ihnen  in  der  Form  einer  nackten  Wahrheit  aus- 
zusprechen, so  würde  mich  doch  mein  Gewissen  antreiben,  als  Er- 
widerung Ihrer  Liebenswürdigkeit  eine  offene  Sprache  gegen  Sie 
zu  führen. 

Was  in  Ihrem  Werke  zunächst  die  Aufmerksamkeit  erregt,  ist 
Ihr  Stil.  Bei  dem  kunstvollen  Eifer,  der  Ihre  Darstellung  be- 
herrscht, verlieren  Sie  nicht  die  graziöse  Leichtigkeit,  die  der  Ein- 
fachheit eignet,  und  Sie  besitzen  eine  vornehme  Ausdrucksweise,  die 
Zeugnis  davon  ablegt,  daß  Ihre  ganze  Art  sich  immer  in  einem  ge- 
fälligen Gleichmaß  bewegen  wird.  Eines  habe  ich  bemerkt,  das 
ich,  wenn  es  nicht  einen  großen  Wert  als  Kraftquelle  für  Sie  be- 
säße, aus  Rücksicht  auf  mein  und  meiner  Zeitgenossen  Ehrgefühl 
mit  Stillschweigen  übergehen  würde:  wir  waren  weit  davon  entfernt, 
in  den  Anfangszeiten  unsres  literarischen  Lebens  in  dem  Maße  wie 
Sie  unsre  Sprache  zu  meistern;  tatsächlich  war  damals  diese  Sprache 
weit  davon  entfernt,  sich  vollkommen  zu  beherrschen.  Ihnen  ist 
es  gelungen,  das  lange  Suchen  nach  der  literarischen  Sprache,  die 
unsrem,  der  Gegenwart  angehörendem  Empfindungsleben  entspricht, 
mit  einem  Schritte  abzumachen.  Ferner,  Sie  besitzen  eine  Be- 
fähigung zum  Erzähler,  die  stärker  entwickelt  ist,  als  man  von 
Ihrem  Alter  erwarten  sollte. 

Um  meine  besondere  Betrachtung  über  die  Grundlagen  Ihres 
Werkes  zusammenzufassen,  möchte  ich  darauf  hinweisen,  daß  die 
ersten    Manifestationen    unsres   literarischen   Lebens    die    sind,    die 


74  Hartmann, 

00(X)e0©000000GG000000000C<XXXXXXX)0eO0(X)00000000CO000000CKX)000600000000C^^ 

unsrer  empfindenden  Persönlichkeit  am  nächsten  sind.  In  diese 
tragen  wir  am  meisten  von  unserem  Selbst  hinein.  Das  kommt 
aber  nur  selten  vor,  es  ist  eine  Vision,  die  meistens  von  dem  Ein- 
treten einer  leidenschaftlichen  Phantasie  erwartet  wird.  Mir  scheint 
das  Bemühen,  diese  zarten  und  feinen  Dinge,  den  feinen,  aus  Poesie 
und  Illusion  zusammengesetzten  Schmuck  dieser  Blumen,  die  mit 
unsrer  Jugend  großgezogen  sind,  durch  den  Filter  einer  unbarm- 
herzigen Kritik  gehen  zu  lassen,  gleicht  dem  Zerbrechen  und  Zer- 
malmen eines  Stückes  Glas,  um  seine  mannigfaltigen  Spiegelungen, 
seine  kleinen,  feinen  Sonnen  zu  begreifen.  Ich  gestehe,  daß  ich  be- 
sorgt war,  ich  könnte  mich  in  den  von  Ihnen  berührten  Fragen 
des  sozialen  Lebens  in  manchen  Punkten  von  Ihnen  trennen  müssen. 
Sie  treten  durch  die  eine  Tür  des  Lebens  ein,  ich  gehe  zu  einer 
andern  hinaus.  Zwischen  uns  besteht  eine  durch  viele  Jahre  er- 
probte Freundschaft.  Ich  sah  mit  großem  Erstaunen,  daß  wir 
auch  in  der  Weisheit  des  Lebens,  die  man  nach  zahlreichen  traurigen 
Lebenserfahrungen  erwerben  muß,  trotz  des  Altersunterschiedes 
übereinstimmen.  Ist  es  ein  besonderes  Talent  bei  Ihnen,  daß  Sie 
in  der  Blüte  der  Mannheit  stehend  und  darum  jung,  zugleich  alt 
sind?  Sie  stellen  auf  einem  Gebiete  der  Formen  der  Familie,  das 
bei  uns  die  größte  Wichtigkeit  hat,  Untersuchungen  an.  Gestattete 
es  mir  der  Umfang  der  Antwort,  die  ohnehin  schon  zu  lang  ge- 
worden ist,  so  würde  ich  meine  Betrachtungen  hinsichtlich  dieser 
wichtigen  Fragen  des  sozialen  Lebens,  im  besonderen  meine  Theorien 
über  eine  als  eine  gefährliche  Wunde  beständig  wachsende  Gefahr  für 
unser  Leben  darlegen.  Aber  wäre  es  noch  nötig?  Der  wesentliche 
Inhalt  dessen,  was  ich  zu  sagen  hätte,  läßt  sich  aus  dem  Geiste 
Ihres  Werkes  herausdestillieren.  Die  Zeüen,  die  Ihre  Widmung 
mir  in  die  Feder  gegeben,  kann  ich  in  zwei  Worten  zusammen- 
fassen: tiefsten  Dank  für  Ihre  Liebenswürdigkeit  und  ein  lebhaftes 
Gefühl  der  Wertschätzung  für  Ihre  erlesene  Kunst." 

Der  Wert  dieses  Briefwechsels  wird  sich  aus  der  Analyse  des  Romans 
ergeben.  Diese,  trotz  der  Beschränkung  auf  die  Hauptsachen  immer 
noch  allzu  reichlich  scheinende  Inhaltsangabe  mußte  vorgenommen 
werden,  um  das  Urteil  über  dieses  Literaturerzeugnis  zu  begründen 
und  zu  zeigen,  welche  Gefahren  die  Türkische  Modernste  bedrohen. 


Naschid,   Kolagassy    in    der   türkischen   Armee,    und   Behire, 
Tochter   des  wohlhabenden  Nusret  Bej,   sind   verlobt.     Behire   ist 


Dichter  der  neuen    Türkei.  •  75 

DO0O0O0OC»OOCXXXXXXXXXXXDOC)0O0OOO<X)(X)O0C«0OO0O00000000CXXX50O00eXXXXXXX)O00000OOOCXXXXXX)^^ 

dem  stattlichen,  hochbegabten  und  liebenswerten  Manne  von 
Herzen  zug-etan.  Es  kommt  eines  Tages  zu  einem  peinlichen  Auftritt. 
Naschid  erzählt,  wie  er  von  dem  Polizeiminister  einen  beleidigenden 
Verweis  erhalten  habe,  weil  er  sich  bei  einer  Abendunterhaltung 
in  unangemessener  Kleidung  gezeigt  habe;  er  halte  ein  solches 
Leben  nicht  länger  aus:  er  wolle  dieser  Luft  mit  Bazillen  von 
Niedrigkeit  und  Spionage  entfliehen,  er  wolle  nach  der  „Lichtstadt" 
eilen,  um  zu  leben.  Behire  ist  unglücklich:  sie  hat  genügend 
Menschen-  und  Weltkenntnis,  um  Unheil  zu  ahnen,  und  sie  weist 
die  faden  Redereien  ab  als  Versuche,  ein  Kind  zu  täuschen. 
Naschid  fährt  aber  zunächst  nach  Batum  zum  Besuche  seines 
Onkels  Osman  Bej;  er  nimmt  alsbald  lebhaft  teil  an  den  lokalen 
Vergnügungen,  so  an  dem  Ball  in  einem  Dorfe  bei  der  Stadt,  wo 
sich  einige  Familien  zur  Sommerfrische  aufhalten.  Es  ist  eine 
Augustnacht.  Naschid  fordert  die  Russin  Militscha  Nelidowna 
zum  Tanze  auf.  Das  kokette  Weib  treibt  ihr  Spiel  mit  Naschid, 
der  ihr  völlig  verfällt.  Sie  wird  schuld,  daß  Naschid  die  Reise 
nach  Paris  hinausschiebt.  In  Gesprächen  mit  Mercier,  dem 
.Dragoman  des  französischen  Konsulats,  wird  das  russische  Weib 
geschildert  mit  dem  Kontrast  ihres  derben  Knochenbaues  und  dem 
Ausdruck  der  Gedrücktheit,  Unterwürfigkeit  in  Blicken  und  Haltung; 
auch  die  Familienverhältnisse  Militschas  werden  dargelegt;  aber 
weder  all  das  noch  das  Bild  Behires,  das  zuweilen  in  Naschids 
Seele  wieder  heraufzieht,  können  ihn  von  Militscha  abbringen. 
Das  Spiel,  das  die  Russin  mit  Naschid  treibt,  erreicht  seinen 
Höhepunkt  auf  einem  Ausfluge:  als  sie  in  einem  Walde  sind,  be- 
ginnt der  Erregte  ihr  die  Kleider  vom  Leibe  zu  reißen,  um  sie  in 
ihrer  herrUchen  Nacktheit  bewundern  zu  können;  Militscha  wehrt 
sich:  „ich  schreie".  Naschid  kommt  zur  Besinnung  und  stammelt 
Entschuldigungen;  damit  ist  der  Liebestraum  erloschen,  und  beide 
sehen  jetzt  mit  Ernst  der  Zukunft  entgegen  (S.  iooff.,  die  unschöne 
Szene  ist  nicht  einmal  gut  erzählt).  Später  haben  der  Türke  und 
die  Russin  eine  lange  Unterredung,  in  der  Naschid  jeden  Augen- 
blick „nervös"  wird  (das  ist  ein  Lieblingswort  des  Verfassers;  doch 
wechselt  er  stüvoU  ab  zwischen  ^asahl  und  nnirli);  schließlich  wüligt 
die  Russin  in  eine  öffentliche  Verlobung.  Naschid  beeilt  sich, 
dem  Onkel  Osman  Mitteilung  zu  machen,  daß  er  Müitscha  heiraten 
wolle.  In  diesem  Gespräche  zeigt  Naschid  gedanklich  und  sprach- 
lich eine  rührende  Kindlichkeit:  ^er  Verfasser  läßt  ihn  „Weisheiten" 
über   die    Liebe   und   ihren   Zwang   reden,    es    kommen    aber    nur 


76  tlartmann, 

BOOOOOOOOC«<XX3000©OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOCXXXXXXXXXXXXXXXXX)OOOÖOCOOOOOO(XXX5^^ 

Banalitäten  heraus,  während  der  alte  Osman  recht  vernünftig  ist; 
natürlich  fruchten  alle  Ermahnungen  nichts.  VölHge  Direktions- 
losigkeit  zeigt  Naschid  bei  dem  Feste,  das  die  Russen  am  Jahres- 
tage der  Annexion  Batums  feiern.  Osman  Bej  findet  die  Teil- 
nahme des  türkischen  Offiziers  ungehörig,  aber  Militscha  hat 
befohlen.  Gelegentlich  kommen  Naschid  Zweifel:  neben  den 
Warnungen  Osmans  hört  er  die  Vorwürfe  des  Vaters.  An  jenem 
Abend  steht  er  Qualen  aus:  das  Tanzen  Militschas  mit  andern 
macht  ihn  fürchterlich  eifersüchtig;  sie  beruhigt  ihn  mit  geschicktem 
Wort.  Die  Freude  der  Russen  weckt  in  ihm  patriotische  Be- 
klemmungen: das  Historische  wacht  auf,  und  er  hält  in  Gedanken 
patriotische  Reden.  Er  folgt  schließlich  der  Aufforderung  des 
Bruders  Militschas,  in  den  russischen  Offiziersklub  zu  kommen,  wo 
sich  bereits  Mutter  und  Schwester  befinden.  Als  er  dort  mit 
Militscha  sich  erneut  über  Liebe,  Zweifel  und  Eifersucht  ausspricht, 
tritt  der  Offizier  Potemkin  hinzu,  und  es  kommt  zwischen  ihm 
und  Naschid  zu  einem  heftigen  Wortwechsel;  Potemkin  bleibt 
kühl  und  spöttisch,  der  zänkische  Naschid  wird  immer  wilder. 
Endlich  trennt  Militscha  die  Erregten;  zum  Danke  sagt  ihr  Naschid 
bei  der  Trennung  ein  häßliches  höhnisches  Wort:  „Du  hast  pa- 
triotische und  liebenswürdige  Freunde,  ich  gratuliere."  In  den 
Katzenjammer  Naschids  über  die  Geschichte  fällt  ein  Brief  Behires: 
ihr  Vater  habe  sie  mit  dem  Sohne  eines  Paschas  verheiraten 
wollen  und  bei  ihrer  Weigerung  ihr  Naschids  Absichten  auf  die 
Russin  enthüllt;  sie  könne  das  nicht  glauben;  im  übrigen  phantasiert 
sie  über  alle  möglichen  Fragen  (der  Brief  ist  nicht  weniger  als 
11  Seiten  lang).  Die  Frage  der  verlassenen  Behire  tritt  nun  mit 
aller  Schärfe  an  Naschid  heran:  der  Konflikt  zerreißt  ihn;  die 
Stimme  der  Vernunft  und  des  Gewissens  siegt.  Er  fährt  zu  Mutter 
Nelidowna.  Militscha  selbst  erscheint,  die  Mutter  entschuldigend; 
naiv  erzählt  Naschid  von  Onkel,  Vater  und  Behire.  Militscha 
ist  die  Beleidigte;  weinend  lehnt  sie  den  Kopf  an  Naschids 
Schulter,  dann  umschlingt  sie  ihn,  bedeckt  ihn  mit  gierigen  Küssen. 
Naschid  hat  Angst  um  seine  Krawatte,  erwidert  aber  die  Lieb- 
kosungen. Nun  rächt  sich  Militscha:  „Mach'  dich  schleunigst  fort, 
aber  vergiß  mich  nicht!"  Der  herausgeworfene  Naschid  wird 
vernünftig  und  reist  ab:  er  will  sich  zunächst  in  der  tröstenden 
Umwelt  von  Paris  oder  London  wiederherstellen  und  dann  zu  seiner 
Behire  zurückkehren.  Mit  diesen  Gedanken  spaziert  er  auf  dem  Deck. 
Da   ertönt    die  Tischglocke:    eine    Gelegenheit,    die  Erzählung    mit 


Dichter  der  neuen    Türkei.  77 

oocxxx!ooooooooooo<xxx)ooooooo(X)oc>oc)OOOC)OOOoooooooooooooooooo(x>x)oo^ 

einer  lustigen  Wendung,  im  Sinne  etwa  der  „romantischen  Ironie" 
zu  Ende  und  dem  Helden  wie  dem  Leser  wohltuende  Befreiung 
zu  bringen.  Aber  in  unermüdlichem  Strahl  wird  weiter  geschwatzt. 
Man  erfährt  nicht,  was  aus  Naschid  geworden  ist;  man  nimmt 
an,  daß  der  unreife  Bursche  sehr  bald  genau  die  gleichen  Dumm- 
heiten machen  wird.  Ohne  Bedauern  nehmen  wir  Abschied  von 
dem  verliebten  Schlingel,  der  ein  Exemplar  des  von  Rieder  („Für 
die  Türkei"  I,  300  f.)  gezeichneten  türkischen  Neurasthenikers  ist. 
Eines  der  besten  Stücke  ist  die  MädchengeseUschaft  bei  Behire 
(S.  110 — 127J:  ist  das  Durcheinanderreden  der  sechs  jungen  Dinger 
auch  nicht  höherer  Ordnung,  so  gibt  es  doch  ein  gutes  Bild  von 
den  Nöten  der  türkischen  Mädchen  weit:  natürlich  fehlt  es  auch 
nicht  an  der  Schimpferei  auf  die  Europäer  (S.   124). 

Wie    steht    es   um    die   Tendenz    des    Romans    und    ihre    Durch- 
führung?   Nach  des  Verfassers  eigner  Angabe  wollte  er  politisch 
sein,  d.  h.  die  Wunde  des  Russenschmerzes  bei  den  Osmanen  offen 
halten,  wie  französische  Romanciers  den  Geist  der  Rache  für  1870 
lebendig   zu    erhalten    suchten   (vgl.  S.  37).     Es   ist   unverständlich, 
wie  der  Verfasser   glauben  kann,   dieser  Sache  mit   seinem  Buche 
einen  Dienst  geleistet  zu  haben.    Sein  Held,  der  türkische  Offizier 
tut  alles,  um  den  Leser  zu  überzeugen,  die  Lektion,  die  die  Türkei 
von  Rußland  erhalten,   sei  verdient  gewesen;    denn  sein  Verhalten 
ist    so   unpatriotisch    und   so    taktlos    wie    möglich:    wie    kann    der 
türkische  Offizier  einem  Feste  beiwohnen  zu  Ehren  eines  türkischen 
Gebietsverlustes!     Nun,    er   tut   es  einem  Weibe  zuliebe  und  ist  in 
Zivil.      Aus    diesem    Versteck    durfte    er    aber   nicht    heraustreten; 
unklug  läßt  er  sich  durch  die  Äußerung  eines  russischen  Offiziers 
zur  Entgegnung  hinreißen:  der  Wortwechsel  endet  mit  vollkommener 
Niederlage    des   Türken,    der   in  seinem  Ärger  schließlich   die  An- 
gebetete schwer  beleidigt.     Das  ganze  Gebaren  ist  typisch:  hoch- 
fahrend  und  kopflos.     Nicht    einmal  Spuren  des  Interesses  für  die 
großen  Probleme  des  Lebens  finden  sich  bei  dem  Helden.    Chalid 
Zij  a  scheint    die    schiefe   Stellung   seines   Bewunderers    empfunden 
zu    haben;    er    rührt    nicht    an    den    türkisch-russischen    Gegensatz 
mit   seiner    angeblichen    deutsch-französischen    Parallele;    dagegen 
redet  er  ausführüch  von  dem  Motiv  des  Romans,  das  der  Verfasser 
selbst  nicht  erwähnt:   Probleme  des  sozialen  Lebens.     Es  ist  nicht 
klar,    was    er  damit  meint.     Ich    kann  in  dem  ganzen  Buche  keins 
entdecken.    Die  Vernarrtheit  eines  Offiziers  in  ein  Weib  aus  einem 
feindüchen  Volke,   wie   sie   hier  dargestellt  ist,   ist  kein  Stüek   des 


78  Hartman  71, 

gewaltigen  Problems  des  nationalen  Empfindens  im  Kampfe  mit 
dem  Triebleben,  weil  die  Bedingungen  zu  einem  solchen  Konflikte 
(AUeinstehen,  besondere  Reize  physischer  und  geistiger  Art  u.  dgL) 
nicht  vorliegen;  man  könnte  von  einem  Problem  höchstens  in  dem 
Sinne  sprechen:  wie  überwindet  ein  unreifer,  direktionsloser  Mensch 
die  Gefahren,  die  ihm  im  fremden  Lande  aus  den  Fallstricken 
eines  Weibes  erwachsen?  Aber  zu  der  Lösung  ist  hier  nicht  ein- 
mal der  Versuch  gemacht,  das  Problem  selbst  ist  nicht  einmal  erfaßt. 
Die  Komplimente  Chalid  Zijas  wegen  der  sozialen  Probleme 
sind  leere  Reden:  empfand  er  die  Dürftigkeit  des  Inhalts,  so  durfte 
er  nicht  Lob  aussprechen;  empfand  er  sie  nicht,  so  zeigt  er  eine 
bedauernswerte  Kritiklosigkeit,  Nebenbei:  Izzet  Melih  bekennt 
sich  zu  der  fikrl  hikäjet  „Gedankenerzählung"  (Erzählung  mit  ge- 
danklichem Hintergrunde)  und  hält  sein  Buch  für  eine  „Probe  des 
seit  dem  großen  Balzac  immer  mehr  eingebürgerten  Stils";  hier 
liegt  offenbar  eine  falsche  Auffassung  vor:  Balzac  hat  ausschließlich 
die  Sitten  seiner  Zeit  und  seines  Landes  geschildert,  ist  daneben 
tief  in  die  Herzen  der  Menschen  eingedrungen  und  vereinigte  das 
Beobachtete  zu  einem  lebendigen  wahren  Bilde.  Wo  Izzet  Melih 
das  Leben  schildert,  da  sind  seine  Personen  flach,  da  ist  Pose, 
aber  keine  Natur,  weil  er  selbst  Poseur  ist  und  nicht  stark  natürlich 
empfindet.  Ob  Izzet  Melih  sich  an  eine  Erzählung  Balzacs  näher 
anschließt  oder  überhaupt  an  ein  französisches  Vorbild,  wird  sich 
kaum  feststellen  lassen;  sein  Buch  ist  der  in  seiner  Seichtigkeit 
unpersönliche  Romane  ohne  Note,  der  sich  in  allen  Literaturen 
findet,  am  meisten  vielleicht  bei  den  Franzosen,  und  der  sorgfältig 
um  alle  tieferen  Probleme  des  Lebens  herumgeht.  In  der  türkischen 
Moderne  ist  im  allgemeinen  der  Zug  zur  Erzählung  höherer  Ordnung 
vorhanden  (neben  der  reinen  Unterhaltung  niederer  Gattung,  deren 
Hauptvertreter  Ahmed  Midhat  ist),  und  der  Milli-Roman  zeitigte 
eine  ganze  Anzahl  vortrefflicher  Schilderungen;  in  Hinsicht  der 
Lebendigkeit  und  des  Plastischen  stelle  ich  sehr  hoch  Chalid  Zijas 
mawy  wesijäh.  Mehmed  Re'uf  wird  in  der  Vita  des  Meisters  Recht 
haben  mit  seinem  „Chalid  Zija  ist  der  Vater  der  heutigen  Prosa", 
mit  der  Beschränkung:  soweit  es  sich  um  die  Kunst  der  Darstellung, 
nicht  um  das  sprachliche  Mittel  der  Darstellung  handelt  (vgl.  das  I 
155  f.  Ausgeführte),;  aber  auch  für  das  Künstleriche  stimmt  diese 
Bewertung  heute  nicht  mehr  ganz:  selbständige  und  begabte 
Köpfe  wie  Aka  Gündüz  sind  von  Chalid  Zija  unabhängig  und 
leisten  Besseres  als  er.    Hoch  über  den  Banalitäten  Izzet  Melihs 


Dichter  der  neuen    Türkei.  jq 

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steht  die  kräftige  Darstellung  und  Sprache  bei  Aka  Gündüz  (Nr.  25) 
in  seinen  besten  Stücken. 

"Wenn  Izzet  Melih  die  Eigentümlichkeit  Balzacs  als  „Stil"  (tarz) 
bezeichnet,  so  ist  das,  was  Chalid  Zija  mit  Izzet  Melihs  „StÜ"  meint, 
etwas  anders:  es  ist  der  sprachliche  Ausdruck;  auch  hier  begegnet 
dem  berühmten  Meister  der  Moderne  eine  Unstimmigkeit,  die  sich 
nur  erklären  läßt  aus  einer  etwas  unüberlegten  Neigung,  dem  Be- 
wunderer Angenehmes  zu  sagen;  er  schreibt  nämlich  dem  Stüe 
(uslüb  oder  tarzi  ifädf,  beide  Ausdrücke  nebeneinander  in  gleichem 
Sinne  S.  8,  18.  19)  Izzet  Melihs  Wundereigenschaften  zu  und  lobt 
ihn  in  hohen  Tönen  (vgl.  S.  38).  Dem  kann  ich  nicht  beistimmen. 
Die  Sprache  ist  nicht  ungeschickt,  erhebt  sich  aber  nicht  über  das, 
was  in  solchen  Ergüssen  gewöhnlich  zu  finden  ist.  Der  arabisch- 
persische Beisatz  ist  reichlich  stark,  und  man  fühlt,  daß  der  Ver- 
fasser kein  Verständnis  hat  für  das  allgemeine  moderne  Bestreben, 
einfach  und  dadurch  ausdrucksvoller  zu  erzählen.  Hier  wandelt  er 
in  den  Spuren  des  Meisters.  Wenn  ich  S.  65  sagte:  „man  muß 
es  als  ein  Glück  betrachten,  daß  Chalid  Zija  nicht  Schule  gemacht 
hat,  und  daß  sein  Stil  von  der  jungen  Generation  durchaus  abgelehnt 
wird",  so  halte  ich  diese  Darstellung  aufrecht.  Izzet  Melih  ist  eine 
Ausnahme.  Seine  Ausdrucksweise  ist  vielleicht  nicht  ganz  so  alt- 
modisch-schwerfällig wie  die  seines  Meisters,  aber  sie  arbeitet  mit 
den  alten  Mitteln,  unter  denen  die  schäbige  Eleganz  arabisch-persisch- 
türkischen Mischmasches  obenansteht.  Daneben  finde  ich  bei  ihm 
eine  Ungezogenheit,  die  eine  schwere  Bedrohung  der  osmanischen 
Literatur  darstellt,  da  sie  bei  der  Abstempelung  durch  einen  be- 
rühmten Namen  und  der  Urteilslosigkeit  des  osmanischen  PubHkums 
leicht  Schule  machen  kann:  die  Verhunzung  der  schönen  türkischen 
Sprache  durch  Französeleien,  die  geradezu  antitürkisch  sind.  Die 
Einführung  des  französischen  c^est  .  .  .  que  ist'  leider  so  verbreitet, 
daß  Izzet  Melih  kein  besonderer  Vorwurf  daraus  gemacht  werden 
kann  (hält  sich  doch  selbst  Halide  Edib,  die  sonst  ein  feines 
Gefühl  in  sprachlichen  Dingen  besitzt,  von  dieser  Pest  nicht  frei; 
vgl.  mein  „Die  Verhunzung  des  Türkischen"  in  NOI  Nr.  li  — 12 
S.  534  f.)-  Ich  meine  vielmehr  Wendungen  wie:  lo^ug  qanlylyq  aus 
französisch  sangfroiä  (163.  166  u.  ö.),  blr  birwdzden  o  qadar  derin  hir 
xi^urumla  airylyjoruz  (172)  „wir  sind'voneinander  durch  eine  so  tiefe 
Kluft  getrennt",  zawä/nri  gurturnK  q  (18;)  „sauver  les  dehors";  für 
untürkisch  halte  ich  auch  den  Gebrauch  des  .  .  .  raq  —  Gerundiums 
für  französisch  eomme,  das  sich  aus  den  meist  handwerksmäßig  her- 


8o  Hartmann, 

X«)OGOOO0<»0000000C)00000000000000000000000000O0000000000C)0OCXXXXXXXXXX>0C!O0CXXX)O0OC)OCXXXXD<X^ 

gestellten  Übersetzungen  französischer  Romane  in  die  bessere 
Literatur  eingeschmuggelt  hat;  hier  besonderes  beliebt  .  .  .  raq  teUqqi 
etmek  „auffassen  als  — ";  ein  unverdorbener  Türke  würde  das  kaum 
verstehen;  auch  teleqqi  ist  nicht  zu  billigen:  häufig  tun  sich  die 
Türken  etwas  darauf  zugute,  daß  sie  arabisches  Sprachgut  ver- 
gewaltigen, und  daß  sogar  zuweilen  das  Verstümmelte  von  den 
Arabern  selbst  wieder  aufgenommen  wird;  dieses  Verfahren  ist 
unintelligent  und  unfair.  Gewiß,  auch  die  Sprache  ist  ein  Organismus, 
der  dem  Wandel  unterliegt;  sie  soll  sich  in  Freiheit  weiterbilden, 
soll  Angliederungen  aus  fremden  Kreisen  vornehmen.  Es  soll  aber 
auf  eine  Art  geschehen,  daß  ihr  Geist  nicht  verletzt  wird,  daß 
nicht  Bildungen  entstehen,  die  von  jedem  echt  türkisch  denkenden 
und  seine  Sprache  kennenden  Osmanly  als  Unstimmigkeiten,  Schief- 
heiten empfunden  werden.  Man  ist  von  der  faden  Nachahmung 
des  Persischen  abgekommen,  so  wird  man  auch  diese  Krankheit 
überwinden.  Das  beste  Mittel  wird  auch  hier  sein  die  ernste  Be- 
schäftigung mit  den  den  Osmanen  fast  ganz  unbekannten  Türk- 
sprachen, deren  Schätze  zu  heben  eine  der  wichtigsten  Aufgaben 
der  an  der  Spitze  der  Türkvölker  marschierenden  Osmanen  ist. 

17.  Selaheddin  Enia  [selaheddin  enis] 

„aus  der  Familie  Ata  Bey,  einer  der  vornehmsten  Familien  Georgiens, 
geboren  1308  [beg.  4.  3.  1892],  Sohn  des  Gendarmerieobersten 
Enis  Bey;  einer  der  besten  Novellisten  der  neuen  Generation;  er 
wirft  die  schmutzigsten,  aber  zugleich  wahrsten  Szenen,  die 
packendsten  Momente  der  menschlichen  Leiden  und  Freuden  mit 
treffsicherer  Analyse  auf  das  Papier;  als  glühender  Verehrer  der 
Naturalisten  und  besonders  Zolas  beschäftigte  er  sich  mit  Fragen, 
die  die  heutige  Moral  sich  noch  nicht  gefallen  läßt;  das  wenige, 
was  von  ihm  publiziert  ist,  läßt  seine  Persönlichkeit  nicht  gehörig 
erkennen;  seine  andern  Werke,  und  das  sind  die  wichtigeren, 
konnten  mit  Rücksicht  auf  den  Zustand  der  Gesellschaft  noch  nicht 
veröffentlicht  werden.  Selaheddin  ist  überzeugt,  daß  die  Literatur 
eine  Schwester  der  Wissenschaft  ist,  und  daß  jeder  Romanschreiber 
einige  Kenntnisse  in  Psychologie,  Anatomie,  den  allgemeinen 
Krankheiten,  Embryologie  zum  wenigsten  in  ihren  allgemeinen 
Grundlagen  haben  müsse;  er  beobachtet  scharf  und  erzählt  dann 
tief  und,  soweit  es  möglich  ist,  unpersönlich;  man  begegnet  ihm 
vor  den  Häusern  der  Bettler,  in   den  leichenduftenden  Korridoren 


< 


Jaschar  Nezihe  Hanum 


Dichter  der  neuen  Türkei.  8l 

ooeoeooooooooooooeoooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooeeooao 

der  Anatomie,  zuweilen  an  den  Türen  der  Moschee,  in  den 
Quartieren  der  unteren  Klassen;  zugleich  ist  er  Maler:  in  zwei 
Zeilen  schildert  er  die  staubige  Stille  verfallener  Quartiere,  die 
nachdenklichen  Störche,  wie  sie  gegen  Abend  sich  auf  der  Moschee 
niederlassen  und  mit  ihren  Schnäbeln  auf  das  Dach  der  grünen 
bemoosten  Kuppel  lospicken,  oder  eine  traurige  Herbstnacht  in 
einem  Dorfe  Anatoliens.  Eine  Spezialität  Selaheddins  ist  ein 
geistiger  Hang  zu  Dingen,  die  unsauber  sind  —  ein  höchst  seltsames 
Verhältnis;  für  ihn  entstehen  Tugenden  und  Laster,  Reinheit  und 
Schmutz  aus  einer  gemeinsamen  Quelle;  sie  sind  dieselben  Dinge, 
die  sich  nur  durch  die  Auffassung  unterscheiden;  deshalb  nimmt 
er  nicht  Anstand,  ein  Hundeaas,  eine  Menschenleiche,  alles  an 
einem  Bettler  bis  zum  intimsten  Kleidungsstück  zu  betrachten  und 
zu  beschreiben;  so  sucht  er  denn  auch  seine  meisten  Gegenstände 
in  den  schmutzigsten  und  ekelhaftesten  Momenten;  den  ethischen 
Normen  und  Auffassungen  gegenüber  ist  Selaheddin  ein  wenig 
gar  zu  unbekümmert;  das  ist  auch  eine  der  Ursachen,  daß  seine 
Bücher  noch  nicht  gedruckt  sind;  er  ist  noch  sehr  jung,  und  die 
Zukunft  hofft  viel  von  ihm."  Diese  liebevoll  ausgeführte  Biographie 
NSM  S.  211  ist  von  Schehabeddin  Sulaiman  [siehe  Nr.  ii],  dessen 
Urteil  hier  ein  besonderes  Gewicht  hat,  da  er  nicht  den  wilden 
Neuerern,  sondern  den  Konservativen  zugezählt  wird.  Nicht  ohne 
Interesse  ist,  daß  Selaheddin  Enis  aus  der  völkischen  Gesellung 
durch  die  Wahl  seiner  Stoffe  und  ihre  rücksichtslose  Behandlung 
insofern  herausfällt,  als  die  Georgier,  wie  mir  versichert  wird,  auf 
moralische  Sauberkeit,  auch  in  der  literarischen  Gebarung,  den 
größten  Wert  legen.  —  Bild  NSM  S.  211.  —  Die  Probe  S.  213 
bis  218  hlr  qadynyn  son  mektübii  „Der  letzte  Brief  eines  Weibes",  ist 
das  der  Gesellschaft  ins  Gesicht  geschleuderte  faccuse  einer  Dirne, 
zu  derem  Bilde  offensichtlich  Zolas  Nana  Modell  gestanden  hat. 
Das  Dirnentum  ist  auch  sonst  ein  beliebter  Stoff,  vgl.  die  alles 
Glück  zerstörende  Schühret  in  Hüsein  Rahmis  tesädüf,  meine  Brief* 
S.  2 14  f.  und  die  verrückte  Bedfa  in  Ahmed  Rasims  belki  ben 
aldanijorum,  ebenda   219. 

18.  Jaschar  Nezihe  Hanum  [jasar  nezihe], 

„geboren  im  Januar  1297  [beg.  14.  1.  1882]  in  einem  verfallenen 
Hause  des  Barutchane  Jokuschu  bei  Schehir  Emini;  sechsjährig 
verlor    sie    ihre    Mutter    an    Schwindsucht;     der    Vater,    ein    roher 

Urkunden  uad  Untersuchungen.     3.  6 


82  Hartmann, 

ooooeooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooGoooooooeeooeo 

Trunkenbold,  erhielt  gerade  damals  eine  kärglich  besoldete  Stelle 
an  der  Stadtwage;  die  kleine  Nezihe  trieb  sich  mit  den  Jungen 
auf  der  Straße  herum;  eines  Tages  erwachte  in  ihr  eine  Lernlust, 
die  beständig  zunahm;  der  Vater  hatte  nur  Ohrfeigen  für  solche 
Gedanken;  schließlich  ging  sie  heimlich  zur  nahen  Schule  Kapu 
Agasy  Ibrahim  Aga,  küßte  dem  Lehrer  die  Hand  und  sprach: 
„Herr  Lehrer!  ich  bin  eine  Waise,  geben  Sie  mir  Unterricht!"  Der 
Vater  jagte  sie  dafür  aus  dem  Hause,  und  das  arme  Kind  kroch 
für  ein  paar  Nächte  bei  den  Nachbarn  unter;  ein  Jahr  lernte  sie 
in  der  Elementarschule;  sechzehn  Jahre  gingen  hin  auf  einem 
Strohlager  im  Hause  des  Vaters;  1314  heiratete  sie;  nach  kurzem 
Glücke  erlebte  sie  viel  Trauriges;  von  zwei  Männern  wurde  sie 
schwer  gekränkt.  Zum  Dichten  kam  sie  durch  eine  Laune;  1312 
[1896]  sah  sie  in  Ahmed  Rasims  Zeitung  nui'lümät  unter  dem  Namen 
Laila  Feride  das  Gedicht  „Niemand  fand  ein  Mittel  für  diese  Wunde", 
sie  wollte  ebenso  dichten  wie  Laila  Feride;  aber  ihre  Gedichte  ent- 
standen nicht  bloß  aus  solcher  Laune,  noch  mehr  trieb  sie  zum  Dichten 
ihr  Leben  an,  das  durch  die  Hölle  geg^angen  war;  zuerst  schrieb  sie 
unter  dem  Namen  Mazlume  [^niazlümc]  das  Gedicht  nieder,  das  mit  dem 
Vers  beginnt:  „Von  Liebe  verbrannt  stoße  ich  jeden  Augenblick 
Schmerzensschreie  aus";  dann  brachte  sie  in  ma''lüinät  ein  zweites 
Gedicht  unter  dem  Pseudonym  Mahmure  [mahmüre]  und  ein  drittes 
unter  dem  Namen  Mahdschure  [mahgüre];  als  sie  sah,  daß  diese 
Gedichte  von  der  Kritik  nicht  angegriffen  wurden,  schrieb  sie  mit 
großer  Kühnheit  weitere  Gedichte,  und  zwar  in  großer  Menge;  sie 
ist  jedenfalls  unter  allen  Frauen  die,  die  die  meisten  Gedichte 
herausg'ebracht  hat;  ihr  Gegenstand  ist  ihr  eigenes  Leben,  ihr 
Unglück,  ihre  Schicksalsschläge;  die  Gedichte  sind  mit  großer 
Innigkeit  geschrieben;  ein  Gedicht  aus  1317  [1901],  gedruckt  in 
der  Zeitschrift  taraqqi,  teilen  wir  hier  mit :  das  gibt  eine  gute  Vor- 
stellung, wie  unsere  verehrte  Dichterin  vor  zwölf  Jahren  gedichtet 
hat.  [Das  mitgeteilte  Gedicht  heißt:  iechattur  et  „Denke  dran!"  (im 
kleinen  Sami  fehlt  das  Wort;  der  große  hat  es  mit  der  Bemerkung 
„im  Arabischen  hat  das  Wort  ganz  andere  Bedeutungen,  deshalb 
ist  es  ein  Fehler",  nämlich  die  Anwendung  für  „sich  erinnern");  ich 
teile  von  den  sechs  Vierzeilern  [in  Itezeg  mit  Gemeinreim  für  V.  4 
und  mit  Sonderreim  für  V.  1.  2.  3]  Strophe  1  und  6  mit:  „Nicht 
vergaß  ich  jenen  letzten  Treuakt,  jene  Nacht  der  Vereinigung  / 
Nicht  vergaß  ich  jene  AugenbHcke,  jenen  Freudentag  /  Nicht  ver- 
giß auch  du,  mein  Geliebter,  jenes  süße,  süße  Beisammensein  /  Jene 


Dichter  der  neuen    TürJcei.  83 

meine  heimliche,  heimliche  Zwiesprach  mit  dir  —  denke  dran!  — 
Strophe  6:  Wenn  du  an  jenem  Orte  auf  ein  anderes  Mädchen 
wartest  /  Dann  denke  an  das  Grab  einer  Unglücklichen,  das  dort 
ist  /  An  die  durch  Siechtum  hingeraffte  Freundin,  die  in  jenem 
Grabe  liegt  /  Blick'  auf  den  Grabhügel  —  an  meinen  Schatten, 
denke  dran!";  schon  Paul  Hörn  bemerkte  die  Vorliebe  der 
türkischen  Autoren  für  die  Erwähnung  des  Friedhofs,  Türk. 
Moderne,  S.  31,  vgl.  Briefe  S.  215.]  Von  Jaschar  Nezihes  Gedichten 
ist  ein  Teil  in  der  „Zeitung"  für  Frauen",  in  „Sabah",  in  „Qadyn", 
in  „Taraqqi",  in  „Qadynlar  dünjasy"  und  in  einer  Anzahl  anderer 
Zeitschriften  erschienen;  außer  diesen  ist  in  letzter  Zeit  eine  Gedicht- 
sammlung von  ihr  unter  dem  Titel:  bir  deste  menekSe  „Ein  Veilchen- 
strauß" erschienen  (nach  der  anonymen  Vita  NSM  S.  220 — 222). 
—  Bild:  NSM  S.  219.  —  Probe  NSM  S.  222  f.:  rähi  ma%set  „Der 
Weg  des  Lebens"  [mügtett]  ist  in  dem  bekannten  Klagestil.  Ist 
auch  die  Dichterin  eine  Tochter  des  Volkes,  die  nicht  wie  die 
andern  weiblichen  Größen  der  Literatur  schon  in  der  Kindheit  mit 
„Bildung"  genährt  wurde,  so  sind  doch  leider  ihre  Schöpfungen 
nicht  als  volkstümUch  anzusehen:  sie  arbeitet  mit  dem  schwerfälligen 
arabisch-persischen  Apparat;  sie  tut  es  aber  so  geschickt,  und  es 
ist  in  ihren  Gedichten  so  viel  Individuelles,  daß  ich  sie  höher 
stellen  möchte  als  manchen  von  den  „berühmten"  Dichtern. 

19.    Mehmed    Re'uf  [mohammed  re'üf], 

„geboren  12.  August  1291  [25.  August  1875]  in  Stambul;  sein  Vater 
war  ein  aus  Kutahja  zum  Heere  gekommener  und  in  Stambul  ge- 
bliebener Türke,  seine  Mutter  war  Tscherkessin.  Die  Hand  zum 
Schreiben  regte  sich  ihm,  als  er  zehn  Jahr  alt  war;  mit  seinem  Vater 
ging  er  in  die  Theater  und  las  Bücher;  da  fing  er  an,  Theater- 
stücke zu  schreiben,  dann  warf  er  sich  auf  die  Romane  und  schrieb, 
1 2  Jahre  alt,  seinen  ersten  Roman  „Schurkerei  oder  die  Seeräuber 
der  Gascogne",  eine  Schauer-  und  Kriminalgeschichte.  In  der 
Marineschule  trieb  er  das  schon  in  der  Militärmittelschule  ge- 
lernte Französisch  weiter  und  lernte  das  obligatorische  Englisch 
dazu;  nun  studierte  er  Georges  Ohnet,  Octave  Feuillet,  Daudet, 
Zola,  Flaubert  und  andere  Franzosen  mit  Begeisterung  und 
begann  sie  nachzuahmen,  wie  in  seiner  Erzählung  giinfezä  „Die 
Reizende".  Als  Chalid  Zija  Bejs  nümtde  erschien,  war  Re'uf 
16    Jahre    alt;    er    war    bezaubert;    unter    den    Klassenkameraden 

6* 


84  Hartmann, 

war  ein  Smyrniot,  der  in  Smyrna  Schüler  Chalid  Zijas  gewesen 
war;  der  besaß  ein  vollständiges  Exemplar  der  Zeitung  chidmet, 
darin  fand  nun  Re'uf  alle  Werke  Chalid  Zijas  als  Feuilleton:  bumidi, 
haihät,  biv  ölünün  defteri,  ferdi  ivesürekäsi  und  eine  Anzahl  Artikel; 
in  seiner  Begeisterung  richtete  er  an  Chalid  Zija  ein  verehrungs- 
volles Schreiben  mit  Darlegung  seiner  Lage;  so  kam  es  zu  einer 
Korrespondenz  zwischen  ihnen;  Re'uf  schickte  dem  Meister  die 
längere  Erzählung  düsmüs  „Gefallen",  die  in  die  Zeitung  chidmet 
aufgenommen  wurde;  das  ist  das  erste  gedruckte  Werk  Re'ufs. 
In  Stambul  kamen  damals  Zeitschriften  wie  resimli  gazete  und  mekteb 
heraus;  darin  erschienen  drei  oder  vier  Erzählungen  von  Re'uf; 
1312  [1896]  wurde  auf  Empfehlung  Chalid  Zijas  sein  Roman 
ghurämi  sebäb  „Jugendliebe"  im  Feuilleton  des  Ikdam  gedruckt, 
aber,  weil  gerade  damals  der  armenische  Vorfall  die  Gemüter  er- 
regte, gar  nicht  beachtet.  Mit  Husain  Dschahid  und  Dschawid, 
die  mit  einigen  Genossen  die  Zeitschrift  mekteb'^  herauszug^eben 
begonnen  hatten,  machte  sich  Re'uf  persönlich  bekannt  gelegent- 
lich eines  Preisausschreibens  der  Zeitschrift;  als  Dschawid  und 
Husain  Dschahid  mit  dem  Leiter  der  Zeitschrift  brachen  und  sich 
zurückzogen,  trat  sie  unter  die  Aufsicht  Dschenab  Schehabeddins, 
und  als  dieser  ein  Amt  im  Hidschaz  übernahm,  wurde  mekteb  von 
Mehmed  Re'uf  redigiert.  Zur  gleichen  Zeit  hatte  in  Serweti  Funun 
die  Neue  Literatur  durch  das  Zusammenarbeiten  von  Fikret,  Dschenab 
und  Chalid  Zija  Gestalt  gewonnen;  Chalid  Zija  veranlaßte  den  Ein- 
tritt Re'ufs  in  Serweti  Funun;  bis  zur  Unterdrückung'  von  Serweti 
Funun  1317  [1901]  weg^en  eines  von  Husain  Dschahid  übersetzten, 
nach  Auffassung  der  Regierung  schädliche  Gedanken  enthaltenden 
Artikels  machte  sich  Re'uf  durch  zahlreiche  literarische  Arbeiten 
wie  Gedichte  in  Prosa,  Erzählungen,  Romane,  literarische  For- 
schungen, Kritiken  bekannt:  er  gab  den  als  Feuilleton  in  Serweti 
Funun  erschienenen  Roman  ellvl  „September"  und  einen  Band 
sijäh  ingiler  „Schwarze  Perlen"  mit  Erzählungen  und  Prosagedichten 
heraus.     Serweti  Funun    durfte    zwar   nach    nur    15   Tagen    wieder 

1  Die  Zeitschrift  mekteb  spielt  in  der  literarischen  Entwicklung  eine  Rolle.  Die  Dar- 
stellung hier,  daß  sie  von  Husain  Dschahid  gegründet  wurde,  ergänzt  die  Angaben 
S.  13,  7;  sicher  ist,  daß  Dschenab  Schehabeddin  die  Leitung  nach  den  Begründern 
übernahm,  sicher  auch,  daß  an  seine  Stelle  Mehmed  Re'uf  trat;  mit  dessen  Abfall  zur 
Serweti-Funun-Gruppe  war  das  Schicksal  von  mekteb  besiegelt.  In  diesem  ganzen 
Treiben  zeigt  sich  eine  Unruhe,  ein  immerwährendes  Modemachönwollen,  das  der 
Literatur  nicht  günstig  war.  Bei  diesem  Haschen  nach  Sensationen  kam  niemand  zum 
ernsten  Arbeiten. 


Dichter  der  neuen   Türkei.  85 

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erscheinen,  aber  die  Literatur  und  die  Tätigkeit  der  alten  Redakteure 
waren  gänzlich  verboten,  und  so  mußten  Re'uf  und  seine  Genossen 
bis  zur  Freiheitserklärung  schweigen;  nach  dieser  kam  es  nicht  so 
bald  zur  Aufnahme  der  alten  Tätigkeit;  schließlich  ließ  Re'uf  einige 
ältere  kleine  Erzählungen,  ihtizär  „Todeskampf",  ^äsiqäne  „Verliebt", 
son  eniel  „Letzte  Hoffnung",  sowie  den  als  Feuilleton  in  Serweti 
Funun  gedruckten  Roman  fenläji  garäm  „Der  Tag  nach  der  Liebe" 
in  Buchform  drucken;  ebenso  die  neuverfaßten  Romane  geng  qyz 
qaU)y  „Das  Herz  des  jungen  Mädchens",  menekse  „Das  Veilchen"  und 
die  Theaterstücke  penge  „Die  Faust",  gidäl  „Der  Kampf",  fevdl 
loesürekäsi  „Ferdi  und  Co"  [Bearbeitung  von  Chalid  Zijas  Roman, 
siehe  S.  30]  und  iki  qüwet  „Zwei  Mächte";  von  diesen  kam  menekse 
unvollständig  heraus,  der  zweite  Teil  soll  demnächst  gedruckt 
werden.  Nach  der  Revolution  unternahm  Re'uf  mit  einem  alten 
Freunde  die  Herausgabe  der  Frauenzeitschrift  malmsiyi;  er  konnte 
aber  trotz  großer  Mühen  die  Sache  nicht  aufrechterhalten;  es  er- 
schienen nur  die  12  Nummern  eines  Jahres.  Gegenwärtig  arbeitet 
Re'uf  regelmäßig  an  einigen  Zeitungen  und  Zeitschriften;  außer- 
dem ist  er  dabei,  als  erstes  ernsthaftes  Werk  einen  großen  Roman 
unter  dem  Titel  kähm  „Der  Alp"  zu  schreiben  (nach  der  anonymen 
Vita  NSM  S.  225  f.).  —  Bild  NSM  S.  224  —  Probe  in  Prosa  NSM 
S.  227 — 236:  „Die  alte,  alte  Geschichte";  der  Erzähler  wird  von 
einer  Dirne  in  ihr  Haus  in  Pendik  (man  beachte,  daß  die  Dirnen- 
geschichten gern  in  asiatischen  Vororten  Stambuls  spielen)  gelockt; 
er  lebt  herrlich  und  in  Freuden,  wird  aber,  als  die  zahlenden  Be- 
sucher kommen,  eingesperrt;  beim  zweiten  Male  bricht  er  aus, 
schlägt  die  Verräterin  und  ihren  Kerl  zu  Boden;  wie  verrückt 
umherirrend,  wird  er  von  der  Polizei  aufgegriffen  und  muß  das 
Erlebnis  mit  15  Jahren  Zuchthaus  büßen  (nach  französischem 
Original?). 

Diesen  geschickten  und  fleißigen  Erzähler  nahm  Hachtmann 
in  sein  „Zwanzigstes  Jahrhundert"  auf  (S.  13 — 16),  nicht  ohne  sich 
deshalb  zu  entschuldigen  (S,  16):  „Re'uf  ist  von  dem  neuen  Geiste 
wenig  berührt;  da  er  aber  einen  großen  Namen  hat,  glaubte  ich 
ihn  nicht  ausschließen  zu  dürfen."  Ich  möchte  eher  meinen,  er 
gehört  in  eine  solche  Reihe,  weil  er  an  der  „Schulen"-Entwicklung 
mitgewirkt  hat.  Als  literarische  Potenz  steht  er  kaum  viel  höher 
als  der  Vielschreiber  Ahmed  Midhat.  Vielseitiger  als  Omer 
Seifuddin  und  Ja*kub  Kadri,  steht  er  ihnen  an  Eigenartigkeit 
nach.    Er  arbeitet  mehr  handwerksmäßig,  ohne  sich  viel  um  Theorie 


86  Flartmann, 

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zu  kümmern;  während  Omer  Seifuddin  ein  feiner  Kenner  der 
literarischen  Werte  ist,  und  Kadri  instinktiv  hochwertige  Werke 
schafft. 


20.  Ihsan  Ra'if  [ihswi  ra'if]  Hanum. 

„Es  gibt  manche  außerordentlichen  Personen,  die  sich  einer  wider- 
wärtigen Umgebung  gegenüber  durchsetzen;  ihre  natürlichen  Fähig- 
keiten kann  nichts  ersticken;  solcher  Art  ist  Ihsan  Hanum,  deren 
Werke  ich  hier  besprechen  will;  Ihsan  Hanüm  gehört  einer  Familie 
an,  die  in  unserem  Lande  sehr  bekannt  und  verehrt  ist;  sie  ist  die 
älteste  Tochter  des  verstorbenen  Senators  und  Ministers  Ra'if 
Pascha;  als  der  Pascha  Mutesarrif  in  Beirut  war  [ich  hatte  dort 
freundschaftliche  Beziehungen  zu  ihm;  er  war  wohl  der  bedeutendste 
aller  Mutesarrifs,  die  ich  dort  erlebte],  wurde  Ihsan  Hanum  dort 
geboren;  vier  Jahre  alt  kam  sie  nach  Stambul;  Ra'if  Pascha  selbst 
konnte  als  Vertrauensmann  Midhat  Paschas,  der  dem  scharfen 
Blicke  Abdul  Hamids  nicht  entgehen  konnte,  zu  jener  Zeit  nicht 
in  Stambul  wohnen;  durch  nichts  in  seinem  politischen  und  privaten 
Leben  gab  er  den  frechen  Verleumdern  eine  Handhabe;  so  war 
er  in  keiner  Weise  politisch  verdächtig;  trotzdem  war  er  verurteilt, 
auswärts  zu  leben,  und,  nachdem  er  in  Beirut,  Adana  und  anderswo 
Mutesarrif  gewesen,  kam  er  in  dieselben  Städte  als  Wali  und  lebte 
bald  hier,  bald  dort;  die  Söhne  der  Famihe  studierten  in  Europa; 
die  Töchter  begleiteten  den  Vater;  so  konnte  Ihsan  Hanum  in 
keiner  Schule  längeren  Aufenthalt  haben;  der  Vater  widmete  sich 
selbst  ihrem  Unterricht,  sorgte  auch  für  Speziallehrer;  bei  dem 
Aufenthalt  in  Nischantaschy  genoß  sie  den  Unterricht  Sadik  Paschas, 
in  Adana  längere  Zeit  den  Danijal  Effendis;  ich  bin  überzeugt,  daß 
dieses  Nichtkleben  an  einer  Schule  zur  Wahrung  der  dichterischen 
Persönlichkeit  Ihsans  gedient  hat;  als  der  Pascha  endgültig  nach 
Stambul  zurückgekehrt  war,  erteilte  ich  in  dem  Hause  Unterricht 
und  hatte  auch  die  Ehre,  Ihsan  Hanum  persönlich  kennen  zu  lernen; 
bei  der  ersten  Begegnung  erkannte  ich  ihre  außerordentliche 
Neigung  für  Literatur  und  Poesie;  schon  damals  verstand  sie  aus- 
gezeichnet Französisch  und  sprach  es  mit  Leichtigkeit;  hinsichtlich 
der  Schönheiten  und  der  Nuancen  im  Ausdruck  bei  türkischen 
und  französischen  Poesien  besaß  Ihsan  einen  außerordentüchen 
Scharfblick  und  einen  sich  nie  täuschenden  Takt;  sie  besaß  ein 
Heft,  in  welches  sie  die  Funken  ihres  Geistes  in  Gestalt  von  Poesien 


Dichter  der  tieuen    Türkei.  87 

ooeoeoooooooooooooooooooooooocxxxMoocxxxxxMooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooocxxxxjeeooeo 

aufzeichnete;  dieses  Heft  nahmen  wir  eines  Tagfas  zusammen  durch; 
ich  hatte  nur  zu  Äußerlichkeiten  wie  Reim,  Versmaß  und  dergleichen 
etwas  zu  bemerken;  die  Hauptsache,  der  Ausdruck  war  unver- 
gleichlich; keine  Spur  von  Künstelei,  vielmehr  eine  ursprüngliche 
Einfachheit,  dabei  Innigkeit.  Außer  den  Gedichten  enthielt  das 
Heft  auch  Lieder,  die  die  Dame  selbst  komponiert  hatte  und  von 
denen  viele  in  Stambul  berühmt  geworden  sind;  ich  beschäftigte 
mich  damals  mit  Sachen  im  ^äsyq  tarzy  „Aschyk-Stil"  ^;  ich  wünschte 
die  Aufmerksamkeit  der  Dame  auf  diese  alten  Sachen  zu  lenken; 
es  gelang  mir,  und  dieser  Stil  gewann  durch  die  Arbeiten  der 
Hanum  ein  neues  Leben  und  Ansehen.  Ein  Beispiel,  wie  lebhaften 
Geistes  und  leicht  produzierend  die  Hanum  war:  eines  Tages 
sprachen  wir  von  Salome  und  der  Darstellung  dieses  Weibes  bei 
den  Malern  als  ein  berückendes,  aber  verräterisches,  blutiges  Weib; 
den  nächsten  Tag  überraschte  sie  mich  mit  einem  Gedicht,  das 
höchst  eindrucksvoll  war  [es  folgt  eine  Probe  in  Fünfzehnsilbern]; 
als  ein  Beispiel  ihrer  Lyrik  im  Aschyk-Stil  führe  ich  folgendes 
an:  [Silbenzählung:  6  +  5]:  »Im  Zauberhain  der  Liebe  —  verzehrt 
ich  mich  /  In  Glut  mit  einer  Tulpe  —  da  schmückt'  ich  mich  / 
Mein  armes  Herz  verbrannte  —  satt  trank  ich  mich  /  Von  ihren 
roten  Lippen  —  am  Liebeswein  2,"  Unter  ihren  im  Aschyk-Stil 
geschriebenen  Gedichten  sind  sehr  schöne  Proben  der  Gattung 
Idyll;  einige  haben  zwar  die  Form  der  Aschyk-Gedichte,  sind  aber 
vollkommen  impressionistisch,  wie  es  bei  den  Aschyks  nicht  vor- 
kommt, auch  nicht  nach  ihrem  Geschmacke  ist;  so  ist  das  Gedicht 
„Sultan  Hasan"  rein  in  Aschyk-Art,  nach  Form  wie  nach  Inhalt; 
perller  „Die  Peris"  ist  eine  Probe  davon  in  j^armaq  himhy  [„Süben- 
zählung";  es  ist  danebengesetzt  „vers  libres",  das  ist  aber  un- 
richtig, denn  „Silbenzählung"  sagt  nichts  über  den  Strophenbau, 
und  es  gibt  zahlreiche  Gedichte  mit  Silbenzählung,  die  korrekt, 
d.  h.  gebunden  sind;  auch  das  als  Probe  mitgeteilte  Gedicht  ptrtler 
kann  man  nicht  zu  den  vers  libres  rechnen];  jedoch  sie  schreibt 
diese  Sachen    nicht    mit  Bewußtsein:    sie    ist  vielmehr  geleitet  von 

1  Die  für  die  Entwicklung  der  osmaniichen  Literatur  wichtige  Literaturgattung,  deren 
Hauptvertreter  Aschyk  Ömer  ['äSyq  ^omar]  ist,  hat,  wie  wir  hier  sehen,  schon  früher 
die  Aufmerksamkeit  denkender  Osmanen  erregt  und  übte  sogar  direkten  Einfluß  auf  die 
moderne  dichterische  Produktion.  Ein  ernsteres  Studium  widmete  ihr  erst  der  aufmerksam 
beobachtende  Köprülüzade  Mehmed  Fuad,  der  in  miUi  tciehhüHcr  I  l  eine  längere  Unter- 
suchung '■äiyq  iarzy  brachte. 

*  Der  Vierzeiler  begeisterte  Idris  Sabih  zu  dem  Gedicht  TürTi  Jurdu  146,  S.  36 15 f. 
Er  ist  ihm  vorangestellt  mit  „I.  R."  als  Verfasser;  das  ist  eben  Ihsan  Ra'if. 


88  Ilartmann, 

()OO0eO0O00000000000000O0(>XX)0000O0OO000OO00O000000000OO000000000000000OO000O000(XXXXXX)0CXXXX 

dem  Rhythmus  ihrer  Inspiration,  und  sie  zeigt  bei  jedem  Male 
einen  neuen  Schmuck  des  Ausdrucks  und  damit  eine  besondere 
Dichtungsgattung.  Ihsan  Hanum  besitzt  eine  natürliche  unerschöpf- 
liche Fülle:  auch  nachdem  wir  hingegangen  sind,  wird  sie  der 
osmanischen  Literatur  weiter  ihre  schönen  Gaben  schenken"  (nach 
der  von  Riza  Tewfik  geschriebenen  Vita  NSM  S.  237 — 239).  — 
Probe  S.  240 — 242:  pertler  „Die  Peris"  (soeben  erwähnt);  das  ist 
ein  Hauch:  die  liebes-,  sonne-  und  wonnetrunkene  Schar  der  Feen 
wirbelt  herum,  um  schließlich  bewußtlos,  in  verzücktem  Schweigen 
hinzusinken  —  „die  in  die  Wolke  gehüllten  anmutigen  Peris",  mit 
welchen  Worten  jede  der  neun  Strophen  schließt  (von  den  sieben 
Versen  jeder  Strophe  sind  1—4  und  7  Elfsilber,  V.  5  Sechssilber, 
V.  6  Fünfsilber;  V.  7  hat  Gemeinreim,  außerdem  a  b  a  b  c  c).  — 
Erst  nach  dem  Drucke  des  Vorstehenden  erhielt  die  Deutsche  Ge- 
sellschaft für  Islamkunde  von  Ihsan  Hanum  ein  Exemplar  ihres 
Diwans  göz  jaslary;  ich  berichtete  über  diese  Sammlung  kurz  in 
Welt  des  Islams  IV,   1. 

21.  Dschelal  Sahir  [jeM  sähir], 

„geboren  19.  September  1299  (2.  Oktober  1883)  in  Stambul,  Sohn 
des  als  Kommandant  des  Jemen  gestorbenen  Isma'il  Hakki  Pascha; 
schon  in  der  Schule  zeigte  der  blauäugige  Knabe  außerordentliches 
Talent  und  mußte  an  Festtagen  Gedichte  und  Ansprachen  vor- 
tragen. Damals  gaben  die  literarischen  Nachfahren  Tewfik  Fikrets 
und  ChaHd  Zijas  die  Zeitschrift  seitodi  funün  heraus.  Dschelal 
Sahir,  der  jedem  Neuen  besonders  zugetan  war,  empfand  und  begriff 
den  philosophischen  Mechanismus  dieser  Leute;  mit  15  bis  16  Jahren 
schloß  er  sich  an  die  literarische  Schule  der  neuen  Meister  an;  in 
der  Form  folgte  er  ihrem  System,  aber  in  Grundlage  und  Geist 
zeigte  er  eine  getrennte  Persönlichkeit:  in  ihm  lebte  ein  feiner 
und  kranker  Romantismus,  lebte  die  Empfindungsart  eines  Alfred 
de  Musset;  er  war  der  Dichter  der  Liebe  und  der  Frauen,  aber  in 
seinen  Werken  beschmutzt  er  sich  nicht  mit  Frauen  und  Liebe, 
sie  werden  vielmehr  mit  einem  Schleier  von  Poesie  und  Phantasie 
verhüllt;  auch  er  liebte,  aber  er  zerbrach  nicht,  noch  beschmutzte 
er;  er  sagt  einmal  {rnüzär^):  „Werde  einmal  still  in  meiner  Brust, 
du  Himmelsgeborene!  Streichle  zärtlich  nur  einen  Augenbück  den 
Geist  meiner  edlen  Liebe!"  Der  Dichter  gewann  durch  die  Fein- 
heit seiner  Werke  unter  seinen  Genossen  alsbald  große  Verehrung, 


^ 


Dschelal  Sahir 


Dic/itcr  de)'  nenen    Türkei.  8q 

coeoeoooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooocx)OOoooooooooooooooooooooooooocxx>oeoooeo 

und  auch  außerhalb  zog  er  die  Aufmerksamkeit  aller  auf  sich. 
Natürlich  fehlte  es  ihm  nicht  an  Neidern,  die  sein  Dichten  von 
Frauen  und  Liebe  gegen  ihn  ausnutzten  und  ihm  seinen  Ruhm 
entreißen  zu  können  glaubten;  „Warum  singst  du  nicht  von  Berg 
und  Tal,  von  den  Blumen,  von  den  Sternen?"  [dieser  Einwand 
gegen  den  Dichter  Dchelal  Sahir  wurde  mir  selbst  von  einem 
Dichter  der  alten  Schule  erhoben:  „Der  arme  Mann  hat  sich  ver- 
loren! Der  Dichter  soll  doch  etwas  Wirkliches  beschreiben,  wobei 
etwas  herauskommt;  es  gibt  doch  so  viele  hübsche  Stoffe";  das  ist 
ganz  im  Geiste  des  heruntergekommenen  Orients:  die  arabischen 
Dichter  des  Mittelalters  (ich  meine  das  islamische,  das  bis  etwa 
1900  gedauert  hat)  nehmen  gern  als  Vorwurf  eine  Porzellanschale, 
ein  Tintenfaß,  eine  Frucht,  die  sie  mit  dem  gleichen  Witz  besingen 
wie  ein  schönes  Menschenkind,  von  dem  sie  nichts  zu  sagen  wissen, 
als  daß  es  vor  Dicke  sich  nicht  lassen  könne  und  darum  recht 
appetitlich  sei:  von  den  inneren  Qualitäten  eines  geliebten  Wesens, 
von  einer  Seelenharmonie  ist  nie  die  Rede];  der  Dichter  gibt  eine 
spöttische  Antwort;  „Was  wünscht  Ihr,  daß  ich  schreibe?"  —  „Etwa 
ein  Veilchen!"  —  „Schön!  hört  nur  [chafif]:  ,Eine  frische,  be- 
scheidene, unschuldige,  /  von  einem  Lichtkuß  der  Sonne  /  geweckte, 
bekümmerte  Blume,  /  eine  erstarrte  Blüte,  die  doch  Leben  hat,  / 
ein  Frauenherz  in  seiner  Schönheitstiefe*  —  schau,  da  spreche  ich 
schon  wieder  vom  Weibe!"  [Wir  haben  zwar  nichts  dagegen,  daß 
Dschelal  Sahir  von  Liebe  und  Frauen  spricht,  wohl  aber  sehr  viel 
gegen  den  Anspruch,  daß  sein  Gedichtchen  türkisch  sein  soll;  es 
zählt  einundzwanzig  Worte,  davon  sind  genau  acht  türkisch,  die 
andern  dreizehn  sind  dem  Manne  des  Volkes  unbekannt,  dem  Ge- 
bildeten nur  verschwommen  bekannt.]  Als  das  alte  Regiment  aus 
Eifersucht  auch  die  Federn  des  literarischen  Nachwuchses  von  Chaüd 
Zija  und  Fikret  zum  Schweigen  verdammte,  da  mußte  auch  Dschelal 
Sahir  äußerlich  schweigen,  aber  in  seiner  Kammer  arbeitete  er  weiter; 
bei  Erklärung  der  Konstitution  finden  wir  in  dem  Dichter  von 
Frauen  und  Liebe  eine  andere  Persönlichkeit,  ein  anderes  geistiges 
Wesen;  es  ist  wieder  der  Dichter  von  Liebe  und  Frauen,  aber  er 
ist  jetzt  menschlicher,  nervöser;  er  sieht  das  Leben  schärfer  [die 
furchtbare  Zeit  Abdulhamids  mit  ihren  tägüchen,  stündlichen 
Schrecken,  wo  niemand,  reich  und  arm,  vornehm  und  gering,  auch 
nur  einen  Augenblick  seines  Lebens,  seiner  Ehre,  seines  Ver- 
mögens sicher  war,  hatte  neben  dem  Unheil,  das  sie  dem  Ganzen 
und    den  Einzelnen    brachte,    einen  Segen:    es   war   wie  bei  einem 


go  Hartmann, 

<)0(»XX300COOOOOOOOOOOOOOOCXX)0000000(X900000000CXXXXX)0000(XX36oOOOOOOOOOOOOOOCXXXXX)000(^^ 

großen  Kriege;  viele  wurden  ernster,  sahen  Welt  und  Leben  mit 
anderen  Augen  an]:  „[Str.  i]  Du,  die  du  verlogen  mir  ans  Herz 
sinkst  /  Schau,  wenn  du  diesen  Schrei  ausstößt,  bleibt  mein  Herz 
ohne  Bewegung  /  In  meinen  Augen  brennt  das  Feuer  des  Hasses 
und  des  Aufruhrs  /  Jetzt  weht  in  meinem  Geiste  die  Leidenschaft 
des  Fluches  /  Steig  herab  von  dem  Throne  meiner  Phantasie! 
[Str.  2]  Nein!  Ich  lüge!  Wisse  nichts  von  alledem,  schlaf re  mich 
ein!  /  Ich  lüge,  komm,  liebe  mich,  streichle  mich,  schläfre  mich 
ein  /  Komm,  sinke  mir  wieder  verlogen  an  die  Brust,  komm,  täusche 
mich  /  Wenn  ich  nicht  ein  wenig  Liebe  und  Treue  finden  kann  / 
So  wül  ich  in  dem  Gifte  deiner  Umarmung  Heilung  suchen"; 
welcher  Unterschied  zwischen  diesem  Dschelal  Sahir  und  dem  von 
1315  [1899]!  Dschelal  Sahir  trat  in  den,  1325  [1909]  gegründeten 
literarischen  Verein  fedschri  ätl  ein  und  übernahm  die  Leitung";  er 
bemühte  sich  eifrig  um  die  Bildung  der  dritten  Generation  der 
Dichterfamilie  des  serweü  funün;  die  Welt  lernte  ihn  kennen,  als  er 
die  literarische  Leitung  des  Blattes  hatte.  Als  die  Generation 
des  jegn  ätz  sich  zerstreute,  nahm  auch  Dchelal  Sahir  eine  besondere 
Stellung  ein:  er  trat  in  die  Strömung  des  türkläk  „Tijrkentums" 
(Nationalismus)  ein  [d.  h,  er  wurde  von  der  Gruppe  Ali  Dschanib, 
Ömer  Seifuddin,  Nermi  herübergezogen];  er  brachte  neue  Kinder 
der  Kunst  nach  Sübenzählung  hervor.  Die  türkische  Literatur- 
geschichte wird  dem  Dichter  von  hejäz  gölgeler  „Weiße  Schatten", 
iijäh  „Schwarz"  und  bithrä?i  „Krise"  einen  besonderen  Platz  anweisen 
müssen."  Diese  Biographie  NSM  S.  2  44  f.  ist  von  Schehab eddin 
Süleiman.  —  Bild  NSM  S.  243  —  Probe  NSM  S.  246  f.:  gunün 
„Wahnsinn"  [chaßf]  ist  ein  wildes  Lied,  voll  Selbstzerfleiscfiung, 
ausklingend  in  „Ach!  Mein  verwaister  einsamer  Geist!  /  Schwarze 
Erde!  genug!  öffne  deine  Brust"  (dieses  Gedicht  erschien  zuerst  in 
geng  qalemler  Nr.  11  (vom  22.  Okt.  1327/4.  November  1911)  S.  177). 
Die  Mitteilung  aus  New  Sali  Milli  ergänze  ich  aus  meinen 
Briefen,  in  denen  ich  Dschelal  Sahir  vielfach  erwähnte:  Vita, 
gelegentlich  der  von  ihm  herausgegebenen  Frauenzeitschrift  Demet, 
S.  109.  Die  Vita  bei  Hachtmann  ist  nur  eine  kurze  Zusammen- 
stellung. Zu  dem  Urteil  ömer  Seifuddins  (siehe  S.  176,  1  ff.), 
der  Dschelal  Sahir  den  sensitivsten,  feinsten,  vollkommensten 
Dichter  der  Türken  nennt,  aber  an  ihm  das  unwillkürliche  Kleben 
an  der  älteren  Manier  tadelt,  bemerke  ich,  daß  hier  eine  Ver- 
kennung vorliegt:  mit  der  älteren  Manier  nach  dem  Muster  Ustad 
Ekrems  hatte  Dschelal  Sahir  höchstens  äußerlich  etwas  gemein, 


Dichter  der  neuen  Türkei.  91 

«oooeocoooooo<x300<xjoocioooeoooooooooocxxx»oooooooooc)oooooooooooooooooooc)oooo(xx)oooocxxxxxxxx)^^ 

sofern  er  in  seiner  ersten  Periode  an  der  klassischen  Form,  dem 
'arüz,  festhielt.  Man  kann  kaum  sagen,  daß  durch  die  Einlebung 
in  die  neue  Gedichtform  mit  Zählversen  eine  Wandlung  mit  dem 
Dichter  vorgegangen  sei,  ebensowenig  durch  den  Anschluß  an  die 
Strömung  des  tärklük  „nationalistischen  Türkentums",  von  dem 
Schehabeddin  Sulaiman  spricht  und  den  ich  nach  persönlichen 
Mitteilungen  herbeigeführt  annehmen  muß  durch  die  Einwirkung 
der  Neusprachler  Ali  D  seh  an  ib  und  Omer  Seifüddin.  Dschelal 
Sahir  hat  wohl  gelegentlich  diese  Wendung  poetisch  ausgenutzt, 
in  der  Hauptsache  blieb  er  derselbe,  und  zwar  blieb  er  dem  treu, 
was  man  ihm  in  seiner  ersten  Zeit  als  Dekadententum  anrechnete 
in  einem  von  der  bei  uns  üblichen  Bewertung  des  Wortes  ab- 
weichenden Sinne.  Sein  „Dekadententum"  besteht  nämlich  in 
nichts  weiter  als  in  einer  Beschäftigung  mit  seiner  eigenen  Person, 
die  sich  in  einem  immerwährenden  physischen  und  moralischen 
Jammerzustande  befindet,  und  dieser  Zustand  spiegelt  sich  in  Versen, 
die  keineswegs  ausgezeichnet  sind  durch  Geist  und  Witz:  es  ist  eine 
ununterbrochene  Heulmeierei,  verbunden  mit  einem  Schwelgen  in 
geistiger  Erkrankung:  kennzeichnend  ist  das  Gedicht  gunün,  das 
oben  besprochen  wurde  (siehe  S.  90).  1917  schreibt  er  Gedichte 
„Aus  dem  Tagebuch  des  Verrückten"  {Türk  Jurdii  Nr.  133.  135.  137); 
in  Türj^  Jurdu  136  kam  von  ihm  „Gegenüber  der  Natur";  da  sind 
„Tränen,  Tod  und  Dunkel,  Jammer  und  Kälte";  Schluß:  „Ich  friere, 
ich  friere,  ich  friere";  nicht  einmal  Dekadenz,  nur  Weinerlichkeit 
(Referat  Neuer  Orieid  I,  S.  433). 

22.    KÖprÜlÜzade    Mehmed    Fu'ad    [köprUlüzäde  mehmed  fti'äd], 

„Ich  lernte  Mehmed  Fu'ad  im  fe^ri  ätz  kennen;  auf  einem 
schmalen  dürftigen  Körper  saß  ein  prächtiger  Kopf;  dieser  schweig- 
same zarte  Jüngling,  der  in  seinem  Wesen  etwas  Derwischartiges 
hatte,  flößte  den  Genossen  so  etwas  wie  Mitleid  ein;  aber  bald 
sahen  wir,  daß  dieser  edle  Sohn  der  Familie  Köprülü  nicht  bloß 
zu  einem  hohen  Range  als  Dichter  berufen  sei,  sondern  auch  zur 
Bedeutung  in  der  Wissenschaft.  Ich  gehörte  zu  den  ersten,  die 
an  Mehmed  Fu'ad  glaubten,  und  ich  sprach  diesen  Glauben  in 
warmen  Worten  aus,  als  sein  erstes  Werk  hajäti  fikrlje  „Gedanken- 
leben" erschien  und  seitdem  hat  meine  Bewunderung  nur  zu- 
genommen, trotz  der  Ausstellungen,  die  ich  an  seinen  Arbeiten  zu 
machen  hatte;  daß  Mehmed  Fu'ad  einen  zarten  Körper  hat,  daran 


gz  Ilart/ncwn, 

ooeoeofxx)ooooooooeooooo(X)ooooooooooooooooo(XX30oooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooccxx>eooo^ 

ist  er  selbst  ein  wenig  schuld,  denn  er  hat  sich,  seit  er  anfing",  seine 
literarische  Persönlichkeit  zu  offenbaren,  als  ein  Streithahn  auf 
geistigem  Gebiete  gezeigt  i;  die  Hiebe,  die  er  nach  rechts  und  links 
hin  austeilte,  machten  anderen,  die  auf  ihren  Arm  vertrauten,  Lust, 
ihn  auf  den  Kampfplatz  zu  rufen;  soll  man  in  den  Gestaltungen 
des  Gehirns  Vererbung  suchen  dürfen,  so  wird  man  sich  an  das 
„Köprülü"  vor  seinem  Namen  erinnern;  über  diese  große  Familie 
viel  zu  reden,  wäre  Vermessenheit;  denn  sie  hat  im  Herzen  des 
Volkes  eine  Weihestätte  g'efunden;  nur  hat  bei  den  mir  bekannten 
Mitgliedern  der  Famüie  ein  Punkt  meine  Aufmerksamkeit  auf  sich 
gezogen:  die  vollkommene  Ähnlichkeit  aller  persönlichen  Züge  mit 
den  großen  Köprülüs,  deren  Bild  wir  kennen;  es  zeigt  sich  also, 
daß  die  Familie  sogar  ihre  Eigenschaft,  Gesetze  vorzuschreiben,  sich 
bewahrt  hat;  manche  Mitglieder  der  Familie  möchte  man  für  eine 
nach  moderner  Art  gekleidete  Statue  des  Mustafa  l:'azyl  Pascha 
halten  [gemeint  ist  der  berühmte  Großwezir  unter  Sulaiman  lU. 
und  Ahmed  IL,  gest.  1691].  Mehmed  Fu'ad  ist  jetzt  [1918]  28  Jahre 
alt;  von  seiner  Familie  sind  zu  nennen  Abdullah  Pascha,  arabisch 
schreibender  Dichter,  und  ein  türkischer  Dichter  namens  Es'ad 
Pascha,  den  Zija  Pascha  in  seinen  charäbät  gelobt  hat.  Mehmed  Fu'ad 
ist  auch  von  Mutterseite  mit  einer  Reihe  von  Dichtern  verwandt  2. 

1  Noch  deutlicher  ist  der  Biograph  mit:  „Mehmed  Fu'ad  hat  sich  in  der  Tat  einiger 
Versehen  schuldig  gemacht"  (S.  49).  Selbst  die  mildesten  Beurteiler  lehnen  das  Vor- 
gehen Köprülüs  in  zahlreichen  Fällen  auf  das  Bestimmteste  ab.  Einer  der  schlimmsten 
■  ist  das  Verhalten  gegen  den  hochverdienten  Ali  Emiri,  dem  wir  unter  anderem  die 
Hütung  und  Drucklegung  des  köstlichen  Schatzes  diwäni  lughät  ettürk  von  Kaschgari 
verdanken.  Köprülü  zeigte  sich  von  einer  blinden  Leidenschaft  gegen  diesen  Mann 
besessen  und  bot  ein  Beispiel  des  von  kleinlichem  Zank  erfüllten  Universitätsprofessors, 
wie  er  auch  in  Europa  gedeiht.  Ali  Emiri  nahm  das  nicht  ruhig  hin.  Seine  Er- 
widerung war,  daß  er  in  Nr.  4  und  6  seiner  Zeitschrift  osmanly  tärich  weedebljät 
megmü'asy  (vom  30.  Juni  und  31.  August  1334  [1918])  eine  boshafte  Kritik  an  Köprülüs 
Artikel  über  das  literarische  Leben  in  ^der  Periode  Mohammeds  II.  (erschienen  in  Ikdam 
Nr.  6949  und  Jeni  Medschmu'a  Nr.  46)  übte.  Das  Hauptstück  bildet  darin  der 
Angriff  auf  Mehmed  Fu'ads  Inanspruchnahme  des  Namens  Köprülüzade;  es  wird 
behauptet,  daß  Mehmed  Fu'ad  nicht  ein  Köprülüzade  sei,  sondern  ein  Kyblalyzade 
[qybkdyzäde].  In  den  besseren  Kreisen  Stambuls  gilt  es  nicht  für  anständig,  sich  mit 
iachsljät  „Personialia"  zu  beschäftigen.  Hier  wurde  diese  Heranzernmg  des  Persön- 
lichen erwähnt,  weil  sie  einen  Blick  gewährt  auf  die  Bedeutung,  die  in  gewissen  Kreisen 
dort  immer  noch  dem  Sippentum  beigemessen  wird.  Es  ist  kein  Zweifel,  daß  der  hoch- 
mütige und  verletzende  Ton  Köprülüs  hauptsächlich  zurückgeht  auf  die  Falschwertung 
der  Abstammung. 

»  Die  Heranziehung  de»  Blutgesellungmotivs  hier  ist  ein  Stück  der  soziologischen  Be- 
trachtungsweise,   deren  Verbreitung    bei    den  Osmanen,   namentlich   unter  dem  Einflüsse 


Dichter  der  neuen   l^ürkei.  03 

Von  den  von  ihm  im  Alter  von  fünfzehn,  sechzehn  Jahren 
geschriebenen  Gedichten  sind  einige  nach  der  Revolution  in  Zeit- 
schriften wie  mahäsiti,  terweti  ftinün  und  niuhU  gedruckt. 

Der  Biograph  durfte  nicht  versäumen,  das  Gedicht  zu  nennen, 
das  wohl  die  poetische  Hauptleistung  Köprülüs  darstellt,  und  das 
in  der  Tat  durch  die  Stimmung,  von  der  es  durchweht  ist,  und 
durch  den  packenden  Ausdruck  dieser  Stimmung  eine  starke 
Wirkung  auslöst:  tärk  du'äst/  „Das  Gebet  des  Türken"  (Türk  Jurdu 
n,  S.  289 — 296.  324 — 328):  Ein  alter  Türke  klagt  dem  Himmel 
den  elenden  Zustand  der  Türkenwelt;  seine  Verse,  ein  „Ruf  vom 
Himmel  i"  und  Gesang  (darunter  ein  altes  Türkenlied)  [müzäri^  und 
¥i.\irz-rHbäH]  wechseln  miteinander  ab.  Die  Stimme  von  oben  und 
der  Gesang  verborgener  Wesen  trösten  ihn  zum  Schluß;  jene  ver- 
steigt sich  zu  der  Voraussage:  „Die  ganze  Welt  eilt  zur  Schwelle 
des  Türkenkaisers",  die  uns  am  Ende  dieses  Krieges  besonders 
seltsam  anmutet.  Bei  näherem  Zusehen  zeigt  sich  das  Ganze  mehr 
als  ein  geschicktes  Mosaik  bekannter  Gedanken,  die  hier  in  Aruz  und 
altertümlich  steifer  Sprache  vorgetragen  werden,  während  sie  bei 
MehmedEmin  in  einfacher  Silbenzählung  und  in  einer  natür- 
lichen herzlichen  Ausdrucksweise  erscheinen.  Bei  Köprülü  klafft 
zwischen  dieser  Gedankenwelt  (auch  „Turan"  fehlt  natürüch  nicht), 
die  auf  freies  Türkentum  zielt,  und  der  persisch-arabischen  Sprach- 
sklaverei ein  Abgrund.  Die  Unfähigkeit  Köprülüs,  sich  sprach- 
lich von  dem  alten  Wust  zu  emanzipieren,  wirkt  um  so  stärker, 
als  er  grundsätzlich  in  das  Lager  der  jenüisängiler  „Neusprachler" 
übergegangen  ist  (vgl.  hier  S.  107). 

Geboren  ist  Mehmed  Fu'ad  1306  [1890];  mit  17  Jahren  trat  er  in  das 
Merdschan-Gymnasium  ein;   er  selbst  schrieb  mir,  er  sei  im  letzten 

ZijaGökAIps  so  erfreulich  ist.  Die  Verbindung  mit  Personen  literarischer  Betätigung 
durch  die  Mutter  ist  nicht  ohne  Bedeutung.  Die  Erwähnung  eines  Es'ad  Pascha,  der 
hier  in  Betracht  käme,  habe  ich  in  den  charäbät  nicht  gefunden. 
1  Die  Stimme  von  oben  (Ruf,  Laut)  spielt  in  der  türkischen  Poesie  eine  große  Rolle: 
immerwährend  begegnen  wir  dem  ses  {sesler);  namentlich  die  volkstümlichen  Dichter 
wie  Mehmed  Emin  verwenden  das  Motiv  mit  Vorliebe,  in  Gedichten  und  auch  in 
Titeln.  Es  darf  nicht  zu  viel  dahinter  gesucht  werden ;  es  dürfte  bei  den  sonst  nüchternen 
Türken  fremder  Import  sein,  und  seine  Beliebtheit  geht  wohl  viel  mehr  auf  die  Neigung 
zurück,  durch  ein  einfaches  Mittel  eine  große  Wirkung  auf  naive  Menschen  zu  erzielen, 
als  auf  ein  mystisches  Innenleben.  Sicherlich  ist  diese  Art  Stimme  scharf  zu  trennen 
von  den  Gespensterstimmen  (die  Welt  der  Gespensterfürcht  ist  Gegenstand,  ersichtlich 
auf  Grund  liebenvollen  Studiums,  in  der  Erzählung  ghüli  jäbäni  von  Hüsein  Rachmi 
(Konstantinopel   1330  [191 4]). 


94  Hartmann, 

IXX)OOGO<XXXXXXDOO(XX>OOOC»CKXXXXXXXXXX50<X)CXXXXX)OOCXX)CK300000^^ 

Jahre  des  Schreckensregimentes  in  die  Rechtsschule  eingetreten; 
er  habe  aber  wegen  der  Unfähigkeit  der  Lehrer  und  der  Seltsamkeit 
des  Unterrichts  keinen  Geschmack  an  dem  Studium  finden  können; 
gedruckt  sind  v^on  ihm  das  mit  einem  Kameraden  aus  dem  Franzö- 
sischen Le  Bons  übersetzte  ruh  algamä''ät  [Psychologie  des  faules, 
igog),  ferner  ein  großes  historisches  Werk  „Selim  III.  und 
Napoleon"  (Übersetzung)  und  das  „Gedankenleben"  (siehe  oben), 
eine  Sammlung  kritischer  Artikel;  er  selbst  liebt  und  schätzt  .am 
meisten  folgende  Arbeiten,  die  zuerst  in  verschiedenen  Zeitungen 
und  Zeitschriften  erschienen:  „Empfindsamkeiten  der  Kunst", 
2  Bände;  meniji  meläl,  eine  Anthologie;  eine  große  Untersuchung 
über  Schaich  Ghalib  [aus  diesem  mittlerweile  im  Druck  erschienenen 
Werke  ist  Probe  2  entnommen];  „die  Volksliteratur  der  Türken" 
(Forschungen  zur  türkischen  Literaturgeschichte,  2  Bände);  Mehmed 
Fu'ad  hat  sich  zwar  in  der  Tat  einiger  Versehen  schuldig  g^emacht, 
verdient  aber  wegen  seines  Wissensdurstes  und  seiner  unermüdhchen 
Tätigkeit  warme  Anerkennung"  (nach  der  Biographie  Fazyl  Ahmeds 
[siehe  Nr.  6]  NSM  S.  252 f.)  —  Büd  NSM  S.  251  —  Proben  NSM 
S.  254 — 257:  1.  Aus  „Abende  von  Sa'dabad"  [mftgtett]:  phantastische 
Schilderung  eines  Nachtfestes,  das  plötzlich  eine  Störung  erfährt, 
so  daß  der  arme  Dichter,  den  Becher  in  der  Hand,  stirbt  mit  dem 
Ausdruck  der  Enttäuschung;  2.  „Schaich  Ghalib,  der  Neuerer- 
Dichter":  will  den  Unterschied  zwischen  dem  bekannten  Ghalib  Dede 
[gestorben  1213/1798]  und  den  Früheren  nachweisen  und  ihm  den 
Vorzug  der  Originalität  sichern;  zum  Schluß  wird  aber  zugegeben, 
daß  sein  hüsün  ioe!'asq  sich  in  der  Form  von  Fuzulis  lailä  wemegnün 
nicht  unterscheidet,  und  daß  GhaHb,  wenn  er  sich  hätte  von  dem 
Joch  der  persischen  Literatur  befreien  können,  schon  damals  Neue- 
rungen Abdulhakk  Hamids  hätte  zum  Teil  einführen  können. 
—  Zu  der  Vita  ist  hinzuzufügen,  daß  Köprülü  Professor  der 
Türkischen  Literatur  an  der  Universität  Konstantinopel  ist.  Die 
Arbeiten  Köprülüs  wurden  im  Laufe  der  Jahre  so  zahlreich  und 
mannigfaltig,  daß  hier  auf  eine  Aufzählung  verzichtet  wird.  Es  sei 
nur  hingewiesen  aus  dem  Kreise  seiner  literarhistorischen  Arbeiten 
auf  sein  gTundlegendes  'äMq  tnrzy  „Der  Aschik-Stil"  in  millt  tetebhii'ler 
nieginü'asy  I,  S.  5 — 46  (mein  ausführliches  Referat  darüber  in 
Islam  VIII,  S.  305  ff.);  er  kündigt  darin  ein  größeres  Werk  an: 
„Einleitung  in  die  Geschichte  der  Türkischen  Literatur".  Literar- 
kritisch  ist  sein  MaHwnäti  edelnje  eine  Stillehre,  die  sich  hauptsäch- 
lich   an   das  in  Frankreich  weniger  g^eschätzte,   unter    den  Türken 


Dichter  der  neuen    Türkei.  nc 

ooeooooooooooooooeooooooocxxxxxioooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooaooocxxx)^^ 

sehr  verbreitete  JJait  iVeerire  von  Antoine  Albalat  anzuschließen 
scheint  (vgl.  Ha  cht  mann  Kultiireinßnsfie  S.  14).  Aus  seinen  politisch- 
soziologischen Arbeiten  nenne  ich:  Utrklük  islainlyq  osmimlylyq  „Tür- 
kismus, Islamismus,  Osmanismus"  (Türk  Jurdu  m,  S.  692 — 702,  wurde 
wohl  hervorgerufen  durch  Zija  Gök  Alps  türklehnek,  is/amlasmaq 
mii^äsyrlasmas  „Türkisierung,  Islamisierung,  Modernisierung"  in  Türk 
Jurdu  II  und  III  [ausführlich  wiedergegeben  von  mir  in  MSOS  II, 
S.   136  ff.]. 

23.  Ali  Dschanib  ['all  gäniU]. 

[299]  „Langsam  begann  die  nationale  Literatur  zu  erwachen,  das 
heißt:  wir  gelangten  zu  dem  Glück,  literarische  Äußerungen  in 
Poesie  und  Prosa  in  dem  von  uns  gesprochenen  reinen,  einfachen, 
schönen  Türkisch  zu  lesen;  „jede  Nation  lebt  in  ihrer  Sprache"; 
die  Sprache  ist  so  heilig  wie  das  Vaterland;  unser  tatsächliches 
Vaterland  ist  die  Türkei,  unser  nationales  Vaterland  ist  das  ganze 
Turan;  wie  wir  nicht  wünschen,  daß  sich  in  Turan  fremde  Feinde 
befinden,  so  wollen  wir  auch  in  unserer  Sprache  keine  nicht 
turkisierten  Fremdwörter,  keine  fremden  Regeln  haben.  Die  Alten, 
die  nationalen  Stolz,  nationales  Selbstgefühl  nicht  besaßen,  gerieten 
nicht  in  Zorn  über  die  Nichtturkisierung  in  unsere  Sprache  ein- 
gedrungener Fremdwörter,  über  die  Herrschaft  fremder  Worte 
und  fremder  Regeln;  die  erwachende  türkische  Jugend  wurde 
zornig  über  diese  Herrschaft,  denn  sie  liebte  ihre  Sprache  wie  ihre 
Nationaütät;  sie  wollte  unter  dem  Namen  jeni  lisän  „Neue  Sprache" 
das  wirkliche  Türkisch,  die  von  uns  gesprochene  schöne  und 
harmonische  Sprache  auf  den  Plan  bringen,  sie  wollte  jene  alte 
mosaikartige,  dunkle  Literatursprache,  die  ein  Andenken  der  nicht 
nationalen  höfischen  Literatur  ist,  aufgeben.  Die  Sprachwissenschaft 
lehrt,  daß  eine  Sprache,  die  unter  dem  Namen  „Osmanisch"  aus 
arabischen,  persischen  und  türkischen  Wörtern  und  Regeln  zusammen- 
gesetzt ist,  nicht  eine  wirkliche  Sprache  sein  kann ;  Schemsuddin  Sami^ 

1  Schemsuddin  Sami  ist  der  berühmte  Albaner  aus  der  alten  Sippe  Frascheri,  der 
die  Zeitgenossen  weit  überragte  an  Fähigkeit  zu  ernster  wissenschaftlicher  Arbeit  und 
an  Zähigkeit  des  Forschens  und  Sammeins.  In  seinem  qämüs  aVaHäm  und  in  dem 
qämüsi  turki  hat  er  sich  unvergängliche  Denkmäler  gesetzt,  geschaffen  unter  den 
widrigsten  Verhältnissen  und  schwer  beeinträchtigt  durch  die  Verratriecherei.  Seine 
Stärke  lag  nicht  auf  rein  literarischem  Gebiete;  er  besaß  aber  ein  sehr  feines  Sprach- 
gefühl, und  er  versäumte  nicht,  die  Tat  Mehemed  Emins  durch  die  türkge  H'irler 
freudig  anzuerkennen  {Briefe  S.  90). 


gö  Hartmann, 

O0©0CG00OC»0O(XI0O*XX)O00O00O0CX50000000000000000CKXXX)00C)CXXXXXXXXXXX^^ 

hat  das  wiederholt  gesagt  und  dazu  bemerkt:  „Das  ist  der  gött- 
lichen Ordnung  zuwider";  die  jungen  Männer,  die  sich  bewußt 
waren,  welcher  Nationalität  sie  angehörten,  bestimmten  die  von 
ihnen  angenommene  neue  Sprache,  dieses  wirkliche,  schöne,  reine 
Türkisch  in  folgender  Weise:  i.  Arabische  und  persische  Zusammen- 
setzungen und  Plurale  sollen  nicht  gebraucht  werden;  Kunstaus- 
drücke und  Plurale,  die  an  Stelle  des  Singulars  gebraucht  werden, 
sind  ausgenommen,  wie  sadri  a'^zem,  achläq,  käHndt.  —  2.  Außer  den 
turkisierten  und  in  die  Sprechsprache  aufgenommenen  Partikeln 
wie  ammä,  säjed,  jdrä,  läkin  sollen  keine  arabischen  und  persischen 
Partikeln  gebraucht  werden.  —  3.  Im  Türkischen  soll  die  nationale 
und  einfache  Grammatik  als  herrschend  anerkannt  werden;  die 
Sprechsprache,  das  von  sehr  vielen  Türken  verstandene  feine  und 
süße  Stambultürkisch  soU  in  Poesie  und  Prosa  als  Vorbild  und 
Maß  für  die  Schönheit  der  Sprache  anerkannt  werden  1.  Man  wollte 
direkt  auf  das  natürliche  Türkisch,  das  in  der  Umgangssprache 
üblich  ist,  zurückgehen,  aber  weder  die  Puristen  {iasfijegller)^  noch 
die  Schönredner  der  höfischen  Literatur  waren  damit  zufrieden. 
Man  sagte:  „Das  ist  nichts  Wichtiges;  solange  arabische  und  persische 
Wörter  bleiben,  gibt  es  zwischen  der  alten  und  der  neuen  Sprache 
keinen  so  großen  Unterschied."  Nun  gab  es  aber  doch  einen  großen 
Unterschied:  Schinasi  und  seine  Nachfolger  entfernten  aus  dem 
Türkischen  nur  [S.  300]  die  erklärende  Wiederholung  [^atß  tefiflrl];  die 
Sprache  Nergisis  [nergis  lisänl^]  lebte  immer  noch;  die  arabischen 
und  persischen  Zusammensetzungen  störten  immer  noch  die  Voll- 
kommenheit der  türkischen  Konstruktion;  Schriftsprache  und  Sprech- 
sprache waren  voneinander  verschieden;  die  Neusprachler  bemühten 

1  Dem  Stambultürkisch  (Istanbul  türkgesi)  widmete  Ömer  Seifuddin  einen  lehr- 
reichen Sonderartikel  in  Turan  Nr.  1451  vom  10.  11.  1915;  er  wurde  alsbald  von 
Friedrich  Schrader  in  deutscher  Bearbeitung  im  Osmanischen  Lloyd  gebracht. 

•  tasfijegiler  kann  hier  nach  dem  Zusammenhange  nichts  anderes  bedeuten  als 
„Puristen"  in  unserem  Sinne,  nicht  „Sprachreiniger"  in  dem  älteren  Sinne  wie  ihn 
Karl  Foy  nachwies  in  seiner  Arbeit  „Der  Purismus  bei  den  Osmanen"  MSOS  1898 
Abt.  II  S.  20  ff. ;  diese  Stelle  ist  ein  sicheres  Zeugnis  für  meine  Ausführung  Briefe 
S.  47  und  dazu  Anm.  38  S.   199  f. 

'  Der  Text  h^t  wirklich  nergis  lisäni;  ich  trage  kein  Bedenken  nergisi  einzusetzen;  in 
dem  Gespräch  mit  Türken  wurde  mir  Nergisi  als  der  Autor  genannt,  dessen  Sprache 
wegen  ihrer  Verzwacktheit  selbst  Gebildeten  nicht  immer  verständlich  ist.  In  Hakki 
Isma'ils  Büchlein  über  Nadschi  wird  auf  ihn  exemplifiziert  für  die  Schnelligkeit,  mit 
welcher  es  oft  mit  der  Klassizität  aus  ist:  „Nergisi  galt  den  Zeitgenossen  für  einen 
fähigen  Klassiker;  man  beachte  nur,  welche  Kritiken  er  erfuhr,  che  noch  viel  Zeit  ver- 
gangen war"  (S.  98,   7  ff.). 


Dichter  der  neuen   Türkei.  gy 

O0<»OOO0O0O0OOO0080O00000<XXXX»C)00000000000000000000OOOO0<XXXXXXXXJ0(X3O0000000OOO(X^^ 

sich,  die  Herrschaft  und  Vollkommenheit  der  türkischen  nationalen 
Konstruktion  zu  gewährleisten;  den  Puristen  erwiderten  sie  auf 
deren  Einwendungen:  jede  Sprache  ist  nicht  aus  ihren  Wurzeln, 
sondern  aus  ihren  Sprachbesitzen  zusammengesetzt;  jedes  arabische 
und  persische  Wort,  das  in  das  Türkische  aufgenommen  wird  und 
dessen  Sinn  das  türkische  Volk  kennt,  ist  türkisch,  so  ist  z.  B. 
ein  Wort,  das  vollkommen  bekannt  ist,  wie  ätes  türkischer  als  ein 
wurzelhaft  türkisches  Wort  wie  od;  heute  sagen  wir  nicht  od  wie 
ihr,  wir  sagen  vielmehr  ätes,  denn  die  Türken  haben  den  Sinn  dieses 
Wortes  gelernt  und  haben  es  sich  angeeignet;  das  was  in  der 
Sprache  wirklich  fremd  ist,  das  sind  die  arabischen  und  persischen 
Zusammensetzungen,  Pluralaffixe  und  dergleichen;  so  ist  z.B.  me^mürlni 
huküinet  nicht  türkisch,  es  ist  höfisch,  dagegen  hukümet  me'mürleri  ist 
türkisch,  denn  die  Worte  hukümet  und  me^mür  sind  in  das  Türkische 
eingegangen;  was  fremd  ist,  ist  nur  die  fremde  Verbindung,  ebenso 
ist  ^asäkirt  'otmäntje  nicht  türkisch,  dageg^en  ist  ^otmänly  ''askerleri  aus- 
gezeichnetes Türkisch.  Wenn  wir  die  fremden  Konstruktionen, 
die  in  die  gesprochene  natürliche  Sprache  nicht  aufgenommen 
worden  sind,  aus  der  Literatursprache  herauswerfen,  werden  auch 
die  überflüssigen  und  fremden  Wörter  in  unsern  Büchern  nicht 
leben  können;  sie  werden  sich  davonmachen  wie  ein  Fremder,  der 
ohne  Kapitulationen  geblieben  ist;  so  werden  wir  z.  B.,  wenn  mit 
den  fremden  Konstruktionen  aufgeräumt  wird,  nicht  sagen  können: 
sengt  mezär;  wir  werden  auch  nicht  mit  türkischer  Wendung  sagen 
können:  mezär  sengi;  denn  das  ist  gegen  unser  Sprachgefühl;  wir 
werden  mezär  tasy  sagen,  denn  mezär  und  tas  sind  türkische  Wörter 
ohne  Unterschied,  und  wir  werden  verstehen,  daß  das  Wort  seng 
in  unserer  Sprache,  wenn  es  ein  tas  gibt,  und  wenn  zwischen  seng 
und  tas  kein  Unterschied  besteht,  nur  dank  der  fremden  Konstruktion 
und  unter  ihrem  Schutze  ein  Leben  gehabt  hat.  Kurz,  die  Neu- 
sprachler wollen  einzig  die  Herrschaft  der  türkischen  Grammatik 
sichern  und  überlassen  die  Reinigung  der  Sprache  von  nicht- 
türkischen Wörtern,  seien  sie  nun  nötig  oder  unnötig,  der  Natur, 
dem  Geschmack  und  der  Billigung  der  Nation;  sie  gehen  nicht, 
wie  die  Sprachreiniger,  darauf  aus,  Leichen  zu  beleben;  nun  sahen 
sie  aber  außerdem  noch  die  höfischen  Schönredner  gegen  sich, 
die  also  sprachen:  „Diese  Jungen  wollen  eine  Sprache  gründen; 
eine  Sprache  kann  man  aber  nicht  gründen,  sie  gründet  sich  selbst; 
ferner  wollen  diese  Neuerer  eine  Anzahl  Regeln  einführen,  während 
doch    einer   Sprache    von    außen    und    als    Unternehmung    einiger 

Urkunden  und  Untersuchungen.     3.  7 


g8  Hartmann, 

00G»XXXXX30<XXXXXKX)0000C)O<XXXXXXXXX»0000CXXXXXXD0CXXX>0(X)0000C)C>00000CXXX^ 

Personen  Regeln  'nicht  aufgezwungen  werden  können."  Darauf  ist 
zu  erwidern,  daß  die  Neusprachler  gar  nicht  eine  Sprache  gründen 
wollten,  ihr  Ziel  war  ja  nur,  das  natürliche  Türkisch,  das  seit  Jahr- 
hunderten gegründet  ist  und  im  Umgang  gehandhabt  wird,  zur 
Literatursprache  zu  machen;  die  Beobachtung  lehrte  sie,  daß  in 
dem  gesprochenen  Türkisch  die  Sätze  sehr  kurz  sind  und  erklärende 
Wiederholungen  sich  nicht  finden;  arabische  und  persische  Kon- 
struktionen und  Pluralformen  werden  beim  Gespräch  nie  angewandt, 
das' Volk  entstellt  sogar  amtliche  Fachausdrücke  wie  müläzimi  ewwel, 
müläzimi  tarn  und  konstruiert  nach  türkischer  Grammatik  [S.  39 1  ]:  ewwel 
müläzim,  tänl  müläzim.  Ferner  wollten  die  Neusprachler  gar  nicht 
eine  Anzahl  Regeln  einführen,  sie  wollten  nur  die  arabischen  und 
persischen  Konstruktionen  und  fremden  Partikeln,  die  von  den 
Höflingen  gegen  Natur  und  Geschmack  des  Türkischen  mit  Gewalt 
eingeführt  worden  waren  und  vom  Volke  nicht  aufgenommen  worden 
waren,  beseitigen;  wenn  die  höfischen  Schönredner  genauer  zu- 
sähen, so  würden  sie  begreifen,  daß  sie,  indem  sie  über  das  ge- 
sprochene, natürliche,  schöne,  reine,  feine  Türkisch  hinausgingen, 
die  Unnatürlichkeit  ihrer  eigenen  unnationalen  Schreiberei  und 
Literatursprache  auf  den  Plan  brachten.  Kurz,  die  Wahrheit  marschiert 
und  nichts  hat  sie  halten  können;  wer  nur  ein  wenig  sich  mit  der 
Wissenschaft  von  den  sprachlichen  Dingen  [lisämjät  H/nii]  beschäftigt 
hat,  der  hat  das  Unpassende  und  die  Sinnlosigkeit  der  alten,  aus 
Arabisch  und  Persisch  zusammengesetzten  bunten  höfischen  Sprache 
begriffen.  Die  Sehnsucht  nach  einer  nationalen  Literatur  hat  auch 
den  Anspruch  auf  die  Herrschaft  des  nationalen  Wortes  ins  Leben 
gerufen;  allmählich  werden  die  unter  uns  noch  vorhandenen  Reste 
der  Hofsprache  1,    wie    die  unsere   Sprache   verderbenden   und    sie 

1  Hofsprache:  im  Original  enderün  lisäny,  häufig  findet  man  dafür,  mit  einem  verächt- 
lichen Nebensinn:  enderün  argösy  „der  Jargon  des  Hofes"  (vgl.  S.  299,  25  enderün 
edebljäty  fasähatglleri  „die  Schönredner  der  höfischen  Literatur"  hier  S.  34,  37).  Die 
Konstruktion  wird  richtig  sein;  die  unnatürliche  Ziersprache  vv'urde  zuerst  am  Hofe  ge- 
pflegt, und  von  dort  aus  drang  sie  durch  das  Hofgesinde,  das  bei  Besetzung  der  Ämter 
vorgezogen  wurde,  in  die  Effendikreise,  die  diese  Sprache  dann  auch  im  täglichen 
Leben  anwandten.  Indem  nun  die  Hofpoeten,  Hofhistoriographen  usw.  den  üblen 
Instinkten  schmeichelten,  wurde  der  Hofkreis  in  seiner  Sprachverderbnis  bestärkt.  Da- 
neben geht  übrigens  noch  ein  besonderer  Jargon  in  der  kaiserlichen  Familie  her;  so 
wenigstens  versicherte  Abdulhamid  einem  deutschen  Staatsmann,  der  eine  ausgezeichnete 
Kenntnis  der  türkischen  Dinge  besitzt  und  mit  dem  sich  deswegen  der  Padischah  über 
solche  Dinge  unterhielt.  Die  neue .  Zeit  bringt  auch  hier  Wandel:  heute  fragt  kein 
Mensch  danach,  wie  der  Padischah,  die  Prinzen  und  Prinzessinnen  sprechen,  vielmehr 
haben  auch  diese  sich  nach  dem  zu  richten,    was   die  islamische  Gesellschaft  gnindsätz- 


Dichter  der  neuen   Türkei.  99 

CXDOOOC«XX)OOOOOO0000(XXXXXXX)0OCXXXXXXXXXXXXX)CKX)00000O000000000000^ 

erschwerenden  Zusammenstellungen  wie  maj,  mahbüb  und  säql  ebenso 
verschwinden  wie  die  Reimprosa.  Wenn  sich  die  neue  Sprache 
gut  ausbreitet,  so  wird  auch  das  türkische  Tedschwid  [tegw^d],  das 
die  Schönredner  immer  zu  zerstören  trachten,  wieder  beseelt  werden 
und  wird  jedes  in  das  Türkische  aufgenommene  Wort  unserm 
Genius  anpassen;  z.  B.  wenn  türkische  Wörter  leicht  anfangen,  so 
müssen  sie  leicht  ausgehen,  wenn  schwer,  dann  schwer,  wie  järä, 
pärä,  chasta,  düsman;  wenn  nicht  fremde  Zusammensetzungen  vor- 
Hegen,  werden  wir  nicht  sagen  können:  järäH  higrän,  chasta'i  firqat, 
däsmani  din;  wir  werden  vielmehr  sagen  Idgrän  järäsy,  firqat  chastasy, 
dln  dühnany  und  so  unsern  türkisch-nationalen  Wohlklang  nicht  um 
arabischer  und  persischer  Redeweise  willen  zerstören.  Nun  haben 
wir  Ali  Dschanib  Bej,  der  uns  zum  ersten  Male  schöne  Poesien 
in  dem  von  uns  gesprochenen,  reinen,  von  Zusammensetzungen 
freien,  natürlichen  Türkisch,  in  der  Neuen  Sprache  schreibt!  Ich 
will  seine  Kunst  und  einige  seiner  Stücke  analysieren;  ich  mußte 
aber,  um  meinen  Lesern  die  Schönheiten  in  seinen  Dichtungen  zu 
zeigen,  ein  wenig  von  der  Neuen  Sprache  sprechen.  Ali  Dschanib 
hat  die  Gegenstände  der  nationalen  Literatur  in  unserem  Lande, 
in  der  von  uns  gelebten  Umwelt  gefunden;  ich  glaube,  daß  er  der 
Vorschrift  Albalat's:  „um  gut  zu  malen,  d.  h.  um  das  Gefühl  der 
Natur  zu  geben,  muß  man  nach  der  Natur  vorgehen",  nicht  fremd 
geblieben  ist.  Da  ist  ein  kleines  Gedicht  von  ihm,  das  ich  am 
liebsten  habe,  das  ich  tiefer  gefunden  habe  als  die  tiefsten  Gedichte: 
„Die  Straßenlaterne"  (zuerst  gedruckt  in  geng  qalemler  Nr.  15,  54, 
datiert  Jalylar  6.  1.  1327  [13.  1.  1912]);  es  heißt:  „Die  Furcht,  die 
aus  einem  toten  Glase  weint,  /  Sinkt  herab  in  eine  elende  und 
leere  Nacht,  /  Das  Pflaster  ist  ganz  Schweigen,  Schlaf,  /  [S.  302]  In 
jeder  Mauer,  in  jeder  Höhlung  fleht  jetzt  /  Und  weint  ein  großes 
Auge:  /  „Möge  endlich  einmal  dieser  geheime  Zweifel  gesagt 
werden"  /  Ich  fürchte  mich,  Chaosse  verbergen  sich  .  .  .  /  „Da  ist 
ein  Blatt,  lies!  /  In  meinem  gelben  Schatten  ist  ein  krankes  Herz." 
/  So  spricht  die  Furcht,  die  aus  einem  toten  Glase  weint."  [Un- 
zweifelhaft ist  es  dem  Dichter  ernst  und  auch  seinem  Kritiker; 
freüich,  wer  nicht  Impressionist  ist,  ist  geneigt  zu  lächeln :  es  handelt 
sich    um    ein   Durchgangsstadium.]     Diese   Straßenlampe    ist   nicht 

lieh  immer  als  Gesetz  nächst  dem  göttlichen  anerkannt  hat:  das  örf^  d.  h.  das  soziale 
Gewissen;  daß  auch  das  „Heilige  Gesetz"  nur  eine  Erscheinungsform  dieses  ist,  beginnt 
erkannt  zu  werden,  und  Zija  Gök  Alp  hat  als  erster  den  Mut  gehabt,  es  öffentlich 
auszusprechen. 

7* 


loo  Hartmann, 

OOGOOO0OO0<XXX)G00O000C)0OO00CXXXXXX)OOC<XXXXXXXX)0OOOO0OO0O0OCXXXXXXXXXXXX30O0<XXXXXXXXXXXX>^^ 

eine  Straßenlampe,  wie  man  sie  in  Frankreich,  Deutschland,  Eng- 
land sieht,  ist  nicht  eine  Luxlampe,  eine  elektrische  Lampe;  es  ist 
ein  Straßenlämpchen  in  unserem  armen  Türkenlande.  Zehn  Zeilen, 
zehn  kleine  Zeilen,  aber  darinnen  lebt  der  Geist  eines  armen  Türken- 
tums,  des  armen,  bekümmerten  Türken tums  von  heute;  achte  einmal 
auf  die  Petroleumlampen  in  unsern  einsamen  alten  Straßen:  ist 
dieser  Schein  nicht:  „Furcht,  die  aus  einem  toten  Glase  weint?" 
Ja,  eine  Furcht,  die  jahrelang  nicht  weggewischt  ist,  rinnt  aus  einem 
vergilbten  Glase;  schau  einmal  auf  das  Pflaster  in  diesen  elenden 
Nächten:  welches  Schweigen,  welchen  Schlaf  birgt  es!  Dieses 
kranke  Licht,  das  in  dieser  elenden  Nacht  weint,  kann  gar  keinen 
Ort  erleuchten.  Wende  dich  langsam  den  Mauern  zu,  in  allen  ist 
gleichsam  ein  verborgenes  Auge,  das  um  das  endliche  Aussprechen 
dieses  ewigen  geheimen  Zweifels  des  Orients  fleht.  .  .  Da  fürchtest 
du  dich,  auch  dich,  hat  die  geistige,  geheimnisvolle  Fessel  des 
Orients  gebannt  ...  du  fürchtest  dich,  die  Chaosse,  die  deine  Um- 
gebung ergreifen,  verbergen  sich;  da  bleibst  du  wieder  aUein  mit 
der  „aus  einem  toten  Glase  weinenden  Furcht",  und  diese  spricht: 
„Da  hast  du  ein  Blatt,  lies,  in  meinem  gelben  Schatten  ist  dein 
krankes  Herz",  ja,  du  bekümmertes  Kind  des  bekümmerten  Türken- 
landes von  heute,  in  diesem  schrecklichen  Blatte  ist  dein  krankes 
Herz,  lies!  .  .  .  Das  ist  ein  Gedicht,  ganz  nach  der  Natur  ,  .  ., 
„nach  der  Natur"  bedeutet  in  der  Poesie,  daß  Ausdruck,  Vergleich, 
Tropus  nicht  abstrakt,  sondern  konkret  sind.  Man  lese  Chalid  Zija, 
ja,  ganz  besonders  Chalid  Zija:  aUe  seine  Vergleiche,  alle  seine 
Bilder  sind  abstrakt,  das  heißt,  er  macht  seinen  Vergleich  um  des 
Vergleichs  willen;  auch  bei  Fikret  ist  es  so,  z.  B.:  Das  Kind  ist  in 
jener  seiner  Verwaistheit  eine  reine  Perle  —  die  Frau  ist  in  jenem 
ihrem  Verfallzustande  eine  zerbrochene  Muschel.  Woher  soll  denn 
das  Kind  eine  „reine  Perle"  sein,  oder  die  Frau  eine  „zerbrochene 
Muschel"?  Ist  dieser  Vergleich  „nach  der  Natur"?  [S.  303.]  Sicher- 
lich nicht!  Es  gibt  aber  ein  berühmtes  Klischee  mit  dxirri  jeüm 
„reine  Perle"  Dschewdet  Pascha  hat  sich  doch  in  seiner  belägheti 
^osmänlje  „Osmanische  Redekunst"  über  das  „Vergleichungsmoment" 
ausgesprochen  .  .  .  das  arme  Kind  ist  eine  Waise;  der  eifrige  Dichter 
vergleicht  es  mit  einer  Perle;  natürlich  muß,  wenn  einmal  „Perle" 
geschrieben  ist,  wie  bei  Rose  und  Nachtigall,  gleich  die  Muschel 
hinterher  kommen.  Da  haben  wir  die  höfische  Literatur!  Ali 
Dschanib  will  sich  und  zugleich  unsere  nationale  Literatur  von 
dieser    Klischeewirtschaft    befreien;     er    hält    sich    an    das    Wort 


Dichter  der  7ieuen   Türkei  loi 

OOOOOOOOOOOOCKXXXXXXXXXOOOOOaXXXXXXXXIOOCXXJOOOOOCOOOCKXXXXIOCOOCX 

Maupassants:  „Jedes  Wort  hat  seinen  eigenen  Geist"  ...  Ja,  die 
Worte  haben  ihren  Geist,  und  diesen  Geist  muß  man  suchen;  ferner 
muß  unser  Ausdruck  ganz  und  gar  „konkret"  sein;  Spektakel  und 
Trompetenstöße  braucht  man  nicht;  unnötig  Blätter  vollschmieren 
soll  man  nicht;  man  soll  nicht  die  Wortgruppe  nächudäji  clmdänäsinäs 
„der  gottlose  Kapitän"  [hier  ist  ein  entstellender  Druckfehler: 
hndä  statt  clmda;  es  scheint  den  türkischen  Setzern  fast  unmöglich 
zu  sein  h  und  ch  auseinanderzuhalten;  auf  Jeder  Seite  finden  sich 
Falschschreibungen],  wie  es  bei  Sulaiman  Nazif  heißt,  für  Literatur 
halten  .  .  .  man  denke  noch  einmal  an  die  Straßenlaterne:  jenes 
Glas,  das  der  alte  und  faule  Laternenanzünder  jahrelang  nicht  ge- 
putzt hat,  ist  „tot";  es  ist  gar  nicht  nötig,  dazu  eine  ganze  Zeile 
Wörter  aufzustapeln  wie  „voU  von  stäubendem  Staube";  man  braucht 
auch  nicht  das  kümmerliche  Licht  durch  ein  Klischee  wie  die  „letzte 
Hoffnung  der  Jugend"  verständlich  zu  machen;  man  achte  auf 
dieses  Licht,  was  ist  es?  „Ein  Schrecken"  .  .  .  nicht  wahr,  ist  das 
nicht  ein  Schrecken?  —  Tewfik  Fikret  ist  in  der  Dichtkunst  eine 
Autorität,  jedoch  in  der  osmanischen  Dichtkunst;  er  bemühte  sich 
um  die  vollkommene  Zusammenschweißung  von  Metrik  und  höfischer 
Sprache,  und  es  ist  ihm  vollkommen  gelungen;  nur  eins,  und  zwar 
etwas  Wichtiges,  hat  er  vernachlässigt:  um  den  zihäf  d.  h.  dem 
Fehler,  kurz  zu  lesen  [durch  Weglassung  eines  Dehnungsbuchstabens] 
nicht  Raum  zu  geben,  hat  er,  wie  alle  Dichter  vor  ihm,  die  eine 
Sübe  in  den  arabischen  und  persischen  Wörtern  mit  Dehnung  in 
zwei  zerlegt  und  dadurch  eine  Verlängerung  hervorgebracht,  wie 
in  dem  Verse:  jüznnde  gölgesi  meshüdi  cekdiji  mihanin  [Versmaß:  mügiett 
wie  bei  Rückert,  Poetik  S.  387,  3.  Form  dieses  Versmaßes]  „In 
seinem  Antlitz  wurde  bemerkt  der  Schatten  der  von  ihm  ertragenen 
Leiden";  wie  übel  ist  hier  das //z^s/mc?  auseinandergezogen  1  Würde 
es  kurz  gelesen,  so  wäre  es  noch  schlimmer,  denn  es  ist  nun  einmal 
ein  arabisches  Wort  .  . .  ferner  gibt  es  in  unserem  Stambultürkisch 
eine  feine  kleine  Dehnung;  was  soU  man  also  tun?  Ali  Dschanib 
findet  es:  qtddyrymlar  bütün  suküt  iijqu  . ..  man  sehe,  hier  ist  das  Wort 
auküt,  das  lang  gelesen  werden  soU,  nicht  kurz  gelesen,  die  leichte 
Dehnung  des  Türkischen  ist  gewahrt;  jedoch  nicht  wie  die  fremde 
Dehnung  in  dem  meshüd  Fikrets  .  .  .  was  tut  er?  Die  arabischen 
und  persischen  Wörter  mit  Länge  bringt  er  im  Akkusativ  oder 
als  Regens  in  einem  Genitiv-Verhältnis,  oder  nach  diesen  Wörtern 
ein  Wort  mit  Elif  [wie  in  siiküt  ujquj.  Ali  Dschanib  paßt  den  Genius 
des  Türkischen  sogar  dem  Metrum  an  [das  Gedicht  „Die  Straßen- 


102  Uartmann, 

OOOOC)CXXXXXXX>0<X)OGOOOC)(X)OOOOOOOOOOCO(XXXXXX>CKXK^ 

laterne"  ist  in  chaflß;  das  ist  ein  Erfolg,  der  ihm  allein  angehört; 
Tewfik  Fikret  hat  trotz  seiner  wunderbaren  Fähigkeit  den  Genius 
des  Türkischen  vernachlässigt;  in  manchen  Wörtern  zeigt  er  die 
Seltsamkeit,  daß  er  nach  zwei  Arten  verfährt;  ein  Beispiel:  ken'än 
köjie  järaly  dönmüs  gelijordu  „Ken'än  kam  verwundet  in  sein  Dorf 
zurück"  und:  ,,qyryzantem  icimde  bir  jaradyr^'  „das  Chrysanthem  ist 
in  meinem  Innern  eine  Wunde";  das  eine  [das  zweite]  ist  türkischer 
Genius,  das  andere  nicht  [türkisch  ist  natürlich  nur  jara;  in  der  Tat 
wirkt  jäm  lächerlich;  das  Metrum  des  ersten  Verses  ist  rubä%  2.  Form, 
bei  Rückert,  Poetik  S.  387,  der  zweite  Vers  ist  chaßf,  3.  Form, 
ebenda  S.  386].  [S.  304]  Noch  ein  Gedicht  von  Ali  Dschanib,  das 
ich  liebe,  „Die  Frösche"  [zuerst  gedruckt  in  geng  qalemler  Nr.  8 
S.  137;  ich  teile  dieses  Gedicht  und  die  sich  daran  knüpfenden 
Bemerkungen  S.  304,  2  —  28  nicht  mit,  sie  halten- sich  in  dem  ge- 
wöhnlichen Rahmen].  [S.  304,  29]  Albalat  sagt:  „Stil  heißt  mit 
den  Gedanken  die  Form  und  mit  der  Form  die  Gedanken  schaffen; 
der  Autor  schafft,  um  ein  Neues  zu  bringen,  sogar  das  Wort;  Stil 
ist  eine  kontinuierliche  Schöpfung:  ein  Schaffen  von  Reihung, 
Ausdruck,  Eleganz,  Fachsprache,  Wort  und  Phantasie;"  Ali  Dschanib 
bedient  sich  nie  des  Klischees,  er  schafft  mit  seinen  Gedanken 
[S.  305],  seinen  Empfindungen  Formen;  in  seinem  Aufsatz:  „Die  Frage 
der  nationalen  Literatur"  sagt  er:  Die  Menschheit  läuft  wie  toll  auf 
einem  unendlichen  Wege;  im  Laufen  wird  sie  zu  einer  neuen  Welt 
geboren,  befindet  sich  gegenüber  neuen  Gebilden,  neuen  Begriffen; 
dabei  bringt  jede  Nation  neue  Wörter  hervor,  um  diese  neuen 
Dinge  zu  bezeichnen.  Die  Sprache,  die  aus  diesen  neuen  Wörtern 
zusammengesetzt  ist,  bedeutet  die  allgemeine  Ausdrucksfähigkeit 
jedes  Zeitalters,  durch  deren  immer  erneute  Kopierung  auch  die 
Nichtbegabten  ihre  Mäng^el  zu  ergänzen  sich  bestreben;  in  unserm 
Türkisch  fing*  man  an,  taijäre  statt  „Aeroplan"  zu  sagen  und  mefküre 
für  „Ideal",  ebenso  sa^nijet  für  „Realität";  kurz,  das  Sprachverständnis 
jedes  Volkes  mehrt  allmählich  den  Wortschatz,  bereichert  sich, 
andrerseits  besitzt  jede  Nation  eine  „Kunst  der  Sprache",  die  kein 
Bedürfnis  nach  jenen  neuen  Wörtern  zeigt;  sie  will  vielmehr,  daß 
den  vorhandenen  Wörtern  neue  Bedeutungen  gegeben  werden; 
weü  unsere  Literaten  seit  alters  diese  Wahrheit  nicht  beachtet 
haben,  haben  sie  unsere  Sprache  mit  unnötigen  fremden  Wörtern 
angefüllt:  für  qyz:  duchter,  für  jyldyz'.  achter  oder  kewheh,  setäre,  ?iegm; 
für  a/yn:  näsije,  pUänt  usw.  Wie  soll  denn  aber  einem  vorhandenen 
Worte  eine  neue  Bedeutung  gegeben  werden?     Es  wird  hier  exem- 


Dichter  der  neuen   Türkei.  103 

000000<XX)000000CXXXXXXXXXXXXXX)<X)000000CI00(XX3(XX>X)00<X)CXXX)CO0CKX)^^ 

plifiziert  auf  Ausdrücke  in  einem  kleinen  Gedichte,  das  beginnt 
[rnügtetf\'.  jesil  denizleri  hir  gizli  ra^se  örtürken  „indem  ein  geheimes 
Zittern  die  grünen  Meere  bedeckt",  und  wo  von  gölge  hir  jelken  die 
Rede  ist  in  dem  Sinne,  daß  gölge  hier  adjektivisch  gebraucht  ist 
„ein  schattiges  Segel".  Es  v/ird  dann  ein  anderes  Gedicht  mit- 
geteilt: „Der  Schmetterling"  (zuerst  gedruckt  geng  qalemler  Nr.  6 
S.  104,  datiert:  Jalylar  8.  6.  1327  [21.  6.  1911])  {chaftf]:  Es  ist  die 
alte  Geschichte  vom  Falter,  der  sich  am  Licht  verbrennt;  auch  hier 
setzt  der  Biograph  den  Dichter  in  Gegensatz  gegen  Sulaiman  Nazif 
und  Chalid  Zija:  „er  wirft  mit  zwei  Pinselstrichen  ein  Bild  hin" 
[S.  306,  19];  in  der  Tat  hat  das  Gedichtchen  (es  sind  nur  drei 
Strophen  mit  3  +  3  +  4  Versen)  ein  Eigenes;  es  schließt:  „Ich  sah, 
das  Tierchen  gab  sein  Leben  hin  /  Sag'  mir,  blauer  Schatten,  sag': 
Ob  denn  wirklich  viel  schlimmer  sind  als  ein  Tod  für  mich  /  Diese 
Dunkelheit,  diese  einsamen  Nächte?"  [S.  307]  Das  ist  die  neue  Sprache, 
das  ist  die  echte  Literatursprache,  auf  die  Sulaiman  Nazif  seinen 
ganzen  Haß  gerichtet  hat.  —  Der  Dichter  Ali  Dschanib  ist  der 
Mann  der  Liebe;  wie  schon  im  Kindesalter  die  Liebe  den  Dichter 
beherrschte,  hat  mir  eine  ihm  verwandte  Greisin  erzählt:  sechs 
Jahre  alt,  war  er  mit  seiner  Mutter  zu  Gast  bei  Verwandten  in  Galata; 
in  einer  in  der  Nachbarschaft  wohnenden  deutschen  Familie  war 
ein  kleines  Mädchen  mit  "blauen  Augen  und  blonden  Haaren;  von 
ihm  hatte  er  den  Eindruck  der  Schönheit;  heimgekehrt,  dachte  er 
immer  an  das  kleine  deutsche  Mädchen  und  weinte  [es  folgen 
S.  307,  8 — 308,  9  mehrere  Gedichte,  in  denen  er  die  Liebe  besingt; 
an  einigen  Versen  wird  sprachliche  Kritik  geübt;  einen  Haupt- 
wendepunkt bildet  das  Gedicht  git  „Geh!"  [S.  308,  7 — 19,  müzäri''; 
zuerst  gedruckt  in  geng  qalemler  Nr,  6  S.  105]:  hier  bäumt  sich  der 
Dichter  auf:  es  ist  ein  wilder  Trotz  in  den  Versen:  „Eine  Stimme 
in  meinem  Innern  nennt  die  Unfähigkeit,  Unheil,  Tod,  /  Aber  mein 
Herz  will  nicht  zertreten  werden,  es  will  zertreten!"  .  .  .  „geh!  die 
rebellischen  Hoffnungen  in  meinem  Innern  sollen  nicht  erlöschen!  / 
Geh!  ich  wiU  nicht  weinen,  ich  will  weinen  machen !"].  Diese  Kampf- 
stimmung wächst  von  Tag  zu  Tag,  schließlich  kommen  die  „Hori- 
zonte des  Ostens"  auf  den  Plan;  kein  einziger  türkischer  Dichter 
hatte  solchen  Erfolg  mit  der  Erhebung  gegen  das  jämmerliche 
tewekkiil  „Resigniertheit"  des  Ostens.  [Das  Gedicht,  in  niüzäri\  zuerst 
gedruckt  in  geng  qalemler  Nr.  2 1  S.  il^),  dann  in  altyn  arniaghan 
Nr.  2  S.  45  f.,  folgt  nun  S.  308,  26 — 309,  10;  es  lautet  in  Übersetzung 
so]:    ,Ich  tauchte  in  deinen  schlafenden,  schweigenden  Horizont  mit 


104  HartmanHj 

der  Illusion  in  deinen  Augen,  /  Osten!  hast  du  nicht  genug  von 
deinem  jahrhundertjährigen  Schlaf?  /  Immer  noch  sind  deine  Kuppeln 
ein  gefühlvollstes  Asyl  für  die  Zerknirschung  /  Immer  noch  ist  in 
den  Höhlen  ein  Wehruf,  der  sich  Gottvertrauen  nennt,  /  Immer 
noch  schreit  die  Eule  in  deinen  Mauerlöchern,  /  Immer  noch  er- 
regt das  Heulen  des  Hundes  auf  der  Straße  Wut,  [S.  309]  /  Immer 
noch  läßt  der  Aberglaube  jede  Ruine  von  Haus  weiterbestehen,  / 
Immer  noch  das  Knarren  der  Wiege,  immer  noch  der  staubige 
Ton!  —  Dein  Flehen,  Osten,  das  zum  Himmel  aufsteigt,  will  nicht 
enden  /  Dein  ,Auf  zum  Gebet!'  will  der  Himmel  immer  noch  nicht 
hören!  /  Erlöschen  soll  das  Morgengrauen,  das  an  deinem  Himmel 
Unbeweglichkeit  wirkt  /  Verkehren  soll  ich  auch  auf  deinem  Boden 
in  Aufruhr  die  Anbetung  /  Nicht  das  Knie  beugen  sollen  dem 
stummen  Himmel  deine  Gebete,  die  du  im  Gefühl  der  Verwaistheit 
hinaufschickst  /  Verbrennen  soUen  endlich  alle  Horizonte  deine 
Leiden  /  Alles  Unrecht,  alle  Gewalttätigkeit  zu  erwürgen  genügt 
ein  Aderlaß  /  Wach'  auf,  Osten,  es  ist  genug!  Wach'  auf,  Osten, 
es  ist  genug!'  Ich  begegne  in  unserer  Literatur  keiner  zweiten 
Dichtung,  die  sich  dieser  an  die  Seite  stellen  läßt  [In  der  Tat 
wird  jeder  diese  Worte,  die  mit  urkräftiger  Gewalt  hervorbrechen, 
mit  Bewunderung  lesen;  man  fragt  sich,  ob  dieses  ej  sarg  ujan 
„wach'  auf,  Osten!"  nicht  Mehmed  Emin  zu  seinem  berühmten  ej 
türJc  ujan  „wach'  auf,  Türke!"  die  Anregung  geg'eben  hat;  an  der 
Priorität  Ali  Dschanibs  ist  kein  Zweifel;  man  wird  sagen  dürfen, 
daß  die  Äußerung  des  früheren  Dichters  ausgezeichnet  ist  durch  die 
hohe  künstlerische  Vollendung,  die  die  strenge  metrische  Form  voll- 
kommen meisternd,  in  Wort  und  Gedanken  die  größte  Einfachheit 
zeigt.  Es  folgt  nun  eine,  wenn  auch  kurze,  doch  instruktive  Sonder- 
bemerkung: „Die  Silbenzählung  und  Aü  Dschanib".]  [S.  309,  13] 
Unzweifelhaft  gehört  die  Zukunft  der  Silbenzählung,  und  Emin  Bej 
ist  ein  Held,  ein  Neuerer,  ein  großer,  sehr  großer  Mann^,  aber  in 
der  Silbenzählung  gibt  es  noch  einen  andern  Geist,  den  Emin  Bej 
nicht  finden  konnte;  schade,  daß  es  auch  den  in  der  neuesten  Zeit 
schreibenden  jungen  und  fähig^en  Dichtern  nicht  gelang,  diesen 
Geist  zu  finden;  sogar  dem  sensitivsten,  feinsten,  vollkommensten 
Dichter  der  Türken,  Dschelal  Sahir,   ist  es  nicht  gelungen;  in  der 

^   Es  liegt  hier  ein  seltsames  Falschurteil  vor;  die  Worte  können  nur  so  verstanden  werden, 
^  als  sei  Mehmed  Emin  als  Wiedereinführer  der  Silbenzählung  anzusehen.    In  Wirklich- 
keit hat  Abdulhakk  Hamid  als  erster  in  größerem  Maße  Silbenzahlversmaße  angewandt, 
liehe  S.   17. 


Dichter  der  neuen   Tiirkei.  105 

C)0CIOCOOOOO0000C)0000C)O<XXXXXKXX)0000CX>XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX)OCXX>XXX)00O000000C)0C^^ 

Silbenzählung  hat  das  Klischee-Unwesen  zu  herrschen  begonnen, 
kaum  ist  das  Stichwort  gekommen  wie  bei  „Rose  und  Nachtigall", 
da  stellt  sich  auch  schon  das  Wort  jüge  „hoch"  ein;  Ali  Dschanib 
hat  sich  gemüht,  sich  von  diesem  Klischee-Unfug  freizumachen; 
ich  gebe  ein  Gedicht  von  ihm  im  Silbenzählungsversmaß,  in  natio- 
naler Prosodie.  [Es  folgt  nun  (S.  309,  20 — 310,  4)  das  Gedicht 
turanyn  jolu  „Der  Weg  nach  Turan"  (drei  frei  gebaute  Strophen 
mit  Versen  von  6+5  Silben;  Reime  abba  /  abba  /  cddcc] 
„Die  Horizonte  schliefen  noch,  da  stieg  die  Morgenröte  auf  /  Und 
vor  den  Nächten  sich  fürchtend,  sich  versteckend  /  Traten  aus  den 
Schatten  die  Dinge  hervor  je  und  je  /  Dem  Lichte  des  Morgen- 
grauens gesellten  sie  ein  wenig  Leben  /  Die  hohen  Berge  mir 
gegenüber  erhöhten  den  Eindruck  /  Höher  stieg  ich,  und  jeder 
Raum  sank  tiefer  /  Ich  sprach:  ,Steht's  so  um  den  Aufstieg,  /  Was 
hat  mich  dann  in  der  Tiefe  betrogen?'  /  Die  Berge  gaben  Antwort: 
„Türkensohn!  /  Höher  hinauf  steig',  erst  am  schwindelnden  /  [S.  310] 
Abgrund  endet  der  Türken  Wanderung'.  /  Höher  stieg  ich  und 
höher,  da  wurde  die  Sonne  ganz  geboren  /  Mit  ihren  goldenen 
Strahlen  erwürgte  sie  die  Finsternis  /  Und  gegenüber  zeigte  sich 
der  Weg  nach  Turan"  1.  Der  Hauptfehler  der  nicht  nationalen 
Prosodie  ist  ihre  übergroße  Harmonie 2;  diese  Harmonie  überwiegt 
so,  daß  sie  den  Gedanken  sich  nicht  auswirken  läßt;  das  Verbrechen 
des  Silbenzählung'sversraaßes  aber  ist,  daß  bisher  unsre  Intelligenzen 
sich  damit  noch  nicht  genügend  beschäftigt  haben.  Denen,  die 
zugeben,  daß  die  Silbenzählung  national  und  natürlich  ist,  und  daß 
unzweifelhaft  unsere  zukünftigen  Versmaße  dieser  Art  sein  werden, 
wird  entgegengehalten:  ,Unmöglich!  Die  Silbenmessung  kann  nicht 

1  Mag  auch  diese  Darstellung  von  Goethes  „Zueignung"  seiner  Gedichte  oder  der  Morgen- 
stimmung des  Faust  im  Beginne  des  zweiten  Teils  beeinflußt  sein,  sie  ist  ein  schönes 
Zeugnis  für  den  Geschmaclt  und  die  Fähigkeit  dieses  echten  Dichters;  daneben  erscheint 
Fa'ik  Aalis  tuW  (siehe  S.  37)  als  öde  Wortkünstelei. 

2  Harmonie,  äheng:  man  kann  sie  geradezu  den  Fluch  der  osmanischen  Sprache  nennen, 
diese  doch  nur  einen  Nebenteil  der  literarischen  Übung  bildende  Eigenschaft;  das 
dümmste  Zeug  findet  Beifall,  wenn  das  Publikum  darin  die  kadenzierte  Rede  findet, 
die  ihm  das  Ohr  kitzelt,  und  die  köstlichste  Speise  behagt  ihm  nicht,  wenn  dieser 
Sinnenreiz  fehlt.  Es  ist  übrigens  ein  Irrtum,  daß  die  arabisch-persischen  Versmaße  in 
besonderem  Maße  ,, Harmonie"  oder  „Kadenzierung"  mit  sich  bringen;  gerade  bei  der 
freieren  Silbenzählung  kann  die  Kunst  harmonischer  Rede  sich  reicher  entfalten;  denkt 
einmal  darüber  nach,  ihr  Türken  von  heute!  —  Im  Türk  Jurdu  Nr.  153  S.  108  findet 
sich  ein  Gedichtchen  von  Halil  Nihad  „Dichter  heißt  rhythmisch  sein",  das,  wenn 
ich  es  recht  verstehe,  den  die  Türkische  Modernste  beherrschenden  öÄ^n^r-Rummel  ver- 
spottet (vgl.  mein  Referat  NO  III  S.  244). 


1  o6  Harimanrij 

C)0GK>00O0<X)O<XXXXXD<XXXXX300C)0000CXXD0C)0000000CKXXXXXXXX)CO0000000<^^ 

verdrängt  werden!'  Warum?  Was  werden  wir  den  Franzosen,  den 
Engländern,  den  Deutschen  sagen?  Richtig,  die  Silbenzählung  kann 
nicht  die  Stelle  der  Silbenmessung  einnehmen,  wenn  es  nämlich 
bei  der  heutigen  Ausdrucksweise  bleibt  .  .  .  denn  diese  Ausdrucks- 
weise ist  sehr  plastisch,  sehr  intellektuell,  sehr  poesielos,  sehr  harmonie- 
los; schade,  daß  auch  der  junge  und  fähige  Dschelal  Sahir  sich 
von  dieser  Aus  drucks  weise  nicht  losmachen  kann,  nicht  eine  neue 
Aus  drucks  Vv^eise  schaffen  kann,  vielmehr  immer  noch  unseren 
,.Meister'"  [gemeint  ist  Ustad  Ekrem]  nachahmt.  Hat  die  Silben- 
zählung schuld?  Hat  der  Dichter  schuld?  Ich  gebe  hier  den 
Anfang  der  Elegie  auf  Nijäzi:  ,Du  glänztest  zuerst  auf  den 
Bergen  von  Resne,  Sonne!  /  Du  richtest  den  Pfeil  deines  Lichtes 
auf  die  Brust  Stambuls;  /  Du  stürztest  eine  Nacht,  die  Wesen- 
heiten verdunkelte  und  wandelte;  /  Du  gössest  in  alle  Geister 
ein  heiliges  Licht,  ein  Feuer.'  [Der  Biograph  tadelt,  daß  die 
Verba  alle  am  Ende  stehen,  und  er  bringt  drei  weitere  Verse 
aus  dem  Gedicht,  in  denen  es  ebenso  ist.  Er  fährt  dann  fort:] 
Die  Silbenzählung  bedarf  scharfer  Beobachtung;  man  muß  solche 
Gedichte  schreiben,  die  das  sind,  was  die  Franken  souple  nennen, 
was  köstlich  ist  wie  die  Berceuse  von  Grieg  .  .  .  Ali  Dschanib  treibt 
kleinen  Klischee-Unfug  mit  der  Silbenzählung,  die  er  noch  nicht  hat 
vollständig  bewältigen  können;  unter  Vorbehalt  teüe  ich  ein  Gedicht 
von  ihm  mit,  das  mir  sehr  gefällt;  meine  Leser  mögen  es  sorgfältig 
lesen  und  sich  selbst  ein  Urteil  bilden.  [Es  folgt  S.  311,  1 — 312,  18 
das  Gedicht  qawal  „Die  Flöte".  Ich  teüe  das  ziemhch  lange  Gedicht 
hier  nicht  mit.  Der  Biograph  schließt:]  Das  Sübenzählungsvers- 
maß  ist  noch  ein  Kind;  es  gToß  zu  ziehen,  ist  Intelligenz  und  Genie 
nötig;  Ali  Dschanib  kann  unmöglich  der  einzige  Dichter  ^dieses 
Landes  bleiben;  Sahir  Bej,  Fu'ad  Bej  und  andere  ihrer  Aufgabe 
sich  bewußte  Dichter,  die  den  nationalen  Charakter  dieser  Dichtungs- 
form begriffen  haben,  müssen  in  dieses  noch  nicht  bearbeitete 
Gebiet  eintreten,  müssen  ihre  Intelligenz  und  ihre  Fähigkeit  zeigen." 
Die  vorstehende  ausgezeichnete  Darstellung  NSM  299 — 312  ist 
unterzeichnet  Omer  Seifüddin.  Er  war  der  Berufene,  seinem 
Freunde  Ali  Dschanib  dieses  Denkmal  zusetzen;  seltsam  ist,  daß 
der  Herausgeber  der  Sammlung  ihn,  der  an  der  Schaffung  der 
„Neuen  Sprache"  so  viel  Anteil  hat,  nicht  unter  die  Biographierten 
aufgenommen  hat  (es  ist  ebenso  seltsam  wie  daß  Zija  Gök  Alp 
fehlt);  doch  ist  S.  305,  übrigens  ohne  besondere  Beziehung  zu  dem 
Texte,    das    Bild    Ömer    Seifüddins    gegeben    (wiederholt    in    dem 


Dichter  der  neuen   Türkei  107 

OOOOOC>0O0C«XXXXDC<XXXX500ClOOCXXXX)O0CXXX)00CXXXXXXM0O<XXXXXXI00000^^ 

Redaktionsstabe  von  türk  sözü  S.  540);  dieses  BUd  erinnert  an  die 
Männer  der  französischen  Revolution  {über  ein  anderes  Büd  siehe 
unten  S.  55).  —  Bild  Ali  Dschanibs  NSM  S.  298,  ein  anderes  geng 
qalemler  Nr.  21  S.  212.  —  Die  Stilprobe  von  Ali  Dschanib  ist  ein 
Gedicht:  japrak  „Das  Blatt"  [chafif]:  „Es  war  im  Herbst:  zitternd  / 
Fiel  ein  Schattenbild  in  meine  Hand.  /  Ich  schaute  hin:  ein  totes, 
armes  Blatt!  /  Herbst!  halt  ein  mit  der  Rache!  /  Bald  wird  mit 
seinem  Dunkel  dich  erschrecken  /  Der  blaue  Himmel,  der  verlust- 
reich dr einblickt.  /  Dieser  Herbst  wird  sicherlich  noch  viele  junge 
Bäume  brechen,  /  Wird  mit  ihren  Zweigen  meine  Wege  bedecken  . . .  / 
Du  aber  sag',  schönes  Blatt,  /  Sag':  ist  der  Tod  so  gelb  wie  du?" 
Die  letzten  Worte,  die  höchst  eindrucksvoll  sind,  sind  die  Unter- 
schrift des  Bildes.  —  Außer  den  bereits  angeführten  Gedichten 
finde  ich  in  gerig  qalemler  noch:  1.  heklerken  Nr.  3  S.  121;  2.  son 
Ü7nidün  Nr.  4  S.  135;  3.  tenirn  "^asqym  Nr.  3  S.  152;  4.  ghurühdan  sora 
Nr.  7  S.  120;  5.  Hinsek  Nr.  16  S.  74;  6.  qys  du'-a.^y  Nr.  17/8  S.  130: 
7.  ohne  Titel  Nr.  12  S.  193.  —  An  den  Namen  Ali  Dschanib  knüpfe 
ich  das  Büd  der  Parteigruppierung  in  dem  großen  literarischen 
Kampfe,  der  bald  nach  der  Revolution  in  Salonik  begann,  wie  ich 
es  aus  persönlichen  Berichten  gewonnen  habe:  auf  der  einen  Seite 
stand  die  Gruppe  der  jung"en  Stürmer,  vertreten  hauptsächlich  durch 
Ali  Dschanib,  Ömer  Seifüddin  und  Mustafa  Nermi,  auf  der  andern 
Seite  stand  die  Gruppe  der  am  Alten  Festhaltenden,  vertreten  durch 
Refik  Chalid,  Schehabeddin  Sulaiman,  Köprülüzade  Mehmed  Fu'ad, 
HamduUah  Subhi,  Dschelal  Sahir,  Ahmed  Haschim,  Sulaiman  Nazif, 
Dschenab  Schehabeddin.  Diese  Schule  stellt  zugleich  eine  politische 
Strömung  dar,  die  die  Gegner  wohl  als  „Kosmopolitismus"  (um- 
fassend Panislamismus  und  Osmanismus)  bezeichneten,  im  Gegensatz 
zu  dem  von  ihnen  vertretenen  Nationalismus  in  Politik  und  Literatur. 
Ja'kub  Kadri  wurde  hauptsächlich  hinsichtlich  der  Sprache  bekämpft 
von  Nermi;  Köprülüzade  Mehmed  Fu'ad  wurde  hauptsächüch  hin- 
sichtlich der  Gedanken  bekämpft  von  Ali  Dschanib  und  ömer 
Seifüddin;  es  gelang  den  Jungen,  Hamdullah  Subhi,  Köprülüzade 
Mehmed  Fu'ad  and  Dschelal  Sahir  zu  sich  herüberzuziehen.  Auch 
Dschenab  Schehabeddin  hat  den  Schritt  getan  (siehe  darüber  S.  27). 
Wie  bei  Ja'kub  Kadri  traf  ich  auch  bei  Ali  Dschanib  in  der 
Würdigung  des  Dichters  in  seltsamer  Weise  mit  Hachtmann  zu- 
sammen. Ich  gab  meiner  Bewunderung  einen  gemäßigten  Aus- 
druck; zu  dem  schönen  Gedichte  „Welt  des  Ostens"  sagte  ich: 
,Jeder  wird  diese  Worte,  die  mit  urkräftiger  Gewalt  hervorbrechen, 


io8  Hartmamiy 

t>00O©OO0OOO0OOCXXXX)C)OOO00C)O0O0OO0OOO0OOOOOOOCXX)0CXXXXDCKX)<XX3OOOOO^ 

mit  Bewunderung  lesen"  (S.  175),  und  zu  dem  „Weg  nach  Turan" 
mit  seinem  stimmungsvollen  Morgenaufstieg;  „die  Darstellung  ist 
ein  schönes  Zeugnis  für  den  Geschmack  und  die  Fähigkeit  dieses 
echten  Dichters."  Vortrefflich  stellt  H achtmann  die  Wesenheit 
Ali  Dschanibs  dar  (S.  soff.):  „er  scheint  mir  alle  seine  lyrischen 
Zeitgenossen  zu  überragen:  erstens  .durch  die  wahrhaft  visionäre 
Art  seines  dichterischen  Erlebens,  dann  durch  die  männlich  leiden- 
schaftliche Gewalt  seines  Fühlens,  endlich  durch  die  wohltuende 
Schlichtheit  seines  Gestaltens.  Bei  ihm  hat  man  wirklich  das 
Gefühl,  daß  sein  Dichten  eine  unwiderstehliche  Notwendigkeit  ist, 
nicht  nur  ein  anmutiges  Spiel."  Sein  Bild  (NSM  S.  298)1  prägt 
das  nicht  aus;  eine  schlichte  Erscheinung,  die  mehr  auf  einen 
liebenswürdigen  Humor  schließen  läßt,  als  auf  das  Vulkanische, 
das  gleichsam  die  Verse  herausschleudert.  Die  in  New  Sali  Milli 
mitgeteilten  Gedichte  hat  Hachtmann  vortrefflich  wiedergegeben: 
das  „grandiose"  Gedicht  „die  Welt  des  Ostens",  ein  Sturmruf  und 
zugleich  Wutschrei  gegen  die  „frommen"  Verräter,  packt  auch  in 
dieser  deutschen  Form,  und  die  Jämmerlinge,  die  in  ihrer  Zer- 
tretung und  ihrem  Todeskampfe  förmlich  schwelgen,  sollten  Mannes- 
sinn und  Widerstandskraft  saugen  aus  „Geh!"  mit  seinem:  „Zertreten 
werden  will  es  nicht,  zertreten  will  mein  Herz!  /  Zertreten  werden 
will  es  nicht,  und  Trän'  und  Kümmernis  /  Sind  meine  ärgsten 
Feinde  nun.  Ja,  dessen  sei  gewiß.  /  Drum  geh.  Denn  mein  Empörer- 
trotz —  erlöschen  soll  er  nie:  /  Nicht  Tränen  weinen  will  ich  mehr, 
erpressen  will  ich  sie!"  Das  eigene  Erleben  des  Dichters  ist  hier 
eingewoben,  aber  es  ist  dichterisch  erhoben  in  das  Allgemein- 
menschliche: die  andern  Lyriker  erzählen  uns  breit  von  ihren 
Schmerzen,  aber  sie  bleiben  uns  gleichgültig;  hier  ist  Überwindung^ 
Sieg,  Kraft,  Lebensbejahung,  wie  allein  sie  Großes  schafft  im  Leben 
und  in  der  Kunst.  In  den  reinen  Stimmungsbildern,  wie  „Die 
Straßenlaterne"  und  „Der  Schmetterling",  tritt  der  Dichter  zurück 
und  doch  fühlt  man:  „Das  ist  erlebt!"  Die  andern  Lyriker  sprechen 
große  Worte  von  der  „Phantasie"  (chajäl),  aber  sie  überzeugen 
uns  nicht,  daß  sie  von  ihr  voll  beherrscht  sind:  es  ist  immer  der 
kleinliche  Alltagsmensch,  der  spricht.  Und  dieser  wahre  Dichter 
ist   in    seiner  Heimat   so    gut   wie   unbekannt!  2     Man    hat    mir  die 

1  Ein  anderes  in  geng  qalemler  Nr.  21  vom  16.  5.  1328  [29.  5.  1912]  S.  212  ist 
'  technisch  ganz  unvollkommen. 

2  Höchst   bedauerlich    ist,    daß  Dschenab  Schehabeddin    sich  zu  sehr  unfreundlichen 
Äußerungen  gegen  Ali  Dschanib    hinreißen    ließ.     Hatte    der  Jüngere    ihn  gereizt,    so 


Dichter  der  neuen   Türkei.  109 

0(XX3CO<XXXXXXXXXXXXXXX>XXXX>CXXXXXXXX30000000000000000000000CXXXXXXXXXX3000000000000000000(>XXXXX»e^^ 

Aufnahme  AliDschanibs  vorgeworfen,  weil  er  in  Stambul  „keine 
Rolle  spielt".  Gerade  deshalb  ist  sie  verdienstlich,  abgesehen  von 
der  gehaltvollen,  tief  eindringenden  Abhandlung,  zu  der  seine  Vita 
unter  der  Hand  des  mit  der  literarischen  Entwicklung  wohlvertrauten 
ömer  Seifüddin  geworden  ist;  anzuerkennen  ist  auch  der  Mut,  mit 
welchem  der  Schöpfer  des  New  Sali  Milli  diese  bei  weitem  den 
gewöhnlichen  Raum  der  Biographie  überschreitende  Abhandlung 
aufgenommen  hat.  Nicht  ohne  Bedauern  stelle  ich  fest,  daß  in 
neuester  Zeit  Ali  Dschanib  Gedichte  herausgebracht  hat,  die 
Spuren  des  Klischeetums  zeigen,  das  von  seinem  Freunde  und  Be- 
wunderer ömer  Seifüddin  so  scharf  und  witzig  gegeißelt  wird. 
Das  ist  durchaus  gegen  seine  Art  (vgl.  S.  172  „Ali  Dschanib  will 
sich  und  zugleich  unsere  nationale  Literatur  von  der  Klischee- 
wirtschaft befreien"),  und  ich  hätte  ihm  gewisse  Gedichte  in  Jeni 
Megmü'^a  (siehe  NO  II  S.  205)  nicht  zugeschrieben,  denn  er  läßt 
sich  da  mit  gül  und  bülbül,  der  totesten  Sorte  des  Klischees  ein. 
Nichts  dagegen  hat  mit  Klischee  zu  tun  sein  „Flöt e"Neio  Sali  Milli 
S.  311  f.  (in  der  Vita,  nicht  übersetzt  von  mir,  siehe  S.  177,  auch 
von  Hachtmann  nicht  beachtet);  es  gehört  in  einen  vöUig  andern 
Kreis  als  die  faden  modernen  Ergüsse  mit  qaioal  —  jatnag  —  güzel 
(foban  qyzy  „Flöte"  —  Berghang  —  schönes  Hirtenmädchen",  in 
denen  man  die  Schäferschwärmerei  des  achtzehnten  Jahrhunderts 
zu  atmen  meint;  es  ist  vielmehr  die  packende  Schilderung  einer 
Hirtenepisode  mit  Umbiegung  ins  Politisch-Nationalistische.  Von 
einer  neuen  Seite  zeigt  sich  uns  Ali  Dschanib,  wenn  er  sich  zu 
den  literaturkritischen  Problemen  hören  läßt.  Das  zu  tun  bot  ihm 
Gelegenheit  und  Anlaß  seine  Stellung  als  Hauptschriftleiter  des 
umgestalteten  geng  qaleinler  und  als  Mitarbeiter  an  der  Tageszeitung 
Turan.  ömer  Seifüddin  zitiert  seinen  Aufsatz  „Die  Frage  der 
nationalen  Literatur^'- {S.  174).  Zur  Vita  trage  ich  nach:  auch  Hacht- 
mann ist  es  nicht  geglückt,  etwas  über  Ali  Dschanibs  Lebens- 
umstände zu  erfahren;  die  Notiz  (S.  31  n  1),  er  sei  Professor  der 
Literatur  am  Gelenbewi-Gymnasium  (nach  mir  S.  124),  stimmt  nicht 
mehr:  Ali  Dschanib  wirkt  jetzt  am  Höheren  Lehrerseminar 
(Kadiköj). 

Nach  dem  Drucke  des  Vorstehenden  erlebte  ich  folgendes:  Ein 
in  der  literarischen  Welt  Stambuls  sehr  bekannter  Mann,  dessen 
Kunsturteil  Ruf  hat,  geriet,  als  ich  ihm  den  Namen  Ali  Dschanib 

stand  es  ihm  wohl  an,    Nachsicht  zu  üben.     Dafi  er  die  ausgezeichneten  Qualitäten  Ali 
Dschanibs  nicht  erkannte,  stellt  seiner  Urteilskraft  kein  gutes  Zeugnis  aus. 


1 1  o  Hartmann, 

000O0000C)00O00000000CXXX)0000000000<XXXXXXXXX>X)OCXX)CX)O<XXXXXXXXXX)0CO0C0C^^ 

nannte,  in  eine  gewaltige  Erregung:  „Wir  kennen  keinen  Ali 
Dschanib,  es  gibt  keinen  Ali  Dschanib";  es  war  gefährlich^ 
Näheres  über  diese  eigenartige  Stellungnahme  zu  erforschen  (vgl. 
hierzu  die  wütenden  Angriffe  Dschenab  Schehabeddins  auf 
Ali  Dschanib,  die  oben  erwähnt  wurden).  Einen  Monat  später 
gab  mir  ein  hochangesehener  türkischer  Autor  folgende  Auf- 
klärung: „Diese  Leute  wie  Mehmed  Emin  und  Ali  Dschanib 
sind  höchst  unduldsam  und  verdammen  jeden,  der  Sprache  und 
Metrum  nicht  handhabt  wie  sie,  die  durchaus  nur  in  hige  wezni 
„Silbenzählung"  dichten  [das  ist  ein  schwerer  Irrtum:  von  den 
zwölf  poetischen  Stücken  in  der  Biographie  Ali  Dschanibs  in 
New  Sali  Milli  nebst  der  Probe  sind  nur  drei  nicht  in  Aruz  (darunter 
das  schöne  tiiranyn  jolu  „Der  Weg  nach  Turan",  während  das  andere 
Hauptstück  von  ihm  sarqyn  ufvqlary  „Die  Horizonte  des  Ostens"  in 
müzäri''  ist);  man  sieht  hieraus,  wie  leichtfertig  Anklagen  nach- 
gesprochen werden;  es  sei  hier  noch  bemerkt,  daß  dieselben  Leute,, 
die  sich  .in  der  Verdammung  Ali  Dschanibs  nicht  genug  tun 
können,  ömer  Seifüddin  in  den  Himmel  erheben,  obwohl  er  von 
denselben  sprachlichen  Grundsätzen  ausging  und  Ali  Dschanib 
auf  das  Wärmste  verteidigte  (in  der  oft  genannten  Vita)];  dabei 
sind  jene  Dichter  in  Sprache  und  Metrum  für  uns  ungenießbar: 
sie  entbehren  der  Formvollendung,  die  wir  nun  einmal  vom  Dichter 
verlangen.  Die  Franken  verstehen  uns  hierin  nicht:  sie  sehen  nur 
auf  die  Gedanken,  und  aus  dieser  Auffassung  heraus  leihen  sie 
diesen  Männern  einen  Wert,  den  sie  nun  einmal  für  uns  nicht 
haben."  Hier  zeigt  sich  der  enge  Kreis,  in  dem  die  Dinge  in 
Stambul  sich  meist  noch  drehen:  jemand  erregt  durch  Neues 
Anstoß,  verstößt  gegen  die  geheiligten  Formen,  und  sofort  sucht 
man  ihn  totzuschlagen.  Bei  Mehmed  Emin  konnte  man  das  nicht» 
weil  sein  Talent  zu  stark  war,  und  weil  er  durch  sein  wahrhaft 
großes  Menschentum  und  sein  Herz  voll  Liebe,  durch  seine  völlige 
Hingabe  an  die  Sache,  der  er  sich  geweiht,  turmhoch  über  den 
kleinen  Machern  steht,  die  sich  gegenseitig  aufloben  und  die 
Literatur  als  Tummelplatz  ihrer  faden  Phrasen  sich  weiter  sichern 
wollen.  Hier  ist  ein  Gebiet,  wo  der  gebildete  Europäer,  der  mit 
dem  Wesen  der  türkischen  Sprache  und  Art  intim  vertraut  ist, 
berufen  ist  zu  wirken.  Er  sieht  infolge  seiner  Schulung  und  seiner 
Nichtbefangenheit  in  der  traditionellen  Geschichtsklitterung  meist 
weiter  als  die  türkischen  Literaten  und  Gebildeten.  Nein,  Ali 
Dschanibs  turan  jolu  und  sarqyn  ufuqlary  leben  ein  ewiges  Leben, 


Dichter  der  neuen  Türkei.  1 1 1 

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denn  hier  ist  nicht  pedantisches  Treiben  nach  den  Regeln  des 
Herrn  Albalat,  sondern  hier  pulsiert  echtes  frisches  Leben.  —  Den 
tiefen  Eindruck  Ali  Dschanibs  auf  unberührte  Gemüter  bezeugt 
die  Tatsache,  daß  sein  turan  jolu  aufgenommen  ist  in  tatarg e-türkge 
kalendar  1336  h  [beg.   17.   10.   1917]  S.  72  f.  1. 

24.  Ömer  Seifüddin  \^omar  säfuddin]. 

Vita  liegt  nicht  vor.  Sein  Bild  in  gmg  qalemler  Nr.  24I25,  S.  4  und 
NSM  S.  305  (auch  unter  den  Redaktoren  des  türk  sözü).  Beachtens- 
wert ist  seine  Charakteristik  Ali  Dschanibs  NSM  S.  299 — 312  (hier 
S.  45  ff.}.  Er  war  eines  der  tätigsten  und  tüchtigsten  Mitglieder 
der  „Neusprachler"  von  Salonik  1910/11.  In  dem  Organ  dieser 
Gruppe,  ge)ig  qalernlet%  erschienen  mehrfach  Arbeiten  von  ihm;  unter 
eigenem  Namen:  „Die  Bombe"  (Erzählung)  Nr.  9,  S.  147 — 159; 
„Trennung",  Sonett  [chaflf]  Nr.  15,  S.  55;  „Schwur"  (Erzählung) 
Nr.  19,  S.  166 — 171;  „Der  verfallene  Chan"  [Sonett,  frei]  Nr.  23, 
S.  269;  ^asq  dalghasy  (Erzählung)  Nr.  24/25,  S.  4 — 15;  unter  dem 
Pseudonym  Parvlz  ein  giftiger  Streitartikel  „Die  Neue  Sprache 
und  häßliche  Angriffe"  Nr.  24/25,  S.  39 — 50  (vgl.  S.  29);  außerdem 
in  hnsün  wesi'ir:  „In  der  Frühzeit"  (?),  Erzählung  von  Guy  de  Mau- 
passant Nr.  5,  S.  21 — 26.  —  In  Donannia  Nr.  53,  S.  70  beginnend 
und  sich  durch  mehrere  Nummern  ziehend  hejäs^  läle  „Die  weiße 
Tulpe",  eingeleitet  von  der  Redaktion  so:  „diese  Zeitschrift,  die 
über  Erwarten  eine  patriotische  Aufnahme  gefunden  hat,  bietet 
mit  dieser  Nummer  ihren  Lesern  ein  höchst  betrübliches  Blatt  aus 
den  dunklen  Schicksalstagen  Rumeliens  von  unserm  Bruder  ömer 
Seifüddin,  der  durch  seine  nationalen  Erzählungen  und  seine  pa- 
triotischen Bemühungen  so  bekannt  ist;  man  wird  die  Erzählung 
sicherlich  mit  Bewegung,  am  Schluß  mit  Tränen  lesen";  es  ist  also  darin 
auf  die  Rührung  des  Publikums  abgesehen.  —  Donanma  Nr.  58,  S.  147 
fegr  „Morgenröte"  (Elfsilber,  achtversige  Strophen  mit  aa  bb  cc  dd, 
V.  7  und  8  immer  identisch  mit  den  beiden  Anhub-Versen). 

Ömer  Seifüddin  gilt  heute  in  bedeutenden  literarischen  Kreisen 
als  einer  der  vier  großen  Träger  der  modernen  Prosa:  Refik 
Chalid,  Falih  Rifki,  Ja*kub  Kadri  und  er.  Diese  Bewunderer 
sind  dieselben  Leute,  die  Ali  Dschanib,  mit  dem  er  einst  zu- 
sammenhing, verdammen. 

1  Von    andern    osmanischen  Werken   sind    aufgenommen   vier  Gedichte   von  Mehmed 
Emin  (S.    19,  61,  65,  66)  und  Zija  Gök  Alps  turan  (S.   71). 


112  Hartmann, 

0OOOCX)OClOOO0O0OOOGOOCX)OO00O000O0OO000(XXX)OO0OOO0O0OOOO00OO0OOOC)OC)0O0OOOO(X)O0OOOOOO0OOCXXXX)C)^^ 

25.    Enis    Awni    \enu  'awm\   Dichtername:   Aka    GÜndÜZ 

[aqa  gündüz]. 

Vita  liegt  nicht  vori.  —  Sein  Bild  geng  qalemler  Nr.  22,  S.  252 
und  (ein  anderes)  vor  dem  Titel  von  imihterem  qätil.  —  geng  qalemler 
brachte  von  ihm  unter  Aka  Gündüz:  „Der  Bootsmann,  eine  nationale 
Erzählung  in  der  Neuen  Sprache"  Nr.  12,  S.  203 — 207  [ein  Stück 
voll  tiefer  psychologischer  Beobachtung  mit  knappsten  Worten, 
ohne  Wortschwall,  wenn  auch  noch  nicht  rein  türkisch];  „Das 
Märchen  meines  Traumes"  (Erzählung)  Nr.  20,  S.  194 — 199;  'Akkää 
Ibn  Mansür  (Erzählung)  Nr.  22,  S.  252 — 256.  —  Unter  seinem 
wahren  Namen  finde  ich  nur  in  Jmsün  wesi'-ir:  „Bairam- Abend" 
[Sonett  in  müzäri^]  Nr.  5,  S.  25.  —  Drei  Gedichte  von  ihm  in  isläm 
megmü''asy  Band  1  zeigen  uns  den  als  sehr  lebensfroh  bekannten 
Dichter  von  religiöser  Seite:  1.  istighfär  „Reue"  S.  365  f.,  2.  müsül- 
mänge  du'^ä  „Gebet  nach  Muslim- Art"  S.  226 — 228;  3.  müsülmänyn 
tärküsü  „Lied  des  Muslims"  S.  342  f.,  alle  drei  in  Strophen  mit  Elf- 
silbern (6  +  5),  die  Strophen  verschieden  gebaut.  —  i.  In  mystischem 
Ton,  hat  den  Refrain:  „Meinen  Kopf  zermalmt  die  schwere  Sünden- 
not /  Dich,  Gott  ruf  ich  an,  dich  ruf  ich  an,  o  Gott!"  —  In  2 
schließt  jede  Strophe:  „Nun  sind  wir  gekommen,  Herr  der  Welt, 
zu  dir.  /  Diesmal  noch  verzeih  unsl  Amen!  sagen  wir";  die  letzte 
Strophe  lautet,  mit  leichtem  Wandel  am  Ende:  „In  dem  Kampf 
der  Zeiten  woll'n  wir  Wage  sein  /  Neu  den  Kopf  erhebend,  Menschen 
woll'n  wir  sein  /  Muslime  voU  Ehren  woU'n  wir  endlich  sein  /  Mit 
solch'  festem  Wollen  kommen  wir  zu  dir  /  Hilf  uns!  hilf  uns!  hilf 
uns!  Amen!  sagen  wir,"  Alles  ist  bei  Aka  Gündüz  plan,  leicht 
faßlich,  volkstümlich;  die  Verse  strömen  ihm  mit  Leichtigkeit;  er 
macht  etwas  zu  reichlichen  Gebrauch  von  dem  bei  den  türkischen 
Dichtern  beliebten  Trick  der  Wiederholung.  —  Donanma  Nr.  60 
S.  183  piclerin  hahasy  „der  Vater  der  Bastarde",  bezeichnet  als 
„Monolog,  der  speziell  für  Kenar  {qenärl  Hanum^  geschrieben 
wurde  und  ohne  ihre  Erlaubnis  nicht  aufgeführt  werden  darf";  es 
sind  die  Worte  einer  Verlassenen,  die  durch  die  Welt  wandert; 
patriotisch    ausklingend;   in  fast   reinem  Türkisch:    —  Sein   Drama 

1  Soll  nicht  vor  1890  geboren  sein.  Den  Klatsch,  der  über  ihn  umgeht,  zu  bringen, 
widerstrebt  mir;  ersichtlich  hat  er  bei  einflußreichen  Kreisen  Anstoß  erregt  und  seit 
19 14  Muße,  fern  von  Stambul  nachzudenken;  er  lebt  als  ,, Verbannter",  d.  h.  als  administrativ 

.  Verschickter  in  Brussa.  Der  Kindskopf  mit  den  großen  sanften  Augen,  den  das  Bild 
in  mühterem  qätil  zeigt,  wirkt  sehr  sympathisch. 

■   Berühmte  Schauspielerin,  Armenierin  ());  ihr  widmete  Aka  Gündüz  sein  mühterem  qätU. 


Dichter  der  neuen   Türkei.  113 

CO00e00000000(XX>00000000000000000000(XXXXXXXXXXXX)(XXXXXXXXXXX)000(X)0000000000000000000^ 

mühterem  qätil  „Der  Mörder  in  Ehren"  ist  ein  vorzügliches  Volks- 
stück: in  der  Anlage  einfach  und  mit  primitiven  Mitteln  arbeitend 
(Schaich  Schamyl  erscheint  in  bengalischer  Beleuchtung),  gibt  es 
die  ehrliche  opferwillige  Vaterlandsliebe  der  Männer  und  PYauen 
des  Kaukasus  getreu  wieder;  besonders^  unter  den  Frauen  finden 
sich  prächtige  Gestalten,  wie  die  greise  Mutter  Dschans,  ein  Bild 
der  schlichten,  gottergebenen,  liebevollen  Türkenfrau,  die  scharf 
denkt  und  warm  empfindet.  Das  Stück  löste  bei  den  Aufführungen, 
in  denen  sich  Kenar  Hanura  auszeichnete,  der  der  Druck  gewidmet 
ist.  Stürme  der  Begeisterung  aus;  die  literarische  Kritik  hat  es 
nicht  freundlich  aufgenommen:  es  ist  ihr  zu  simpel;  die  modernen 
Türken  haben  eben  noch  nicht  das  Verständnis  wiedergewonnen 
für  den  inneren  Wert  des  Volkstümlichen,  und  Schönherrs 
„Volk  in  Not"  würde  ebensowenig  Gnade  in  ihren  Augen  finden: 
allerdings  ist  Aka  Gündüz  etwas  gar  zu  einfach  in  seinen  Mitteln,  und 
die  Bomben  werf  erei  im  letzten  Akt  wirkt  abstoßend;  auch  die 
Erscheinung  Schamyls  ist  ein  etwas  grobes  Mittel,  aber  seine 
Verse  sind  packend  (sie  wurden  in  meiner  Übersetzung  vielfach 
zu  Gehör  gebracht  durch  den  Vortragskünstler  Senff-Georgi). 
Auch  Hachtmann  (S.  42  f.)  weiß  von  seinem  Leben  nur,  daß 
er  „ein  Kaukasustürke  ist".  Von  dem  Regimente  Muchtar-Kamil 
verfolgt  und  ins  Gefängnis  geworfen  (siehe  unten  zu  türkün  kitaby 
Nr.  2,^),  hatte  er  noch  später  Konflikte  mit  der  Regierung  i:  er 
wurde  nach  Brussa  verbannt,  wo  er  gegenwärtig  [1917]  lebt.  — 
Hachtmann  behandelt  ausführlich  sein  Drama  mühterem  qätil  „der 
Mörder  in  Ehren"  2  und  berichtet  kurz  über  seine  Erzählung  qatyrgy 
oghlu,  die  MSOS  I  fehlt.  Außer  ihr  trage  ich  nach:  1.  türkün  kitähy 
„das  Buch  des  Türken"  (1329,  22,2  S.);  2.  türk  qalby  „das  Türken- 
herz" (o.  J.,  184  S.);  beide  sind  Sammlungen  von  Erzählungen  und 
Gedichten,  türkün  kitähy  enthält  2>i  Stücke:  1.  „Der  Pulvergeruch" 
(S.  I7— 1 2):  Besuch  eines  Türkenlagers,  mit  Bild  von  Sitten  und  Sprach- 
proben;  2.  „Der  dntte  Hauptmann"  (S.  13 — 29);  3.  „Das  Friedensschiff" 

^  Nach  einem  Bericht  liegt  dem  Osmanen  Ja'kub  in  „Mörder  in  Ehren"  (vgl.  hier  n  2) 
die  Gestalt  des  Ja'kub  Dschemil  zugrunde,  der  an  der  Spitze  eines  schnell  unter- 
drückten Aufstandes  im  Heere  stand  (vgl.  Mandelstamm,  Le  sort  de  V Empire 
Ottoman  S.   176 f.);  das  wurde  übel  gedeutet. 

*  Ob  man  mit  Hachtmann  „das  Türkentum  des  Kaukasus"  als  die  eigentliche  Haupt- 
person des  Dramas  ansehen  darf,  möchte  ich  nicht  entscheiden;  sicherlich  ist  der 
Osmane  Ja*kub,  der  die  noch  ungeschulten  Kaukasier  diszipliniert  und  ihren  Aufstand 
organisiert,  gedacht  als  Mittelpunkt  der  Aktion  gegen  die  Russenherrschaft;  es  würde 
sich  also  zugleich  um  eine  osmanisch-patriotische  Tendenz  handeln. 

Urkunden  und  Untersuchungen.     3.  .  8 


114  Ilartmann, 

(X)0OOOOCC<XXXX>X)O(X)OOOOO(XXXXXXXXXX)OOCK>XXXXX)OCXXXXXXXXX)OOOOOOOOOOOOOOa 

(S.  30 — 41);  4.  „Bei  den  Waffen"  (S.  42 — 45);  5.  „An  Enwer  Bej  in  Beng- 
hazi,  aus  dem  Munde  setner  Mutter"  (S.  46—52);  6.  „Bamazan  Chodscha" 
(S.  53 — 62);  7.  „Der  Brief  der  Mutter"  (S.  63 — 70);  8.  „Die  rote  Antwort" 
(S.  71 — 78);  9.  „Das  Geheimnis  des  Windes"  (S.  79 — 87);  10.  „Zwei  Daten" 
(S.  88 — 101);  11.  „Adi^chu  Mehmed"  (S.  102 — 111);  12.  „Der  Volksgenosse" 
(S.  112  — 116);  13,  „Fatih  —  In  seinem  Mausoleum"  (S.  117 — 121):  ein 
Gebet  am  Sarge  des  großen  Kaisers;  14.  „Die  erste  Kanonenkugel" 
(S.  122  — 125);  15.  „Der  Araber"  (S.  126 — 129);  16.  „Das  Grab  des 
Kaisers"  (S.  130 — 132)  es  ist  das  Grab  Murads  I.  auf  dem  Amsel- 
felde gemeint;  17.  „Vor  dem  Mihrab  —  In  der  Sulaimanije- Moschee" 
(S.  133 — 136):  ein  Gebet;  18.  „Die  Niederlage"  [bozghunl  (S.  137 — 140): 
ein  Gedicht,  vom  18.  1.  1328  [31.  1.  1913],  in  8  Strophen  von 
5  Versen  (Elfsilber:  6  +  5  niit  a  a  a  b  b)  mit  Refrain  (2  Verse, 
leicht  gemodelt);  Str.  1  „Wein',  mein  Auge,  weine!  Trennung 
ziemt  /  Dem  heimatlosen  Manne  ziemt  der  Kerker";  es  verdient 
seine  Berühmtheit:  getreuer  Ausdruck  der  Verzweiflung  in  höchster 
Not;  die  Sprache  ist  ganz  einfach,  rein  türkisch;  ein  Kind  versteht 
dasi;  Str.  5  V.  4.  5  die  beliebte  rhetorische  Frage  mit  nerede,  die 
sich  bei  Mehmed  Emin  oft,  selten  bei  Zija  findet  und  bereits 
etwas  Klischeehaftes  hat;  sie  wirkt  aber,  wie  alles  andere,  hier 
nicht  banal;  mit  einfachsten  Mitteln  wird  die  größte  Wirkung  erzielt; 

19.  „Das  höclistc  Gericld  —  Audi  im  Mausoleum  Fatihs"  (S.  141  — 145): 
ein  Gebet;  nicht  glücklich;  „die  in  meinen  Pulsen  schlagenden 
Adern"    S.    141,    6    wohl    ein    Anklang    an    Zija    [vgl.    11    S.    7]; 

20.  „Der  Bastard  —  Axis  einem  Briefe^''  (S.  146 — 154);  21.  „Meine  Jahre 
in  Kreta"  (S.  155 — 158);  22.  „Rebellion"  (S.  159 — 168);  2;^.  „An  Re\if" 
(S.  163  — 168);  24.  „Der  Mund  des  Friedens"  (S.  169 — 180);  25.  „Die 
Erzählung  von  der  Wahrheit"  (S.  181  — 190);  26.  „Geht  nicht!  Geht  nicht!  — 
Dieser  Weg,  den  du  gehst,  führt  in  ein  Dorngestrüpp  —  An  die  Gehenden" 
(S.  191 — 195):  Eine  verzweifelte  Beschwörung,  den  Weg  nicht 
weiter  zu  gehen,  der  ins  Unglück  führe;  datiert  vom  25.  1.  1328 
[7.  2.  1913];  2"].  „Offener  Bnef  an  das  Heer"  (S.  196 — 200):  preist 
das  bisherige  Verhalten  des  Heeres;  28.  „  Wo  seid  Ihr?  Warum 
schweigt  Ihif  —  /In  die  Dichter  und  Schriftsteller"  (S.  201  —  204):  ähnlich 
wie    Nr.    26;    29.    „Galata'^    (S.    205 — 209);    30.    „Bittgesuch    an  meinen 

1  Von  einem  türkischen  Kenner  höre  ich,  daß  Aka  Gündüz  ein  Chatib,  „Redner", 
ersten  Ranges  sei  und  sich  dem  berühmten  Hamdullah  Subhi  an  die  Seite  stellen 
lasse.  Derselbe  Gewährsmann  deutete  an,  daß  die  Schuld  Aka  Gündüz'  als  Mensch 
sich  nicht  ganz  von  seiner  literarischen  Tätigkeit  trennen  lasse.  Auf  allem  gewinnt 
man  den  Eindruck  einer  tiefen  Tragik  dieses  Lebens. 


Dicliter  der  neuen   Türkei.  115 

OOOOeOOOO0OCK>XX)OGOCXXXXXXX)00OOO0OO0000O00O0O0OO00OOOOO<XXXXXXX)0OOOOO0OOeXX)O<XXXXX^ 

großen  Kaiser"  (S.  210 — 215),  vom  5.  2.  1328  [18.  2.  1913]:  eine 
Beschwörung  des  Sultans,  sich  an  die  Spitze  des  Heeres  zu  stellen 
und  das  Kaiserliche  Zelt  auf  den  Befestigungen  von  Tschataldscha 
zu  errichten,  um  den  geheiligten  Boden  vor  den  Feinden  zu  retten; 
31.  „Noch  ein  Tropfen  Bhd"  (S.  216 — 219):  Auch  hier  Beschwörungen; 
,,Wo  bist  Du,  Kemal?"  Die  Dichteif  werden  aufgerufen;  ^2.  „Die 
Frau  des  Paschas"  (S.  220 — 228);  t^^.  „Ach!  Im  Gefängnis"  (S.  229 — 2^2): 
Gedicht  in  Elfsilbern  (44-4+3)  mit  zweiversigem  Kehrreim 
nach  je  zwei  vierzeiligen  Strophen;  der  Kehrreim:  „Weine  Nach- 
tigall! Viel  Gift  gibt's  in  Deiner  Sprache  /  Kein  Türke  blieb  im 
großen  Rumelien";  es  entstand,  als  Aka  Gündüz,  Parteigänger 
des  Ittihad,  unter  dem  Regimente  Muchtar-Kamil  mehrere 
Monate  im  Gefängnis  gehalten  wurde.  —  Die  Stücke  stammen 
sämtlich  (nur  zwei  sind  nicht  datiert)  aus  der  Zeit  zwischen  dem 
17.  September  1328  [30.  9.  1911]  und  dem  3.  Februar  1328 
[16.  2.  1913]:  das  war  die  tiefste  Erniedrigung  der  Türkei,  und  so 
niederdrückend  waren  das  Gefühl  des  völligen  Versagens  im 
Kampfe  der  Waffen  durch  die  Unfähigkeit  und  Unredlichkeit  der 
höchststehenden  Personen  und  das  Gefühl  der  selbst  im  Heere 
herrschenden  Korruption  und  Sorglosigkeit,  daß  auch  den  Besseren 
das  Vaterland  gleichgültig  wurde;  auch  die  Jüngeren  wurden  an- 
gefressen von  dem  watan'^alelidärlyq  „Antipatriotismus",  der  mit  den 
Händen  im  Schöße  dem  hereinbrechenden  Unheil  zusah.  Dieser 
Zeit  gehört  das  türkün  kitäby  an;  das  Herz  des  Dichters  ist  zerrissen. 
Aber  die  Grunds timmnng  ist  doch  Lebensbejahung  und  die 
Zuversicht,  daß  sich  ein  Ausweg  aus  der  Not  finden  wird.  Die 
Motive  sind  fast  sämtlich  aus  dem  Kriege  geholt  und  aus  der  Not, 
die  dem  Vaterlande  durch  ihn  erwuchs.  Auch  hier  spielen  die 
Sterbeszenen  und  der  Friedhof  eine  unverhältnismäßig  große 
Rolle.  Das  ist  eine  schon  oft  gerügte  Mode  der  Türkischen 
Moderne  (vgl.  Hörn  S.  31).  Woher  stammt  diese  ungesunde 
Manier?  In  der  älteren  osmanischen  Literatur  findet  sich  diese 
seltsame  Liebhaberei,  soviel  mir  bekannt,  nicht.  Unter  den  Mo- 
dernen erreichte  sie  den  Gipfel  in  dem  auch  von  der  Kritik  ab- 
gelehnten „Uhu"  Chalid  Fachris  (die  Sterbeszene  in  „Hannele" 
ist  etwas  ganz  anderes,  und  selbst  hier,  vor  einer  wirklich  großen 
Kunst,  empfinden  wir  die  Gefahren  solcher  Schilderungen).  Von 
Türken  höre  ich  die  Erklärung:  „Wir  Orientalen  neigen  zur  Me- 
lancholie"; das  ist  eine  völlig  unzulässige  Verallgemeinerung:  gerade 
der  Türke   liebt  Heiterkeit,    hat    etwas  P>isches,   Plinkes,    und  sein 

8* 


1 1 6  Hartmann, 

0Cl©OO000O(XXXX)000(XXXXXX)000000CXXX)CXXXXX)0(XX30000qgCXXXXX)(X)^^ 

Humor  bewahrt  den  unverdorbenen  vor  grämlichen,  sentimentalen 
Stimmungen;  auch  aus  der  Not  des  Terror-Regiments  läßt  sich  die 
Erscheinung  nicht  restlos  erklären,  wenn  auch  das  Leben  in  be- 
ständiger Furcht  vor  schwersten  Angriffen  auf  Leben  und  Ver- 
mögen traurige  Bilder  hervorruft.  In  der  französischen  Literatur, 
die  so  starken  Einfluß  übte,  finden  sich  Beispiele  für  die  Tod-  und 
Kirchhof  maierei;  ich  wage  aber  nicht,  bestimmte  Einflüsse  auf- 
icustellen.  Eine  zweite  Schwäche  des  Dichters  sind  die  gebetartig'en 
Anrufungen  vor  den  Katafalken  der  älteren  osmanischen  Herrscher 
(Murad  L,  Fatih).  Diese  gesalbten  Reden  mit  ihrer  banalen  Frömmig- 
keit, die  sich  durchaus  in  den  Formen  volkstümUchen,  kirchHchen 
Denkens  und  in  dem  Rahmen  des  bilHgen  Predigtstils  zungen- 
gewandter Hodschas  bewegt,  wirkt  äußerüch  und  in  der  hier  ge- 
botenen Menge  genossen  geradezu  abstoßend.  Wie  tief  ist  da- 
gegen Zija,  in  dessen  „frommen"  Gedichten  die  großen  Probleme 
von  Religion  und  Ethik  in  ihrem  innersten  Wesen  zu  erfassen 
gesucht  werden.  Sind  die  Frömmeleien  Aka  Gündüz'  bewußte 
Konzession  an  den  schlechten  Geschmack  der  Ungebildeten  und 
der  urteilslosen  Gebildeten?  Nach  Mitteilung  eines  türkischen 
Freundes  war  türkün  kitäby  gedacht  als  Lesebuch  für  Schulen,  wegen 
der  hinreißenden,  gerade  einfache  Gemüter  bezaubernden  Kraft 
der  Diktion  Aka  Gündüz';  man  scheine  aber  davon  abgekommen 
zu  sein.  Die  Aufgabe,  ein  Schulbuch  zu  liefern,  würde  die  Wahl 
mancher  Stücke  erklären,  auch  jene,  sich  allzu  häufig  wiederholenden 
„Gebete",  die  nur  geringe  Mannigfaltigkeif  zeigen.  Die  Sammlung 
türk  qalby  ist  nicht  ganz  so  einseitig  und  rührselig.  Bemerkens- 
wert ist  hier  die  Neigung  zur  Schilderung  fremder  Volkstypen. 
So  erscheint  der  gegen  die  Italiener  kämpfende  Araber  von  Tri- 
polis in  Äkkasch  ['aMäs]  Ihn  Mansur  (S.  78 — 86)  und  Ali  Fezzaid 
(S-  87 — 94);  sie  sind  die  Vertreter  der  treuen  Gesinnung  zum 
Kalifen,  für  die  sie  den  Tod  leiden;  „Tripolis"  (S.  24 — 28)  schildert 
den  Abschied  des  gegen  den  Feind  ziehenden  Arabers  von  Mutter 
und  junger  Frau:  jene  will  ihn  zurückhalten,  diese  gibt  ihn  hin: 
der  Dichter  kennt  offenbar  Land  und  Leute.  Beachte:  gerade  die 
Verbannung  nach  Tripolis  hat  in  zahlreichen  jungen  Osmanen 
Energien  geweckt;  die  dorthin  Gesandten  hatten  zum  Teü  einen 
Innern  Gewinn  aus  diesem  Aufenthalte,  bei  dem  sie  manches  dem 
Lande  Nützliche  schufen.  —  Sympathisch  ist:  Die  drei  Tage  des 
Atenasch  [Athanas]  (S.  131  — 155):  der  junge  Grieche  hat  wacker 
für    das    Osmanische    Vaterland    gekämpft    in    treuester    Waffen- 


Dichter  der  neuen    Türhei.  117 

C<X)COCIOO0OOO0000<>S00C>0(XXXX)00000000000000000000000000000000C)000000000000000O00^ 

brüderschaft  mit  dem  ihn  schätzenden  und  liebenden  Onbaschi 
Sali  und  seinem  Hauptmann  Mehmed;  der  lange  Brief,  den  er  mit 
der  Todeswunde  an  die  Mutter  schreibt,  ist  rührend;  solche  Ge- 
sinnung war  nicht  die  Regel  im  Balkankriege,  Man  möchte  aus 
der  Skizze  schließen,  daß  Aka  Gündüz,  als  er  das  schrieb,  vom 
Osmanismus  durchdrungen  war;  ein  Turanist  hätte  kaum  Kraft 
und  Mut  gehabt,  einem  Nichttürken  in  solcher  Weise  gerecht  zu 
werden.  Auch  eine  Armeniergeschichte  wird  erzählt,  „jumurgaq" 
(S.  156 — 166):  der  namenlose  kleine  armenische  Schurke,  der  nur 
unter  dem  Namen  jumurgaq  „Skrofel"!  bekannt  ist,  und  ein  elendes 
Diebesleben  führt,  erscheint  zum  Schluß  als  Pascha  in  hoher 
Stellung  im  Jyldyz-Kjöschk.  —  Die  Abgewandtheit  vom  Turan- 
fanatismus  ist  markiert  durch  die  erste  Skizze,  nach  der  die  ganze 
Sammlung  genannt  ist:  „Das  Türkenherz"  (S.  3 — 12):  der  Erzähler 
hat  einen  reichen  jungen  sibirischen  Freund,  der  mit  Begeisterung 
von  seiner  Heimat  jenseits  des  Baikalsees  spricht;  er  entschwindet 
ihm  aus  den  Augen;  eines  Tages  treffen  sie  sich  in  Brussa  wieder, 
wohin  auch  die  Mutter  des  Sibiriers  gekommen  ist;  er  selbst  dient 
mit  glühendem  Eifer  im  Osmanischen  Heere;  hübsch  ist  die  Be- 
schreibung des  Besuches  bei  der  Sibirierin  (S.  6  f.),  die  den  Besucher 
mahnt:  „Bleibe  Türke  und  liebe  die,  die  nicht  Türken  sind".  Mit 
diesen  Worten  schließt  auch  die  Erzählung:  sie  sind  in  alttürkischer 
Schrift  (was  dachte  sich  der  Erzähler  dabei?)  dem  Innern  eines 
kostbaren  Ringes  eingegraben,  den  die  Alte  dem  Erzähler  schenkt, 
als  er  sie  nach  drei  Jahren  wieder  besucht  gelegentlich  des  Helden- 
todes ihres  Sohnes.  Darf  man  in  diesem,  dem  Gesamtbilde  des 
Dichters  entsprechenden,  aber  von  der  gegenwärtigen  Strömung 
leicht  als  Angriff  zu  deutenden  energischen  Bekenntnis  eine  der 
Ursachen  sehen  für  die  Verbannung,  in  der  Aka  Gündüz  seit 
mehreren  Jahren  lebt?  —  Ein  seltsames  Stück  ist  „Ultimatum  vom 
8.  September  1327  [21.  9.  1911] 2":  der  Dichter  windet  sich  unter 
den  Qualen  beständiger  Demütigung  seines  Volkes:  „schämte  ich 
mich  nicht  vor  Ahn  und  Ahnfrau,  so  würde  ich  zu  Hause  bleiben; 

1  Das  Schimpfwort  war  ihm  von  der  Mutter,  als  er  sie  in  die  Brust  gebissen,  beigelegt 
worden,  und  wird  auch  im  türkischen  Sami  als  Fluchwort  verzeichnet;  jumurgaq  ist 
vulgärer  Fehler  für  Jumrugaq,  von  j'umru  „Geschwulst". 

*  Das  Datum  ist  unrichtig:  das  Ultimatum  Italiens  betreffend  TripoHs  und  Cyrenaika 
wurde  in  der  Nacht  vom  26.  bis  27.  September  von  San  Giuliano  dem  Geschäftsträger 
de  Martino  zur  Übergabe  an  die  Pforte  übersandt  und  wurde  am  28.  September  dem 
Großwesir  Hakki  Pascha  übergeben. 


1 1  8  Hartmann^ 

CX)C)C©<X)0CO0<X)0<X)0©00(XXXXO0<XXXXXXX)C)00000(X)0^^ 

bin  ich  denn  geboren  nur  um  verwundet,  erdrosselt,  tyrannisiert 
zu  werden?  .  .  .  Nun  wurde  mir  noch  eine  schlimmere  Schmach 
zuteil;  aber  wir  sind  jetzt  einig:  ziehe  das  Schwert  und  öffne  das 
Auge!  Fort  in  den  Krieg!"  —  Ein  einziges  Stück  ist  historisch: 
Barrak  [barräq]  Reis  (S.  95 — lo?);  die  Geschichte  von  jenem  os- 
manischen  Flottenführer,  der  die  feindüchen  Schiffe  in  Brand  gesetzt 
hatte,  und,  als  am  21..  Schauwal  904  [1.  ö.  1499]  Venetianische 
Soldaten  auf  sein  Schiff  gekommen  waren  und  Übergabe  der  Flotte 
forderten,  an  die  Pulverkammer  des  eigenen  Schiffes  Feuer  legen 
läßt.  —  Nur  ein  Stück  ist  in  Versen  (Fünfzehnsilber  in  4  +  4  +  4  +  3): 
Zwei  Feste  (S.  58 — 63).  Zuweilen  sind  kleine  Gedichte  in  Volkston 
eingestreut,  die  vielleicht  Wiedergaben  von  Volksstücken  sind 
(S.  47  f.). 

In  beiden  Werkchen  fehlt  das  bei  den  osmanischen  Türken  so 
häufig  anzutreffende  Moment  des  Humors.  Das  geht,  wie  andere 
Eigentümlichkeiten,  vielleicht  auf  den  Ursprung  Aka  Gündüz' 
zurück:  er  ist  Kaukasustürke  (siehe  oben);  diese  sind  sanfter  als 
die  Osmanen,  ausgeghchener,  beständiger,  entbehren  aber  der 
Energie  des  Osmanen,  die  ihm  erhalten  blieb  unter  dem  ungeheuren 
inneren  und  äußeren  Drucke  und  die  nun  in  einer  neuen  Periode 
sich  entfaltet. 

In  der  Sprache  liegt  eine  große  Stärke:  der  Dichter  kennt  die 
Eigenheiten  und  wendet  sie  glücklich  an;  die  „Klassiker"  verfügen 
über  einen  minimalen  Bestand  an  Begriffen  und  Wörtern,  und  ihr 
Reichtum  ist  ein  Schein,  dadurch  hervorgerufen,  daß  sie  bei  Be- 
zeichnung derselben  Sache  mit  den  drei  Sprachen  abwechseln: 
die  Mannigfaltigkeit  der  Dinge,  die  Aka  Gündüz  nennt,  bringt 
einen  bedeutenden  Wortschatz  mit  sich,  der  seine  Darstellung  kraft- 
voll und  packend  macht;  gerade  darum  ist  er  aber  für  den  Fremden, 
der  in  der  Literatursprache  lebt,  unbequem  zu  lesen  (ähnlich 
Victor  Hugo)i. 

1  Aka  Gündüz  müßte  ausgebeutet  werden  für  die  Arbeit,  die  sobald  wie  möglich  zu 
machen  ist:  Ergänzung  der  bekannten  Wörterbücher  des  Osmanischen  aus  der  neueren 
Literatur  und  der  Volkssprache  (zunächst  Groß  -  Konstantinopels) ;  ein  Beispiel:  ein 
Lieblingswort  von  ihm  ist  jaslanmaq ;  nach  mündlicher  Auskunft  von  Türken  ist  es : 
„sich  anlehnen",  wie  wenn  jemand  sich  an  eine  Tischkante  lehnt,  mit  dem  Neb'en- 
begriff  des  Sichausruhens" ;  das  Wort  fehlt  bei  Sami;  bei  Zenker  ist  es  zusammen- 
geworfen mit  jassylanmaq  [von  yassi/ j,flach"],  bei  Zenker  mit  tesdid,  das  bei  Sami 
fehlt,  aber  richtig  ist:  Ahmed  Wefik  (S.  1223);  lehgeH  '^otmäni  (S.  1223):  jasmaq: 
asly  jatsamaq  j'assamaq  jatsy  etmek  düxdtmek. 


Dichter  der  neuen   Türkei.  1 1  g 

O0eoOOO(XX>0CXXX300(X>00O0O0O0CXXXXXX>0000CXXXXXX>0OCXXXX>0CXXM0000O0OO000O00O0000O00O0000OOOOO0O0OOO«OO0e^ 

über  Aka  Gündüz'  qatyrgy  oghlu^  hat  Hachtmann  bereits  kurz 
berichtet  (S,  45).  Aka  Gündüz  hat  hier  mit  Geschik  den  traurigen 
Zustand  des  Landes  in  der  Verfallzeit  geschildert.  Er  läßt  seine 
Erzählung  von  dem  Räuberhauptmann  Katyrdschy  Oghlu  Schah 
Mohammed  Agha  unter  Mohammed  111.  spielen  (in  der  Zeitangabe 
auf  dem  Titel  ist  ein  Druckfehler:  statt  1508 — 1509  ist  zu  lesen 
1008 — 10092).  Das  Buch  von  Katyrdschy  Oghlu  ist  eine  Folge 
von  einzelnen  Szenen,  die  sich  gut  voneinander  abheben, 

Bild  1  zeigt  uns  die  Bürger  der  kleinen  Stadt  Sidischehir  (80  km 
südwestlich  Konia),  die  nach  dem  Freitagsgebet  im  Hofe  der  großen 
Medrese  Rat  halten,  denn  Gefahr  ist  im  Verzuge;  auch  Vertreter 
der  Nachbargemeinden  Bej  Schehri,  Ylgyn  und  Kara  Hisar  Sahib 
(gewöhnlich  Afjun  Kara  Hisar  genannt)  haben  sich  eingefunden. 
Der  Vertreter  von  Bej  Schehri  erstattet  Bericht  über  die  von 
Katyrdschy  Oghlu  Schah  Mehmed  und  seinen  Gesellen,  voran 
Haidar  Oghlu,  verübten  Greueltaten  und  verlangt  Direktiven. 
Da  erscheinen  auch  schon  zwei  Hirten  außer  Atem  mit  Bot- 
schaft vom  Räuberhauptmann  selbst:  der  Ortsvorsteher  Bakla 
MausyUy  Riza  Agha  solle  sofort  2000  Piaster  zahlen;  der 
erklärt,  das  werde  er  nicht;  die  Regierung  müsse  helfen:  „Dieser 
Hals  ist  ein  Türkenhals;  er  kann  wohl  abgeschnitten  werden,  aber 
er  beugt  sich  nicht."  Die  lebhaft  bewegte  Szene  ist  künstlerisch 
aufgebaut  und  wirkt  packend. 

Bild  2:  Der  Bote  berichtet  dem  Räuber;  der  steigt  sofort  zu 
Pferde;  alsbald  ist  er  in  dem  unglücklichen  Sidischehir,  dem  er  übel 
mitspielt;  eine  gute  Beute  ist  die  schöne  Esma,  deren  Mann  er 
tötete;  er  träumt  von  einem  Königreich  Anatolien,  das  er  aufrichten 
wiU  bis  an  die  Grenze  Irans;  man  zieht  weiter:  ein  Weggenosse 
singt  ein  Räuberlied  (5  Vierzeiler,  S.   19  f.). 

Büd  3:  Man  kommt  in  das  Räuberlager,  Sary  Sowuk,  wo  sich  schon 
Haidar  Oghlu  mit  seiner  Truppe  befindet;  dort  gibt  es  ein 
Zechgelage,  bei  dem  Esma,  betrunken  gemacht,  tanzt  und  ein 
schönes  trauriges  Lied  singt  (4  Vierzeiler,  S.   23). 

Bild  4:  Der  Räuber  zieht  gegen  Karadscha  Oren;  auf  dem 
Wege  wird  ein  Koschma  gesungen  (4  Vierzeiler,  S.  2 7  f.);  an  einer 
Quelle  träumt  der  Räuber  von  einem  weiten  Reich  und  sehr  sehr 
viel  Geld;  da  ertönt  ein  seltsames  Lied  zwischen  den  Bäumen  hervor 

1  qatyrgy  oghlu  —  awgi  sultän  mohammed  dewrinde  1508 — 1509.   Siambul  1332.    58  S. 

•   Auch  die  andere  Sanierung  1598 — 1599  ist  möglich,  denn  Mehmed  III.  regierte  1003 — 1012/ 

1595 — 1603;  sicherlich  wollte  der  Verfasser  auf  dem  Titel  dai  Hidschra-Datam  geben. 


120  Harlmann, 

OOOOOGO(XXX)OOOO<XXXXXX30(XX)00000000OCX3O<XXXX)000O0OOO0OOOCXXX»eXXXXXXXX)OOO000^^ 

(4  Vierzeiler,  S.  30 f.);  der  Sänger  ist  Ujsal  Tosun,  ein  Verrückter, 
der  in  bewegten  Worten  zum  Himmel  fleht  gegen  Katyrdschy 
Oghlu;  der  Räuber  stellt  ein  Verhör  mit  ihm  an  und  erschießt  ihn 
kurz;  das  Dorf,  um  dessen  Befreiung  von  dem  Räuber  der  Verrückte 
den  Himmel  gebeten,  wird  von  diesem  selbst  ganz  gründlich  befreit, 
d.  h.  bis  auf  den  Grund  zerstört. 

Bild  5:  Katyrdschy  Oghlu  zieht  aus  auf  neue  Heldentaten; 
der  zurückbleibende  Haidar  Oghlu  erhält  die  Nachricht,  die  Re- 
gierung habe  Ahmed  Pascha  mit  Heeresmacht  gegen  die  Bande 
gesandt;  aber  der  Räuber  fürchtet  sich  nicht:  er  kennt  die  Lage 
des  Reiches  genau  (S.  3 7 f.):  eine  ausgezeichnete  Schilderung;  im 
offenen  Kampfe  werden  die  Räuber  geschlagen;  aber  der  Pascha 
beutet  den  Sieg  nicht  aus:  nach  alter  türkischer  Kriegsart  legt 
man  sich  zunächst  zur  Ruhe,  denn  man  ist  müde,  und  Pascha 
und  Lager  sind  nach  dem  Nachtgebet  alsbald  in  tiefem  Schlummer. 
Das  ist  die  Rettung:  Räuber  schleichen  sich  an  die  Wachen  heran; 
alsbald  findet  am  Rande  des  Lagers  eine  Beratung  von  Räubern 
und  Soldaten  statt;  diese  werden  überzeugt,  daß  es  die  größte  Sünde 
ist,  wenn  sie  als  Muslime  gegen  die  Glaubensgenossen  kämpfen, 
und  in  offener  Meuterei  lassen  sie  den  Pascha  im  Stieb,  der  leicht 
gefangen  und  auf  jede  Weise  beschimpft  wird;  er  soU  nach  Stambul 
zurückgeschickt  werden  in  kläglichem  Aufzug;  mittlerweüe  kommt 
Katyrdschy  Oghlu  angaloppiert  und  fährt  Haidar  Oghlu  an 
wegen  seiner  Blödheit:  er  läßt  dem  Pascha  die  Augen  ausstechen 
und  den  Kopf  abschlagen. 

Bild  6:  Nach  Haidar  Oghlus  Tode  treibt's  Katyrdschy  Oghlu 
wo  möglich  noch  ärger;  sein  Reichtum  mehrt  sich;  nur  erfüllt  ihn 
eine  Sehnsucht;  Stambul!  Dorthin  macht  er  sich  auf;  auf  dem  Wege 
wird  ein  Lied  gesungen  (2  Vierzeiler,  S.  48);  in  Tschaj  wird  die 
Begnadigung  aus  Stambul  erwartet;  von  den  höchsten  Beamten 
treffen  Geleitbriefe  {{sti^männänie)  ein ;  endlich  zieht  er  in  die  Hauptstadt 
ein  und  wird  vom  Sultan  empfangen;  das  Volk  in  Stambul  weiß 
eigentlich  nicht,  worum  eis  sich  handelt,  aber  es  gafft;  man  weiß 
nur,  es  gibt  ein  Fest.  Freilich  eine  Unannehmlichkeit  hat  der 
Aufenthalt  in  der  Hauptstadt  für  Katyrdschy  Oghlu:  das  viele 
Trinkgeld,  das  er  zahlen  muß.  Schließlich  überzeugt  er  die  Re- 
gierung, daß  er  ein  geruhiges,  frommes  Leben  führen  und  seine 
vortrefflichen  Verwaltungsfähigkeiten  in  einem  Sandschakbejlik 
werde  betätigen  können;  er  verlangt  Jenisch ehir  und  erhält  es. 
Die  Bewohner  sind  geknickt:  Katyrdschy  Oghlu  führt  inmitten 


Dichter  der  neuen   Türkei.  121 

1>OOOeOOOOOOOOO0OO(X>O0O0O0O(XXXIOOOOOOOOOO0OO0O0OOOOO(XXXX)0OO0OO0OO0OO0OOO0O0OOOOO0OOOOOOO^^ 

alter   Skelette    und    auf   der   Brust    neuer   Leichen    ein    geruhigfes, 
frommes  Leben  bis  an  sein  Ende. 

Man  würde  irren,  wollte  man  in  qatyrgy  oghlu  eine  gewöhnliche 
Räubergeschichte  sehen,  etwa  wie  wenn  es  sich  um  die  Wieder- 
gabe eines  alten  Destans  handelte  i.  Der  Dichter  fand  in  den 
Chroniken  einen  Stoff,  der  für  eine  Pest  des  Osmanischen  Reiches 
in  der  Verfallzeit  typisch  ist:  ein  Kraftmensch  wächst  sich  durch 
die  Elendigkeit  der  Regierung  zu  einer  Geißel  für  eine  Provinz 
aus;  nicht  einmal  mit  Heeresmacht  kann  man  ihn  bezwingen; 
schließlich  nimmt  die  Regierung  ihn  in  Dienst,  und  er  wird  ver- 
nünftig, oder  er  setzt  nun  sein  Treiben  erst  recht  fort.  Das  ist 
wohl  der  Ursprung  zahlreicher  Derebej-Familien  in  Anatolien  und 
Kurdistan  2.  Der  Hauptzug  im  Wesen  des  Raubritters  von  der 
Katyrdschy-Klasse  ist  die  politische  Tendenz:  er  setzt  sich  bewußt 
in  Widerspruch  zur  Regierung,  die  er  verachtet  und  deren  unfähige 
Diener  er  mit  besonderer  Grausamkeit  behandelt.  Köstlich  — 
vielleicht  nicht  ohne  einigt  Bosheit  ■ —  ist  von  Aka  Gündüz  das 
Motiv  herausgearbeitet,  das  einen  der  schwersten  Schäden  der 
„guten  alten  frommen  Zeit"  darstellte:  „der  Muslim  soll  dem  Muslim 
kein  Leid  antun",  und  das  volkstümlich  sich  so  ausdrückt  (ich  hörte 
es  mehr  als  einmal):  hende  müslim  sende  müslim  elhamdü  lillah  „wir 
sind  ja  beide  Muslime,  Gott  sei  Dank"  —  es  ist  das  Spießgesellentum 
auf  religiöser  Basis,  das  da  gepredigt  wird.  Dieses  göttliche  Gebot 
wird  erschüttert,  wenn  die  muslimische  Regierung  gegen  Räuber 
vorgeht,  die  den  Islam  bekennen.  Die  Schlauheit,  mit  welcher 
Haidar   Oghlu    die  Soldaten    des    gegen    ihn    gesandten  Ahmed 

1  Gelegentlich  wurde  mir  der  Gedanke  geäußert,  Aka  Gündüz  habe  mit  qatyrgy  oghlu 
seinen  Nachfolger  Ahmed  Muchtar  verspotten  wollen,  der  in  der  Tat  ein  Nachkomme 
des  Räuberhauptmanns  ist  (sein  Sohn  Mahmud  Muchtar  nennt  sich  sogar  Katirdschoglu 
auf  dem  Titel  seines  Die  Welt  des  Islam  [Deutsche  Orientbücherei  I,  Weimar  191 S]). 
Graf  Mülinen  macht  mich  aufmerksam  auf  die  Erwähnung  des  Rebellen  Katyrdschy 
Oghlu,  der  unweit  von  Hannibals  Grab  den  Truppen  des  Großherrn  Awdschi  Mehmed 
(Sultan  Mohammed  IV.)  eine  Schlacht  lieferte,  bei  Hammer. 

*  So  viel  mir  bekannt,  sind  bis  jetzt  die  Bildung  der  Dere-Bej-Herrschaften  und  die  Macht- 
gewinnung durch  Raubritter  in  der  Türkei  noch  nicht  Gegenstand  wissenschaftlicher 
Behandlung  gewesen.  Ich  empfehle  dieses  Problem  dringend.  Es  sind  zunächst  die 
Tatsachen  zu  sammeln,  für  welche  namentlich  die  Berichte  von  Reisenden  in  Anatolien 
und  Syrien  in  Betracht  kommen,  die  das  Treiben  aus  der  Nähe  beobachteten.  Die 
Hauptnamen  sind  bekannt;  da  ist  vor  allem  der  Oberräuber  und  Patriarch,  der  Kurde 
Bedrchan,  aus  neuerer  Zeit  sein  Volksgenosse  Ibrahim  Pascha  (Wiranschehir) ;  in 
Nordsyrien  die  Rittersippen,  die  bei  Ritter  nach  zeitgenössischen  Quellen  ausführlich 
geschildert  werden  u.  v.  a. 


12  2  Hartmann, 

OOOO0CX)OOC«XXXJQOO©(XXXXXX)OO(XXX»OOOCXXXXX)OOOOOOOOOOCXXXDOOOOOOCXXXXXXXX)OO 

Pascha  bearbeiten  läßt,  ist  mit  Liebe  geschildert:  kaum  ist  der 
Verführer  zehn  Minuten  mit  einer  Wache  zusammen  gewesen,  da 
bildet  sich  am  Rande  des  Lagers  eine  Gruppe  von  Soldaten,  die 
die  Mahnung  anhören,  sie  dürfen  es  nicht  mit  einer  Regierung 
halten,  die  Untergang  bringe,  während  Katyrdschy  Oghlu  und 
Haidar  Oghlu  in  Anatolien  ein  neues  Regiment  aufrichten  wollen, 
und  sie  dürfen  nicht  auf  Befehl  eines  „Kerls"  wie  Ahmed  Pascha 
gegen  die  Glaubensbrüder  kämpfen:  „auch  unser  Herr  Mohammed 
hat  nur  mit  den  abscheulichen  Ungläubigen  gekämpft;  welcher  Abfall 
vom  Glauben  packte  euch,  daß  ihr  gegen  die  islamischen  Brüder 
ins  Feld  zieht  ?"  Das  wirkt,  und  als  der  Pascha  die  Soldaten  „Verräter" 
nennt,  schleudern  sie  ihm  das  Wort  zurück. 

Die  Parallelen  zu  anderen  Räubergeschichten  liegen  nahe.  Ich 
gehe  hier  der  neuesten  nach,  deren  Sammlung  und  Bearbeitung 
wir  dem  unermüdlichen  Fleiße  und  der  bewundernswerten  Arbeits- 
kraft Enno  Littmanns  verdanken.  Das  Lebensbild  des  Tschakyr- 
dschalyi  in  seinem  „Tschak^dschi/  —  ßin  türJcischer  JRäuberhauptniann 
der  Gegenwart^''  (Berlin  1915)  ist  einigermaßen  vollständig,  während 
es  sich  in  Aka  Gündüz'  qatyrgy  oghlu  nur  um  Szenen  aus  dem 
Leben  des  Räubers  handelt.  Wir  gewinnen  aber  aus  dem 
Material  ein  klares  Büd  von  den  beiden  Männern  und  können 
daraus  nicht  unwichtige  soziale  Schlüsse  ziehen.  Es  sind  zwei 
Typen,  die  nebeneinander  hergehen:  da  ist  der  Gewalttäter  aus 
Neigung,  ja,  Leidenschaft,  der  von  unersättlicher  Machtsucht  und 
Genußsucht  getrieben  ist,  aus  dämonischer  Bosheit  die  Mitmenschen 
quält  und  überall  als  Geißel  empfunden  wird;  Katyrdschy  Oghlu 
träumt  von  nichts  Geringerem  als  ein  großes  Reich  zu  gründen;, 
er  ermangelt  nicht  einer  gewissen  Genialität;  nur  ist  der  Katyrdschy 
Oghlu  des  Aka  Gündüz  nicht  historisch  genug,  um  darauf  eine 
Charakteristik  zu  bauen;  wir  kenen  aber  Gestalten,  die  ihm  nahe 
stehen:  ich  nenne  nur  den  Kurdenhäuptling  Bedrchan,  dessen  nichts- 
würdiges Treiben  Layard  beschrieb,  und  den  unseligen  Ibrahim 
Pascha,  den  aufzusuchen  um  die  Wende  des  Jahrhunderts  als  eine 
Art  Sport  galt.  Das  sind  Männer  von  ganz  anderem  Umfange  als 
der  Kleinräuber  Tschakydschy,  der  sein  Handwerk  eigentlich 
nur  im  Kaza  Ödemisch  und  in  dessen  nächster  Umgegend  betrieb. 
Wenn  die  Regierung  mit  jenen  nicht  fertig  werden  konnte,  so  ist 
e§  erklärlich:  der  Padischah  wohnte  so  weit,  so  weit!  und  der 
goldene  Esel,    den    sie   zuweüen   verwandten,   war    feist    und  stark. 

1   Hauptquelle  ist  der  Tschawusch  Ibrahim,  über  welchen  siehe  dort  S.  24. 


]  Hehl  er  der  vevcn    Türke'.  123 

O0<aOOOOOC)0C)0OOO<X>O0CKXXXXXXXX)OaX)OOOO0OOOOO0OOOO0O0OO0OOO^^ 

Gegen  sie  ist  Tschakydschy  ein  armer  Teufel,  der  seinen  Erfolg 
nicht  zum  wenigsten  dem  Umstände  verdankte,  daß  er  den  obersten 
Vertreter  der  Regierung  selbst,  den  Wali  von  Smyrna,  in  seinen 
Diensten,  d,  h.  als  Gesellschafter  hatte  (siehe  Littmann  S.  9)1. 
Einer  so  feinen  Intrige  wie  die  Verhetzung  der  Soldaten  auf  religiöser 
Basis  (siehe  S.  52) -wäre  er  nicht  fähig  gewesen.  Und  doch,  gegen 
ihn  kam  die  Regierung  nicht  auf.  Hier  zeigt  sich  ein  Motiv,  das 
bei  Katyrdsehy  Oghlu  ausfällt:  Tschakydschy  genießt  Liebe 
und  Verehrung  bei  einem  Teile  der  Bevölkerung,  denn  die  Objekte 
seiner  Gewaltsamkeit  sind  die  Reichen  und  die  Regierungskassen, 
mit  denen  Mitleiden  zu  haben  die  große  Masse  keinen  Anlaß  hat; 
wohl  aber  erweist  er  gelegentUch  Notleidenden  Wohltaten.  Kein 
Wunder,  daß  der  verfolgte  nie  zu  finden  ist.  Ein  anderes  Unter- 
scheidendes ist,  daß  Tschakydschy  nach  der,  den  Eindruck  der  Auf- 
richtigkeit machenden  Aufzeichnung  des  Tschawusch  Ibrahim  nicht 
zum  wenigsten  durch  Rache  zu  seiner  Laufbahn  getrieben  war.  Ob  die 
Annahme  des  Regierungsdienstes  durch  Katyrdsehy  Oghlu  historisch 
ist,  kann  ich  nicht  sagen;  sicher  ist  das  Scheitern  des  Versuches  der 
Regierung,  Tschakydschy  auf  solche  Weise  zu  gewinnen 2. 

Was  beiden  Darstellungen,  der  künstlerisch  ausgestalteten  bei 
Aka  Gündüz  und  der  primitiven  bei  Ibrahim  gemeinsam  ist,  ist 
die  Beigabe  von  poetischen  Stücken,  dort  eingewoben  in  die 
Erzählung  durch  den  Dichter,  hier  auf  Verlangen  des  Europäers  ge- 
sondert von  der  Vita  niedergeschrieben.  Nur  bei  Ibrahim  ist  man 
sicher,  daß  die  Stücke  wirklich  im  Munde  des  Volkes  umgehen;  bei 
Aka  Gündüz  liegen  zwei  Möglichkeiten  vor:  er  adaptierte  Volksgut 
dem  literarischen  Bedürfnis,  oder  er  schuf  aus  Eigenem,  dabei  den 
ihm  wohlbekannten  Volkston  so  treu  wie  möglich  nachahmend. 

1  Dazu  kommt,  daß  Raub  nicht  eigentlich  Straftat  im  Sinne  des  Schari'at  ist;  gewöhn- 
licher Raub  (ghasb)  ist  nie  unter  die  hudüd  —  Eingriffe  in  die  Rechte  Gottes  —  ge- 
rechnet worden;  nur  Straßenraub  wurde,  in  der  Not  der  Zeiten,  in  sie  eingeschmuggelt 
(die  älteren  Juristen  wissen  nur  von  den  bekannten  vier  hadüd;  qaf  attarlq  ist  ein 
fünftes  hadd,  das  erst  bei  den  Späteren  vorkommt). 

'  Der  Deutsche  Hopf  erzählt  nach  dem  Berichte  eines  Engländers,  daß  dessen  in  Smyrna 
hochangesehener  Großvater  auf  Bitte  der  Regierung  mit  Tschakydschy  in  Unterhandlung 
trat:  „der  Erfolg  war,  daß  T.  ein  Lehensgut  bekam  und  ein  festes  Gehalt  gegen  das 
Versprechen,  selber  das  Räuberhandwerk  aufzugeben  und  die  ganze  Gegend  von  Räubern  zu 
säubern"  (Littmann  S.  8f.).  ,, Lehensgüter"  gab  es  um  1900  nicht.  Was  gemeint 
ist,  geht  hervor  aus  dem  Berichte  Ibrahims,  daß  zwar  ein  Kaiserliches  Irade  erging, 
das  den  Räuber  verlocken  sollte,  daß  aber  Tschakydschy  nicht  in  die  Falle  ging.  Er 
wurde  ja  auch  im  Kampfe  mit  Regieruagstruppen  getötet. 


124  Hartmann, 

CO0OGOOOOCXXyX)(X)»X)CXXXXXX>OOOOC)OOCOOOOOOOOOOO<XXXXXyX)O(^ 

Zunächst  ein  Wort  über  die  Gruppe,  die  für  den  Forscher  das 
weit  höhere  Interesse  hat:  die  zwölf  Vierzeiler  Ibrahims.  Litt  mann 
hat  sich  mit  ihnen  viele  Mühe  gegeben,  und  durch  die  Beihilfe 
von  Kennern  (Jacob,  Nemeth)  ist  einiges  herausgekommen  i.     Aber 

1  Dieser  Teil  des  Büchleins  ist  erfreulicher  als  der  andere,  die  von  dem  Tschawusch 
Ibrahim  niedergeschriebene  Vita  des  Räubers  und  die  Bearbeitung  dieser.  Die  sprach- 
lichen Einzelheiten  dieser  verfehlten  Arbeit,  die  den  Rest  dieser  Anmerkung  in 
MSOS  III  S.  55 — 57  bilden,  teile  ich  hier  nicht  mit.  Ich  gebe  aber  die  allgemeinen 
Bemerkungen,  die  ich  für  methodisch  wichtig  halte.  Wer  mit  Orientalen  gearbeitet  hat, 
weiß,  wie  die  Einfacheren  unter  ihnen,  um  sich  dem  schwerhörigen  Fremden  verständ- 
lich zu  machen,  immerwährend  wiederholen,  einen  Ausdruck  durch  andere  ersetzen, 
Worte  ah  ungehöriger  Stelle  einschieben  zur  Erklärung,  und  wie  dann  der  gutgläubige 
eifrige  Fremde  ein  Manuskript  mit  Unmöglichkeiten  erhält.  In  diesem  Falle  liegt  nach 
S.  lo  eine  Originalniederschrift  des  Ibrahim  vor.  Es  ist  aber  völlig  unmöglich, 
daß  Ibrahim  die  soeben  in  Transkription  gegebenen  wirren  Worte  wirklich  geschrieben 
hat.  Die  Erklärung  gibt  Littmann  selbst  S.  lo:  Die  Niederschrift  war  so  schlecht, 
daß  Ibrahim  sie  vielfach  selbst  nicht '"mehr  lesen  konnte;  „ich  habe  nun  geglaubt,  mich 
im  großen  und  ganzen  an  die  verbesserte  Texlgestalt  halten  zu  sollen,  d.  h.  an  das 
Diktat  (d.  h.  an  die  Transkription  des  Ganzen  nach  dem  Diktat,  die  Littmann  mit  dem 
türkisch  geschriebenen  Texte  nicht  mehr  vergleichen  konnte  und  die  an  vielen 
Stellen  von  dem  Original  ganz  bedeutend  abwich,  S.  lo);  wo  dies  vom  Original 
abweicht,  habe  ich  meist  die  diktierten  Worte  für  die  Publikation  mit  türkischen 
Buchstaben  umschrieben  ...  So  ist  ein  ,gemischtcr  Text'  entstanden,  der  aber 
m.  E.  keine  Gefahren  der  Ungenauigkeit  und  Unwissenschaftlichkeit  in  sich  birgt".  Ich 
enthalte  mich  eines  Urteils  über  diese  Art  Textbehandlung  und  bemerke  nur,  daß  die 
verachtete  Philologie  (,,es  wäre  eine  unnötige  Arbeit  gewesen,  philologische  Unter- 
suchungen über  das  Verhältnis  von  Diktat  und  Original  anzustellen"  S.  lo)  hier  recht 
sehr  am  Platze  gewesen  wäre  (ich  halte  daran  fest,  daß  meine  Niederlegung  des 
„Türkischen  Textes  aus  Kasgar"  [Keleti  Szcmle  1904  und  1905]  in  sieben  Varianten 
nicht  unnütz  war).  Diese  Verachtung  hat  sich  gerächt.  Es  gilt  nun,  den  heillos  ver- 
worrenen Text  zurechtzurücken.  Das  kann  nur  jemand,  der  mit  dem  Osmanisch- 
Türkischen  vertraut  ist;  mit  ihm  vertraut  sein,  heißt  freilich  nicht,  eine  Zeitungsnotiz 
mit  vieler  Mühe  und  vielen  Mißverständnissen  und  mit  Hilfe  des  Wörterbuches  über- 
setzen und  einige  auswendig  gelernte  Sätze  hersagen;  von  den  Schwierigkeiten  des 
Osmanischen  haben  die  meisten,  die  sich  heute  damit  zu  schaffen  machen,  nicht  einmal 
eine  Vorstellung;  es  ist  nicht  selten  schwerer,  einen  osmanischen  Text  vollkommen 
richtig  zu  interpretieren,  als  eine  Inschrift  in  einer  bisher  unbekannten  oder  wenig  be- 
kannten Sprache  zu  übersetzen,  weil  hier  die  Phantasie  freies  Spiel  hat.  —  An  den 
Versuch  einer  Sanierung  des  verdorbenen  Textes  von  S.  i  schloß  ich  MSOS  III  S.  57 
folgende  Worte  an:  ,,Es  wird  unzweifelhaft  möglich  sein,  einen  Aufsatz  über  den 
Räuberhauptmann  zu  erhalten,  der  besser  unterrichtet,  reichhaltiger,  sprachlich  einfacher 
und  zugleich  korrekter  ist  als  das  Stammeln  Ibrahims  (man  täusche  sich  nicht  darüber,  daß 
die  gewaltige  Umwälzung  mit  Riesenschritten  vor  sich  geht:  die  „gelehrte"  Schreiberei 
Tbrahims  wird  bald  keinen  Vertreter  mehr  haben;  man  vergleiche  z.  B.  die  Sprache  des 
hochgebildeten  Aka  Gündüz:  sie  ist  in  den  Augen  der  „Gebildeten"  alter  Schule  q^dba 
„roh",  und  doch  ist  sie  meisterhaft  neben  den  Stilblüten  des  Tschawusch  Ibrahim)." 


IHclder  der  neuen    Türkei.  125 

OCIOOC)OOC)OOOCXX)©OGOOOOC)<X)OOOCXXXX>OOOOOOOOOC»OOOOOOC)C>C)OOCXXX^ 

wichtige  Punkte  sind  nicht  erkannt,  und  auch  im  einzelnen  sind 
Verbesserungen  und  Ergänzungen  nötig;  hier  zeigt  sich  die  Un- 
bekanntheit mit  elementaren  Tatsachen  der  Grammatik  und  des 
Wortschatzes  sowie  mit  dem  Bau  dieser  Art  Gedichte;  sicherlich 
haben  die  Übersetzungen  den  trefflichen  Kennern  wie  Jacob  und 
N6meth  nicht  vorgelegen.  Ich  bemerke:  1.  Nr.  1,  4  ürküdür 
konaklary  „zittern  die  Paläste  [vor  Furcht]";  in  der  Anmerkung  dazu 
wird  spekuliert  über  das  Suffix  von  konaklary,  das  „vielleicht  nur 
des  Reimes  wegen  gesetzt"  sei;  sonst  müßte  übersetzt  werden  ,ihre 
Paläste',  d.  i.  die  Paläste  der  reichen  Leute";  in  dem  Kommentar 
S.  43  wird  von  einer  Parallele  des  „Zittern  der  Paläste  im  Tale  zu 
dem  Schwanken  der  Pappeln"  geredet;  das  ist  alles  völlig  unnütz, 
denn  ürküt  bedeutet  nie  „zittern",  sondern  nur  „erzittern  lassen", 
und  es  ist  zu  übersetzen:  „wenn  du  nach  Tschakydschy  fragst,  [so 
wisse:]  er  läßt  die  Paläste  erzittern  {y  ist  natürlich  Zeichen  des 
Akkusativs);  aber  noch  aus  besonderem  Grunde  ist  die  Übersetzung 
„zittern  die  Paläste"' unmöglich:  aus^  der  Vergleichung  mit  Nr.  5 
und  Nr.  8  (übrigens  auch  aus  der  naheliegenden  Erwägung  einer 
gewissen,  selbst  in  den  einfachsten  Liedchen  spontan  auftretenden 
Gedankenfolge)  ergibt  sich,  daß  der  Vers  nach  dem  Bedingungs- 
satz (Vers  3)  eine  Beziehung  zu  Tschakydschy  hat  (in  Nr.  5:  „er 
trat  in  sein  zwanzigstes  Jahr",  in  Nr.  8:  „er  ist  im  Munde  der  ganzen 
Welt";  auch  aus  diesem  Grunde  ist  ein:  „zittern  die  Paläste"  un- 
richtig und  unmöglich).  —  2.  Nicht  verständlich  ist  S.  31  n  1  „bak 
steht  des  Reimes  wegen  für  bakyn";  gerade  der  Reim  wäre  hier 
ein  Hindernis  gewesen;  denn  baq  auf  jog  zu  reimen  ist  ein  starkes 
Stück  und  wirkt  wegen  des  nebentönenden  boq  komisch;  der  Über- 
gang von  dem  pluralen  giri7i  zum  Singular  baq  war  einzig  herbei- 
geführt durch  die  Silbenzahl,  —  3.  Erstaunlich  ist,  daß  die  erste 
Bedingung  wissenschaftlicher  Bearbeitung  nicht  erfüllt  wurde:  die 
Feststellung  der  metrischen  Form,  ohne  deren  Erkenntnis  die 
Feststellung  eines  sichern  Textes  nicht  möglich  ist;  selbstverständ- 
lich hat  auch  die  formlose  Gestalt  solcher  Texte,  wie  sie  tatsächlich 
im  Munde  des  Volkes  umgeht,  ihre  Bedeutung",  und  der  P^all  ist 
denkbar,  daß  die  unmetrische  Form  ein  größeres  Interesse  hat 
als  die  korrekte;  es  muß  aber  durchaus  der  Versuch  g^emacht 
werden,  zu  sanieren,  schon  deshalb,  weil  dies  der  einzige  Weg  ist, 
die  wahrscheinlich  ursprüngliche  Form  zu  erreichen;  daß  der 
erste  Sager  der  Verse  sie  nach  den  üblichen  Gesetzen  gesagt  hat, 
ist  anzunehmen;  Strophen  bzw.  Lieder,  die  wirklich  ins  Volk  dringen, 


126  Hartmann, 

OOOOeO00<XXX)O0O<>30<XXXXXKXXXXXXXXXXXXXXX>CXXXX>(XXX>OO<XXX)OO0OCXXX^^ 

gehen  meist,  wenn  nicht  von  Künstlern,  so  doch  von  Könnern 
aus,  die  das  Technische  beherrschen;  hier  liegen  noch  viele  Probleme: 
was  ist  vom  alten  ^izaninm.  erhalten?  in  welchen  Volksklassen  ist 
die  Fähigkeit  des  Sagens  besonders  stark?  wie  ist  der  Modus  der 
Tradition?  Ich  klagte  mich  selbst  an,  daß  ich  diesen  Dingen  auf 
arabischem  Gebiet  nicht  schärfer  nachgegangen  bin,  aber  ich  habe 
in  der  Einleitung  zu  meinen  „Liedern  der  Libyschen  Wüste'^  einiges 
Sichere  über  die  qauwäl  Ägyptens  beibringen  können;  so  muß  es 
heute  mit  den  Sängern  Anatoliens  gemacht  werden,  und  zwar 
systematisch;  in  Stambul  selbst  bildet  jetzt  Köprülü  eine  Schule, 
die  diesen  Fragen  mit  Verständnis  und  zielbewußt  nachgehen  wird; 
darum  sollen  wir  nicht  erschlaffen:  wir  werden  in  gemeinsamer 
Arbeit  mit  berufenen  Osmanen  und  Tataren  zu  genauer  Aufzeichnung 
der  hauptsächlichen  Destan-Stoffe,  die  heute  in  Anatolien  leben 
(später  müssen  auch  die  andern  Türkländer  herangezogen  werden), 
zu  gelangen  suchen,  und  dieses  Material  ist  dann  von  allen  Seiten 
zu  durchleuchten,  unter  Heranziehung  sämtlicher  Nachrichten,  auch 
der  geringfügig  scheinenden,  die  sich  bei  östlichen  und  westlichen 
Autoren  finden,  namentlich  aber  der  älteren  überlieferten  Texte, 
unter  denen  die  dem  Kaschgari  verdankten  obenan  stehen  (es 
ist  wohl  möglich,  daß  wir  trotz  des  Unverstandes  der  osmanischen 
„Klassiker"  hier  noch  Überraschungen  erleben). 

Zur  vergleichend-literargeschichtlichen  Behandlung  der  Stücke 
hat  Litt  mann  einiges  beizutragen  versucht.  Wir  kommen  mit 
dem  Heranziehen  vereinzelter  Parallelen  nicht  viel  weiter.  Die 
Stücke  sind  vielmehr  in  den  großen  Rahmen  einer  systematischen 
Behandlung  zu  stellen,  die,  soziologisch  orientiert,  diese  Betätigung 
des  Vorstellungslebens  mit  anderen  Vorstellungsäußerungen  in  einen 
historisch  begründeten  Zusammenhang  bringt.  Alle  Spekulationen 
über  Stücke  solcher  Art  sind  zu  orientieren  an  der  Tatsache  des 
destän.  Ausführung  dieses  Gedankens  würde  hier  zu  weit  führen. 
Ich  will  nur  einige  wenige  Bemerkungen  machen. 

1.  Bei  den  Türkvölkern  ist  seit  alters  eine  Gedichtgattung  beliebt, 
die  ein  Ereignis  oder  einen  Zustand  in  Vierzeilern  schildert.  Diese 
Vierzeiler  haben  ein  eigenes  Leben:  sie  sind  Gestaltungen  allgemeiner 
Natur  oder  knüpfen  sich  an  eine  bestimmte  Person  oder  enthalten 
Allgemeines  und  Bestimmtes  zugleich.  Zusammengestellt  bilden 
sie  einen  destän  (pers.  däsetän  „Erzählung";  der  Ursprung  des  Wortes 
ist  nicht  sicher;  Vullers  denkt  an  Ableitung  von  dänisten;  dann 
wäre  zu  vergleichen  ar.  siS^  von  sa^ai^a),  eine  Ballade. 


I 


Dichter  der  neuen   Türkei.  127 

fioocie)oooc)<x)oc<xxxxx»oooooooooooo<xxx»X)OOOooooociooooexxxxx^ 

2.  Die  ältesten  zurzeit  erreichbaren  Proben  von  Destanen  aus 
Vierzeilern  sind  die  Stücke,  die  Mahmud  al-Kaschgari  in  sein 
(hnän  lughät  attnrk,  verfaßt  466/1074,  aufgenommen  hat;  die  metho- 
dische Bearbeitung  dieser  Stücke  durch  Köprülüzade  Mehmed 
Fu'adi  in  „Der  Äschyk  ['äsiq]-Stil"  in  Milli  Tetebbü'ler  I,  1  ff .  führte 
zu  dem  überraschenden  Ergebnis,  daß  wir  es  da  mit  den  Resten 
von  vier  deutlich  unterscheidbaren  größeren  Heldengedichten  zu 
tun  haben. 

3.  Die  Vierzeiler  sind  außerordentlich  beweglich:  der  schaffende 
Volksgeist  formt  sie  beständig  um;  sie  nehmen  Motive  aller  Art 
in  sich  auf,  auch  solche  höherer  Ordnung  wie  mystische;  es  ist 
dabei  zu  beachten,  daß  der  Jargon  der  Mystiker  durch  die  Teil- 
nahme auch  mittlerer  und  niederer  Leute  an  den  mystischen 
Andachten  bis  zu  einem  gewissen  Grade  Volksgut  geworden  ist; 
hier  sind  mystische  Momente  unschwer  zu  erkennen  in  Nr.  10,  sind 
auch  erkannt  von  Jacob,  siehe  S.  48 f. 

4.  Von  der  Form  der  Vierzeiler  bei  Kaschgari  handle  ich  hier 
nicht  (einiges  in  meinem  Referat  über  iniJll,  tetebbü'ler  1 — 4  in  „Der 
Islam");  hier  nur  so  viel,  daß  am  häufigsten  vorkommt  der  Sieben- 
silber; heute  scheinen  am  beliebtesten  zu  sein  der  Siebensilber  mit 
4  +  3,  der  Elfsilber  mit  4  +  4  +  3  und  der  Elfsilber  mit  6+5.  Ich 
glaube  die  These  aufstellen  zu  dürfen:  in  den  zwölf  Stücken 
Littmanns  sind  alle  drei  Formen  vertreten:  Nr.  1 — 4  sind 
Siebensilber,  jedoch,  wie  heute  häufig,  nicht  mit  durchgeführter 
Zäsur 2;  es  wechseln  4+3  und  3  +  4;  rein  4+3  ist  Nr.  3,  rein 
3  +  4  ist  Nr.  4;  zu  sanieren  sind  Nr.  1,  3:  lies  caqygyjy  mit  Fort- 
lassung von  MeJimedi,  und  Nr.  2,  3  itschijor:  lies  icer;  Nr.  2,  4  fehlt 
eine  Silbe.  —  Nr.  5 — 9  sind  Elfsilber  mit  4  +  4+3,  ziemlich  rein; 
zu  sanieren  Nr.  5,  1:  das  nach  S.  30  n  2  „im  Original  stehende 
und  beim  Lesen  ausgelassene"  su  ist  in  den  Text  aufzunehmen; 
dieses  m  ist  gerade  in  diesen  Gedichten  beliebt,  vgl.  su  bozdaghyn 
Nr.,  7,    1 ;    Nr.    5,   3    lies    ^aqyrgaly    mohammedi   sorarsan;    die    Lesung 

1  Er  widmete  sich  in  den  letzten  Jahren  ganz  der  Erforschung  der  älteren  osmanischen 
Poesie;  vgl.  oben  S.  94. 

2  Es  ist  unbedenklich,  hier  den  Terminus  „Zäsur"  anzuwenden  für  den  Einschnitt,  der  im 
Verse  regelmäßig  an  bestimmten  Stellen  durch  Wortende  hervorgebracht  wird.  Wenn 
die  klassischen  Philologen  gelegentlich  „Zäsur"  auf  die  antike  Metrik  beschränken  wollen, 
so  ist  das  Verkennung  ihres  Wesens,  denn  sie  will  nur  einen  Ruhepunkt  schaffen,  und 
das  wird  durch  den  Wortabschluß  erreicht,  mag  es  sich  um  Maßverse  oder  um  Zähl- 
verse handeln. 


128  Hartmann,  Dichter  der  neuen   Türkei. 

OO0OO(XXXX)OOOCXXXXXXXXXX)OOOOOOOOOC>3<XXXXXXXXXXXXXX)OOOOCXXXXXXX)OOOOOOOOOOOCXX)OCXXXXD^^ 

moharnmed  ist  unbedenklich;  sie  geht  hier  neben  inehmed  her;  ich 
bemerke,  daß  die  Aussprache  Mehmed  nicht  durchgängig  ist,  mir 
wurden  Fälle  genannt,  in  denen  historische  Mohammeds  voU  aus- 
gesprochen werden,  mit  dem  Bewußtsein,  daß  es  sich  hier  um  eine 
Abweichung  vom  GewöhnHchen  handle;  Nr.  5,  4  fehlen  vier  Silben; 
vielleicht  caqyrgaly  girmis  usw.;  Nr.  6,  3  lies  eger  ynanmaz  ysanyz',  die 
Zäsur  vor  maz  stimmt  mit  dem  bei  strengen  Metrikern  Beobachteten 
überein;  das  inanmazsynyz  des  Textes  halte  ich  für  verhört;  obwohl 
Vokalangleichung  häufig  ist,  kann  ich  nicht  annehmen,  daß  der 
Vokal  verwischt  ist,  hier,  wo  auch  das  niedere  Volk  den  Sonder- 
charakter der  Form  (des  conditionalis)  empfindet;  Nr.  6,  4  es  fehlen 
zwei  Silben;  vielleicht  gelin  girin  usw.;  Nr.  7,  2  zwei  Silben  zuviel; 
lies  qalem  gihi  caqyrgynyn  gaslaiy;  Nr.  8,  3  herzustellen  wie  1,  3; 
Nr.  8,  4  vielleicht  (Caqyrgaly  dyr  '^alemin  dilinde;  Nr.  9,  2  hu  ist  zu 
streichen;  g,  3  nach  dir  ist  einzufügen  hen-,  Nr,  9,  4  das  zweite  aman 
und  henim  sind  zu  streichen.  —  Nr.  10 — 12  sind  Elfsilber  mit  6  +  5; 
vollkommen  rein  ist  12,  nur  ist  in  V.  3  gelsün,  in  V.  4  sen  zu  streichen; 
iri  V.  2  ist  Zäsur  nach  otur  unbedenklich,  vgl.  zu  Nr.  6,  3 ;  Nr.  1 1 
möchte  ich  so  lesen:  1.  ainajyniy  almys  efe  dizini  2.  jmrdemini  dökmys 
efe  jüzüne  3.  sen  efe  uima  sen  düsmen  sözüne  4.  sen  coguqsun  daha  aldadyr 
seni  (kann  auch  4  +  4+3  sein);  Nr.  10  möchte  ich  lesen:  1.  qafesde 
.  ,  .  hülbüL  dolasyr  2.  jüzüne  baqanyn  gözü  qamasyr  3.  aman  hen  sercliosmn 
diliin  dolasyr  4.  sen  at  martiniji  boinumdan  asyr. 

Ich  bin  weit  abgekommen  von  Aka  Gündüz.  Wir  befinden  uns 
hier  aber  auf  einem  Boden,  auf  dem  es  einer  energischen  Auf- 
klärungsarbeit bedarf,  damit  die  irrigen  Vorstellungen,  die  besonders 
gefährlich  sind,  wenn  sie  durch  große  Namen  gedeckt  sind,  nicht 
weiter  geschleppt  werden.  Zugleich  ist  es  für  die  Entwicklung  der 
Türkischen  Moderne  nicht  ohne  Bedeutung,  wenn  ihre  Vertreter 
sehen,  daß  es  in  Deutschland  Männer  gibt,  die  jeden  Schritt,  der 
da  getan  wird,  sorgfältig  verfolgen.  Manchen,  im  Osten  und  im 
Westen,  wird  das  unbequem  sein,  und  sie  werden  sich  über  diesen 
„Philologenkram'',  diese  kleinliche,  pedantische,  mechanische  Arbeits- 
weise spöttisch  oder  entrüstet  äußern.  Mich  selbst  zieht  es  mehr 
zu  anders  gearteten  Aufgaben.  Aber  diese  scheint  mir  dringend. 
Sie  ist  eine  Forderung  des  Tages. 


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